E-Book, Deutsch, Band 10, 288 Seiten
Reihe: Das alte Jahrhundert
Kurzeck / Deuble Frankfurt - Paris - Frankfurt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7317-0003-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 10, 288 Seiten
Reihe: Das alte Jahrhundert
ISBN: 978-3-7317-0003-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Kurzeck geboren 1943 in Böhmen, aufgewachsen in Staufenberg bei Gießen. Später lebte er in Frankfurt am Main und Uzès (Südfrankreich). Von dieser Anfangszeit in Frankfurt und der Arbeit an seinem ersten Roman handelt das Parisbuch. Ab 1992 schrieb er an der autobiografischen Romanfolge Das alte Jahrhundert. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, u. a. den Alfred-Döblin- und den Robert Gernhardt-Preis. Peter Kurzeck starb 2013 in Frankfurt am Main.
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[1]
Über die Brücke und den Fluß entlang in den Mittag hinein und mir noch einmal unseren ersten Herbst in Frankfurt erzählen. Müd dem Tag hinterdrein, überstürzt und verspätet unsre Ankunft am Abend. Immer wieder das Geld gezählt. Es war der 31. August 1977 und das überladene Auto, übriggeblieben von unserer vorjährigen Griechenlandreise, schon fast am Zusammenbrechen. Das Geld und die Sorgen. Und die Zeit, wird sie uns reichen, die Zeit? Wir hatten kaum Geld und mußten uns darauf verlassen, daß wir es schon irgendwie schaffen würden. Ich hatte noch bis zum Nachmittag in Gießen in einer Buchhandlung gearbeitet, dann erst in Staufenberg mit Sibylle unser abgeschlossenes voriges Leben zusammengepackt und eingeladen, viele Geschichten. Erst Sekt und dann Rotwein dazu getrunken und am Ende bei meinem Freund Manfred in Gießen (es ging auf den Abend zu, ein Gewitter zog auf) mit uns und dem Tag und dem Wein und dem Abschied wie immer kein Ende gefunden.
Noch einmal die Ankunft, noch einmal die glorreiche Gegenwart des ersten Septembermittags und wie alles sich um mich her einfindet. Das Fenster, der Tag, ein Tisch und ein Arbeitsstuhl. Ein Platz für mein Manuskript. Eine Lampe. Eine elektrische Schreibmaschine, geliehen, die erste in meinem Leben. Schreibmaschinenpapier. Ein weißes Blatt Papier eingespannt, auf dem das Mittagslicht zittert. Hin und her in Gedanken. Das bin ich! Und jetzt auf dem weißen Blatt Papier, auf dem das Mittagslicht zittert, mit der Reinschrift der letzten Fassung von meinem ersten Buch anfangen, von dem ich vorher ein paar Jahre lang dachte, es bringt mich um. Immer wieder von vorn angefangen. Rot eine Markise am offenen Fenster, ein Sonnensegel. Mittag, noch warm. Hell das Licht. Bienen am Fenster. Vor dem Fenster himmelhoch die Kastanien vom Hessenplatz. Eine Dachwohnung mit großen Fenstern in Bockenheim in der Basaltstraße. Mein Freund Jürgen hat uns hier für die ersten paar Wochen ein Zimmer besorgt.
Morgens über den Hessenplatz und die Leipziger Straße entlang. An der Ecke ein Zeitungsladen, in dem ich mir Zigaretten kaufte. Nur einfach einen Monat lang jeden Morgen die Hauptschlagzeile aus der Bildzeitung aufschreiben, jeden Tag eine Zeile, vielleicht wird ein Gedicht daraus. Es gab Zigaretten, Zeitungen und Schußwaffen in diesem Laden. Feuerzeuge, Taschenlampen, Taschenmesser, feststehende Messer, Dolche, Luftpistolen, Geldkassetten, Türketten, Sicherheitsschlösser, Warn-, Droh-, Verbotsschilder, Schreckschuß- und Gaspistolen, Sprühdosen, Sport- und Jagdwaffen. Dynamit nicht. Hundepeitschen, Schlagstöcke und Handschellen. Gaffende Kinder. Der Besitzer mit Polizeihemd und Sachkunde, knarrend auf und ab der Besitzer. Hausfrauen auf dem Heimweg. Vorher im Aldi, im Bilka, im Schade den heutigen Tag eingekauft und jetzt hier die Bildzeitung und dazu die neue Hörzu, Gong, Sieben Tage, Das Grüne Blatt (wie die Zeit vergeht) und mit der Frau des Besitzers über die Preise und über Krankheiten. Das Fernsehprogramm, der Blutdruck und daß sie wieder nicht wüßten, was kochen; gestern auch schon nicht.
Die Leipziger Straße entlang, vor bis zur Warte. Auf dem Hessenplatz immer Kinder. Von oben, vom Fenster aus (aus der Vogelperspektive) winzigklein eine Hinterhoftankstelle, wo nie einer tankte und sie nur den ganzen Tag jeden Tag Autos zurechtfrisierten-hämmerten-schweißten und umspritzten, geschickte finstere Levantiner. Die ersten paar Tage gingen wir jeden Schritt Wegs zusammen, Sibylle und ich.
Nach vorn der Hessenplatz und gleich um die Ecke die Leipziger Straße. Damals noch mit ganzen Ansammlungen von Milchläden, Obsthändlern, Zeit, Wespen, Spätsommer, sonnigen Vormittagen, Obst und Gemüse. Auf und zu die Ladentüren, hell das Licht von draußen herein; Glöckchen bimmeln. Auf jeder Türschwelle die Erinnerung und eine Morgenkatze, die sich für die Erinnerung putzt. Blaue Katzen. Mit dem Tag, mit der Straße vom Morgen an in den hellen Mittag hinein und schon deine kommenden Tage daherkommen sehen. Eine Zeitungsfrau, ein Briefträger, zwei Fensterputzer, Plakatankleber. Zahlreich die Morgensäufer, manche schon jahrelang auf dem Heimweg. Die Schulkinder siehst du heimgehen. Zuerst die ganz Kleinen. Vor einer Apothekentür im weißen Kittel der Herr Apotheker. Und läßt sich Zeit, blinzelt, und putzt seine Brille. Es muß sein Geburtshaus gewesen sein. Vielleicht dazu auch noch sein Geburtstag. Bäcker und Metzger und ihre verzweigten Familiengeschichten wie aus dem Bilderbuch deiner Kindheit. Jedes Ding, jeder Augenblick. Und fangen zu sprechen an, reden mit vielen Stimmen. Und hinter dem Haus, kaum zwei Straßen weiter, die ersten Schrebergärten. Apfelbäume, Brennesseln, Disteln, Hagebutten, Holunder, ein alter Schuppen, Kopfweiden, Pappeln, ein Wassergraben, Wind, Steppengras, eine Sandgrube, Indianerland für die Kinder. Schlehen und Brombeerhecken, Rainfarn, Ginster, der Bahndamm, ein Feldweg, Gras, Blumen, Wind, Vögel, Wolken, ein Fußpfad den Bahndamm entlang und auf dem Bahndamm die Züge nach Norden; die gleichen Züge wie jetzt von der Friesengasse aus.
Um den Hessenplatz herum so viele Kneipen, daß ich sie auch nach einer Woche noch nicht auseinanderkannte, nicht einmal ihre Namen. Hier kannst du jeden Abend mit deinen Gedanken und Notizzetteln von Tür zu Tür gehen, immer ein anderer Mensch. Mittags die Kinderstimmen vom Hessenplatz herauf und meine rote Markise am offenen Fenster. Und nachts die Laternen im Laub der Kastanien und ihr Licht auf dem Gehsteig; jetzt sind wir in der Stadt. Eine fremde Wohnung. Nachts ließen wir Badewasser einlaufen, hörten die Züge fahren und sprachen mit Flüsterstimmen zueinander, Sibylle und ich. In der Küche ein Boiler mit blauen Flämmchen, die hell emporbrannten, viele, während rauschend das Wasser einlief; noch nie zuvor hast du mit so einem Boiler gelebt. Inzwischen hatte ich mit der Reinschrift angefangen und Sibylle fand eine schlecht bezahlte Aushilfsarbeit in einem Büro in der Innenstadt. Mitten im September bleibt sie jeden Mittag stehen, die Zeit.
Ich saß und schrieb. Es gab dort Musik: Radio, Plattenspieler, Cassetten und Tonband. Tagsüber bin ich meistens allein in der Wohnung. Mein Freund Jürgen kam. Er brachte einen Glaskrug voll Rum mit, braunes Glas. Laß uns türkischen Kaffee trinken! Wir setzten gleich Wasser auf. Ich zeigte ihm, obwohl er das alles schon kannte, noch einmal die elektrische Schreibmaschine, geliehen. Sieht sie nicht aus wie zum Fliegen gemacht? Hier meine Freude, den Tisch am Fenster und die rote Markise! Mittag, das Fenster offen, vor dem Fenster der Hessenplatz. Ist er nicht auch wie eine friedliche Mittagsbucht und ich hier wie auf einem Felsen, wie auf einem Schiff? Hier siehst du mich sitzen. Rot wie ein Segel die Markise im Wind. Sie bläht sich, sie rauscht immerfort und um mich her, wie vom Meer herein, im Zimmer die Lichtflecken, wie sie zittern. Wie auf dem Meeresgrund. Sitzen und schreiben. Links von der Schreibmaschine mein Manuskript, die vorletzte Fassung. Wie ein Koffer so groß, wie ein Meßbuch, ein Gedenkstein, ein Ungeheuer und liegt da. Wahrhaftig, wie eine Grabplatte und mit meinem Namen drauf. Jetzt scheint es doch noch ein Buch zu werden (ich zeigte ihm, wie ich sitze).
Und hier rechts kommt Seite um Seite die fertige Reinschrift hin, den Platz extra freigeräumt, siehst du. Bei der Musik auf Cassetten und Tonbändern weiß man nie, was als nächstes kommt. Genau wie im wirklichen Leben. Damals trank ich noch. Bis der Kaffee fertig ist, wollen wir umsichtig schon ein bißchen Rum trinken. Weil es so heiß ist, in ganz kleinen Schlückchen. Wie aus einer Piratengeschichte der Glaskrug mit seinem Korken, wo hast du ihn her? Es ist heiß, die Markise rauscht und das Licht zittert; vor dem Fenster die Kinderstimmen. Gleich ist der Kaffee fertig, türkischer Kaffee, und wie gut die Zigaretten, der Glaskrug, der Rum und der heutige Nachmittag dazu passen. Genau wie vor vielen Jahren einmal in Marseille und einmal in Istanbul, so sitzen wir hier. Und immer noch unterwegs. Es ist heiß. Wir sitzen und hören die Züge fahren. Musik, das sind doch die Rolling Stones: Take me to the station, und viele Vergangenheiten. Barfuß. Vorher beim Schreiben die Schuhe aus – wo sind jetzt die Schuhe? Mitten im September bleibt sie jeden Mittag stehen, die Zeit. Noch warm die Mauern, die Steine. Haben auch ihren Sommer. Mitten in unserem Leben sitzen wir und sehen uns sitzen und rauchen und trinken. Bis es Zeit ist, im Vorabendtrubel die Leipziger Straße entlang Sibylle entgegenzugehen, dann mit ihr im Gegenlicht.
Am Abend die Fremde. Mit ihr, mit Sibylle die Straßen, die fremden Kneipen, Wein, Schnaps, Haustüren, Mauern, Sonnenuntergänge, Müdigkeit, sie und ich, und hinter jeder Straßenbiegung eine neue, eine andere alte Welt. Viele Stimmen. Noch vom Krieg diese Abendruinen.[*] Buden, Baustellen, die Fabrikstraßen hinter dem Westbahnhof, Lagerhäuser und Speditionen. Der Römer, der Eiserne Steg, die Strömung, das Licht auf dem Wasser und du selbst ja als Kind schon verlorengegangen. Der Industriehof, ganze Stadtviertel von Mietskasernen und die S-Bahn als Hochbahn, Eisenbahnbrücken.
Einen Sonntagmorgen bei uns in der Straße ein ehemaliges Kino, ein alter Versammlungssaal, noch aus der Kaiserzeit. Vor dem Eingang eine breite Treppe, ein Vordach. Noch die Schaukästen mit den alten Fotos und Filmplakaten. Mit Samt ausgeschlagen. Samt, Staub, tote Fliegen. Der Samt verblichen, die Plakate verblichen, die Fotos wie blind. Eintrittspreise und...




