Kurz | Die Stunde des Unsichtbaren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 221 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

Kurz Die Stunde des Unsichtbaren

Seltsame Geschichten
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-218-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Seltsame Geschichten

E-Book, Deutsch, 221 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

ISBN: 978-3-96281-218-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Neue Deutsche Rechtschreibung Isolde Kurz ist auch heute noch eine ambivalente Schriftstellerin. Schon in jungen Jahren selbstständig als Autorin und Übersetzerin, war sie eine Seltenheit im wilhelminischen Deutschland. Später jedoch geriet sie wegen ihres Schweigens im Dritten Reich und ihrer altmodischen Sprache in Kritik. Hervorzuheben sind ihre Werke 'Vanadis' und 'Florentiner Novellen'. Isolde Kurz wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden. Null Papier Verlag

Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853-06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.
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Die vom Berge Latmos


Der Ingenieur Fritz Westerland, namhaft als Erbauer wichtiger Bahnstrecken in Kleinasien, wollte vor Antritt einer leitenden Stellung in China seine Jugendstadt wiedersehen, die er fast zwei Jahrzehnte grollend gemieden hatte. Um die Vergangenheit mächtiger zu seiner Seele reden zu lassen, verschmähte er es, das Städtchen vom Bahnhof aus zu betreten, wo er gewiss war, auf stimmungsraubende Neuerungen zu stoßen, sondern stieg an einer früheren Haltestelle aus, um über wohlbekannte Bergpfade den Rest der Entfernung zurückzulegen und durch das alte Tor seinen Einzug zu halten.

Nach mehrstündigem Steigen spaltete sich der Weg in zwei zu Anfang fast gleichlaufende Wege, die sich später in weitem Bogen voneinander trennten. Der Wanderer erinnerte sich genau der Stelle, wo es leicht war, sich zu verirren, und wählte mit Bedacht den seinigen. Auf sein Gedächtnis glaubte er sich verlassen zu dürfen, und sein Ortssinn war vorzüglich. Wenn er in der eingeschlagenen Richtung über einen waldigen Bergrücken weg einen flachen, mit Heide bewachsenen Vorsprung erreichte, musste er die Stadt im Tale mit Kirchturm und mittelalterlichen Mauerresten gerade unter sich sehen. Und eben dies war die Stelle, wohin es ihn am meisten zog, das Stück Heideland mit dem ansteigenden Buchenwald dahinter, war der Schauplatz unvergesslicher Jugendstunden.

›Unter der Linden an der Heide, wo ich mit meiner Trauten saß‹ – unbewusst sang er es vor sich hin, vom Zauber jener Tage wieder erfasst. – Aber eine Linde war es nicht, es war ein mächtiger Ulmenbaum, ein strenger alter Baumkönig, sagte er zu sich selbst, und nun sah er ihn so deutlich vor sich mit der Aussichtsbank darunter, dass er ihn hätte mit allen seinen Ästen zeichnen können. Auf wie viel Feste hatte der Alte herabgeschaut, stillverschwiegene Liebesfeste und tobenden Übermut, – zuletzt auf jenes Johannisfeuer – hier schlug die Erinnerung dem Wanderer eine Kralle ins Herz, dass er rascher ausschritt wie um den ätzenden Gedanken zu entgehen.

Der steinige Weg hob und senkte sich, mehr als einmal äffte ihn eine aufleuchtende Strecke von rotblühendem Heidekraut, aber der Ort, den er suchte, wollte nicht kommen. Hatte er sich in der Entfernung getäuscht oder wurde ihm das Steigen so viel schwerer als in den flügelleichten Tagen der Jugend? Neunzehn Jahre lagen zwischen dem Damals und dem Heut, neunzehn Jahre mit ihren Kämpfen und Erfolgen, auch mit mancher harten Schlappe, vor allem mit dem furchtbaren grundstürzenden Erleben des Krieges, dennoch hatte er sie nie als eine Last auf seinen Schultern gespürt. Er war fast schlanker und gestählter aus dem furchtbaren Ringen gekommen, und die grauenvollen Bilder waren ihm in den wenigen Friedensjahren schon zu einem wirren, von der Erinnerung gemiedenen Traum verblasst, über dem die Jugendgestalten wie liebe alte Sternbilder aufs neue emporstiegen. Er begriff nicht, woher ihm an diesem Abend die bleierne Müdigkeit kam, die allmählich das Weitersteigen als eine hoffnungslose Sache erscheinen ließ.

Vielleicht war es die nahe Verwirklichung des lange gewünschten und doch verschobenen Wiedersehens, die ihm lähmend in den Gliedern saß. Einmal musste ja der letzte Strich unter das Vergangene gemacht, einmal musste das große Fragezeichen seines Lebens ausgelöscht werden. Aber durch diesen letzten Strich wurde die Vergangenheit selbst getötet, mit dem noch immer peinigenden Fragezeichen verlöschte zugleich der beste Inhalt seiner Jugend, und das war es, was ihn bisher von der alten Heimat zurückgehalten hatte. Erst der Ruf nach China machte dem Zaudern ein Ende, jetzt musste dieses Letzte geschehen, ehe er in die fernste Ferne ging.

Thea! Thea! Thea! sagte er im Gehen vor sich hin und schlürfte begierig den Klang des Namens, den er seit neunzehn Jahren seinem Ohr nicht mehr gegönnt hatte. Denn seit die Trägerin sich von ihm schied, hatte er es vermieden, ihr auch nur im Munde der anderen wieder zu begegnen. Seitdem hatte er wohl mehr als einer Frau nahegestanden, aber keine hatte mehr so wie jene den ganzen Fritz Westerland besessen, sondern nur ein Stück von ihm. Der vielumworbene, erfolgreiche Mann, der sich keine Empfindsamkeit merken ließ und das Leben zu meistern schien, gehörte zu denen, die nur einmal lieben.

Auf dem altbekannten Pfade wandernd, legte er sich die wunderliche Frage vor: Wenn man all die Strecken, die unsere Füße gemeinsam durchschritten haben, zusammenlegen könnte, welche Meilenzahl das wohl ergeben würde? Nun tauchten alle die Berge und Täler, die sie in langjähriger Jugendneigung selbander durchstreift hatten, vor seinem Geiste wieder auf, mit allen gemeinsam genossenen Freuden, besonders der letzten und größten ihrer Freuden, der Fußreise über den Gotthard bis Italien hinunter, die schon wie ein Vorschmack der Hochzeitsreise war, denn wenn auch ein paar gute Kameraden teilnahmen, sie beide waren doch immer wie unter vier Augen gewesen. Wie hatten sie sich schweigend vor den Heiligtümern der Kunst verstanden, wenn den andern die oft verständnislose Rede überlief! – Dann aber, dann war das Unbegreifliche, Nieerklärte geschehen, Theas Abfall, dem kein Wink noch Zeichen voranging, der ihn wie ein brennender Meteorstein zu Boden schlug: erst die versäumte Zusammenkunft an der Bank unter der Ulme, die sie so oft beisammen gesehen hatte, dann die unbeantworteten Briefe, und der tödliche Schmerz, dass er ihre Vermählung zuerst durch Dritte erfuhr, ein verlegener Abschiedsgruß von ihr, den er nicht erwiderte, und als letztes Ende zwischen beiden: das tiefe, lebenslange Schweigen. Um dieses zu brechen, bevor es zum ewigen Schweigen wurde, war er nun gekommen, von einer versöhnten inneren Mahnung unwiderstehlich hergezogen. Doch bei der ungewohnten Müdigkeit, die alle Wanderlust aus seinen Gliedern nahm, überschlich es ihn mit wachsender Enttäuschung, als sei sein Kommen zwecklos und das Ziel, das er sich gesetzt hatte, die Aussprache mit ihr, doch nicht mehr zu erreichen.

Bei tiefgesunkenem Abend gelangte er endlich auf eine vom Waldgebirg übertürmte Hochfläche, aber der Ort, den er suchte, war es nicht: kein bebautes Tal öffnete sich in der Tiefe, vielmehr ging der Blick in lauter bewaldete Schluchten, worin schon Dunkelheit nistete. Wohl aber stand in der Nähe eines Steinkreuzes eine...



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