E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Kutschke Gespensterfische
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7317-0017-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7317-0017-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur – zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.
Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist. Ein Roman, der wie ein Gespensterfisch in der Tiefsee Licht in die Dunkelheit bringt.
Autoren/Hrsg.
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2
Die Zehnerjahre – Freda Holm
Das Scheinwerferlicht lag über der gefleckten Landstraße, unzählige Schlaglöcher mit Teer ausgegossen, die Baumkronen wuchsen über der Straße zu einem Dach zusammen. Eva Holm saß auf dem Beifahrersitz, die linke Hand auf dem Türöffner, Freda schaltete die Kindersicherung ein, bevor sie ihre Mutter abholte. Der Geruch von Rotwein und Zigaretten. Fredas Mutter rauchte nicht, »aber die anderen Damen, ich sach dir, die smöken wie die Seemänner!« Freda fragte, wie immer, wer gewonnen hatte, und Fredas Mutter sagte, wie immer, »ach, es geht doch um die Geselligkeit«, was bedeutete, dass sie verloren und jetzt Schulden bei Siegrid hatte.
»Wie viel Geld schuldest du Siegrid denn mittlerweile?«
»Ach, die wissen doch, dass ich ausgeraubt wurde!«
»Ach, Mama.«
»Bei haben die mir sofort geglaubt. Wir haben sehr nett telefoniert, das wird dann bald auch ausgestrahlt, das werdet ihr dann noch alle sehen!«
Freda nickte und bog auf die Allee ein, die an einem Dienstagabend um halb zwölf genauso still und verwitwet dalag wie die Landstraße.
»Verwaist.«
»Bitte?«
»Verwaist sagt man, nicht verwitwet.«
Freda nickte, schaltete und hielt an einer Ampel. Rechts und links spärlicher Tannenwald, der die Abgase für die dahinterliegenden Siedlungen filterte, und plötzlich erinnerte Freda sich an eine Ausgabe der , die sie zusammen mit ihrer Mutter gesehen hatte, es ging um die Gesundheit des Waldes, die erst bedenklich erschien, fast sechzig Prozent des Waldes waren erkrankt, und dann plötzlich nicht mehr bedenklich: nur noch fünfzehn Prozent des Waldes waren erkrankt, wenn man eine Schadstufe strich und Bäume, die nur ein Viertel ihrer Blätter verloren, für gesund erklärte. Das war 1989 gewesen, und Eva Holm hatte auf den Bildschirm gedeutet: »So machen wir das auch in der Klinik, wenn’s keine Betten mehr gibt! Wer sich nicht gleich umbringt, wird entlassen.«
Freda fuhr an der Jannsen-Klinik vorbei, in deren Räumen sie große Teile ihrer Kindheit verbracht hatte.
»Apropos Witwe: Mit Maren und dir is also endgültig vorbei?«
Freda nickte und schaute auf die leere Straße, die mühsam beleuchtet in der Nacht lag.
»Na, dann bleibt man halt allein.«
Freda setzte den Blinker drei Querstraßen zu früh, wie immer, drei Querstraßen zu früh, als könnte das die gemeinsame Zeit verkürzen. Dabei bewunderte Freda ihre Mutter für die Selbstverständlichkeit, mit der sie immer allein gelebt hatte, nur zwischenzeitlich unterbrochen durch Fredas späten Aufenthalt in ihrem Leben. Dennoch strahlte dieser Satz seit der Trennung von Maren eine Endgültigkeit aus, ein Scheitern, als wäre es unmöglich, mit Ende dreißig noch einmal die Liebe zu finden, oder als wäre es unmöglich, nach Maren noch einmal die Liebe zu finden. Und wenn Freda ihre Mutter durch die früh schlafende Stadt fuhr, dann kam es auch ihr so vor, als wäre sehr viel unmöglich geworden in ihrem Leben. »Such doch schon mal deinen Hausschlüssel raus, bitte.«
Freda hielt in einer Seitenstraße mit aggressivem Kopfsteinpflaster, aus keinem der Häuser drang Licht.
Freda lehnte sich im Fahrersitz zurück. Ihre Mutter suchte umständlich nach ihrem Schlüssel, nestelte und friemelte, und Freda stellte sich vor, wie sie die Silhouette ihrer Mutter im warm erleuchteten Türrahmen verschwinden sah. Wie die Mutter ein Treppenhaus hinaufging, das nach dem Ruß erloschener Kerzen roch, in der Wohnungstür von der Katze begrüßt wurde, noch ein Glas Likör auf dem Sofa trank und zwei Pralinen aß, im Bett ein paar Seiten Virginia Woolf las, bevor sie das Licht ausknipste und einschlief, die Katze zusammengerollt zu ihren Füßen.
Freda seufzte und stieg aus, half ihrer Mutter aus dem Auto, wartete neben ihr, während Eva Holm in der unfassbar großen Handtasche weiter nach dem Schlüssel suchte und schließlich die Tür zum Sechzigerjahre-Mietklotz aufschloss.
Es war kein Zahnarzt im Haus, dennoch roch es danach. Es roch wie das mintfarbene Treppenhaus des Zahnarztes aus Fredas Kindheit, welches sie viel zu häufig mit ihrer Mutter hinaufgestiegen war. Dreimal am Tag jeweils sechs Minuten geputzt, und dennoch war alles voller Karies gewesen, sogar schwarze, krustige Löcher vorn auf den Schneidezähnen hatte sie. Irgendwann sagte der Zahnarzt, sie habe sich den Zahnschmelz von den Zähnen geschrubbt, da sei einfach kein Schutz mehr, da bleibe kaum etwas anderes übrig, als auf die neuen Zähne zu warten. Und Eva Holm: »Nicht, dass sie sich die neuen auch gleich kaputtputzt. Was machen wir denn da?«
Und der Zahnarzt: »Bei Ihnen hab ich ja schon bestimmt fünf Jahre nicht mehr nach dem Rechten gesehen, setzen Sie sich doch mal kurz.«
Und Fredas Mutter: »So weit kommt’s noch!«, mit einer Empörung, die auch den Zahnarzt kurz vergessen ließ, dass sein Anliegen ein angemessenes war.
Das scharfkantige Treppenhaus ihrer Mutter, diese glatten steinernen Stufen, wer hier stürzte, blieb liegen: Es war ein gnadenloses Treppenhaus. Freda verlor sofort ihre mühsame Ruhe, wenn sie dieses Treppenhaus betrat. Es wurde noch schlimmer, wenn sie sich auf die Waden ihrer Mutter konzentrierte, auf die Thrombosestrümpfe, die unter dem Knie endeten, über deren Bund leichte Hautwölkchen flockten, und es wurde am schlimmsten, wenn ihre Mutter die Wohnungstür aufschloss und von der Müllhalde dahinter umarmt wurde.
Wie immer öffnete ihre Mutter die Wohnungstür nur gerade so weit, dass sie sich durch den Spalt quetschen konnte, als könnte sie das Chaos dahinter auf diese Art verbergen. Freda hatte sich schon abgewandt, nickte der Mutter über die Schulter zu, da fragte Eva Holm, ob Freda sich noch an Laura erinnere, die ihr damals so viele Fragen gestellt habe?
»Als ich dich zum Kardiologen bringen sollte, und stattdessen hast du bei der Nienburg im Garten gesessen und Kuchen schnabuliert? Ja, daran erinnere ich mich.«
»Ja nu!« Eva Holms Lieblingsantwort.
Es war immer dasselbe: im Auto beklommenes Schweigen, bei der Verabschiedung wurde die Mutter zur Plaudertasche.
»Diese Laura wollte doch Rehfelds Manuskript illustrieren, oder? Is doch ewig her, das ist doch eh nichts geworden.« Freda.
»So ging das doch nur los, aber dann hat sie ja angefangen, sich mit der ganzen Geschichte zu beschäftigen. Ich hab sie neulich auf der Straße getroffen! Fünfzehn Jahre arbeitet sie jetzt daran, kannst du dir das vorstellen?«
»Ach komm, die erzählt dir doch was.« Freda nickte ihrer Mutter zu, auf diese norddeutsche Art, die gleichzeitig Zustimmung und Ablehnung ausdrücken konnte, in jedem Fall aber auch einen Abschied signalisierte.
Freda stieg die Stufen hinunter, das nassgelbe Neonlicht, die toten Fliegen in den Röhren.
Man durfte den Dingen keine Macht geben, dachte Freda, während das alte Auto wieder über das Kopfsteinpflaster holperte. Irgendwo zwischen den Halden in der Wohnung würde die Katze den Weg zur Mutter finden. Irgendwo zwischen den Katalogen und Schachteln und Glühbirnen waren die Bücher, die aus Nolls Bibliothek den Weg zu Eva gefunden hatten. War es nicht vollkommen egal, in welcher Umgebung man sich in die Literatur zurückzog? Verlor Virginia Woolf etwa dadurch, dass sie zwischen toten Fernsehapparaten gelesen wurde? Zwischen all den Fernsehapparaten, die ein Leben in sich zu versammeln mochte, von den ersten Schwarz-Weiß-Röhren zum letzten Flachbildfernseher.
Nein, beschloss Freda und lenkte das Auto die Ratzeburger Allee hinunter, über den Kreisverkehr, über die Mühlentorbrücke in den Stadtkern hinein.
Freda parkte das Auto und ging mit schlechtem Gewissen durch den sargschmalen Gang in den Hinterhof. Rechts und links jeweils drei Häuschen aneinandergepresst, jedes mit einer Grundfläche von vier Briefmarken, dafür drei Stockwerke hoch, wenn man das Dach mitzählte, was jeder mitzählte, ansonsten wurde man irre. Wo keine Rosen rankten, da wucherte mit Sicherheit der Efeu, es war alles sehr niedlich, Freda liebte das greise Haus.
Sie schloss die Haustür auf, zog ihre Schuhe aus, stellte den Wasserkocher an und nahm das Buch, das auf der Arbeitsplatte lag, las, bis das Wasser kochte, . Maggie Nelson. Jeder Satz ein tiefer Schnitt.
Dass Eva Holm immer alles hergegeben hatte, sogar das eigene Haus, Eva Holm, nun ganz ohne Efeu, dafür Zahnarztgeruch und ein scharfkantig poliertes potthässliches Treppenhaus, ob das der Grund war, dass sie jetzt hortete, aber so einfach war das alles nicht, natürlich. Das Haus war immer bis zur Decke vollgestopft gewesen, die Wände sah Freda zum ersten Mal nach dem Auszug ihrer Mutter. Aber als Eva Holm ihr Haus hergab und in die Mietwohnung außerhalb des Stadtkerns zog, da begann das Sammeln nicht nur von Erinnerungen, sondern auch von Verpackungsmaterial. Schuhkartons, Cornflakes-Packungen, selbst leere Konservendosen, alles konnte irgendwann einmal nützlich, man weiß nie wozu, das ist doch noch gut, das kann noch nicht weg, das ist viel zu schade, um –
Maren hatte immer gesagt, Freda habe das Haus in Pflege. Das Haus sei ein Körper, mit der Mutter so sehr verwachsen, es würde nie dort einen Platz für Freda geben.
Nachdem Eva Holm ausgezogen war, war das Haus noch immer voller Dinge, die einmal nützlich sein könnten, die man immer mal brauche, man wisse nie. Nicht ein Korkenzieher,...




