E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Lackner Die Flucht der Dichter und Denker
4. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8000-7960-5
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7960-5
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herbert Lackner, geboren in Wien, studierte Politikwissenschaft und Publizistik, war stellvertretender Chefredakteur der 'Arbeiter Zeitung' und danach 23 Jahre lang Chefredakteur des Nachrichtenmagazins 'profil'. Er ist Autor zahlreicher zeithistorischer Beiträge in 'profil' und 'Die Zeit'.
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VORWORT
Dies ist ein Buch über Flüchtlinge. Flüchtlinge, die sich über Gebirgszüge schleppten, die auf klapprigen Kähnen über die Weltmeere fuhren, an Grenzzäunen scheiterten, in Städten verzweifelt um Aus- und Einreisepapiere kämpften, die von ihren Kindern getrennt wurden, ihre Eltern auf der Flucht verloren und manchmal in jenes Land zurückgeschickt wurden, aus dem sie eben geflohen waren und wo sie der Tod erwartete.
Szenen, wie sie sich heute an den Rändern des zunehmend befestigten Europa ereignen, auf der Balkanroute oder im Mittelmeer, spielten sich damals in der Mitte des Kontinents ab. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland 1933 begann eine Massenflucht, in den folgenden Jahren verließen Hundertausende ihre Heimat Mitteleuropa. Als Nazi-Deutschland im Frühsommer 1940 große Teile Westeuropas überrannte, strömten Flüchtlingsheere nun auf den Straßen von Holland und Belgien in Richtung Süden und schwollen rasch an. Im Juni 1940 fiel Paris. Nun ergoss sich die Welle der Flüchtenden in die Städte Südfrankreichs, aber auch sie waren bald kein sicherer Hafen mehr. Vielen der Vertriebenen blieben nur die wilden Pfade der Pyrenäen, um nach Spanien und schließlich in die Küstenstädte Portugals zu gelangen: Sie mussten auf ein Schiff, um ihren Häschern zu entkommen – ganz egal, wo dieses anlegen würde.
Nur eines war in diesen gebrochenen Leben gewiss: In ihre Heimat konnten sie nicht mehr zurück, dort warteten Erniedrigung und Tod.
Es waren nicht Kriegsvertriebene und Hoffnungslose aus den Städten, Wüsten und Einöden des Mittleren Ostens oder Afrikas, die hier um ihr Leben rannten, sondern Bürgersfamilien aus Berlin, Handwerker aus München, Philosophen aus Frankfurt, Journalisten aus Wien und Händler aus Prag.
Dieses Buch folgt Flüchtlingen, deren Namen jeder kennt, auf ihrer verzweifelten Stampede in überfüllten Zügen, in Viehwaggons und auf Schiffen, von denen man nicht sicher sein konnte, dass sie ihren Zielhafen erreichten.
Die Darsteller in diesem Flüchtlingsdrama heißen Thomas, Heinrich, Erika und Golo Mann, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Sigmund Freud, Alfred Polgar, Lion Feuchtwanger, Salvador Dalí, Ödön von Horváth, Alfred Döblin, Joseph Roth, Robert und Einzi Stolz, Stefan Zweig, Max Ernst, Erwin Piscator, Hannah Arendt, Anna Seghers, Friedrich Torberg, Bertolt Brecht, Marc Chagall, Oskar Karlweis, Walter Benjamin, Karl Farkas, Billy Wilder, Friedrich Adler, Hermann Leopoldi und viele andere.
Sie hatten das Geistesleben Europas geprägt und entkamen ihren nationalsozialistischen Verfolgern nur mit knapper Not auf den letzten Dampfern, die Europa verließen. Viele starben auf der Flucht.
Dieses Buch erzählt aber auch die Geschichte einer spektakulären Rettungsaktion, initiiert vom damals berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann, der bereits in New York lebte. Ausgeführt wurde das Bravourstück von einem amerikanischen Journalisten, dessen Name zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist: Varian Fry. Rund 2000 Menschen haben Fry und seine Helfer beim Herannahen der Nazis das Leben gerettet, darunter die noch in Europa ausharrende Kulturelite. Heute würde man sie Schlepper nennen.
Viele der Flüchtlinge hatten ihr Land, das sie nun ächtete, schon Jahre zuvor, sofort nach der Machtübernahme der Nazis, verlassen. Regisseure wie Billy Wilder, Fritz Lang und Ernst Lubitsch, Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich und Lotte Lenya, die Komponisten Erich Wolfgang Korngold, Kurt Weill und Arnold Schönberg, die Wissenschaftler Albert Einstein, Max Horkheimer und Theodor Adorno lebten bereits in den USA, als ihre Kollegen in Europa noch um ihr Leben rannten.
Im Frühjahr 1941 machte das Nazi-Reich die Grenzen endgültig dicht. Bis dahin hatten rund 400 000 Juden Deutschland und das ab März 1938 besetzte Österreich verlassen. Mit der Tschechoslowakei war wenig später die letzte Demokratie Zentraleuropas von Nazi-Deutschland überrannt worden. In Italien herrschte der Kampfgefährte der Nazis, der Faschist Benito Mussolini. Im Osten paktierte Stalin mit Hitler.
So blieb als Fluchtpunkt nur Europas Westen. Im Mai 1940 begann Hitlers Westfeldzug, Ende Mai fielen die Niederlande und Belgien, am 14. Juni erreichte die deutsche Wehrmacht die französische Hauptstadt. Paris wurde von der französischen Regierung zur „offenen Stadt“ erklärt, also den Feinden kampflos überlassen, um es vor Zerstörung zu bewahren.
Paris war ab 1933 Heimstätte der Crème de la Crème deutschsprachiger Literatur, Kunst und Wissenschaft. Nach 1938 kamen auch österreichische Künstler. Im Juni 1940, Nazi-Deutschland hatte in einem Blitzkrieg Frankreich besiegt, begann ihre Flucht in den noch unbesetzten Süden des Landes. Wer Glück hatte, schaffte es, diesen der Zerstörung preisgegebenen Kontinent auf einem der letzten Schiffe zu verlassen.
Die meisten dieser aus ihren Heimatländern Vertriebenen waren Juden. Nichtjüdische politische Flüchtlinge waren in der Minderzahl, wobei die Unterscheidung unscharf ist: Nur ein Teil der Literaten, Denker und Tonkünstler, die nun verfolgt und vertrieben wurden, waren ihrer Religion verhaftet. Besonders unter den Linken war es üblich, sich als konfessionslos zu erklären. Man beging bestenfalls die Feiertage, als Jude fühlte man sich vor allem deshalb, weil es den Antisemitismus gab – zuerst den katholischen und dann den Rassen-Antisemitismus der Deutschnationalen und der Nazis.
Die Idee zu diesem Buch entstand an einem interessanten Ort. Stets an einem Sonntag im Juni lud Heinz Fischer während seiner Amtszeit als Bundespräsident rund um den Geburtstag seiner Frau Margit - auch sie ist ein Flüchtlingskind – einige Freunde (unter ihnen den Autor dieses Buches) zu einem kleinen Nachmittags-Fest in das obersteirische Präsidenten-Domizil Mürzsteg. Der bekannte Wiener Galerist John Sailer („Galerie Ulysses“), ein Jugendfreund Heinz Fischers, erzählte mir bei einem dieser frühsommerlichen Treffen von der Flucht seiner Familie durch Frankreich und über die Pyrenäen nach Spanien. Schließlich habe man sich nach Lissabon durchgeschlagen und durch viel Glück auf einem Schiff Platz gefunden, das Lissabon Richtung New York verließ.
John Sailers Vater Karl Hans Sailer war Redakteur der Wiener „Arbeiter Zeitung“ gewesen und hatte nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1934 bis zu seiner Verhaftung 1936 die illegalen „Revolutionären Sozialisten“ im Untergrund angeführt.
John war drei Jahre alt, als man sich im Oktober 1940 in Lissabon einschiffte. Seine Erinnerungen an die mehrtägige Überfahrt nach New York sind naturgemäß vage, aber so viel hatten ihm seine Eltern oft erzählt: Auf der „Nea Hellas“, einem der letzten Schiffe, das auf direktem Weg New York ansteuerte, seien viele bekannte Künstler gewesen, darunter der damals schon weltberühmte Schriftsteller Franz Werfel und seine Frau Alma, die Witwe des Hofoperndirektors Gustav Mahler.
Ich ging John Sailers Hinweis nach und fand heraus, dass noch weit mehr europäische Geistesgrößen ihren Verfolgern auf dem unter griechischer Flagge kreuzenden Ozeandampfer „Nea Hellas“ entkommen waren. So prominent waren die Passagiere dieser Überfahrt in höchster Not, dass die Reporter aller New Yorker Zeitungen im Hafen auf die Emigranten warteten. Die „New York Times“ widmeten der Ankunft der berühmten Europäer den Blattaufmacher und die ganze Seite eins.
Darüber schrieb ich im Frühjahr 2015 ein Feature für das Nachrichtenmagazin „profil“ – in der Überzeugung, dass zu diesem Thema nach zusätzlichen Recherchen noch viel Interessantes zu erzählen wäre.
Wenige Monate später setzte die große Fluchtwelle aus den Kriegsund Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens ein, die in vielem, wenn natürlich nicht in allem, der seinerzeitigen „Flucht der Dichter und Denker“ ähnelte. Die Flüchtlinge der Jahre 1933 und danach hatten oft mehr finanzielle Reserven. Es gab keine große kulturelle Kluft, sie waren mit der Sprache ihrer Fluchtländer wenigstens einigermaßen vertraut und konnten vielleicht eine Zeit lang bei Verwandten oder Freunden unterschlüpfen. Die Berühmtesten unter ihnen leisteten sich sogar Villen im Süden Frankreichs.
Allerdings waren ihnen, anders als den Flüchtlingen des Jahres 2015, ihre Verfolger auf den Fersen: die Nazi-Spitzel, die Gestapo, die Kollaborateure. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen im Juni 1940 lebten Flüchtlinge auch im nicht besetzten und vom Marionettenregime des Marschalls Philippe Pétain regierten Südfrankreich keineswegs in Sicherheit.
Der lange Arm der Nazis reichte entsprechend dem Waffenstillstands-Abkommen von 1940 sogar bis in die französischen Kolonialgebiete, ein Thema, dessen sich der legendäre Film „Casablanca“ schon 1942...




