E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Lamb Spiel mir das Lied vom Glück
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-10-400149-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-10-400149-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cathy Lamb, geboren in Newport Beach, Kalifornien, zog im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Oregon, wo sie bis heute lebt. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Im Fischer Taschenbuch Verlag sind ihre Romane ?Spiel mir das Lied vom Glück? und ?Blau wie Schokolade? lieferbar.
Weitere Infos & Material
1
Mein Hochzeitskleid habe ich irgendwo in North Dakota in einen Baum gehängt.
Ich weiß auch nicht, warum ich mich gerade von diesem Baum angezogen fühlte. Vielleicht weil er aussah, als wäre er schon vor Jahren abgestorben und stände nur noch dort, weil er nicht wüsste, was er sonst tun sollte. Ganz allein ragte er in die Landschaft, mit groben, knorrigen Ästen. Sie erinnerten mich an die Fingerknöchel eines bestimmten Menschen.
Ich machte mir nicht die Mühe, an die Seite zu fahren, denn außer meinem gab es kein Auto auf der verstaubten zweispurigen Straße. So musste die Hölle aussehen: Man kam aus dem Nichts und fuhr ins Nichts. Die einzige Abwechslung: ein toter Baum. Viel Spaß beim Schmoren!
Das Radio erstarb, die Stille dröhnte in meinem Kopf. Ich öffnete den Kofferraum und war sofort eingehüllt in den weißen Tüll, die Spitze und die Volants meines Hochzeitskleids. Ich hatte es von Anfang an gehasst, aber er war begeistert gewesen.
Er war begeistert, weil es hochgeschlossen war und züchtigunschuldig aussah. Himmel, wenn ich es anzog, kam ich mir vor wie eine weiße Torte.
Die Sonne brannte mir auf den Kopf, als ich zum Baum stolperte und durch seine Zweige zum blauen Himmel emporsah, der sich in dreieckigen Ausschnitten über mir wölbte. Das wirre Geäst bildete einen Irrgarten ohne Ausweg. Ein flugunfähiges Insekt hätte hier keine Chance gehabt. Es würde krabbeln und krabbeln, verzweifelt nach einem Weg vom Baum herunter suchen, aber niemals einen finden. Den letzten gequälten Atemhauch täte es in völliger Verwirrung und Verzweiflung.
Ja, auch so konnte man sich die Hölle vorstellen.
Ich versuchte, das Kleid nach oben zu werfen, aber es fiel mir auf den Kopf. Ebenso beim zweiten und dritten Versuch, was mich nur noch wütender machte.
Ich war sogar zu blöd, mein eigenes Hochzeitskleid loszuwerden.
Plötzlich bekam ich keine Luft mehr. Mein Herz fing an zu rasen, und es kam mir vor, als sei die Luft aus dem Universum gesogen worden, ein Gefühl, das mir in den letzten sechs Monaten immer vertrauter geworden war. Ich hatte den schleichenden Verdacht, an einer schrecklichen Krankheit zu leiden, aber zu viel Angst, um herauszufinden, was es war. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mir einzureden, dass ich nicht selbstmordgefährdet sei. Um so etwas Störendes konnte ich mich nicht kümmern.
Vor Anstrengung wurden meine Arme schwer, außerdem konnte ich kaum atmen. Meine eiskalten Hände begannen zu zittern.
Ich bildete mir ein, das Kleid würde mich ersticken, die widerliche Seide verklebte mein Gesicht. Schließlich gab ich mich geschlagen und fiel der Länge nach in den Dreck.
In vielen Jahren würde hier jemand mit dem Auto anhalten, einen Berg weißen Tülls lupfen und mein Skelett darunter finden. Das heißt, wenn die Geier mich nicht vorher abnagten. Gab es überhaupt Geier in North Dakota?
Aus Angst vor Geiern, nicht vor dem Tod, drehte ich mich schließlich auf die Seite. Ich trat das Kleid von mir und schrie es an, benutzte alle mir bekannten Schimpfwörter. Jetzt ist es so weit, dachte ich, am ganzen Körper zitternd: Ich verliere den Verstand.
Kleine Korrektur: Ich habe ihn längst verloren.
Mir floss der Schweiß in Strömen, als ich versuchte, das Kleid in Grund und Boden zu stampfen, vielleicht um es zu bestrafen, weil es sich nicht in den Ästen verfangen wollte. Oder weil es überhaupt existierte. Schließlich hängte ich es mir wie eine Schlinge um den Hals und kletterte den toten Baum hinauf. Schweiß lief mir in die Augen.
Die Rinde krümelte und riss ab, aber es gelang mir, einen knappen Meter hochzukraxeln. Dann gab ich dem weißen Monstrum einen letzten Schubs, und es blieb an einem Ast hängen, der wie der gekrümmte Finger einer Hexe aussah. Das schwere Oberteil rutschte ein wenig, bis die lange Schleppe, jetzt verziert mit dem berühmten Staub North Dakotas, sich wie eine Schlange hinunter zum ausgetrockneten Erdboden wand.
Ich versuchte, zu Atem zu kommen. Mein Herz hämmerte mit Hochgeschwindigkeit in meiner Brust, heiße Tränen liefen mir über die Wangen, zogen helle Spuren durch den Staub.
Ich hatte noch die Schneiderin im Ohr:
»Warum soll das Kleid bloß so hochgeschlossen sein?«, hatte sie mit scharfer Stimme gefragt. »So ein Dekolleté, meine Liebe, das muss man zeigen, nicht verstecken!«
In ihrem schicken Atelier hatte ich meinen großen Busen betrachtet. Überall waren Spiegel. Meine Brüste wogten unter der weißen Seide, als wollten sie fortlaufen. Sie waren so groß wie mein Hintern, aber der würde wenigstens von dem Rock bedeckt werden.
Robert Stanfield III hatte sich klar ausgedrückt: »Achte darauf, dass du einen weiten Rock bekommst. Ich will dich nicht in so einem hautengen Teil sehen, in dem man jede Rolle erkennt. Dafür hast du nicht die richtige Figur, Kröte.«
Er nannte mich immer Kröte. Oder Opossum. Oder Frettchen. Wenn er richtig wütend wurde, war ich das Brauereipferd.
Dass mein Hintern so groß ist, leuchtet mir ein, das liegt an der Schokolade, aber die Größe meiner Brüste habe ich nie begriffen. In der fünften Klasse begannen sie zu sprießen und wuchsen immer weiter. In der achten Klasse flehte ich meine Mutter an, mir die Brüste verkleinern zu lassen. Tatsächlich ließ sie sich erweichen, aber nur weil ihre Freunde mich immer begafften. Oder betatschten. Oder noch Schlimmeres taten.
Natürlich war der Arzt entsetzt und sagte nein. Und jetzt stand ich hier mit vierunddreißig Jahren und hatte immer noch diese wuchtigen Melonen. Merke: Erstens Geld verdienen. Zweitens Melonen loswerden.
Aber die Schneiderin war da anderer Ansicht. »Das ist Ihr Hochzeitstag!«, schimpfte sie, und ihr graues Haar knisterte. »Warum wollen Sie sich verstecken?«
Ich stand da und druckste herum, ertrank in diesem Stoff, der so schwer war, dass ich kaum darin gehen konnte. Dann murmelte ich irgendetwas Bescheuertes, ich würde altmodische Kleider lieben, aber ich merkte, dass sie mir nicht glaubte.
Sie klemmte sich drei Nadeln zwischen die Lippen, ihre Augen glotzten groß hinter der rosa Brille. »Hmpf«, machte sie. »Hmpf. Tja, ich habe Ihren Verlobten kennengelernt.«
Es klang vorwurfsvoll. Als sei er ein Verbrecher. »Nun, dann wissen Sie ja, dass er aus einer sehr alteingesessenen Bostoner Familie kommt, die so eine gewisse Art hat.« Ich versuchte, selbstsicher und ein wenig erhaben zu klingen. Meine ehemalige Schwiegermutter in spe konnte das hervorragend. Sie war eine Meisterin darin, anderen das Gefühl zu geben, minderwertig zu sein.
»Eine alteingesessene, Familie«, murmelte die Schneiderin in sich hinein. »Und diese Mutter! Wenn die nicht einen Stock im Hintern hat!«
Sie sprach leise vor sich hin, doch ich hörte es trotzdem.
»Also gut, Liebes. So möchten Sie es also haben?«
Wieder durchbohrte sie mich mit ihren scharfen Eulenaugen, und ich konnte mich nicht bewegen, war gefangen wie eine Maus in der Falle, die wusste, dass sie gleich gefressen würde.
Die Schneiderin ließ die Hände sinken. »Wirklich?«, fragte sie leise, aber mit all den Nadeln im Mund kam es undeutlich heraus. »Ganz bestimmt?«
»Ja, natürlich.« Und in dem Moment schrie etwas in mir auf. Hoch, langanhaltend und schrill. Monatelang war alles ruhig gewesen, manchmal hatte ich mein Inneres fast weinen hören, es aber ignoriert. Schließlich war ich endlich verlobt, und ich wollte den Mann nicht vergraulen.
Das frühere Leben im Trailer hatte ich hinter mir gelassen, hatte mich durch die Schule gequält, gleichzeitig Vollzeit gearbeitet und gegen die wiederkehrenden Albträume meiner Kindheit angekämpft. Ich bekam eine gute Stelle in einem Kunstmuseum. Die Leute dachten wirklich – und das ist das Lustige –, ich sei normal. Der widerliche Geruch von Armut und asozialem Leben war jetzt nur noch als Hauch in meiner Nähe wahrnehmbar.
Ich versuchte, stolz darauf zu sein.
Zu dem Zeitpunkt war meine Hochzeit noch genau zwei Wochen entfernt.
Und genau zwei Wochen später war ich auf der Flucht.
Ich bückte mich zum rissigen Boden hinunter und klaubte eine Handvoll Erde auf, die ich gegen das Kleid warf. Ein Teil davon landete auf meinem Kopf.
Ich spuckte aus, wischte mir mit schmutzigen Händen die Tränen aus dem Gesicht. Als ich mein linkes Auge berührte, zuckte ich zusammen. Es war noch immer geschwollen. Verdammt. Das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich wollte nicht mit geschwollenem, blauem, blutunterlaufenem Auge in die Kirche schreiten.
Dann hätten alle gewusst, wie verzweifelt ich war.
Auf dem Absatz machte ich kehrt und ging zurück zum Auto. Ich stieg aufs Gas, und der alte Motor protestierte kreischend. Mein Hochzeitskleid flatterte zum Abschied wie ein Gespenst im Wind. Zum Fürchten.
Auf Wiedersehen, Hochzeitskleid, dachte ich und wischte neue Tränen fort. Ich bin pleite. Ich habe eine Riesenangst vor der Zukunft. Oft kann ich kaum atmen wegen meiner Angstkrankheit. Ich kann dich nicht gebrauchen, du taugst nur als Dekoration eines toten Baumes in der Hölle.
Ich war unterwegs zu meiner Tante Lydia in Oregon. Alle Angehörigen unserer kaputten Familie hielten sie für verrückt, was bedeutete, dass sie die einzig Vernünftige in der ganzen Mischpoke war.
Robert würde mich suchen, aber es würde eine Zeitlang dauern, bis er mich fand, da meine Mutter in der letzten Woche mit ihrem neusten Liebhaber nach Minnesota durchgebrannt war und ihm die Adresse von Tante Lydia nicht würde geben können. Fast musste ich lachen. Das würde Robert ganz und gar nicht gefallen.
Aber er würde kommen. Rasend vor Wut und Demütigung, und mit einer kranken, perversen...




