Kurz | Phantasien und Märchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 157 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

Kurz Phantasien und Märchen


Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-239-3
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 157 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

ISBN: 978-3-96281-239-3
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Neue Deutsche Rechtschreibung Isolde Kurz ist auch heute noch eine ambivalente Schriftstellerin. Schon in jungen Jahren selbstständig als Autorin und Übersetzerin, war sie eine Seltenheit im wilhelminischen Deutschland. Später jedoch geriet sie wegen ihres Schweigens im Dritten Reich und ihrer altmodischen Sprache in Kritik. Hervorzuheben sind ihre Werke 'Vanadis' und 'Florentiner Novellen'. Isolde Kurz wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden. Null Papier Verlag

Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853-06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.
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Haschisch.


Aus den Papieren eines Verschollenen.

Wonneschauer durchrieseln mich, ich liege auf meinem Divan ausgestreckt, dessen Polster mich wie weiche Wolken tragen, eine stille alles erfüllende Seligkeit hat mein ganzes Wesen durchflutet. Meine Gedanken ziehen langsam und ebenmäßig hin wie ein Kahn den stillen Fluss hinuntergleitet an blühenden Ufern vorüber; es ist eigentlich gar kein Denken, sondern ich schaue wie durch einen plötzlich gerissenen Schleier die Urbestimmung aller Dinge. Das muss Nirvana sein, das »Nimmerwahnland«, nach dem die Menschheit wie nach einer glückseligen Insel seufzt und in der Tat, kein Wahnbild steigt mir auf, keine irdische Vorstellung kommt, mich in der Beschauung des unendlichen Glücks zu stören. Die Welt ist mir gleichgiltig, Brüder, Verwandte, Freunde habe ich nicht mehr, dies ist der Zustand der höchsten Philosophie und der höchsten Seligkeit. Ich habe vom Baum der Erkenntnis gegessen – der Baum der Erkenntnis heißt – ich bin heute erst geboren – ich bin wie Gott. –

Plötzlich wurde ich in der Betrachtung meines seligen Zustandes durch das Kreischen der Türe in den Angeln und durch eine tiefe Bassstimme unterbrochen.

Es war Dr. H., der mit einer Cigarre im Mund und mit einer Tasse schwarzen Kaffees in der Hand vor mich trat. Er bog sich über mich und bemächtigte sich meines Handgelenks, um mir den Puls zu fühlen. Dies war mir im höchsten Grade lästig und ich hatte eigentlich Lust den unberufenen Störer wegzuschieben, dazu war mir aber meine bequeme Lage zu lieb.

»Gott sei Dank«, sagte er, »dass Sie mir wenigstens keinen Unfug anstellen, die beiden andern sind ganz von Sinnen. Herr M. starrt mit verglasten Augen vor sich hin und behauptet er sei und Herr B. wollte soeben zum Fenster hinausfliegen, ich muss ihn durch zwei Mann halten lassen. Das verwünschte Experiment! Ich fürchte sehr, es nimmt ein böses Ende.« –

Zu jeder andern Zeit hätte diese Nachricht einen lebhaften Eindruck auf mich gemacht, da die beiden Genannten meine besten Freunde waren, jetzt störte sie mich nur insofern, als sie meine Beschauung unterbrach.

»Was kann das meiner Glückseligkeit schaden?« wollte ich entgegnen, fand es aber bequemer zu schweigen. Nach einer Weile sagte ich mit Anstrengung: »Was ist die Uhr?« Meine eigene Stimme klang mir rau und fremd und wie aus großer Ferne.

Aber ehe er antworten konnte, sprang die Türe auf und herein trat mit der Reitpeitsche unterm Arm und Sporen an den Füßen mein verstorbener Freund, der Rittmeister von F. Ich wunderte mich nicht im geringsten über sein Erscheinen. Er kam dröhnend mit seinen langen, wuchtigen Schritten auf mich zu und sagte mit dem gewöhnlichen Ton, mit dem er mich sonst zu einer Morgenpromenade einzuladen pflegte:

»He, Siebenschläfer, stehen Sie auf und machen Sie einen kleinen Ritt mit mir, die Pferde stehen vor der Türe.«

»Der Siebenschläfer sind Sie«, entgegnete ich, aber nur in meinen Gedanken, denn ich brachte keinen Ton hervor. »Sie duseln ja schon seit fast acht Jahren.«

Ich erhob mich indessen und folgte ihm. Vor der Türe auf der dämmernden Straße standen zwei gesattelte Pferde. Er bestieg seinen Braunen und ließ mir den Rappen, der mir wegen seiner Tücken noch wohl im Gedächtnis war.

»Fürchten Sie nichts«, sagte er, obwohl ich meine Bedenklichkeiten nicht hatte laut werden lassen. »Das Tier hat sich bedeutend verbessert, seitdem es transferiert wurde. Sie wissen ja, bei Sedan – es ist mir unter dem Leib erschossen worden.«

Ich bemerkte jetzt, dass seine Stimme etwas Totes, Eintöniges hatte, was ihr sonst nicht eigen war.

Im Flug ließen wir die dämmernde Campagna, in der meine Wohnung lag, hinter uns, die Pferde schienen den Boden nicht zu berühren, denn man hörte keinen Hufschlag. Als ich zufällig nach dem Bergeinschnitt hinüberblickte, wo das Städtchen Fiesole liegt, da sah ich einen ungewohnten Lichterglanz und der Kirchturm, dessen Zifferblatt sonst bei Nacht im Mondlicht schimmerte, war verschwunden.

»Die Fässulaner beraten eben auf dem Forum, ob sie der römischen Gesandtschaft den verlangten Zuzug bewilligen sollen«, erklärte mir mein Begleiter, indem er mit der Reitpeitsche nach der erleuchteten Stadt hinüber deutete.

Ich hatte keine Zeit mich darüber zu verwundern, denn eine riesige Mauer, die ich vorher nicht gesehen hatte, stieg plötzlich schwarz vor meinen Augen auf und wir ritten durch einen engen Thorweg, dessen Pflaster unter uns ächzte und dröhnte.

»Das ist die Porta San Gallo, wir sind im alten Florenz«, sagte mein Gefährte.

Ich sah mich mit großen Augen um, verschwunden war der Viale mit seinen Blütenbäumen, mit seinem Weiher und seinen Anlagen, eine eng zusammengedrängte schwarze Häusermasse starrte mir entgegen, aus der sich nur einzelne Türme und Befestigungswerke noch dunkler und drohender abhoben, aber mein Erstaunen wuchs, als wir in die engen finstern Gassen einbogen. Lautloses Menschengewimmel füllte alle Straßen und Plätze, zerlumpte halbnackte Gestalten mit fahlen Gesichtern und verglasten Augen lehnten an den Häusern oder lagen auf dem Boden, Priester drängten sich mit ihren Rauchfässern durch die schweigende gleichsam versteinerte Menge, die schwarzen Brüder der Misericordia eilten fackeltragend mit Bahren und Särgen vorüber, Särge wurden aus den Häusern getragen, aus den Fenstern niedergelassen, Särge bedeckten den Boden, ganz Florenz schien ein einziger, großer schwarzer Sarg. Und dabei summte und dröhnte es mir vor den Ohren, wie das Geläut von hundert Glocken und eine feuchte, moderartige Atmosphäre umwehte mich wie Grabesluft.

»Das ist die Pest, die hier ihre Ernte hält«, sagte mein Gefährte, »vorwärts, vorwärts!«

Die Pferde flogen weiter, mir aber war es, als ob alle Türme der Stadt mit den Köpfen zu wackeln anfingen, und als ob sich die Häuser gegeneinander neigten, um sich wie ein Grabgewölb über unsern Häuptern zu schließen. Weiter, weiter, die schweren Paläste begannen zu tanzen, die Kirchen schwankten hin und her, alles schien aus den Fugen gerissen, ohne Boden sich im Leeren zu drehen. Ängstlich suchte ich den Turm des Palazzo Vecchio, damit er meinem Auge einen Halt gebe, denn das war der einzige feste Punkt in diesem tollen Gewimmel.

Als wir die alte Piazza della Signoria erreichten, fanden wir das Gewühl noch dichter als in den andern Stadtteilen. Ich sah aber keine Pestkranken mehr, sondern ein...



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