E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Lammers / Burmester Medikamenten-Compliance in der Psychotherapie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12510-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-608-12510-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maren Lammers , Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin, Praxisinhaberin, Dozentin, Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin für Verhaltenstherapie, Hypnotherapie sowie emotionsbezogene Psychotherapie (Psychotherapeutenkammer und Ärztekammer). Ihre Schwerpunkte sind neben der Verhaltenstherapie emotionsbezogene Psychotherapie, Hypnotherapie nach Milton Erickson sowie Schematherapie. Autorin mehrere Fachbücher und Fachbeiträge sowie Blogbeiträge und Vortragsreihen.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
2
In Deutschland wird der Begriff Arzneimittel wie folgt definiert:
»Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die zur Anwendung im oder am menschlichen Körper bestimmt sind und als Mittel mit Eigenschaften zur Heilung oder Linderung oder zur Verhütung menschlicher Krankheiten oder krankhafter Beschwerden bestimmt sind oder die im oder am menschlichen Körper angewendet oder einem Menschen verabreicht werden können, um entweder die physiologischen Funktionen durch pharmakologische, immunologische oder metabolische Wirkungen wiederherzustellen, zu korrigieren oder zu beeinflussen oder eine medizinische Diagnose zu stellen.«
(§ 2 Absatz 1 AMG, Bundesministerium für Gesundheit)
Arzneimittel haben eine sehr lange Geschichte in der Menschheit. Die ersten Arzneimittel bestanden zumeist aus Pflanzen, Pflanzenbestandteilen wie Beeren oder Blüten und Heilkräutern. Schon früh wurden aber auch mineralische Stoffe oder tierische Bestandteile genutzt, um Krankheiten und/oder Verletzungen zu behandeln oder erwünschte Wirkungen zu erreichen. Neue medikamentöse Unterstützungen zum Beispiel bei Lungenerkrankungen ist die reine Gabe zum Beispiel von Sauerstoff.
Entgegen den Erwartungen erscheint eine trennscharfe, definitorische Unterscheidung zwischen den Begrifflichkeiten Arzneimittel und Medikament nicht zu bestehen. Wir haben uns daher entschieden, beide Formulierungen wie allgemein gebräuchlich synonym zu verwenden. Der Begriff Arzneimittel schließt Medikamente ein, beinhaltet aber deutlich mehr wie beispielsweise Kontrastmittel, die der Diagnostik dienen. Nahrungsergänzungsmittel sind in seltenen Fällen auch Medikamente, wenn das Fehlen der Substanzen beispielsweise zu einem deutlichen Mangel führt und Symptome verursacht, zum Beispiel Vitamin B12, Vitamin D. Arzneimittel werden zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Erkrankungen verwendet.
Arzneimittel haben erwünschte Wirkungen, unerwünschte Wirkungen, Wechselwirkungen untereinander (zum Teil auch mit Nahrungsmitteln), Folgewirkungen, die zum Teil deutliche irreversible Schäden hinterlassen können (vgl. dazu auch Kapitel 1.4). Mit unterschiedlichen Halbwertzeiten können Arzneimittel zeitweise in unterschiedlichen Versionen verordnet werden (akut vs. prolong). Manche Medikationen müssen eingeschlichen werden: Dabei wird mit einer geringeren Dosis begonnen und diese wird gesteigert. Es gibt Medikationen, die erst ab einem bestimmten Wirkspiegel ihre erwünschte Wirkung erreichen. Unterhalb des Spiegels können Effekte auch therapeutisch genutzt werden, zum Beispiel Antidepressiva bei Schmerzen. Absetz- und Ausschleicherscheinungen sind bei Psychopharmaka bekannt, aber auch bei anderen Arzneimitteln zu finden.
Eine Unterscheidung zwischen akut notwendigen Medikationen, Bedarfsmedikationen, Dauermedikationen bei chronischen Erkrankungen oder eine Einnahme von Arzneimitteln aus prophylaktischen Gründen, zum Beispiel zur Risikominderung, ist sinnvoll.
Abb. 8: Es gibt unterschiedliche Arten der Medikation
Es ist üblich, Medikamente mehreren Gruppen zuzuordnen und je nach Erkrankung/Symptomatik spezifisch zu verschreiben. Daraus ergeben sich auch verschiedene Darreichungsformen, die sich bezüglich Dosishöhe, Halbwertzeit etc. unterscheiden.
Zudem gibt es steigende Tendenzen frei verkäufliche Mineralien und Spurenelemente oder Vitamine selbstständig zu substituieren. Nahrungsergänzungsmittel können zu Überdosierungen führen und/oder sich in Laborergebnissen widerspiegeln. Ziel der Substitution ist oft, eine bestimmte Wirkung, zum Beispiel eine Stärkung des Immunsystems oder, den Muskelaufbau zu fördern, zu erreichen.
2.1
Innerhalb von Therapien gibt es Gespräche über die aktuelle Medikation, Unsicherheiten, Unzufriedenheiten, Unklarheiten über deren Wirksamkeit. Unsere therapeutische Erfahrung ist: Wird beispielsweise ein psychopharmakologisches Medikament als hilfreich erachtet, gibt es diesbezüglich kaum Gesprächsbedarf innerhalb der Therapie. Bei Unsicherheiten oder subjektiv zu wenig Wirksamkeit der Medikation wird dies auch häufig innerhalb der nicht-ärztlichen Behandlung thematisiert. Natürlich gilt hier, immer auf das Gespräch mit dem:der ambulanten Psychiater:in bzw. dem:der behandelnden Ärzt:in zu verweisen.
Was jedoch innerhalb der Psychotherapie thematisiert und bearbeitet werden kann, sind die z. T. dysfunktionalen Überzeugungen seitens der Patient:innen oder Haltungen, die die Einnahme von Arzneimitteln beeinträchtigen können. Durch grundlegende Psychoedukation können sich Unsicherheiten seitens der Patient:innen reduzieren. Hierfür bedarf es seitens uns Therapeut:innen eines gewissen Hintergrundwissens. Weiterführend können wir vor allem dabei unterstützen, dass keine Medikamente ohne Rücksprache mit den ärztlichen Behandler:innen vorzeitig abgesetzt werden. Oder, was ebenfalls recht häufig vorkommt, die Dosierung »selbstständig« verändert wird. Medikamenten-Compliance unterliegt über den Behandlungsverlauf hinaus auch einem Wandel.
Bei psychopharmakologischen Behandlungen ist es ganz klar: es gibt sogenannte unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Im Beipackzettel eines Arzneimittels wird detailliert darüber berichtet, welche unerwünschten Arzneimittelwirkungen in welcher Wahrscheinlichkeit auftreten können. Für eine psychotherapeutische Behandlung gibt es einen solchen Beipackzettel meist nicht. Das bedeutet, dass wir Psychotherapeut:innen unsere Patient:innen darüber aufklären müssen, dass auch bei psychotherapeutischen Behandlungen unerwünschte Psychotherapienebenwirkungen auftreten können. Beispielsweise können wir Patient:innen dabei unterstützen, sich gesünder und selbstfürsorglicher zu verhalten. Dies kann sich zum Beispiel im beruflichen oder partnerschaftlichen Kontext zeigen: Wir können empfehlen, dass unsere Patient:innen lernen, sich besser abzugrenzen und die eigenen Bedürfnisse besser zu äußern. Dies kann jedoch zu Schwierigkeiten innerhalb des Kollegiums oder innerhalb der partnerschaftlichen Dynamik führen. Das sind nur zwei Beispiele, wie es durch Psychotherapie zu (unerwünschten – je nach Sichtweise und Perspektive) Nebenwirkungen kommen kann. Es ist also unsere Aufgabe, den:die Patient:in detailliert darüber in Kenntnis zu setzen, dass auch eine Psychotherapie unerwünschte Nebenwirkungen haben kann.
Wenn wir davon ausgehen, dass es keine Nebenwirkungen von Psychotherapie gibt, dann gehen wir im Grunde davon aus, dass sie gar keinen Nutzen hat. Die Forschung zu möglichen Nebenwirkungen von Psychotherapie ist ein neues und großes Forschungsfeld. Unsere zentrale Vermutung besteht darin, dass dies bisher nicht beforscht wurde, da dies nicht mit unserem Selbstbild übereinstimmt – also wir uns bzw. unser Handeln nicht gern mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehend wissen wollen. Klassische psychotherapeutische Behandlungsfehler sind zum Beispiel Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen / Schädigung Dritter, psychotische Dekompensation, das Erstellen unrealistischer Therapieziele oder das Nicht-Berücksichtigen unterschiedlicher kultureller Hintergründe. In diesem Kontext wollen wir nur auf einige wenige Behandlungsfehler kurz eingehen, wissend, dass es zukünftig noch einige neue Erkenntnisse aus der Forschung geben wird.
Behandlungsfehler und unerwünschte Wirkungen gibt es nicht nur im medizinischen Kontext, sondern auch in psychotherapeutischen Behandlungen kommt es immer wieder zu Behandlungsfehlern, zum Beispiel zu grenzüberschreitendem oder manipulativem Verhalten seitens Therapeut:innen und zu Abhängigkeit und Bevormundung der Patient:innen (Woody-Allen-Syndrom). Unsere Tätigkeit achtsam und reflektierend zu beobachten, gehört auch zu unseren beruflichen Verpflichtungen.
2.2
Die unter der Überschrift ausgeführten Formulierungen begegnen uns im Behandlungsalltag vornehmlich dann, wenn wir Arzneimittel und Medikationen der Patient:innen ansprechen. Während der Placeboeffekt umgangssprachlich ziemlich geläufig ist und wir diesen therapeutisch nutzen können, ist der Noceboeffekt deutlich weniger bekannt. Während es für ersteren Begriff über vier Millionen Suchergebnisse gibt, sind es für den Noceboeffekt nur rund 61 000 (Stand März 2024). Bereits im Kindesalter haben wir erste Erfahrungen mit der Wirksamkeit des Placeboeffekts gemacht: Bei einer Schürfwunde wird einmal gepustet, ein (möglichst buntes) Pflaster auf die Wunde geklebt und schon tut es weniger weh.
2.2.1
Was wir wissen sollten, ist, dass sowohl Medikamente ohne Wirkstoff von dem Placeboeffekt »profitieren« können als auch Medikamente, die über eine »nachgewiesene« Wirkung verfügen. In beiden Fällen kann der Placeboeffekt zu einer Steigerung einer »Wirkung« beitragen.
Bei Medikamenten ohne Wirkstoff empfinden nach Angaben der Schmerzforscherin Dr. Ulrike Bingel (AOK Gesundheitsmagazin 2022) 20 bis 90 % der Studienteilnehmer:innen eine Schmerzlinderung, obwohl das eingenommene Medikament keinen schmerzstillenden Wirkstoff hatte. Bei Medikamenten, die über einen Wirkstoff verfügen, kann deren Wirksamkeit durch den Placeboeffekt verstärkt werden. Den Placeboeffekt gibt es jedoch nicht nur bei Arzneimitteln, sondern auch bei weiteren medizinischen und therapeutischen Interventionen. Was bedeutet dies nun für die Psychotherapie?
Es ist bekannt, dass der Placeboeffekt durch mindestens zwei...




