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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 2, 345 Seiten
Reihe: Die Weltmeere-Dilogie
Laine Die Erbin der Sieben Weltmeere (Die Weltmeere-Dilogie 2)
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-646-60766-6
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fantasy-Liebesroman für Fans von Arielle und Meerjungfrauen
E-Book, Deutsch, Band 2, 345 Seiten
Reihe: Die Weltmeere-Dilogie
ISBN: 978-3-646-60766-6
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annie Laine wurde im schönen Osthessen geboren. Nach dem Realschulabschluss führt sie ihr Leben zunächst in ganz verschiedene Richtungen. Sie schließt eine Ausbildung ab und arbeitet ein halbes Jahr auf der Kanareninsel Teneriffa, findet aber nicht ihre Passion darin. Das zieht sie schließlich zurück zu den Büchern. Während sie tagsüber Buchhandel/Verlagswirtschaft studiert, verbringt sie ihre Nächte mit dem Schreiben eigener Texte und betreibt einen Bücherblog.
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Kapitel 1
Ich fühle mich elend.
Das penetrante Pochen in meinem Kopf, das nur wenige Stunden nach unserer Rückkehr an Land eingesetzt hat, ist gerade jetzt besonders stark. Leider hat es nämlich nicht nur Vorteile, eine halbe Meerjungfrau zu sein, und noch dazu fühlt es sich inzwischen viel schlimmer an als beim ersten Mal, wo es mir schlecht ging. Nicht einmal das Kühlpad, das Nero vor einer Stunde auf meiner Stirn platziert hat, lindert die Schmerzen. Gleichzeitig fühlt mein ganzer Körper sich an wie ausgetrocknet, obwohl meine Haut vollständig von einer dünnen Schweißschicht überzogen ist.
Jede noch so kleine Bewegung tut weh, ich spüre meine Beine kaum und jedes schmerzerfüllte Stöhnen löst ein unangenehmes Kratzen in meiner staubtrockenen Kehle aus.
»Aria?« Neros vertraute Stimme holt mich in die Wirklichkeit zurück. Vorsichtig drehe ich meinen Kopf zu ihm, wobei mir fast das Kühlpad von der Stirn rutscht, und öffne ein Auge. »Wie fühlst du dich?«
»Genauso furchtbar wie vor einer Stunde«, antworte ich leise und verziehe das Gesicht, bevor mich ein Hustenanfall überkommt. Zum Glück reagiert Nero schnell. Ohne darüber nachzudenken, greift er die Wasserflasche vom Wohnzimmertisch, öffnet den Verschluss und geht vor dem Sofa, auf dem ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit vor mich hin vegetiere, in die Hocke. Eine Hand führt er an meinen Hinterkopf, mit der anderen hält er mir die Flasche an die Lippen. Gierig leere ich sie in wenigen großen Schlucken, bis selbst der letzte Tropfen meine Kehle hinabgeflossen ist.
»Danke«, wispere ich und lächle ihn schwach an, während er mich mit sorgenvoll gerunzelter Stirn anschaut. »Ist Selma schon zurück?«, will ich wissen.
Neros Mentorin hat uns vor zwei Tagen, als wir pitschnass und – in meinem Fall – nur mit einem Handtuch, das Nero vermutlich einem unaufmerksamen Badegast entwendet hat, bekleidet vor der Tür standen, mit offenen Armen empfangen. Ohne auch nur einen Moment Bedenkzeit hat sie mir Kleidung besorgt, uns etwas zu essen gemacht und dafür gesorgt, dass wir endlich eine Verschnaufpause bekommen.
Mehr als das war es leider nicht, bevor mein Körper angefangen hat zu rebellieren. Zunächst mit Kopfweh, gefolgt von Gliederschmerzen und erhöhter Temperatur. Selma hat die Symptome erst auf eine einfache Erkältung – verschuldet durch den tagelangen Aufenthalt im kalten Ozean – geschoben. Doch inzwischen sind wir uns alle sehr sicher, dass ich die gleichen Entzugserscheinungen wie letzte Woche habe, als ich zu lange nicht im Wasser war.
An die Möglichkeit, dass die Schmerzen zurückkehren würden, sobald ich an Land zurückkehre, habe ich leider nicht gedacht und am liebsten würde ich mein Vergangenheits-Ich dafür schlagen. Wenn es jemals einen guten Moment gegeben hat, um meine bisherigen Lebensentscheidungen zu bereuen, ist er genau jetzt.
Außerdem haben mir die letzten beiden Tage genug Zeit zum Nachdenken geboten. Die Entschlossenheit und der törichte Optimismus, den ich auf meine blöden Märchengene schiebe, sind daraufhin sehr schnell viel schwächer geworden. Wie konnte ich nur glauben, dass ich einfach so in der Unterwasserwelt aufschlagen und ohne Probleme die Meerhexe stürzen könnte, die dort allen das Leben zur Hölle macht? Zumal diese Jahre zuvor nicht nur die rechtmäßige Königsfamilie gestürzt und zum Teil getötet, sondern auch meine eigene Mutter auf dem Gewissen hat. Rückblickend betrachtet war das ziemlich dumm, doch meine Märchengene haben trotzdem dafür gesorgt, dass ich mein Schicksal nicht nur akzeptiere, sondern es mit Freuden annehme. Inzwischen frage ich mich, wie ich mich je – mehr oder weniger – freiwillig auf die ganze Sache einlassen konnte. Hätte ich damals gewusst, was mich erwartet, hätte ich alles anders gemacht. Gebracht hätte es wohl nichts, aber ich könnte mich jetzt zumindest damit trösten, mich nicht bereitwillig und mit dem Kopf voraus ins Abenteuer geworfen zu haben.
»Vor zehn Minuten. Sie wollte nur schnell duschen, dann gibt es Essen«, lässt Nero mich wissen und schenkt mir ein zuversichtliches Lächeln. Im selben Atemzug nimmt er meine Hand, die über der Wolldecke, in die ich mich gekuschelt habe, liegt und drückt sie kurz. »Vielleicht kam ihr während ihrer Schicht eine Idee, wie wir dafür sorgen, dass es dir besser geht. So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen.«
Selmas Berufung besteht zwar darin, Märchenkindern auf der ganzen Welt dabei zu helfen, ihren Platz zu finden – eine Aufgabe, die ihr als Nachfahrin von Cinderellas guter Fee wirklich auf den Leib geschneidert ist –, aber sie benötigt dennoch Geld, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Deshalb arbeitet sie als Pflegerin in einem Seniorenheim nicht weit von hier, wo sie heute die Frühschicht einer kranken Kollegin übernommen hat.
»Da hast du recht.«
Immerhin ist schon viel zu viel Zeit vergangen, seitdem wir den Ozean und die Meermenschen, die auf uns – auf mich! – zählen, verlassen haben. So habe ich mir das nicht vorgestellt. In meinem Kopf hätten wir schon lange den nächsten Flug nach Kopenhagen genommen, den verdammten Thron gefunden und Arcana ein für alle Mal entmachtet, aber das wäre offenbar zu einfach gewesen. Denn die Seehexe ist uns zuvorgekommen und hat es trotz unserer Flucht an Land geschafft, uns festzunageln. Dafür hat sie nicht mehr tun müssen, als einen Sturm heraufzubeschwören, der den gesamten Flugverkehr an der Westküste lahmlegt.
Würde ich mich nur nicht so furchtbar fühlen und hätte ich nur die nötige Übung mit den Wasserkräften, die ich zusammen mit der Fähigkeit, mich in eine Meerjungfrau zu verwandeln, erhalten habe! Ich würde auf der Stelle aufstehen, zum Strand marschieren und diese Tyrannin zum Kampf auffordern. Leider weiß ich, dass ich gegen sie den Kürzeren ziehen würde, aber das lässt meinen Zorn auf sie nicht weniger werden.
Es hat nicht einmal geholfen, sie über diese seltsame telepathische Verbindung, die ich aus unbekannten Gründen zu ihr habe, anzuschreien, bis mir die Beleidigungen ausgegangen sind. Dass sie mich danach ausgelacht hat, hat mich eher noch wütender gemacht.
Und seither herrscht Funkstille.
Nicht nur von ihrer Seite aus. Auch die Hilferufe der drei Meeresprinzessinnen, die Arcana gefangen genommen hat, sind seit unserer Rückkehr verstummt. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere. Ein ungewohntes und vor allem beunruhigendes Gefühl.
Das Letzte, was ich von ihnen gehört habe, war ihre verzweifelte Bitte, sie nicht zu verlassen. Ich habe ihnen geantwortet, dass ich zurückkommen würde, doch wer weiß, ob sie dieses Versprechen erhalten haben oder meine Gedanken nie zu ihnen durchgedrungen sind?
Als würde er wissen, was gerade in mir vorgeht, drückt Nero meine Hand noch einmal. »Keine Sorge. Wir lassen uns von ihr nicht unterkriegen. Wir sind stärker, als sie uns zugesteht.«
»Im Moment kann ich kaum allein vom Sofa aufstehen, ohne direkt umzufallen wie ein nasser Sack«, erinnere ich ihn, worauf ihm ein leises Schnauben entweicht.
»So wollte ich das nicht sagen, aber auch das schaffen wir. Als ich vorhin aus dem Fenster geschaut habe, sah es aus, als würde der Sturm etwas nachlassen. Wir könnten heute Abend, wenn wirklich niemand mehr draußen unterwegs ist, zum Strand gehen.«
Natürlich weiß ich, dass er mich mit der Aussicht, eine erholende Runde zu schwimmen, aufheitern will. Blöderweise bin ich jedoch weder blöd noch taub. In jedem wachen Moment höre ich das stete Prasseln der Regentropfen gegen die Fensterscheibe. Von den Sturmböen ganz zu schweigen.
Trotzdem ist der Gedanke mehr als nur verführerisch. »Ob Selma uns das erlaubt?«
»Ob Selma euch was erlaubt?« Genau in dem Moment betritt Neros Mentorin das Wohnzimmer und schaltet auf dem Weg zu uns die Deckenlampe an. Die plötzliche Helligkeit sorgt dafür, dass ich instinktiv das Gesicht verziehe und die Augen zusammenkneife.
Als ich sie wenige Sekunden später wieder öffne, steht Selma mit verschränkten Armen vor uns. Mit ihren eins siebzig ist sie nur ein kleines bisschen größer als ich und besitzt eine zierliche Gestalt, aber das hält sie nicht davon ab, ganz schön einschüchternd zu wirken. Und das obwohl sie obendrein nicht einmal ihre Arbeitskleidung trägt, sondern ein bequemes Set bestehend aus pastellrosa Shorts und einem kurzärmligen weißen Shirt. Außerdem fließen ihre blonden Haare in sanften, wenn auch feuchten Wellen ihren Rücken hinab. Ihre autoritäre Haltung wird allerdings von dem belustigten Schmunzeln auf ihren Lippen ausgeglichen. Sie ist nicht wirklich sauer, sondern zieht uns nur auf.
»Ach, nichts, Sel. Nur so eine...




