Labisch / Habermann / Scherm | Bilder einer Ausstellung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 132 Seiten

Labisch / Habermann / Scherm Bilder einer Ausstellung


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95765-926-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

ISBN: 978-3-95765-926-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Beim Titel 'Bilder einer Ausstellung' denken die meisten Menschen nicht an Visuelles, sondern an Musik. Seit rund hundertfünfzig Jahren regt Mussorgskis Komposition Musiker aus aller Welt zu neuen Interpretationen an. Doch wer kennt schon die auslösenden Bilder von Viktor Hartmann? Wer weiß um die Vorkommnisse, die hinter den Bildern stehen? Diese Anthologie transportiert die 'Bilder einer Ausstellung' mit Storys und Gedichten erstmals in die Literatur. Erzählt, wozu diese Musik inspirieren kann, und setzt die Worte in neuen Bildern um. Ein 'work in progress', ein Kunstwerk, das ständig weiterentwickelt wird. Und vielleicht zu neuer Musik anregt ...  Mit einem Titelbild von Gerd Scherm und Illustrationen von Lothar Bauer, Detlef Klewer, Marianne Labisch, Eva Preuß, Gerd Scherm und Andreas Schwietzke. Vorwort • Marco Habermann Vorwort • Marianne Labisch Vorwort • Gerd Scherm Promenade • Gerd Scherm Der Weg des Gnomus • F. A. Peters Zwischenspiel I • Gerd Scherm Das Lied des Troubadours • Stefan Cernohuby Zwischenspiel II • Gerd Scherm Die Toulierien brennen • Gerd Scherm Der Ochsenkarren • Noëmi Sacher Zwischenspiel III • Gerd Scherm Pas de deux • Gabriele Behrend Die Ruhe nach dem Andante Gravo • Paul Sanker Zwischenspiel IV • Gerd Scherm Ignoranz stirbt nie • Verena Jung Ex inferis • Sascha Dinse Zwischenspiel V • Gerd Scherm Mit den Toten in einer toten Sprache • Regine D. Ritter Zwischenspiel VI • Gerd Scherm Die Hütte der Baba Jaga • Detlef Klewer Zwischenspiel VII • Gerd Scherm Der Plan • Marianne Labisch Aufstellung der musikalischen Bearbeitungen • Gerd Scherm Nachwort • Die Herausgeber Vitae

Die Herausgeber, Autoren und Bildkünstler werden ausführlich in den Vitae im Buch vorgestellt.
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Weitere Infos & Material


F. A. Peters: Der Weg des Gnomus


Professor San

Großes Medium Asiens.

Jedes Problem – sofort gelöst!

Der Weg zu Liebe, Erfolg und Glück!

stand auf dem Schild vor dem kleinen, nachtblauen Zelt auf dem Marktplatz von Toulon. Honobulbus sah auf den Zettel in seiner Hand:

Von den »Klein, aber Ohos!« gesucht:

Violinist

Bezahlung – je nach Auftragslage.

Melden bei Professor San!

Erkratzte sich am Bart. Das Zelt eines Wahrsagers? Professor San … bestimmt auch nur einer dieser Betrüger! Was sie ihm wohl zahlten, die »Klein, aber Ohos!«? Ein Livre am Tag müsste es schon sein.

Neben dem Zelt trainierten zwei Zwerge mit Gewichten: ein dicker Struwwelkopf mit rotfleckigem Gesicht und ein grinsender Stoppelkopf. Die zwei waren Honobulbus zunächst gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich hatten ihn die anderen Gaukler abgelenkt: Bärenführer, Seiltänzer, Puppenspieler … Zigeuner, die falschen Schmuck feilboten. Und jetzt diese beiden Typen.

»Willst du zu Professor San?«, fragte der Stoppelkopf und setzte seine Hantelstange ab. »Also, ich sah dich gerade vor dem Zelt stehen, und da dachte Arbellius so bei sich: Der will bestimmt zu San! Und? Willst du zu San? Wenn du zu San willst, dann bist du hier goldrichtig! Jeder geht zu San. Jeder, der Probleme hat. Hast du Probleme, Zwerg? Willst du zu San?«

Ob dieser Idiot zu den »Klein, aber Ohos!« gehörte? Sollte er echt für so eine Mischpoche arbeiten? Unter seiner Würde! Selbst für einen Livre am Tag. Andererseits brauchte er Geld, und alleine zu reisen war zu gefährlich. Er gab Stoppelkopf den Zettel, der ihn an Struwwelkopf weiterreichte. Dieser spitzte die Lippen, als er die Zeilen überflog. Über seinem Kopf malte er einen Kreis in die Luft und sah Stoppelkopf ernst an.

»Ich wusste es! Swain sagt, du suchst San! Du wirst es kaum glauben, aber: Das ist das Zelt von Professor San. Jeder will zu San. Jeder, der Probleme hat. Soll Arbellius dich zu Sans Zelt bringen? Es ist nicht weit! Es –«

»Ick steh’ doch direkt davor!«, versetzte Honobulbus. »Denkste, ick bin meschugge?«

Swain machte schlangenartige Handzeichen.

»Wat soll dit?«, fragte Honobulbus und äffte das Gefuchtel nach. »Wollt ihr mich verkackeiern?«

»Ach so, einen Fiedelisten!«, sagte Arbellius zu Swain. »Aber wir haben doch schon Fredrik …«

Swain hob seine breiten Schultern. »Eine Stelle suchst du also. Bei den ›Klein, aber Ohos!‹, richtig? Na, das sind wir. Wo ist deine Fiedel?«

»In meenem Beutel«, sagte Honobulbus und bewegte das Bündel auf seinem Rücken.

»Da im Sack?«, fragte Arbellius und streckte seinen Arm aus.

»Pfoten weg! Niemand fasst meene Violine an!«

»Oh … nichts für ungut! Na, dann geh schon mal ins Zelt! Helenya kommt gleich.«

»Helenya?«

»Na, Helenya. Sie führt die Geschäfte. Du solltest sie mal sehen: offenes, blondes Haar, blaue Augen. Ein total süßes Grübchen! Und die hat Beine!« Die ernsten Züge Swains verfinsterten sich. »Und wenn sie auftritt, dann hat sie ein wunderschön geschminktes Gesicht! Die kann jonglieren! Das ist die gute Schule! Paris! Kennst du die Sœur de Saint Julienne? Kennst du Paris? Paris?«

»Paris, ja«, sagte Honobulbus verhalten.

»Die Sœur de Saint Julienne! Die Schwesternschaft der Jongleurinnen! Da war sie. Unsere Helenya! Ein Rasseweib ist das, kann ich dir sagen! Und wie witzig sie ist!«

»Noch witzijer als du?«, fragte Honobulbus trocken.

»Niemand ist so witzig wie Helenya. Und wenn sie erst – Aua!« Swain trat Arbellius gegen das Schienbein. »Was ist denn los, mein kleiner Giftzwerg?«

Swain zog ein purpurnes Seidentuch aus der Hosentasche und reichte es Arbellius. Der süße Duft von Oleander und kräftigem Lavendel … Arbellius roch an dem Tuch und lächelte Swain an. Dann deutete er auf Honobulbus’ Stoffzylinder.

»Nimm den Hut ab! Nur ohne Hut ins Zelt! Mit Hut ist völlig ausgeschlossen! Nur ohne Hut und –«

»Ja ja, nun hör doch mal uff zu labern!«, sagte Honobulbus.

»Einfach geradeaus, durch den Vorhang«, sagte Arbellius und kicherte dabei. »Dort in das Zelt hinein. Kannst es gar nicht verfehlen! Aber nimm den Hut ab! Vorher!«

Es regnete; ein fernes Donnergrollen lag in der Luft. Honobulbus schob den Vorhang zur Seite. Noch im selben Moment bereute er es – und war zugleich gespannt, was ihn erwartete …

Cuve und Vert, die beiden Handlanger des Inquisitors Cochon, schlichen als Pilger getarnt über den Marktplatz. Sie musterten die Spielleute, die vor dem Regen Schutz suchten. Vert überlegte, wer am besten infrage käme. »Ein guter Sündenbock«, hatte ihr Herr gesagt. Nur noch wenige Tage bis zum sogenannten »Wettbewerb« in Antibes …

Vert musterte die Zigeuner mit ihren eingefallenen Gesichtern und zitternden Händen, in der verzweifelten Hoffnung auf ein paar Sous. Die waren des Französischen nicht mächtig. Ungeeignet! Cuve deutete auf zwei Hütchenspieler; Vert drückte schnell seine Hand herunter und schüttelte den Kopf. Nicht spektakulär genug. Die Reliquienverkäufer etwa? Mit welcher der Todsünden konnte man die in Verbindung bringen? Gier? Nein, zu abstrakt. Es musste etwas Besonderes sein.

Da fiel sein Blick auf zwei turnende Zwerge vor einem Zelt. Zwerge … die verkörperten doch von jeher etwas Abgründiges. Cochon hatte ihm einmal erzählt, die Zwerge seien aus den Tiefen der Berge gekommen, von dort unten, wo das Böse lauere … Ja, Zwerge waren ideal für den Wettbewerb! Und Heiden noch dazu.

Der blonde Zwerg … erst jetzt fiel Vert dessen große Ähnlichkeit zu seinem Herrn auf. Deutlich jünger zwar, aber ihre Gesichtszüge waren fast identisch! Der Blonde hievte den Stoppelhaarigen nach oben und balancierte ihn auf den Händen. Ob es Cochon Freude bereiten würde, sein zwergenhaftes Ebenbild zu foltern? Und der mit der Stoppelfrisur … ein entlaufener Sträfling? Vielleicht könnte er sich einen Namen als Kopfgeldjäger machen … Vert, selbstständiger Kopfgeldjäger. Das wäre was!

Ein verrottetes Schild stand vor dem Zelt. Professor San, Großes Medium Asiens. Ein Wahrsager gehörte also auch dazu. Bestens! Dann könnten sie diese Leute auch wegen Schwarzer Magie und Gotteslästerung drankriegen.

Sie schlichen sich davon, um ihrem Herrn von dem Fund zu berichten …

Der Regen prasselte auf das Zelt. Kuloi San saß mit geschlossenen Augen da und spürte, wie seine Gedanken in das Nichts fluteten. Ein Rascheln … Seine Gedanken strömten zurück. Langsam atmete er aus.

Kuloi schlug die Augen auf und wurde zu Professor San. Er betrachtete sein Gegenüber und machte sich ein grobes Bild. Es war noch etwas verschwommen, doch darunter stand: »Einsamer Zwerg auf der Suche«.

»Wat is de Bezahlung?«, fragte der Zwerg.

»Ein Livre.« Professor San deutete auf den Schlitz im Tisch. »Dort hinein!«

»Nein, wat Ihr mir bezahlt!«

»Später. Ich Professor San. Dein Weg dich in mein Zelt führen, und Weg hinaus führen ins Glück.«

»Nischt für unjut, Alterchen!«, sagte sein Gegenüber und kratzte sich am rot gelockten Kopf. »Ick bin deswejen hier.« Er reichte ihm einen Zettel.

»Erst wir sprechen. Haben Gefühl, dich schon lange kennen …«

»Also ick kenn’ dich nich’.«

»Bitte!« Professor San deutete auf den Stuhl gegenüber dem Tisch. Er setzte sich den Turban mit dem rubinfarbenen Glasstein auf.

»Na jut!«, sagte der Zwerg und ließ sich auf den Stuhl fallen. »Aber nur für ’nen Moment! Oh, janz bequem …«

Professor San nickte. »Sehr gut! Und aus Moment bald werden zwei, drei … bis schließlich Ewigkeit aus Momenten … Wie dein Name?«

»Lemoncello. Honobulbus Lemoncello.«

Er konnte die Verschlossenheit seines Gegenübers förmlich spüren. Dies würde ein schwerer Fall werden. An Wahrsagerei glaubte der nicht. Welche Sehnsüchte er wohl hatte? Wimpel zierten den blauen Stoffzylinder des Zwerges.

»Du viel reisen, Honobulbus. Aber manchmal du dich fragen: Wo mein Heim?«

Honobulbus nickte; in sein Gesicht trat Erstaunen.

»Sehr gut! Du kritischer, unabhängiger Mensch sein. Das ich spüren … Aber manchmal du wollen vertrauen. Du suchen nicht nur Freiheit. Du auch suchen Geborgenheit!«

Er wirkte, als sei er ertappt worden.

»Du ganz entspannt«, sagte Professor San und schloss seine Augen. »Ich dir nun deuten Zukunft. Geben mir Hände!«

»Meene Hände? Na jut.«

Die Hände waren zart und feingliedrig. Wasserhände...



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