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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 218 Seiten
Labisch / Scherm Was geschah im Hotel California?
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95765-968-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 218 Seiten
ISBN: 978-3-95765-968-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marianne Labisch wurde am 9.8.1959 in München geboren. Schon als Kind bereitete es ihr großen Spaß, ihre Geschwister und Freunde mit Gruselgeschichten zu erschrecken. Ab 2010 wurden diverse ihrer Kurzgeschichten in Anthologien und Kalendern veröffentlicht. Sie liebt es, ihre ganz normalen Helden in ungewohnte Situationen zu manövrieren und zu beobachten, wie sie damit umgehen. Sie lebt mit ihrem Mann in Baden-Württemberg und arbeitet in einem Onlinehandel. Gerd Scherm: 1950 in Fürth geboren und aufgewachsen, lebt seit 1996 in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen bei Colmberg. Gerd Scherm ist als Schriftsteller und Bildender Künstler tätig. Ab 1972 war er Mitarbeiter von Eugen Gomringer, dem Begründer der 'Konkreten Poesie', und Projekt-Assistent des ZERO-Künstlers Prof. Otto Piene (M.I.T., Cambridge, Mass., USA) für verschiedene Umweltkunst-Projekte und arbeitete als Kreativdirektor für die Rosenthal AG in Selb. Gerd Scherm hat eine Vielzahl von Einzelveröffentlichungen vorzuweisen, darunter Theaterstücke, Lyrikbände, Erzählungen, Satiren und Romane. Einer seiner Schwerpunkte liegt in der Lyrik, die er meist in künstlerisch-bibliophiler Ausstattung präsentiert, und die auch immer wieder zeitgenössische Komponisten zu Werken anregt (Werner Heider, Erwin Koch-Raphael, Ingo Bathow und Franck Adrian Holzkamp). Literarisch-künstlerische Editionen und Aktionen schuf Gerd Scherm gemeinsam mit Otmar Alt, Jean-Marie Bottequin, Ortwin Michl, Josef Obornik, Erich Reusch, Wilhelm Schramm und Brigitte Tast. Gerd Scherm war u.a. Gastdozent an der Universität St. Gallen und an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Kultur- und Religionssoziologie. Auszeichnungen: 1972 Kulturförderpreis der Stadt Fürth 1974 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Italien 1977 Rosenthal Grenzland-Lyrik-Preis 1991 Essaypreis der Fürther Freimaurerloge 1995 Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis 1995 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Schottland 1998 Ehrensenator des Deutschen Freimaurer Museums Bayreuth 1998 Matthias-Claudius-Medaille, Berlin 2001 Paulskirchen-Medaille 2004 BoD Autoren Award für den Roman 'Der Nomadengott' 2006 Friedrich-Baur-Preis für Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2007 Turmschreiber auf Burg Abenberg 2010 Das Bayerische Kultusministerium fördert das Drama 'Alexander der letzte Markgraf' mit 20.000 Euro
Autoren/Hrsg.
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Der Gast war noch nicht lange hier. Er hatte gestern bei ihr eingecheckt und seine erste Nacht im Hotel verbracht. Der silbrige Schleier vor seinen Augen war schon da. Bei manchen dauerte es Tage. Andere waren empfänglicher dafür. Dieser hier besonders. Sie war zufrieden.
Er stand vor der Rezeption und hatte jenen selbstverlorenen Ausdruck auf dem Gesicht, den sie so liebte.
»Kann ich Ihnen helfen, Sir?«, fragte sie. Professionell. Jede andere Bezeichnung für ihr Können wäre eine Beleidigung gewesen. Sie hob die Augen ein wenig, um im Deckenspiegel über der Rezeption ihr Lächeln zu überprüfen. Es blendete, sendete Reflexionen wie die Mittagssonne über dem Meer.
Sie sah es in seinen silbrigen Augen gespiegelt. Perfekt.
Unbeholfen lächelte er zurück, er fasste sich an die Schläfen. Natürlich hatte er Kopfschmerzen, das hatten sie alle. Nach der ersten Nacht. Und sie wussten nicht, dass diese Kopfschmerzen mit jeder Nacht schlimmer wurden. Sie hätte es erklären können, aber niemand hatte sie jemals danach gefragt.
Irgendwann störten die Kopfschmerzen nicht mehr. Man merkte gar nicht, dass man welche hatte.
»Ja – äh –« Er schien vergessen zu haben, warum er sich an sie wandte. Sie sah ihr Gesicht in seinen Augen: ein ebenmäßiges Oval, sehr hell, die keck-verspielte Nase, geheimnisvolle Augen, die die Farbe wechselten wie das Meer im Sonnenlicht. Ihr Lächeln auf den Lippen, mit diesem Satinschimmer. Die Grübchen, die sich in den Wangen bildeten, sobald sie ihre Mundwinkel nur wenige Millimeter hob. Sie spürte, dass er sie unbedingt küssen wollte. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und lächelte ihn an, und er begann zu schielen. Sein Mund stand offen.
»Habe ich Sie das schon gefragt? Ich glaube – ich habe vorhin schon hier gestanden –«
Zu viel. Sie ließ das Lächeln verlöschen, und er fing sich wieder. Er stotterte: »Es tut mir leid, dass ich Sie damit behelligen muss. Aber ich – ich habe vergangene Nacht nicht gut geschlafen. Es war – ein – ein fürchterlicher Lärm draußen auf dem Korridor.«
Er befeuchtete seine trockenen Lippen mit einer kindlich rosafarbenen Zungenspitze.
»Menschen, draußen auf dem Flur. Sie haben geschrien und gejohlt. Ich habe aus der Tür geschaut, nur einen Moment, und sie hatten Messer – und dann hat jemand um Hilfe gerufen. Ich weiß nicht, ob es ein Mann oder eine Frau war, ich weiß nicht, ob es überhaupt ein Mensch war, das macht mir Angst –«
Er holte tief Luft, er hatte seinen Atem verbraucht.
»Habe ich Sie das schon gefragt? Ich glaube – ich habe vorhin schon hier gestanden –«
Sie lächelte wieder, nur ein ganz kleines Bisschen, sodass ihre Lippen nicht mehr als einen Schimmer ihrer weißen Zähne enthüllten. Sein Blick, eben noch voller Panik, verschleierte sich.
Natürlich wusste sie Bescheid. Natürlich würde sie es ihm nicht sagen. Jeder Gast machte diese Erfahrung selbst.
Er war schnell, bald würde er beim Fest dabei sein. Sein Messer lag schon bereit, sie war selbstverständlich wie immer auf alles vorbereitet.
»Ich entschuldige mich herzlich für Ihre Unannehmlichkeiten«, sagte sie, immer noch lächelnd, und hielt ihre Augen geradewegs auf seinen Mund gerichtet, »manchmal feiern unsere Gäste bis spät in die Nacht hinein, und manchmal geraten sie ein wenig außer Kontrolle. Ich verspreche Ihnen: Sie werden in der kommenden Nacht viel besser schlafen.«
Er nickte. Seine Augen waren silbrig.
»Danke«, murmelte er. Als er sich umwandte, stolperte er über seine eigenen Füße.
Sie betrachtete sich im Deckenspiegel über dem Rezeptionstresen. Perfekt. Ihr Strahlen, umrahmt von weichen, goldblonden Locken. Die Haut mit einem samtenen Schimmer. Kein Make-up, kein Lidstrich, kein Lippenstift. Sie lächelte ihrem Geheimnis zu. Sie hatte sie, jene Klarheit, die Menschen in einem bestimmten Alter umgab, ausgelöst von der Gewissheit um die Unendlichkeit. Alle wollten sich diese Klarheit bewahren, und doch verblasste sie früher oder später. Nur bei ihr hielt sie – ewig.
Jeder Gast, jeder, nicht nur die männlichen, verspürte beim Anblick ihrer Lippen den Wunsch, einen Hauch dieser Unendlichkeit für sich zu gewinnen. Sie sah die bewundernden Blicke im Vorübergehen auf sich gerichtet und hätte beinahe gelacht. Sie gestattete sich einen Moment der Zerstreuung, in dem sie sich ausmalte, wie sie jedem von ihnen ihr Geheimnis enthüllte. Was für ein köstlicher Gedanke.
Ihre Augen wechselten wieder die Farbe, während sie in den Spiegel schaute. Von Hellgrau zu Sommerhimmelblau. Sie lächelte sich selber zu.
Draußen vom Pool drang laute Rockmusik zu ihr. Sie warf einen Blick durch die Halle zum Panoramafenster. Sie wusste schon, wer den Lärm machte, noch bevor sie die Feiernden sah.
Party people.
Auch sie waren gestern auf dem Fest gewesen. Sie unterdrückte den Anflug von Hochmut nicht – dachte das Mädchen da draußen wirklich, es sei hübsch? Dieses junge Ding, mit seinen blondierten Haaren, dem Rougegeschmier auf den Wangen und dem Lächeln wie aus Plastik? Sie schaute dem Mädchen eine Weile zu, wie es tanzte, mit seinen rot lackierten Zehennägeln und den Kettchen an den Fußgelenken, sah die schwingenden Hüften, sah die gierigen Blicke der jungen Männer, die für den Moment nichts anderes wollten, als dem Mädchen eine Hand auf die Schulter zu legen, sein Handtuch zu halten – für den Moment. Bald würden sie mehr wollen.
Das Mädchen konnte damit nicht umgehen. Das konnte keins dieser Mädchen. Es gab keine Ausnahmen. Früher oder später war es so weit. Sie waren alle gleich – eins wie das andere. Das Mädchen würde zum Meister gehen, mitsamt seiner gierigen jungen Männer. Dorthin, wohin schließlich jeder ging, wenn er lange genug vergeblich den Weg nach draußen gesucht hatte. Und das war gut so.
Befriedigt strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht und beobachtete ein junges Paar, das gedankenverloren Hand in Hand durch die Lobby schritt, als suche es etwas und habe vergessen, was das war. Sie wusste es. Als die beiden der Tür zu nahe kamen, schenkte sie ihnen ein Lächeln. Sie sah ihr eigenes Strahlen auf den jungen Gesichtern gespiegelt – sie brauchten nichts mehr als das. Sie setzten sich weit weg von der Tür auf eine der saffianledernen Sitzgruppen und blätterten müßig in Zeitschriften.
»Hallo! Sie da! Miss!«
Wie hatte ihr das passieren können? Sie war einen Augenblick lang unaufmerksam gewesen. Der Tonfall jagte ihr ein Kribbeln über die Wirbelsäule. Ihr Atem beschleunigte sich. Sie spürte warme Feuchtigkeit auf ihrer Stirn.
Sie zwang sich zur Ruhe. Keine Zeit mehr für den Blick in den Spiegel. Vor dem Tresen stand ein Mann. Er hatte das magische Alter schon hinter sich. Mit der Erkenntnis von Endlichkeit hatten sich Falten in seine Haut eingegraben, man sah sie unter den Augen und in den Mundwinkeln. Dort, in den Mundwinkeln, hatte sich auch bereits der Zynismus eingenistet. Der Mann war gefährlich.
Er hatte schütteres Haar und einen Bauchansatz. Sie mochte seinen Gesichtsausdruck noch weniger als seinen Tonfall: Jenes arrogante Augenbrauenhochziehen, mit dem sich hier manche am Anfang ihres Besuchs aufspielten, zum Glück hielt das nie lange an. Sie verabscheute seinen selbstgefälligen Glauben an die Berechtigung seiner Existenz.
Seine Augen waren hellbraun, mit goldenen Sprenkeln um die Pupille, und sie waren klar.
»Sagen Sie mal«, sprach er sie an. Wieder mit diesem Tonfall. Sarkasmus kräuselte seine Lippen. Erneut lief ihr ein Schauer über den Rücken.
Sie fixierte ihn, er unterbrach sich für einen Moment lang, dann fing er sich wieder.
Er starrte zurück.
»Sind Sie eigentlich immer im Dienst?«, wollte er wissen. Seine Neugierde bohrte sich wie Nadeln in ihre Haut.
Er grinste und sah dabei aus wie ein Mörder.
Sie wünschte sich, er würde den Mund halten. Wenn sie ihn nur zum Schweigen bringen könnte. Sie sah in das Fach mit den Messern – seins hatte sie noch nicht bereitgelegt. Sie begriff nicht, wie ihr das hatte passieren können.
»Ich meine, Sie stehen hier den ganzen Tag am Tresen«, fuhr er fort. »Ich beobachte das seit fünf Tagen. Wie machen Sie das, sechzehn Stunden am Stück? Das kann doch nicht normal sein. Müssen Sie nicht auch mal essen und Pause machen? Irgendwas stimmt hier nicht.«
Was hatte er gesagt? Wie lange war er schon hier? Fünf Tage?
Das war unmöglich. Sie versuchte sich hektisch an den Tag zu erinnern, an dem er eingecheckt hatte. Es fiel ihr nicht ein. Sie konnte sich nicht an seine Augen und die Spiegelung ihres Gesichtes darin erinnern. Sie musste sich zwingen, ruhig zu atmen. Sie fixierte ihn wieder, diesmal härter, aber er hielt ihrem Blick stand. Sie begann zu lächeln, die erste, zweite und schließlich sogar die dritte Stufe, aber er reagierte nicht. Er lächelte nicht zurück, und seine Augen blieben kalt.
Ihr brach der Schweiß aus.
»Haben Sie manchmal Kopfschmerzen?«, fragte sie...




