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Lange | Die Fabelmacht-Chroniken (2). Brennende Worte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten

Reihe: Die Fabelmacht-Chroniken

Lange Die Fabelmacht-Chroniken (2). Brennende Worte


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-401-80794-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten

Reihe: Die Fabelmacht-Chroniken

ISBN: 978-3-401-80794-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Liebe auf den ersten Blick - Mila hat sie erlebt, als sie nach Paris gereist und dort Nicholas begegnet ist. Doch die Fabelmacht hat ihn ihr genommen. Für Schmerz bleibt keine Zeit, denn ein fabelmächtiger Gegenspieler taucht hinter den Kulissen auf. Wie Mila hat auch er seine große Liebe verloren und ihm ist jedes Mittel recht, um diese zurückzubekommen. Als Mila sich tiefer und tiefer in seine Intrigen verstrickt, wird ihr klar: Dies ist nicht länger ein Kampf der Geschichten. Sie kann ihn nur aufhalten, wenn ihre eigene Liebe stärker ist als die Fabelmacht. Um zu bestehen, muss sie erneut gewaltige Opfer in Kauf nehmen - und am Ende sogar stärker sein als der Tod ...

Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.
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2

Mila las, was sie in der letzten Viertelstunde zu Papier gebracht hatte. Es war eine ziemlich genaue Beschreibung von ihr selbst – wie sie in der Fensterbank saß und nach draußen starrte, wie sich langsam die Nacht über Paris senkte, wie sich ihr blasses, schmal gewordenes Gesicht und die wirren blonden Locken in der Scheibe spiegelten.

Es war das erste Mal seit Nicholas’ Tod, dass sie mehr als einzelne Worte aufs Papier gebracht hatte und zu ihrer Überraschung war es ihr mit der Zeit sogar erstaunlich leichtgefallen. Inzwischen wusste sie auch, wie das, was sie hier aufschrieb, enden sollte. Sie fragte sich, warum ihr das nicht schon viel eher eingefallen war. Es war die Lösung für all ihren Kummer, nachdem es unmöglich war, Nicholas von den Toten zurückzuholen.

Aber betrog sie Nicholas nicht damit, so etwas zu schreiben? Sie tippte mit dem Stift auf das Papier. Du kannst ihn nicht mehr betrügen, wisperte es in ihr. Er ist tot! Kapier das endlich. Tot!

Sie blickte auf das Papier, auf ihre geschwungene Handschrift, dann schaute sie hinüber zum Fenster. Entweder sie tat das hier – oder sie wählte früher oder später den anderen Weg, den aus dem Fenster, der wieder so viel Leid nach sich ziehen würde. Für sie wäre es dann vorbei. Aber andere Menschen würden um sie trauern. Helena, ihre Mutter. Eric. Isabelle, ihre beste Freundin.

Nein. So weit war sie noch nicht, ihnen das anzutun. Das hier war der bessere Weg.

Sie straffte die Schultern, griff den Stift fester und fügte den letzten Satz hinzu: In diesem Augenblick vergaß sie Nicholas und alles, was mit der Fabelmacht zusammenhing.

Die Spitze ihres Stiftes begann, blau zu flimmern. Das Licht ergoss sich auf das Papier, füllte die Linien und Bögen ihrer Schrift wie Wasser, das trockene Gräben füllte. Gleich darauf leuchtete der gesamte Abschnitt in diesem überirdischen Blau, das anzeigte, dass die Fabelmacht ihre Wirkung entfaltete. Gleichzeitig fühlte es sich an, als würde etwas aus Mila herausfließen, so ähnlich wie das blaue Leuchten aus dem Stift floss.

Ihre Augen brannten noch immer. Sie wusste, dass sie blinzeln musste, damit geschehen würde, was sie geschrieben hatte, aber plötzlich überwältigte sie die Panik. Es war falsch, was sie hier tat, furchtbar falsch! Oder?

Aber für ein Zurück war es zu spät. Das Fabelmachtleuchten erlosch. Langsam schloss Mila die Augen. Das Notizbuch entglitt ihren Fingern und fiel zu Boden. Ihr Herz flatterte in ihrem Brustkorb. Als sie die Lider wieder hob, brannten sie noch immer. Sie wandte den Kopf und sah sich im Raum um. Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen? Hatte sie nicht eben noch im TGV gesessen?

Mehrere Minuten lang versuchte sie zu begreifen, was passiert war, dann flog die Tür auf. Jemand stürzte herein und blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Ein Junge. Er war schlaksig, hatte braunes, wirres Haar. Seine Augen waren von der Farbe von Milchkaffee und weit aufgerissen. Kurz streifte sein Blick den Stift, den sie noch immer in der Hand hielt.

»Was hast du gemacht?«, fragte er mit einem Zittern in der Stimme. »Ich habe das Fabelmachtleuchten gesehen, vom Dach gegenüber aus, und da bin ich her, so schnell ich konnte. Was hast du getan, Mila?«

Helena stand hinter ihm, das registrierte Mila nur ganz am Rande. Das Gesicht ihrer Mutter war ein fahles Oval im Halbdämmer. Schreckensweit aufgerissene Augen.

Bedächtig legte sie den Stift weg. Ihr Kopf schien wie leer gefegt. Mit zitterigen Beinen stand sie auf. Ihre rechte Seite fühlte sich kalt an von der Scheibe, gegen die sie sich gelehnt hatte. Sie sah, wie der Junge einen Schritt auf sie zumachte, und sie wusste, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte. Bei ihrer Ankunft in Paris. Als sie aus dem TGV gestiegen war, hatte er sie angequatscht. Wann war das gewesen? Vor wenigen Augenblicken, oder? In ihrer Erinnerung klaffte ein tiefes, gähnendes Loch. Wohl doch eher gestern …

Dann, plötzlich, ein ganz kurzes Bild. Sie war über die Beine dieses Jungen gestolpert und hatte ein bisschen mit ihm herumgealbert. »Wer bist du?« Sie flüsterte die Frage. »Auf dem Bahnhof … du hast mich blöd angemacht … Eric? … So heißt du, oder?«

Er nickte. Sie zermarterte sich das Hirn, was danach geschehen war, aber das war tatsächlich das Letzte, an das sie sich erinnern konnte. Alles seitdem bis hin zu der Sekunde, in der sie eben hier auf der Fensterbank zu sich gekommen war, war wie weggewischt. »W… wo bin ich?«, murmelte sie. Verwirrt sah sie zu, wie Eric zu ihr kam, sich bückte und ein Notizbuch aufhob, das ihr offenbar heruntergefallen war. Rasch überflog er, was sie geschrieben hatte. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Schließlich ließ er das Buch sinken. »Du hast dir die gesamte Erinnerung weggeschrieben.« Er sagte es nicht als Frage, auch wenn er sichtlich fassungslos war. Nein, fassungslos war das falsche Wort. Er war geschockt.

Richtig und wahrhaftig geschockt.

»Was meinst du mit weggeschrieben?«, fragte sie. Das Wort klang sonderbar.

Helena kam heran, ließ sich von Eric das Notizbuch geben und las ebenfalls.

Auch sie wurde totenblass. »Warum hast du das getan?«, flüsterte sie. In ihren Worten schwang so viel Schrecken mit, dass sich das Unbehagen in Mila in einen schmerzhaften Knoten verwandelte.

»Was getan?« Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wovon die beiden sprachen. Mit einer weit ausholenden Geste wies sie im Zimmer umher. »Wo sind wir hier? Wie bin ich hierhergekommen?« Ihr Blick wanderte durch das Fenster hinaus in die Nacht. Ganz am Rand konnte man ein Stück des beleuchteten Eiffelturms sehen. Paris. Sie war in Paris, klar. Sie erinnerte sich ja noch daran, wie sie am Gare de l’Est aus dem Zug gestiegen war. Aber danach …

»Warum bist du hier?«, fragte sie ihre Mutter.

Helena und sie hatten sich gestritten, zu Hause in Berlin. Daran erinnerte sie sich. Sie wusste, dass sie nach diesem Streit Isabelle angerufen hatte und in den Zug gestiegen war. Und sie wusste auch noch, dass sie Helena bittere Vorwürfe gemacht hatte, weil sie ihr nicht verriet, wie ihr Vater – und auch ihr damals dreijähriger Bruder Antoine – kurz vor ihrer Geburt ums Leben gekommen waren.

»Und was …« Sie verstummte, als Helena ihre Hand ergriff, kurz auf die Innenseite des Gelenks schaute und die dünne Haut dort dann wieder und wieder streichelte.

»Kind …« Helenas Stimme war ganz flach.

Mila fühlte sich, wie mit kalten Fingerspitzen berührt. Sie hasste es, wenn ihre Mutter sie Kind nannte. Sie hasste es, wie ein unreifer Teenager behandelt zu werden. Mit einem Ruck riss sie ihrer Mutter ihre Hand weg. »Lass das!«

Helena wich zurück.

Eric trat vor sie hin.

»Was geht hier vor?«, fragte sie ihn.

Er nahm sie bei den Schultern, bugsierte sie zu einem weiß lackierten Schreibtisch und drückte sie auf dem Drehstuhl nieder. Die Tischplatte war nahezu leer. Nur eine kleine Tonfigur stand darauf, ein dicker, lächelnder Buddha. Zwei völlig runtergeschriebene Bleistifte lagen daneben. Ein brauner Kreis zeigte an, wo einmal eine Kaffeetasse gestanden haben musste.

»Okay.« Eric drehte den Stuhl so, dass Mila ihn ansehen musste. Tief sah er ihr in die Augen. »Was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?«

Mila runzelte die Stirn. »Ich stolpere über deine Füße. Du fängst mich auf und wir frotzeln ein bisschen.«

Ein Schatten flog über sein Gesicht, den sie nicht deuten konnte. Aber er nickte. Offenbar trog ihre Erinnerung sie also nicht. »Und danach?«, fragte er.

Mila senkte den Blick und rieb sich die Stirn. In ihrem Kopf befand sich ein riesiges schwarzes Loch, wo die Erinnerung hätte sein müssen. »Nichts«, antwortete sie. »Absolut nichts.«

Helena stieß einen leisen Fluch aus, dann drängte sie Eric zur Seite. Mit dem Notizbuch noch immer in der Hand beugte sie sich über Mila. »Mila«, sagte sie sehr eindringlich. »Erinnerst du dich an Nicholas?«

»Nein«, erwiderte sie. »Wer soll das sein?«

Sie war völlig überzeugt: Sie hatte den Namen noch nie zuvor gehört.

Eric fühlte sich, als würde er auf einem schwankenden Schiff stehen. Oder mehr noch: auf einem schwankenden Schiff, das kurz davor war, in eisigem Wasser zu versinken.

Mila hatte sich sämtliche Erinnerungen weggeschrieben und der allererste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, war: Wenn sie sich nicht mehr an Nicholas erinnerte, erinnerte sie sich auch nicht mehr daran, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Vielleicht würde sie nun erkennen, dass er, Eric, der Richtige für sie war.

Er unterband diesen Gedanken. Verdammt, wie konnte er ausgerechnet jetzt nur an sich selbst denken?

Er sah Helena an, die mit dieser Entwicklung der Dinge eindeutig nicht gerechnet hatte.

»Wenn du dich nicht an Nicholas erinnerst«, sagte Milas Mutter und klang ein bisschen atemlos dabei, »dann erinnerst du dich auch nicht daran, welche Macht du besitzt?«

Mila senkte den Kopf, als seien ihre Gedanken plötzlich zu schwer...



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