E-Book, Deutsch, 122 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Lamb Im silbernen Licht des Mondes
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7457-5370-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 122 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-7457-5370-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der weißen Villa am türkischblauen Meer in Tanger beginnt für Keira die leidenschaftlichste Romanze ihres Lebens! Sie hat sich unsterblich in Gerard verliebt, obwohl sie befürchtet, dass er nur mit ihren Gefühlen spielt. Denn der TV-Reporter scheint über sie nur an Informationen kommen zu wollen ...
Autoren/Hrsg.
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1. KAPITEL
Gerard Findlay sah gerade zu, wie sein Faxgerät eine weitere ärgerliche Nachricht seines Chefredakteurs ausdruckte, als er das Schreien hörte.
Für einen Moment fühlte er sich drei Monate zurückversetzt zu jenem furchtbaren Erlebnis, das ihn immer noch jede Nacht in seinen Träumen verfolgte. Er begann zu zittern, wartete auf das Maschinengewehrfeuer, den ohrenbetäubenden Knall der einschlagenden Raketengeschosse, den Brandgeruch, die Staubwolken zerberstenden Mauergesteins. Dann wurde er sich bewusst, wo er wirklich war und was er da hörte.
Er befand sich in Sicherheit in London, und der Krach kam aus dem Nachbarhaus.
„Diese verdammten Mädchen!“ Zornig wischte er sich die Schweißperlen von der Stirn. „Eines Tages drehe ich ihnen den Hals um!“
Von dem Tag an, als er vor sechs Monaten in eines der kleinen Häuschen in den umgebauten ehemaligen Stallungen, nur einen Steinwurf von der Chelsea Bridge entfernt, eingezogen war, hatten ihn die jungen Frauen von nebenan zum Wahnsinn getrieben. Sie feierten Partys bis zum frühen Morgen, spielten laute Popmusik oder unterhielten sich lautstark von einem Zimmer zum anderen. Gerard hatte an die Wand geklopft, war nach nebenan gegangen, um sich zu beschweren … ohne Erfolg. Schließlich hatte er sich an den Makler gewandt, über den er das Häuschen gemietet hatte.
„Die eine der beiden ist die Stieftochter des Eigentümers“, hatte dieser ihn aufgeklärt. „Die Rothaarige.“
„Ach die.“ Gerard hatte sofort gewusst, wen der Makler meinte: eine große, gertenschlanke junge Frau mit der Anmut einer Tänzerin, einer flammendroten Lockenmähne und grünen Augen, die an den funkelnden Blick einer wütenden Katze erinnerten.
Der Makler hatte vielsagend gelächelt. „Ein reizvoller Anblick, nicht wahr? Genauso wie ihre Freundin, die mit den langen schwarzen Haaren. Sie arbeiten beide als Model.“
„Wollen Sie behaupten, dass nur die beiden dort wohnen?“, hatte Gerard ungläubig gefragt. „In dem Haus wimmelt es doch ständig von Leuten!“
„Ach, Sie wissen doch, wie die jungen Leute heute sind“, hatte der Makler lachend geantwortet. „Da werden Tag und Nacht Partys gefeiert. Hören Sie, ich werde Ihre Beschwerde weiterleiten, aber ich kann Ihnen nichts versprechen.“
Gerard hatte keine Ahnung, wie sein Vermieter auf seine Beschwerde reagiert hatte. Gleich am nächsten Tag war er mit einem Kamerateam in ein vor kurzem noch friedliches kleines Land geschickt worden, in dem nun ein blutiger Bürgerkrieg tobte. Es war sein Beruf, hautnah von den Kriegsschauplätzen dieser Welt zu berichten, und er war sich des Risikos bewusst. Diesmal hatte es ihn erwischt.
Als er schließlich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte er natürlich bemerkt, dass in dem Haus nebenan nur noch die Rothaarige, die Stieftochter des Eigentümers, wohnte. Jedes Mal, wenn sie sich vor dem Haus begegneten, schaute sie eisig an ihm vorbei.
Offensichtlich wusste sie, dass er sich bei dem Makler über sie und ihre Freundin beschwert hatte, und nahm es ihm übel. Hatte ihr Stiefvater der Dunkelhaarigen die Schuld gegeben und ihr gekündigt? Gerard fühlte deswegen Gewissensbisse, denn er hatte das dunkelhaarige Mädchen eigentlich ganz gern gemocht. Am Tag seines Einzugs war sie mit Kaffee und Sandwiches vorbeigekommen, um ihn und die Umzugsleute damit zu bewirten. Die hatten ihn um seine schöne Nachbarin beneidet und gar nicht aufgehört, von ihren langen Beinen zu schwärmen.
Gerard wäre vielleicht interessiert gewesen, wenn er zu dem Zeitpunkt nicht gerade erst eine gescheiterte Beziehung hinter sich gehabt hätte. Er hatte feststellen müssen, dass Judy, mit der er einige Monate zusammen gewesen war, sich während seiner häufigen, beruflich bedingten Auslandsreisen mit anderen Männern getroffen hatte, und sie deswegen zur Rede gestellt. Sie hatte zynisch und ungläubig reagiert, als er ihr versichert hatte, er sei ihr nie untreu geworden. Das war das Ende der Affäre gewesen, und Gerard war noch zu verletzt und enttäuscht, um sich auf eine neue Beziehung einzulassen.
Das dunkelhaarige Mädchen hatte ihn dann zu einer ihrer Partys gleich am folgenden Wochenende eingeladen, aber er war so beschäftigt gewesen, dass er es einfach vergessen hatte. Als sie sich das nächste Mal vor dem Haus begegnet waren, hatte sie ihn deswegen sanft getadelt.
„Diesmal verzeihe ich Ihnen noch“, hatte sie seine Entschuldigung angenommen. „Nächsten Samstag geben wir wieder eine Party. Machen Sie es gut, indem Sie diesmal kommen!“
„Es tut mir Leid“, hatte er mit einem bedauernden Lächeln geantwortet. „Aber ich habe schon die Koffer gepackt, um nach Brasilien zu fliegen.“
„Fürs Fernsehen?“ Ihre Frage war ein stillschweigendes Eingeständnis gewesen, dass sie wusste, wer er war. Gerard war sofort misstrauisch geworden. Luden die beiden Mädchen ihn vielleicht nur ein, weil er eine bekannte Persönlichkeit war? Weil sein Gesicht bald jeden Abend in den Fernsehnachrichten zu sehen war? Gerard war nicht gern prominent. Er verstand sich als Journalist und nicht als Entertainer und hasste es, wenn die Leute ihn umschmeichelten, weil sie sein Gesicht vom Bildschirm her kannten.
„Ganz recht“, hatte er deshalb kurz angebunden geantwortet und ärgerlich hinzugefügt: „Übrigens, könnten Sie und Ihre Freundin vielleicht abends etwas weniger Krach machen? Ich habe ständig Kopfschmerzen, weil Sie bis mitten in die Nacht laute Rockmusik spielen.“
„Aber natürlich“, hatte sie liebenswürdig erwidert.
Natürlich hatte sich nichts geändert. Ganz im Gegenteil, Gerard hatte sogar den Eindruck, dass die beiden danach ihre Stereoanlage noch mehr aufdrehten, und sie luden ihn nicht noch einmal zu einer Party ein. Wenn er an die Wand geklopft hatte, war die Musik noch lauter geworden, wenn er nach nebenan gegangen war, um sich zu beschweren, hatte ihn die Rothaarige angesehen, als sei er eine Schnecke, die ihren Salat wegfräße.
Ein Pochen an seiner Haustür ließ Gerard zusammenzucken. Für einen Moment war er wie gelähmt vor Schreck. Reiß dich zusammen! ermahnte er sich verächtlich. Du bist nicht mehr im Bürgerkrieg, sondern wieder in London, in Sicherheit.
Jemand klingelte Sturm. „Hallo?“, rief eine weibliche Stimme. „Oh bitte, Sie müssen da sein! Bitte, helfen Sie mir!“
Ungeduldig riss er die Tür auf. Seine finstere Miene veranlasste die junge Frau, die draußen stand, einen Schritt zurückzuweichen. Gerard war eine beeindruckende Erscheinung. Groß, schlank und durchtrainiert, erinnerten seine Bewegungen an die Gewandtheit einer Raubkatze. Wann immer die Zeit es ihm erlaubte, hielt er sich durch Squash, Schwimmen und Krafttraining fit.
„Es … es tut mir Leid, wenn ich störe“, sagte die junge Frau stockend.
„Sie sind doch das Mädchen, das nebenan ausgezogen ist!“, bemerkte er erstaunt.
Sie nickte. „Sara Ounissi“, sagte sie erregt und fügte flehentlich hinzu: „Bitte, ich brauche Ihre Hilfe.“ Sie sprach mit leicht fremdländischem Akzent, und der Name klang arabisch. Gerard war sich allerdings sicher, dass sie sich ihm ursprünglich mit einem anderen Zunamen vorgestellt hatte.
„Was ist denn los?“ Er sträubte sich, als Sara versuchte, ihn aus dem Haus zu ziehen. Wahrscheinlich hatten die beiden Mädchen sich gestritten, und er hatte keine Lust, darin verwickelt zu werden.
„Ich muss nebenan ins Haus. Sie lässt mich nicht ein, aber ich weiß, dass sie da ist, denn ich habe sie stöhnen hören. Ich habe Angst, dass sie diesmal stirbt!“
„Stirbt?“, wiederholte er bestürzt. Worüber waren sich die beiden Mädchen in die Haare geraten? Wegen eines Mannes? Die Dunkelhaarige hier wirkte eher sanftmütig: zierlich und feingliedrig gebaut, obwohl wie ihre Freundin groß und elegant von Statur, mit glänzendem pechschwarzem Haar, einem makellosen goldschimmernden Teint und ausdrucksvollen dunklen Rehaugen.
„Bitte, kommen Sie! Verschwenden Sie keine Zeit mit Fragen“, jammerte sie jetzt. „Ich habe schon alles versucht, aber sie macht nicht auf.“
„Vielleicht ist sie ja gar nicht da?“
„Oh doch! Ich habe sie gehört!“
„Haben Sie sich mit ihr gestritten?“
„Nein, nein, es geht um etwas ganz anderes … Keira ist sehr verstört. Ihr ist heute Morgen der Fernsehvertrag gekündigt worden, eine große Werbekampagne für Rexel, die Kosmetikfirma. Während des letzten Jahres war Keira Rexels ‚Gesicht‘. Sie haben sie sicher in der Fernsehwerbung gesehen?“
„Ich habe selten Zeit zum Fernsehen“, antwortete Gerard abweisend. In den letzten drei Jahren hatte er sich mehr im Ausland aufgehalten als zu Hause; und wenn er einmal in England war, dann interessierten ihn schon aus beruflichen Gründen in der Hauptsache Nachrichtenprogramme und politische Magazine.
„Sie sind doch andauernd selbst im Fernsehen!“ Sara machte keinen Hehl daraus, dass sie ihn für einen Heuchler hielt.
„Nur in Nachrichtensendungen!“ Es ärgerte Gerard, wie die Leute zunehmend Nachrichten mit Unterhaltung verwechselten. Er und seine Kollegen setzten nicht selten ihr Leben aufs Spiel, wenn sie von den Kriegsschauplätzen dieser Welt berichteten, und das Fernsehpublikum konsumierte diese Berichte wie einen Abenteuerfilm, bei dem nur Filmblut vergossen wurde! „Werbung sehe ich mir grundsätzlich nicht an.“ ...




