Lange | Die Fabelmacht-Chroniken. Nicholas' Geschichte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 85 Seiten

Reihe: Die Fabelmacht-Chroniken

Lange Die Fabelmacht-Chroniken. Nicholas' Geschichte


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-401-84062-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 85 Seiten

Reihe: Die Fabelmacht-Chroniken

ISBN: 978-3-401-84062-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



***Die romantisch-tragische Vorgeschichte der Fabelmacht-Chroniken*** Jeder in Nicholas' Familie besitzt sie: die magische Gabe der Fabelmacht, mit der man die Wirklichkeit umschreiben kann. Nicholas sehnt sich danach, dass sie endlich auch in ihm erwacht. Dieser Wunsch führt immer wieder zu Streit, denn sein Vater hält die Fabelmacht für gefährlich und setzt alles daran, Nicholas vor ihr zu schützen. Nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung beginnt Nicholas allen Warnungen zum Trotz zu schreiben - über sich selbst und ein Mädchen namens Mila. Und über ihre unsterbliche Liebe zueinander. Doch er hat keine Ahnung, wie gefährlich die Fabelmacht wirklich ist. Denn am Ende kann niemand mehr die Ereignisse, die er mit seiner Geschichte in Gang setzt, aufhalten ...

Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.
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Die Sonne warf den Schatten der Bäume auf den Rasen am Marsfeld. In der Luft lag der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln.

Ich lehnte mich auf einer Bank zurück, streckte die Beine aus und betrachtete die riesigen Streben des Eiffelturms, durch die der blaue Himmel wie bei einem Scherenschnitt leuchtete. Dann atmete ich tief durch. Ich war noch immer wütend nach dem epischen Streit, den ich heute Morgen mit meinem Vater gehabt hatte, und die Erinnerung daran lag mir wie ein Stein im Magen. Mein Vater, der wie ein Berserker in mein Zimmer gestürmt gekommen war und mich angebrüllt hatte. Seine flache Hand in meinem Gesicht und – noch viel schlimmer – meine Mutter, die betreten und kleinlaut dagestanden hatte und nichts, rein gar nichts gegen den Zorn meines Vaters ausrichten konnte.

Nach diesem Streit hatte ich wutentbrannt das Haus verlassen und hier war ich nun und wartete darauf, dass meine Verbitterung langsam nachließ.

Ein Keyboardspieler baute sein Instrument bei einem der vier Füße des Turmes auf. Als er anfing zu spielen, wehten seine Klänge zu mir herüber. Ein Luftballonverkäufer in einem Clownskostüm, der den Mund zu einem breiten roten Lachen geschminkt hatte, stand ganz in seiner Nähe. Seine Ballons schimmerten im Licht der Sonne in allen Regenbogenfarben und machten dem bunten Herbstlaub der Bäume Konkurrenz.

Der Keyboardspieler begann, zu spielen. Wider Willen musste ich lächeln. Das Lied hatte mir früher gut gefallen, aber seit einiger Zeit fand ich es nur noch kitschig. Kein Wunder, schließlich war ich nicht mehr dreizehn. Im Moment hörte ich lieber harten Rock oder, wenn schon Klassik, dann Stücke wie den von Saint-Saël.

, hatte mein bester Freund Luc vor ein paar Tagen genau deswegen seufzend zu mir gesagt.

Ein Skateboardfahrer fiel mir auf, sein Board rollte auf dem staubigen Weg nicht besonders gut. Der Luftballonverkäufer, der gerade mit einem Familienvater über den Preis für einen seiner Ballons verhandelte, machte einen Schritt nach hinten. Genau in diesem Moment stockte das Skateboard, der Fahrer verlor das Gleichgewicht und rempelte den Verkäufer an.

Der ließ die Ballons los und in einer bunt schillernden Traube flogen sie davon. Fast gleichzeitig war der Keyboardspieler mit fertig. Kurz war es, als würden alle Menschen auf dem Platz den Atem anhalten und den Luftballons zusehen, die auf Nimmerwiedersehen im Himmel verschwanden. Der Luftballonverkäufer fluchte wie ein Bierkutscher. Dann begann der Keyboardspieler ein neues Lied.

Diesmal war es .

, dachte ich. Mittlerweile war meine Wut einigermaßen verraucht. Ich stand auf und schlug den Kragen meines schwarzen Mantels hoch. Als ich unter dem Turm hindurch in Richtung Metro ging, schrie der Verkäufer noch immer auf den Skateboardfahrer ein.

Auf dem Gare de l’Est herrschte unfassbares Gedränge. Familien mit vollgeladenen Gepäckwagen schoben sich an mir vorbei, die Lautsprecherdurchsagen und ihre nervtötenden Jingles waren in dem ganzen Lärm kaum zu verstehen. Auf einem der Gleise fuhr gerade der TGV aus Karlsruhe ein, das immerhin bekam ich mit.

Ich wusste nicht genau, warum ich hierhergekommen war. Da war eine Unruhe, die mich antrieb, eine plötzliche Rastlosigkeit, die die kalte Wut in mir ersetzt hatte und die ich mir nicht so recht erklären konnte. Ich lehnte mich gegen einen der steinernen Pfeiler, die das große Glasdach des Bahnhofs trugen, und ließ die Menschenmenge an mir vorbeitreiben. Irgendwo in der Nähe löste ein Zug mit einem Zischen seine Bremsen. Ein Kind weinte. Und jemand sang ziemlich schief darüber, dass er nichts, aber auch gar nichts bereute. Eine Buchhandlung gegenüber verkaufte eine Neuausgabe von Gaston Leroux’ und hatte dafür ein ganzes Fenster mit üppigem rotem Vorhangstoff, weißen Masken und Unmengen von roten Rosen dekoriert.

Ich musste grinsen, weil der Roman eigentlich nicht viel mit Romantik zu tun hatte. Vielleicht sollte man der Buchhändlerin das mal erklären, dachte ich, als mir plötzlich Mila auffiel.

Mila.

Natürlich kannte ich da ihren Namen noch nicht, den erfuhr ich erst später, aber das war egal. Sie faszinierte mich auf Anhieb. Sie war ungefähr in meinem Alter und ihr Gang wirkte federnd und energiegeladen. Ihr Gesicht strahlte staunende Neugierde aus und ich vermutete, dass sie gerade zum ersten Mal Pariser Boden betreten hatte. Vor allem aber war sie extrem hübsch. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, eine Aura, die mich augenblicklich in den Bann zog. Als sie einem Obdachlosen eine Münze gab, stieß ich mich von dem Pfeiler ab und drängte mich durch die Menge, um ihr zu folgen.

Sie umrundete eine Reisegruppe. Gerade, als sie auf einer Höhe mit den Leuten war, machte einer der Männer, ein fetter, schwitzender Typ, einen Schritt nach hinten und rempelte sie an. Mila taumelte vorwärts. Ehe sie der Länge nach hinschlagen konnte, fing ich sie auf.

»Achtung!« Mit einem Lächeln stellte ich sie zurück auf die Füße.

Im Fallen hatte sie einen leisen Schrei ausgestoßen, der mir tief ins Herz gefahren war. Jetzt schaute sie zu mir auf. Ihre Augen hatten die Farbe des Sommerhimmels über der Stadt. Eine Locke kringelte sich vorwitzig aus ihrem Zopf und fiel ihr über das linke Auge. Sie blies dagegen, aber natürlich nützte das nichts, weil die Strähne sofort wieder an die alte Stelle fiel.

»Danke«, sagte sie.

Ich hatte das Gefühl, in ihre Augen zu fallen. »Kein Problem«, hörte ich mich sagen.

Sie lächelte.

Vermutlich hielt sie mich für einen Idioten. Mit Gewalt riss ich mich von ihren Augen los. Und dann sagte ich etwas unfassbar Dämliches.

»Weißt du, dass du aussiehst wie ein Mädchen, über das ich gern schreiben würde?«

Ich wartete darauf, dass sie lachen würde, aber das tat sie nicht. Sie sah mich nur an, so lange, dass mir ganz schlecht wurde vor Verlegenheit.

»Ein sonderbares Kompliment«, sagte sie. Und ließ mich stehen wie der Riesentrottel, der ich war.

Was ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, war, dass Serge bereits in meiner Nähe war, der persönliche Leibwächter meines Vaters, oder besser gesagt, sein Laufbursche. Ein unangenehmer, finsterer Kerl. Nichts als Muskeln und ein Gehirn in Erbsengröße. Serge stand im Schatten einer Markise und beobachtete Mila und mich mit steinernem Gesicht.

Dann zog er sein Handy hervor und wählte die Nummer meines Vaters. »Ihr Gefühl hat Sie nicht getrogen«, sagte er, als am anderen Ende abgenommen wurde. »Es ist wirklich jemand angekommen. Ein Mädchen.« Er lauschte einen Augenblick lang. »Ob sie fabelmächtig ist, weiß ich nicht, aber Ihr Sohn ist ganz eindeutig überaus angezogen von ihr.«

Später an diesem Tag saß ich in meinem Zimmer auf dem Bett. Ich hatte mein Notizbuch auf den Knien liegen, aber noch keine einzige Zeile geschrieben. Stattdessen dachte ich über Mila nach, schon seit Stunden.

Wie ein Idiot hatte ich dagestanden und ihr nachgeglotzt. Erst, als sie durch eine der schweren Bahnhofstüren verschwunden war, war wieder Leben in mich gekommen. Ich war ihr nachgelaufen, aber als ich ins Freie gestürzt war, war sie natürlich schon weg gewesen. Seitdem überlegte ich, wie ich sie wiederfinden konnte.

Aussichtslos! Paris war viel zu groß dafür.

Mit einem leisen Seufzen warf ich den Füllfederhalter auf die Bettdecke. Ich musste das Mädchen dringend aus dem Kopf bekommen, darum griff ich nach meinem Handy und rief Luc an.

»Lust auf Action heute Abend?«, fragte ich und er reagierte wie immer. Er sagte Ja und eine Weile später trafen wir uns in Montmartre.

Wir zogen durch die wenigen Clubs und Bars, die es mit dem Jugendschutz nicht so genau nahmen und uns auch nach elf Uhr noch reinließen, obwohl wir noch nicht achtzehn waren. Im Laufe des Abends landeten wir in einem Club, der den bescheuerten Namen trug. Die Musik war laut und beatlastig, die Getränke relativ billig dafür, dass der Laden in Paris’ bekanntestem Rotlichtviertel lag.

Seite an Seite lehnten Luc und ich uns an die Bar und beobachteten die Tanzfläche, die um diese Zeit nur halb voll war.

»Netter Schuppen, oder?« Luc musste seinen Mund dicht an mein Ohr bringen und auch dann noch schreien, um die Musik zu übertönen.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich beobachtete schon seit einer Weile einen Typen in einem hautengen schwarzen Lederoutfit, der sich zur Musik bewegte und völlig in sich versunken zu sein schien. »Ja, wenn man auf Leder und eng geschnürte Mieder steht.« Ich wollte noch etwas hinzufügen, aber ich wurde abgelenkt, weil mein Blick auf ein Mädchen fiel, das in diesem Moment den Club betrat.

Das Mädchen war Mila.

Automatisch stellte ich mich gerader hin. Plötzlich hatte ich am ganzen Körper eine Gänsehaut.

»Was ist?«, schrie Luc.

Ich deutete auf Mila. Sie trug jetzt keine Jeans mehr, wie vorhin auf dem Bahnhof, und auch keine Ballerinas, sondern ein ziemlich sexy aussehendes rotes Minikleid und Highheels. Die blonden Locken hatte sie zu einer losen Hochsteckfrisur gestylt.

»Das ist die Kleine, die ich heute am Bahnhof gesehen habe«, erklärte ich Luc. Ich hatte ihm früher am Abend von Mila erzählt – und auch davon, wie sehr sie mich beeindruckt hatte.

»Echt?« Luc riss die Augen auf. »Na, dann ist das hier wohl so was wie ein Wink des Schicksals.«

Mit einem...



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