Lang Bodenlos
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-406-61529-0
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts
E-Book, Deutsch, 465 Seiten
ISBN: 978-3-406-61529-0
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, studierte Literatur in Frankfurt am Main. Seit 1997 lebt er als Autor in München. 2002 erschien der Roman «Than», ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderpreis und dem Marburger Literaturpreis. 2005 erhielt Thomas Lang den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman «Am Seil» (C.H.Beck 2006). «Am Seil» wurde außerdem nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2006. Zuletzt erschien bei C.H.Beck sein Roman «Unter Paaren».
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Cover;1
2;Titel;3
3;Impressum;4
4;Motto 1;5
5;Motto 2;5
6;I;7
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9.11;11;441
9.12;12;447
10;Danksagung;463
11;Zum Buch;464
6
Obwohl Ferien waren, schlief Jan nie lange. Es war einfach zu heiß, in seinem Zimmer unter dem Dach kühlte die Luft sich kaum ab. Das Fenster ließ er Tag und Nacht geöffnet. Es morgens zu schließen und womöglich zusätzlich den Rollladen herunterzulassen, wie seine Eltern es taten, wäre ihm vorgekommen wie eine gewollte und falsche Abkoppelung von der Natur. Jan wollte ihr aber möglichst nah sein, nah am Unverstellten, Unverbogenen. Er hätte im Garten geschlafen, doch er fürchtete die Kommentare seiner Eltern und vielleicht auch, von den Nachbarn oder, seit er oben auf dem Sprungturm gestanden hatte, von irgendeinem Füchtener gesehen zu werden. Ständig diese Zusammenhänge – er hasste sie! Er wollte nicht, dass irgendjemand auf der Welt mitkriegte, wo Jan Bodenlos sich gerade aufhielt. So schlief er weiterhin in seinem Bett und ließ sich von den Vögeln wecken, folgte ihrem Ruf, wenn das Haus noch schlief, und begab sich in Badehose und T-Shirt in den Garten.
Weit hinten auf dem großen Grundstück stand eine beinah abbruchreife Laube. Ihre Bretter waren zum Teil mit Moos bewachsen und faul. Auf der Sonnenseite ließen sich noch Reste einer Lackierung erahnen. Insgesamt wirkte die Bude dermaßen gammelig, dass Jan die Vorstellung nicht loswurde, sie wäre älter als das Wohnhaus. Sie diente als Geräteschuppen, die Tür klemmte und hatte Tage zuvor in ihren verrosteten Angeln so laut gequietscht, dass Jan mit einem Ölkännchen angerückt war, damit nicht jeder im Umkreis von zwei Kilometern es hörte, wenn er die Laube betrat. Karin pflegte den Garten nur sporadisch und die Gartengeräte gar nicht. Mehrfach hatte sie Jan schon gebeten, das zu übernehmen, doch der hatte genauso wenig Lust dazu. Der Spaten lehnte immer noch in dem Dreck an der Wand, der beim Ausgraben der Tomatenstauden im vergangenen Herbst an ihm hängen geblieben war. Die Bank unter dem Fenster stand voller ineinander gestapelter Blumentöpfe, Torf- und Düngerbeutel.
Jan nahm sich eine große Tasse selbst gekochten Kaffee mit. Er brühte ihn schwärzer und stärker auf, als er sonst je im Haus getrunken wurde; seine Eltern hatten in jenen Jahren schon Angst vor einem Herzinfarkt. Wie immer trug Jan auch sein Notizbuch mit sich, aber er schrieb nicht rein. Er überließ sich seinen Träumereien. Er lauschte. Die Stimmen der Vögel konnte er meistens nicht zuordnen, das lang anhaltende Gezeter einer Amsel unterschied er allerdings vom Schnickern, Pfeifen, Piepen und Ziepen rundum. Viel mehr als der Vogelsang war in diesem Garten kaum zu hören, abgesehen vom eher seltenen Geräusch einer in der Höhe vorüberziehenden Passagiermaschine, dem Klingeln des Eiswagens oder Knattern eines alten Mopeds am Nachmittag oder den Blech redenden Stimmen von den Wahlwerbern der Parteien mit ihren langsam vorbeirollenden VW-Bussen. Umso deutlicher fiel Jan ein anderer Ton auf, der an jenem Morgen im Garten erklang. Es war ein klarer Ton aus einer Frauenkehle, nicht sehr laut, der lange durch die Luft ritt. Sekunden später folgte ein weiterer. Sie steigerten sich allmählich, wurden kaum lauter, aber drangvoller und kürzer, höher, abgeschlossen von einem letzten erlösten Seufzer, der von den vorhergehenden nichts zu wissen schien. In diesem letzten Laut fand Jan etwas von Abschied, die Ahnung eines Tags, der gegenüber dem Morgen nur abfallen konnte. Oder es war ein Ruf zum Gebet.
Er wusste nicht, woher die Laute rührten, die im Übrigen unbeantwortet blieben und sich auch nicht wiederholen sollten. Ihre Neuheit, vielleicht ihre Einsamkeit ließen ihn an das Fenster im oberen Stockwerk des nebenan stehenden Vierfamilienhauses denken, das auf den bodenlos’schen Garten hinausging und das wie seines weit offen gestanden hatte, als er früh aus dem Haus getreten war. Genau genommen kannte Jan diese Art von Geräuschen gar nicht, trotzdem wusste er, was sie bedeuteten. Er glaubte auch zu wissen, von wem sie kamen. Jenes offene Fenster gehörte zur Wohnung des Mädchens, von dem alle sprachen. Sie wohnte allein mit ihrer Mutter dort, aber das bedeutete kein Hindernis für Jans Fantasien. Er sah sie in seidenen Morgenmänteln auf den Balkon heraustreten, die Mutter etwas kleiner und untersetzt, die Tochter sehr schlank. Ihre Gesichter waren bleich, das Haar dicht und schwarz. Fehlte noch, dass sie anfingen zu singen.
Es wunderte ihn, dass er nirgends in der Nachbarschaft die Gardinen wackeln sah. Nachdem keine weiteren Geräusche folgten, wandte Jan sich seinen Gedichten zu. Er klappte sein Notizbuch auf und las ein paar der Verse, die er verfasst hatte. Sie waren ihm peinlich. Für ein noch zu schreibendes, besseres Gedicht notierte er sich «Gestammsel» als Reimwort auf Amsel.
Jan hörte, wie die Hunde in den Garten kamen. Sie sprangen aufgekratzt herum, demnach begleiteten sie jemand. Ein warmes Gefühl schoss in seinen Bauch, er wusste schon, bevor er sie sah oder hörte, dass es nur An sein konnte. Schnell klappte er die Kladde zu und setzte sich drauf. Dabei war seine Schwester die letzte, von der er eine blöde Bemerkung über seine Schreibversuche zu befürchten hatte. Als sie durch das Laubenfenster hereinsah, zeigte sie keine Spur von Überraschung. An legte ihre Arme auf die Brüstung und lächelte. Ihre Schultern waren nackt und schon wieder so braun, dass die weißen Streifen, welche die Träger ihres BH s hinterlassen hatten, geradezu ungesund wirkten. Sie kam also doch noch vorbei, bevor sie für die Ewigkeit von vier Wochen in Urlaub fuhr.
«Komm mal raus und hilf mir. Da hat sich eine Amsel in dem blöden Netz verfangen.»
Ehe er sich daran hindern konnte, war Jan bereits aufgestanden. Es war zu spät, um nach dem Notizbuch zu greifen und es zu verstecken. Noch dazu segelte sein Kugelschreiber von der Bank. Sie tat, als hätte sie nichts bemerkt. Vor der Laube sah er, dass sie die weite Bluse mit dem Gummi im Halsbund trug, der den Stoff in lauter kleine Falten raffte. Das Teil gefiel ihm nicht, wohl aber die Tatsache, dass es tiefe Einblicke bot, sobald An sich bückte.
«Fahrt ihr heute?»
Ohne Antwort lief sie vor ihm her zu den Beerensträuchern. Der braune Vogel hing mitten in dem Netz, das die Ernte schützen sollte. Er war schon schwach. Kurz und panisch schlug er noch einmal mit den Flügeln, als er bemerkte, wie die beiden sich näherten. Dann stellte er sich tot. An fasste das erstarrte Tier mit beiden Händen, Jan fummelte an den Maschen herum. Es war nicht leicht, den Vogel zu befreien. Seine Beinchen waren unglaublich dünn, dünner als Streichhölzer, schien ihm. Gleichzeitig staunte er über die dunklen Krallen an den Füßen, richtige kleine Waffen. Schließlich mussten die Geschwister ein Loch in das Netz schneiden. An öffnete die Hände. Ein paar Sekunden lang blieb die Amsel bewegungslos, dann flog sie böse schnickernd fort.
«Du musst Karin mal sagen, dass sie nicht diese Netze auf die Sträucher legen soll. Die Tiere haben das gleiche Recht auf die Johannisbeeren wie wir.»
«René hat sie draufgelegt», erwiderte Jan. «Sicher fürchtet er um sein Gelee.»
«Das isst er doch gar nicht mehr. Wahrscheinlich kippt Karin es heimlich in den Müll, damit sie im nächsten Sommer wieder leere Gläser hat.»
«Sie kann eben nicht anders. Du weißt doch: früher durfte auch nichts verkommen.»
An bückte sich und hob das Netz vom Boden auf, um eine Rispe rot leuchtender Beeren zu pflücken. Jan wollte es sich verbieten, aber schließlich versenkte er seinen Blick im Ausschnitt ihrer Bluse. Im Grunde fordert sie das heraus, dachte er, wenn sie so ein Teil anzieht. Trotzdem wäre ihm nichts peinlicher gewesen, als von An beim Gaffen erwischt zu werden. Wie sie ging er in die Knie, wühlte sich mit der Hand unter dem Netz durch und pflückte ein paar Beeren. Dabei schaute er in eine andere Richtung.
«Stehst du eigentlich jeden Morgen so früh auf?», fragte An.
«Da habe ich wenigstens meine Ruhe.»
«Du hättest doch wegfahren sollen.»
Sie hatte gut reden. Sie fuhr mit ihrem Freund in den Süden. Jan dagegen hätte nicht gewusst, mit wem er fahren sollte. Und allein irgendwo Urlaub zu machen oder im Ausland zu jobben, wie sie ihm geraten hatte, fand er langweilig.
«Was schreibst du?»
«Nur so.»
An hakte nicht nach. Beere für Beere knackten die beiden mit der Zunge am Gaumen. Obwohl es Jan nicht gefiel, dass seine Schwester zur Laube zurückstrebte, folgte er ihr auf dem Fuß.
«Was für ein geiles Gestöhn das vorhin war … oooh, aah.» Sie äffte es nach. «Die neuen Nachbarn scheinen recht lebhaft zu sein.»
«Welche neuen Nachbarn?»
«Du hast mal wieder nichts mitgekriegt, wie? Drüben bei Beisners sind neue Mieter eingezogen. Da wohnt jetzt deine neue Schulkameradin.» Sie gab dem Wort eine ironische Note. «Die halbe Stadt tratscht über sie und tut dabei, als käme sie vom Mars. Dabei ist sie nur aus Bremen. Ich wette, du weißt doch Bescheid.»
«Das erste, was ich höre …»
Er blieb bei dem einmal eingeschlagenen Weg, auch wenn er ahnte, dass sie ihm nicht glaubte. An...




