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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 41, 376 Seiten
Reihe: edition pace
Landauer / Bürger / Rolletschek Abschaffung des Kriegs durch Selbstbestimmung
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-6530-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ausgewählte Texte 1895 - 1919
E-Book, Deutsch, Band 41, 376 Seiten
Reihe: edition pace
ISBN: 978-3-6957-6530-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gustav Landauer (geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe; ermordet am 2. Mai 1919 im Gefängnis Stadelheim in München): Anarchist, Schriftsteller, Publizist, Übersetzer, Philosoph, Antipolitiker und Antimilitarist. Gustav Landauer wurde in ein liberales jüdisches Elternhaus geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Er gilt als bedeutendster Vertreter des anarchistischen Sozialismus im deutschsprachigen Raum. Bis 1917 war er als Redakteur, Redner und Organisator zahlreicher libertärer Projekte hauptsächlich in Berlin aktiv. Hier lernte er u.a. Fritz Mauthner, Bruno Wille, Hedwig Lachmann, Erich Mühsam und Martin Buber kennen. Landauer war Redakteur der Zeitschrift "Der Sozialist", Mitbegründer u.a. der Neuen freien Volksbühne (1892), der Konsumgenossenschaft "Befreiung" (1895), des Sozialistischen Bundes (1908) und der Zentralstelle Völkerrecht (1916). Im November 1918 ging er auf Einladung Kurt Eisners nach München, wo er in den Revolutionären Arbeiterrat kooptiert wurde. Während der ersten Räterepublik vom 7. bis 13. April 1919 war er "Volksbeauftragter für Volksaufklärung" (ehem. Kultusminister). Im Zuge der Niederschlagung der zweiten, kommunistischen Räterepublik wurde Landauer verhaftet und am 2. Mai 1919 bei seiner Einlieferung in das Gefängnis Stadelheim von einer Soldateska gelyncht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
„Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit“
Vier Weg-Texte Gustav Landauers 1901-1915
„Wer tötet, geht in den Tod.
Die das Leben schaffen wollen,
müssen Neulebendige und von
innen her Wiedergeborene sein.“
Anarchische Gedanken über Anarchismus
(1901)117
Ich erinnere mich an ein Wort, das der englische Anarchist Mowbray 1893 auf dem internationalen Sozialistischen Kongreß in Zürich gesprochen hat. Es handelte sich darum, ob die Anarchisten das Recht hätten, am Kongreß theilzunehmen oder nicht. Nach stürmischen Debatten war eine Resolution durchgegangen, wonach nur solche zugelassen sein sollten, die für die „politische Aktion“ einträten. In diesem Moment, wo wir Anarchisten schon ausgeschlossen zu sein schienen, brachte Mowbray noch einmal durch einen pathetischen Witz die Waage ins Schwanken. Er erklärte: die Anarchisten seien nur Gegner der parlamentarischen, gesetzgeberischen, staatlichen Aktion. Die That des Brutus, rief er aus, war eine eminent politische Aktion. Wir sind für die politische Aktion und müssen also zugelassen werden.
Dies Wort scheint mir überaus geeignet, die seltsame Erscheinung zu erklären, daß es fast zum anarchistischen Dogma geworden ist, die Tötung von Staatsoberhäuptern, wenn erst vollbracht, als etwas Anarchistisches anzusehen; daß ferner in der That fast alle Attentäter der letzten Jahrzehnte von anarchistischen Grundgedanken ausgegangen sind. Seltsam wird jeder Unbefangene dieses Zusammentreffen in der That nennen; denn was hat es mit Anarchismus, der Lehre von einer zu erstrebenden Gesellschaft ohne Staat und ohne autoritären Zwang, was mit der Bewegung gegen den Staat und gegen legalisirte Gewalt zu thun, daß Personen ums Leben gebracht werden? Gar nichts. Aber die Anarchisten sehen ein, daß mit Lehren und Verkünden noch nicht genug gethan ist; der gesellschaftliche Neubau ist nicht zu errichten, weil die Gewalt der Machthaber im Wege ist; es gilt also, so fahren sie in ihren Folgerungen fort, neben der Propaganda durch Wort und Schrift und neben der Konstruktion auch die Destruktion; zum Umreißen aller Schranken sind sie viel zu schwach; also wenigstens die That propagiren und durch die That Propaganda machen; die politischen Parteien treiben positive politische Aktion; so müssen also die Anarchisten, als Einzelne, positive Antipolitik, negative Politik treiben. Aus diesem Raisonnement erklärt sich die politische Aktion der Anarchisten, die Propaganda der That, der individuelle Terrorismus.
Ich stehe nicht an, es in aller Schärfe auszusprechen – und ich weiß, daß ich mit diesen Worten weder hüben noch drüben Dank ernten werde –: Die Attentat[s]politik der Anarchisten geht zum Theil aus dem Bestreben einer kleinen Gruppe hervor, es den großen Parteien gleich zu thun. Es steckt Rennomirsucht darin. Wir machen auch Politik, sagen sie; wir sind nicht etwa unthätig; man muß mit uns rechnen. Die Anarchisten sind mir nicht anarchisch genug; sie sind noch immer eine politische Partei, ja, sie treiben sogar ganz primitive Reformpolitik; das Töten von Menschen hat von je her zu den naiven Besserungsversuchen der Primitiven gehört; und Mowbrays Brutus war ein kurzsichtiger Reformpolitiker. Wenn die amerikanischen Machthaber jetzt, ohne Rücksicht auf Rechte und Gesetze, einige ganz unbetheiligte Anarchisten aufhängen ließen, so handelten sie genau so anarchistisch wie irgendein Attentäter, – und vielleicht, eben so wie dieser, aus Idealismus. Denn nur Dogmatiker können leugnen wollen, daß es glühende und aufrichtige Staatsidealisten giebt. Die Anarchisten freilich in ihrer Mehrzahl sind Dogmatiker; sie werden schreien, daß ich, der ich mir auch heute noch das Recht beimesse, meiner Weltanschauung den Namen der Anarchie zu geben, so ohne Weiteres meine Wahrheit ausspreche; sie sind auch Opportunisten und werden finden, gerade jetzt sei nicht die Stunde zu solcher Aussprache. Ich aber finde: jetzt gerade ist der Moment.
Auch Das freilich ist so ein Dogma der Anarchisten, daß sie etwa sagen: alle Tage werden so und so viele Arbeiter, so und so viele Soldaten, so und so viele Tuberkulöse von unseren mörderischen Zuständen ums Leben gebracht; was soll das Geschrei? Mac Kinley zählt nicht mehr als Einer von ihnen. Mit Verlaub! Auch da werde ich meinen Anarchisten gar zu anarchisch sein: mich hat der Tod Mac Kinleys mehr, weit mehr erschüttert als der eines Dachdeckers, der in Folge eines schlecht gebauten Gerüstes vom Dach gefallen wäre. Es ist altmodisch, ich gebe es gern zu; aber wenn ein Mensch, mit dem Schein der Machtfülle umgeben, harmlos und mit gutem Gewissen, von einem Mitmenschen, dem er die Hand hinstreckt, erschossen wird, wenn dann die Augen von Millionen seinem Sterbelager sich zuwenden, dann steckt darin für mich echte Tragik, die diesen Menschen, der vielleicht nur ein mäßiger Kopf und ein wenig edler Mensch gewesen ist, verklärt. Gern aber füge ich hinzu, daß eben so auch der Attentäter meinem Herzen näher steht als der unglückliche arme Kerl, der das Gerüst schlecht gezimmert hatte. Es will Etwas heißen, so mit dem Leben fertig zu sein.
Es ist hier nicht meine Absicht, mich in die Psychologie der modernen Attentäter zu versenken. Sie sind vielleicht weniger Helden oder Märtyrer als eine neue Art von Selbstmördern zu nennen. Für einen Menschen, der an nichts glaubt als an dieses Leben und den dieses Leben bitter enttäuscht hat, der erfüllt ist von kaltem Haß gegen die Zustände, die ihn zu Grunde gerichtet haben und die ihm unerträglich zu gewahren sind, kann es ein dämonisch verführerischer Gedanke sein, noch Einen von Denen da oben mitzunehmen und sich auf dem Umweg über die Gerichte und vor den Augen der Welt demonstrativ ums Leben zu bringen. Und mindestens eben so verführerisch ist gewiß der Gedanke, der tausendfach variirt in der anarchistischen Literatur wiederkehrt: der autoritären Gewalt die freie Gewalt, die Rebellion des Individuums entgegenzusetzen.
Das ist der Grundirrthum der revolutionären Anarchisten, den ich lange genug mit ihnen getheilt habe, daß sie glauben: das Ideal der Gewaltlosigkeit auf dem Wege der Gewalt erreichen zu können. Sie wenden sich mit Heftigkeit gegen die „revolutionäre Diktatur“, die Marx und Engels in ihrem Kommunistischen Manifest als ein kurzes Uebergangsstadium nach der großen Revolution vorgesehen hatten. Das sind Selbsttäuschungen; jede Gewaltausübung ist Diktatur, sofern sie nicht freiwillig ertragen, von den befehligten Massen anerkannt ist. In diesem Fall aber handelt es sich um autoritäre Gewalt. Jede Gewalt ist entweder Despotie oder Autorität.
Die Anarchisten müßten einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben.
Ich sage damit wahrhaftig nichts Neues; es ist das Selbe, was uns Tolstoi schon lange gesagt hat. Als der König von Italien von Bresci umgebracht worden war, veröffentlichte Tolstoi einen wundervollen Artikel118, der in den Worten gipfelte: Man soll die Fürsten nicht töten, sondern ihnen klarmachen, daß sie selbst nicht töten dürfen. Der Wortlaut war noch schärfer und der Artikel enthielt so wuchtige Streiche gegen die Machthaber, daß ihn anarchistische Blätter zum Abdruck brachten. Er war aber mindestens eben so scharf gegen die Anarchisten; auch diese Stellen wurden, ich möchte sagen: gemüthlich oder nonchalant, abgedruckt, aber, wie eine Marotte, nicht weiter beachtet.
Die Anarchisten werden einwenden: Wenn wir Gewaltlose sind, lassen wir uns alle Beraubung und Unterdrückung gefallen; dann sind wir nicht Freie, sondern Sklaven. Wir wollen nicht die Gewaltlosigkeit einzelner Individuen, sondern den Zustand der Gewaltlosigkeit; wir wollen die Anarchie, aber zuerst müssen wir zurückerhalten oder nehmen, was uns geraubt oder vorenthalten wird. Das ist wieder so ein Grundirrthum: daß man den Anarchismus der Welt bringen könne oder müsse; daß die Anarchie eine Menschheit[s]sache sei; daß zuerst die große Abrechnung käme und dann das Tausendjährige Reich. Wer der Welt die Freiheit bringen will – Das heißt eben doch: seine Auffassung von der Freiheit –, ist ein Despot, aber kein Anarchist. Niemals wird Anarchie eine Sache der Massen sein, nie wird sie auf dem Wege der Invasion oder der bewaffneten Erhebung zur Welt kommen. Und eben so wenig wird das Ideal des föderalistischen Sozialismus dadurch zu erreichen sein, daß man abwartet, bis das bereits aufgestapelte Kapital und der Bodenbesitz in die Hände des Volkes kommt. Die Anarchie ist nicht eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden...




