E-Book, Deutsch, Band 1, 575 Seiten
Reihe: Zwillingsblut
Lambertus Zwillingsblut - Der Kampf der Zwerge
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5678-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 575 Seiten
Reihe: Zwillingsblut
ISBN: 978-3-7325-5678-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dunkelheit überzieht das Land. Die Horden des Kettenfürsten marschieren, um auch noch die letzten freien Länder der Menschen, Elben und Zwerge zu unterwerfen. Letzte Hoffnung ist eine Prophezeiung: Sie berichtet von Zwillingen, die die Ketten des Fürsten sprengen werden, um ihn zu besiegen.
Im unterirdischen Zwergenreich Tokrond leben der stille Runenschmied Gorin und seine draufgängerische Zwillingsschwester Galdra. Sie ahnen nichts von ihrer möglichen Bestimmung, bis ihnen die geheimnisvolle Winterseherin davon erzählt. Doch nicht nur Gorin und Galdra könnten die angekündigten Erlöser sein - und die Zeit arbeitet gegen sie ...
Hendrik Lambertus, 1979 geboren, lebt mit seiner Familie in Norddeutschland. Er studierte in Tübingen Skandinavistik, ältere Germanistik und Indologie und widmete sich danach seiner Doktorarbeit zur spätmittelalterlichen Literatur Islands. Noch heute dient ihm die Auseinandersetzung mit alten Texten aus den unterschiedlichsten Kulturräumen als Inspiration für das eigene Schreiben. Mit Zwillingsblut - Der Kampf der Zwerge legt er sein Debüt vor.
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ERSTES KAPITEL
TOKROND, DAS FESTUNGSREICH DER EISENZWERGE
DIE ÄUSSEREN HÖHLEN
Die Königreiche der Zwerge waren tief in die Herzen der Berge gegraben. Generationen von Baumeistern hatten immer neue Stollen und Hallen angelegt, Schächte und Treppen, die in die Tiefe führten, Verteidigungswerke und gewundene Passagen. Zahllose Steinmetze hatten die Stollenwände mit Runentafeln geschmückt, die Hallen mit grimmigen Wächterstatuen versehen und jede einzelne Säule zu einem Kunstwerk gemacht, in dessen Details man sich stundenlang verlieren konnte.
Doch zwergische Kunstfertigkeit war nichts gegen die Pracht, mit der Dwaldarin, der göttliche Schmied, die natürlich gewachsenen Höhlen im Fels bedacht hatte. Hier gab es ganze Wälder von Tropfsteinen, Wände aus Sintergestein, die wie weiß erstarrte Wasserfälle schimmerten, und zwergengroße Kristallgebilde, in denen alle Farben des Regenbogens spielten. Manchmal weiteten die Höhlen sich wie die Kuppel eines Doms, manchmal musste man sich durch einen engen Durchgang zwängen, um plötzlich am Ufer eines Höhlensees zu stehen, in dem sich bleiche Wassergeschöpfe tummelten.
Gorin schaute sich prüfend um, während er zusammen mit den anderen Zwergen des Wachtrupps durch die äußeren Höhlen von Tokrond marschierte. Gelegentlich blieb er kurz stehen, um einen besonders schönen Tropfstein genauer zu betrachten, während er sich andächtig über den geflochtenen Bart strich. Doch sie befanden sich nicht auf einem Vergnügungsausflug, und so zwang er sich immer wieder, zu den anderen aufzuschließen.
Die Kettenmäntel der Zwerge rasselten im Takt ihrer schweren Schritte, gelegentlich durchsetzt von einem Klirren, wenn eine Streitaxt oder ein Kriegshammer beim Gehen gegen eine Rüstung stieß. Sie waren viel zu laut, fand Gorin, für den in den Höhlen einzig heilige Stille angemessen war.
Es war etwas Besonderes für ihn, in den äußeren Höhlen unterwegs zu sein. Seine Arbeit als Runenschmied band ihn für gewöhnlich an die inneren Hallen, weshalb er nur selten hierherkam, in die Welt der Tropfsteine und Kristalle. Doch es oblag allen Zwergen von Tokrond gleichermaßen, die Grenzen des Königreichs zu bewachen, und heute war die Gilde der Runenschmiede an der Reihe, einen Teil des Wachtrupps zu stellen.
Wie alle Zwerge war auch Gorin geübt im Kampf mit der Streitaxt und an das Tragen einer schweren Kettenrüstung gewöhnt, wenn auch beides nicht gerade seine Stärke war. Für den Wachrundgang hatte er sich extra Eisenringe in seinen blonden Bart geflochten, um kriegerischer zu wirken. Seine Schwester Galdra hatte breit gegrinst, als er so zum Dienst erschienen war.
Gorin warf ihr beim Marschieren einen Seitenblick zu. Sie gehörte der Gilde der Höhlengänger an, deren Angehörige die Wachtrupps stets anführten. Mit dem kompakten Rucksack, den sie über dem Kettenpanzer trug, konnte sie zur Not für Wochen in den Höhlen überleben. Zudem war sie mit Streitäxten und Wurfbeilen von unterschiedlicher Form und Größe behängt, die jeweils perfekt an die Schwachstellen verschiedener Höhlen-Ungeheuer angepasst waren. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu dicken, praktischen Zöpfen gebunden, ihre Wangen waren von feinem Bartflaum bedeckt. Lediglich am Kinn trug sie den Frauenbart länger und zu zwei neckischen Zöpfchen geflochten. Als sie Gorins Blick spürte, lächelte sie ihm aufmunternd zu. Obwohl er nur eine leichte Armbrust und eine Handaxt am Gürtel mit sich führte, setzte ihm der Fußmarsch deutlich stärker zu als seiner voll ausgerüsteten Schwester.
Der Trupp durchquerte im Gänsemarsch einen engen, besonders steil ansteigenden Gang und betrat nun das Gebiet der Irrlichtgrotten. Hier wuchsen spiegelglatte, vielarmig verzweigte Kristalle aus Boden, Wänden und Höhlendecke, zwischen denen blassviolette Lichter umherhuschten. Manche sagten, dass diese Lichter die Seelen armer Zwerge seien, die sich einst in den Höhlen verirrt hatten. Gorin glaubte eher an die Erklärung, dass es sich um verspielte Naturgeister der Berge handelte, die zwischen den Kristallen zu Hause waren. Ihr Anblick war jedenfalls erfreulich schön, ganz im Gegensatz zu dem brennenden Gefühl in seinen Fußsohlen.
»Halt machen zur Essensrast!«, kommandierte schließlich Naribran, der Obmann der Höhlengängergilde. Ein glatzköpfiger Veteran mit langem grauen Bart, dessen Augenklappe stolz von einem vergangenen Kampf gegen einen Häuptling der Höhlentrolle kündete.
Mit einem erleichterten Schnaufen setzte sich Gorin auf einen Felsabsatz und legte seine Armbrust neben sich ab. Die anderen Zwerge des Trupps, insgesamt zwölf an der Zahl, ließen sich ringsum ebenfalls niedersacken. Sie befanden sich in einer größeren Höhle der Irrlichtgrotten, in deren Zentrum eine mächtige Kristallformation von besonders vielen Lichtern umtanzt wurde. Ihr Flackern war die einzige Lichtquelle. Die Augen der Zwerge sahen im Dunkel unter den Bergen so gut wie im hellen Sonnenlicht, sodass sie keine Laternen mit sich zu führen brauchten.
»Wurde auch Zeit«, brummte Gorin, während er seine Fladen aus gebackenen Höhlenpilzen auspackte.
»Du brauchst mehr Übung, kleiner Bruder«, sagte Galdra grinsend. »Jeder Zwerg sollte sein eigenes Gewicht an Waffen und Ausrüstung in die Schlacht tragen können!«
Gorin zog eine Grimasse. Er war am selben Tag wie seine Schwester zur Welt gekommen, doch da sie vorwitzig den Anfang gemacht hatte, betrachtete sie ihn seit jeher als ihren kleinen Bruder.
»Gorin ist mit dem Schmiedehammer genauso ausdauernd wie du mit der Streitaxt, Galdra«, warf Onkel Barudrin ein, der sich zu ihnen gesellte. Der rundliche Zwerg trug seinen Bart zu zahllosen schwarzen Zöpfen geflochten, über denen fröhlich eine dicke rote Nase leuchtete. Gorin nickte ihm dankbar zu. Onkel Barudrins beste Eigenschaft war es gewiss, dass er jeden so nahm, wie er war. Er hatte sich sichtlich gefreut, als Gorin sich für das Handwerk des Runenschmieds entschieden hatte und bei ihm in die Lehre gegangen war. Doch er freute sich genauso über Galdra, die schon als Mädchen begeistert hundsgroße Grottenspinnen gejagt hatte und schließlich der Kriegergemeinschaft der Höhlengänger beigetreten war.
»Sie hat ja recht, Duroscha«, meinte Gorin, während er sich den Bart glattstrich und die Bartspitze ordentlich in seinen Gürtel steckte. So nannten die Zwillinge Barudrin von Kindheit an: Duroscha. Onkelchen. »Man sollte in Übung bleiben. Wer weiß, welche Aufgaben einen noch erwarten.«
Galdra schaute auf und nickte ihm kaum merklich zu. Sie hatte verstanden.
»Die äußeren Höhlen zu sichern ist ganz gewiss eine wichtige Aufgabe!«, polterte Nurdrin, der Sohn von Obmann Naribran. Er war ein stattlicher Zwerg mit mächtigem Lockenbart, der immer etwas zu laut sprach. »Nach außen hin ist Tokrond durch den undurchdringlichen Fels der Berge geschützt, aber nach innen, in die Tiefen der Höhlen hinein, müssen wir wachsam bleiben! Schon mehr als einmal hat die Bergbau-Gilde zu tief gegraben und alte Schrecken im Berg geweckt.« Er wiederholte sehr gerne die langen Monologe seines Vaters über die Wichtigkeit der Höhlengänger.
»Den Schutz der Berge werden wir brauchen«, warf Pordra ein, eine junge Runenschmiedin, die im letzten Jahr zusammen mit Gorin die Gildenprüfung abgelegt hatte. Sie trug die Wangen nach der neumodischen Art der Menschenfrauen glattrasiert, doch ihr Kinn zierte ein einzelner roter Bartzopf. »Mein Vetter hat mir erzählt, dass am Nordtor wieder Flüchtlinge eingetroffen sind: Kristallzwerge, diesmal einige hundert. Die Truppen des Kettenfürsten rücken immer schneller vor. Sie haben nun auch das Herzogtum Swertengund und Teile des nördlichen Menschenreichs Skovrik überrannt und belagern seit Neuestem die Tore von Kurrond, dem Reich des Kristallvolks. Bald werden wir vom Eisenvolk die letzten freien Zwerge sein.«
Gorin bemerkte, wie Galdra unwillkürlich die Fäuste ballte. Sein Magen fühlte sich plötzlich wie ein Klumpen kalter Schlacke an. Seit vielen Jahren überzog der Kettenfürst die freien Länder mit Krieg. Seine Söldner und dunklen Geschöpfe hatten fast die gesamte bekannte Welt eingenommen. Gorins und Galdras Eltern waren im Kampf gegen ihre Übermacht gefallen und hatten nur schmerzliche Erinnerungen zurückgelassen. Glücklicherweise hatte sich Onkel Barudrin der Zwillinge angenommen.
»Tokrond wird der Kettenfürst jedenfalls nicht kleinkriegen!«, bellte Turidran, ein altersgebeugter Runenschmied mit bodenlangem Bart, der den Wachtrupp nur begleitete, weil er vehement darauf bestand, weiterhin seine Pflicht zu tun. »Wir können die Tore unbegrenzt geschlossen halten und uns von dem ernähren, was die Gilde der Pilzhüter in ihren Farm-Höhlen anbaut!«
»Wenn nur der Gilde der Bierbrauer nicht der Hopfen aus den Menschenlanden ausgeht«, setzte Galdra mit gezwungener Leichtigkeit nach. Erschrockenes Gemurmel kam unter den Zwergen auf.
»Dann brauen wir eben Stollenbier aus Höhlenpilz-Sporen wie unsere Vorfahren«, entgegnete Onkel Barudrin, der in allem etwas Gutes finden konnte. Gorin erschauderte bei dem Gedanken an das bittere Zeug, das zuweilen bei feierlichen Anlässen in mächtigen Zinnhörnern ausgeschenkt wurde. Die zwergische Bierbraukunst war in der Tat auf das Getreide der Oberflächenbewohner angewiesen.
»Stollenbier verleiht den Kriegern Stärke«, brummte der einäugige Obmann Naribran, wozu sein Sohn Nurdrin heftig nickte. »Es heißt, dass die Zwergenheere der alten Tage immer große Kessel voll Stollenbier auf gepanzerten Wagen mit sich führten. Es wurde mitten im Schlachtgetümmel ausgeschenkt, und die Bierwagen wurden heftiger verteidigt...




