E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Lang Bettenroulette
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-88769-587-3
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Episodenroman über Liebe, 2 Frauen & 1 Kind
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-88769-587-3
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Henrike Lang erzählt von einem lesbischen Langzeitpaar mit Kind, unterhaltsam und augenzwinkernd selbstkritisch. Sie schreibt mitten aus dem Leben, so, wie es wirklich ist, erschöpfend, umwerfend komisch und herzerwärmend. Vermutlich jede Mutter wird die eine oder andere Situation wiedererkennen.
Judith und Henrike sind schon lange zusammen, als Henrike eines Tages eine beunruhigende Lust – eher Gier – entwickelt, auf Affären, auch auf Männer. Sie empfand sich bis dahin immer als ausschließlich lesbisch. Doch in dieser Phase erotisiert sie alles. Sogar der Duft nach sauren Boskoop-Äpfeln. Bis sie realisiert, was sie wirklich umtreibt: Der Wunsch nach einem Kind, physisch wie Hunger oder Durst. Als sie diesen Wunsch Judith mitteilt, hält diese es für eine von Henrikes üblichen Obsessionen, die vorübergehen würde. Doch Henrike lässt nicht locker.
Es beginnt eine Zeit unglaublicher Abenteuer, bis das Kind auf die Welt kommt. Dann folgt der chaotische Alltag mit Kind, und das, was mit einer Beziehung passiert, wenn ein Kind da ist: wo bleiben die Liebe, die Lust? (Und trotzdem: der Wunsch nach einem zweiten). Henrike Lang erzählt vom Babyalter bis zum Schulkindalter von acht Jahren: ein großes Lesevergnügen zwischen Bettenroulette, Virenschleudern, Schwimmenlernen, Elternabenden und der Suche nach dem Roller.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Sleazy Warum Männer? Erstens regte sich wohl der unerfüllte Kinderwunsch in mir immer lauter, zweitens kriegt man Männer schnell ins Bett und drittens wird man sie auch schnell wieder los. Weibliche Affären haften an einem, es kommt zu hässlichen Szenen. Judith sollte jedoch an meinen Amouren nicht leiden; ich brauchte nur dringend ein sexuelles Ventil zum Dampfablassen in meiner Perspektivlosigkeit. Meine flüchtigen Begegnungen mit Männern hatten alle eher etwas Schwules, Kumpeliges als Heterosexuelles. Wer sich an eine große kräftige Lesbe wie mich herantraut – zwar sehr freundlich, aber naturgemäß ohne letzte Hingabe –, will auch kein klassisches Betthasi. Wir lachten viel, auch bei den nie ausbleibenden Misserfolgen und Peinlichkeiten im Bett, und hatten keine Scham, uns vieles zu erzählen. Meine Bekanntschaften waren ebenfalls Außenseiter in Deutschland, Durchreisende, Asylanten, Kosmopoliten, vielleicht half das: ein bisexueller Ägypter und ein ungemein charmanter jüdischer Australier, der jeder Frau nachstellte, die sich bewegte. Beide lernte ich in der Sauna kennen. Der Ägypter war dort Masseur und bot mir nach der Sauna seine Begleitung an. Die führte, nach einem von ihm bezahlten Essen, in seine Wohnung. Ich wusste genau, wohin alles führen würde, und ließ mich amüsiert, widerstrebend darauf ein. Es war schön, zum Abendessen eingeladen zu werden – Judith tat das nie. Es war schön zu beobachten, dass sich jemand anstrengte, mich flachzulegen, und sei es nur, um sich die Zeit zu vertreiben. Auch meine Zeit musste vertrieben werden. Die Wohnung des Ägypters lag im dritten Stock eines sozialen Wohnungsbaus in Niehl, einem gutbürgerlichen, hoffnungslos überalterten Stadtteil. Abends war hier Totenstille. Für einen Moment dachte ich: »Bist du verrückt? Mit einem fremden Mann in seine Wohnung zu gehen und niemand bekommt es mit, wenn er dich mit der Kreissäge zerstückelt?« Trotzdem ging ich mit. Ich sah gegen mein psychisches Elend keine Alternative, als ein Abenteuer zu wagen. Dann landete ich in einer trostlosen Junggesellenwohnung – pieksauber und leblos. An der Wand hing, gerahmt, ein Diplom. Der Ägypter stellte sich als Akademiker heraus, einer dieser Nahost-Technik-Studenten. Seine Familie fehlte ihm. Aus irgendeinem Grund konnte er nicht bei ihr in Ägypten sein. Dass er kein Muslimbruder war – mit dem hätte ich nun wirklich nicht geschlafen –, vermutete ich, weil er zur Einstimmung Charles Aznavour auflegte. Frankreich, Chansons, Verführen als klassischer romantischer Dreiklang. Rotwein lehnte ich ab, Aznavour war okay. Arabische Musik sah mein Gastgeber als klebrige »Folklore«. Als ich nach dem dritten Durchgang Aznavour, der auf Repeat gestellt worden war, um einen CD-Wechsel bat, erklang Frank Sinatra. Aznavour und Sinatra bringen mich noch heute in eine verwegene Stimmung. Der Kinderwunsch stand seltsam schmerzend beiseite. Ich hatte gerade keinen Eisprung und musste nichts riskieren. Der Ägypter hatte in Alexandria irgendetwas Grauenhaftes durchgemacht, wovon er aber nicht wirklich sprechen wollte, es in Fragmenten jedoch versuchte, jetzt, wo eine warme, lebendige Frau bei ihm war. Er kam mit dem Erlebten klar, musste offenbar trotzdem davon sprechen, wenn er überhaupt von sich erzählen wollte. Ich lag neben ihm und dachte an das längst vergangene Alexandria des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis, das mir viel humaner schien als das heutige. Dann erzählte ich. Dann duschten wir und dann tranken wir doch noch etwas Rotwein. Der Ägypter brachte mich, sehr höflich, zur nächsten Bushaltestelle, die ich ohne ihn wohl nie gefunden hätte. Diese Höflichkeit war wichtig für mich, damit ich mich nicht benutzt fühlte, stellte ich fest, als ich friedlich brummend im Bus saß. Denn natürlich waren wir am Ende doch keine schwulen Buddies, sondern Mann und Frau und eine Frau ist in einer männlich dominierten Welt immer verletzlicher. Einer der Gründe, warum ich lesbisch lebe. Wir verabschiedeten uns per Handschlag. Keine Telefonnummern. Alles Gute. Mach’s gut. Halt die Ohren steif. Mit einer anderen Frau wäre das nie gegangen. Männer haben etwas sehr Angenehmes in ihrem Wesen. Der Australier war Schriftsteller, wenn auch kein guter. Gut betucht und silberhaarig mit jungem Gesicht, tourte er jedes Jahr in den Sommerferien durch Deutschland, auf der Suche nach Liebschaften, die er jahrelang aufrechterhielt. Vorzugsweise hielt er sich in Köln auf. Die Frage »Warum Deutschland?« stellte sich mir, weil sein polnischer Vater einem deutschen KZ entkam. Wir waren ein klassischer deutsch-jüdischer Fall von »Meine Großeltern haben deine Großeltern umgebracht und es tut mir so leid.« Nur unser Sex war klischeefrei, denn spontaner einvernehmlicher Sex, unmittelbar und roh, quasi tierisch, vertreibt Schalheit. Ich fragte ihn: »Warum Deutschland, nicht Frankreich?« Er sagte, er finde die deutschen Frauen herzlicher, Französinnen betrieben Sex lediglich als Sport. Jedenfalls erzählte der Australier grandiose erotische Anekdoten. Ob er sie wirklich erlebt hatte oder erfunden? Egal, sie brachten mich von Null auf Hundert. Das Beste war, dass er sie nicht nur zum Anheizen erzählte, sondern auch zum Nachglühen und als ich ihn später noch einige Male nur im Café traf. Er erzählte einfach gut und gerne Schweinkram, charmant, fantasievoll. Für jemanden, der so gut erzählt, könnte ich offen gestanden sogar kurzzeitig heterosexuell werden. Nicht allein die Verführung, genauso die Liebe ging bei mir, mehr als vieles andere, durch die Ohren. Auch bei Judith. Mir gefiel die Geschichte von der Kundin in einem dieser Buchkaufhäuser, die ihn mit ihrem kurzen Rock zu interessieren begann. Er fasste kurzerhand drunter, als niemand guckte, und sie wehrte sich nicht, tat, als wäre nichts geschehen. Auf diese Weise brachte er sie, während sie ein Interesse für Krimis vorgab, bis zum Orgasmus. Dann ging sie, ohne dass ein Wort gewechselt worden wäre, und er wischte sich die Hand mit einem Papiertaschentuch ab. Frauen in der Öffentlichkeit mit der Hand zum Orgasmus zu bringen, sei seine Spezialität, sagte er. Überwachungskameras störten ihn nicht. Entweder niemand schaue auf den Monitor oder die Leute seien zu empört oder aufgegeilt, um einzuschreiten. Ich glaubte ihm, amüsiert, kein Wort. Ich könne mir gar nicht vorstellen, wie liebeshungrig viele Frauen im Grunde seien und abgingen wie eine Rakete, sobald man sie berühre. Man müsse sich nur trauen, sie anzufassen. Er habe ein gutes Gespür für solch weibliches Elend. Offenbar war ich selbst solch ein liebeshungriges weibliches Elend, sonst wäre ich unter seiner Hand nicht abgegangen wie eine Rakete. Das einzugestehen, fiel mir schwer. Andererseits ging es mir nach Cape Canaveral besser, und was waren seine flüchtigen sexuellen Kontakte auf Dauer für ein Leben? Wer machte ihm Wadenwickel und ging für ihn zur Apotheke, wenn er Grippe hatte? Eine Hausangestellte? Der Australier sagte, er könne mit niemandem zusammenleben. Ich hingegen quälte mich lieber mit meiner verkorksten Judith herum, als ein Solitär zu sein. Ich hatte gerade einen Eisprung, aber der Australier war, wie er mir unaufgefordert erklärt hatte, sterilisiert, Anti-Familienmensch aus Überzeugung. Außerdem benutzte er keine Kondome, weil er fand, dass sie seiner Erektion abträglich seien. Mit einem Mann, der ungeschützt promisk lebte, wäre ich nie und nimmer ein Risiko eingegangen. Vielleicht könnte ich festhalten: Frauen, öffnet eure Antennen für andere Frauen, die irgendwie liebeshungrig wirken, und geht ihnen resolut an die Wäsche. Schleppt sie erst ins Restaurant und dann in eure Wohnung, legt Aznavour auf und legt sie flach. Bringt sie dann höflich zur nächsten Bushaltestelle und verabschiedet euch, ohne Telefonnummer und Tamtam. Seid freundlich, erfinderisch und großzügig. Seid im besten Sinne oberflächlich, vermeidet Psychodramen. Versucht nicht, an der Seele eurer Liebhaberin herumzukratzen, bis sie blutet, sondern bringt ihren Körper auf Touren – das pflegt eure Seelen mehr als dieses ewige Gequatsche. Für eine Frau, die diese Buchhandlungs-Nummer mit mir wagte, würde ich ein Hundehalsband mit ihrem Namen tragen oder ein ähnliches Zeichen unauslöschlicher Dankbarkeit. »Warum kann eine Frau / nicht sein wie ein Mann«, singt Professor Higgins in »My Fair Lady« und ich verstehe ihn durchaus. Abgesehen von ihrer fundamentalen Fruchtbarkeitsfunktion, von ihrer leichteren Verfügbarkeit und Verabschiedbarkeit gab es noch einen letzten wichtigen Grund, warum Männer mich physisch zu interessieren begannen: Ein Grund, warum ich mir ein Kind wünschte, war das sehnliche Verlangen, aus meiner ewigen Randständigkeit der Welt näherzukommen, und die Welt bestand nun einmal zur Hälfte aus Männern. Nachdem ich so lange nur mit Frauen gelebt hatte, wollte ich auch Männer und Kinder – weiter offen lesbisch, aber im Kontakt mit der ganzen Vielfalt der Welt. Ich näherte mich Männern neugierig und vertrauensvoll. Die Annährung hatte ihre Grenzen, machte mir aber großen Spaß. Auch den Sohn, den ich kriegen könnte, dachte ich bei meinen Amouren mit. Ich fühlte eine gewisse Notwendigkeit, Männer zu erkunden. Zu Hause erwartete mich Judith mit einem zahnlos wirkenden Lachen vor dem Fernseher, wo sie sich eine ZDF-Serie für Rentner anschaute und vorwurfsvoll Studentenfutter einwarf, weil ich vergessen hatte, Chips zu...




