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Lange | Florenturna – Die Kinder des Zwielichts | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Lange Florenturna – Die Kinder des Zwielichts

Band 2
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400966-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Band 2

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-10-400966-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Historische Fantasy vom Feinsten Nur ein dünner Schleier trennt das Böse vom Guten, trennt Florenturna von Florenz. Noch glaubt Girolamo, dass er mit seinem Sieg über Mercurius, den Herrscher von Florenturna, das Böse besiegt und Florenz vor der Vernichtung gerettet hat. Doch Mercurius hat einen würdigen Nachfolger gefunden, der Florenturna auferstehen lässt und bereits seine mächtigen Arme nach Florenz ausstreckt. 2. Band der Fantasy-Trilogie ?Florenturna?.

Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen. Seit 2005 schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Für ihren historischen Jugendroman ?Das Geheimnis des Astronomen? wurde sie 2009 von der Jugendjury der Stadt Bad Segeberg mit der Segeberger Feder ausgezeichnet.
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II. Es beginnt von neuem


Was bleibt uns Menschen,

als unter der Macht des Schicksals zu erschauern,

wenn wir ahnen,

dass unsere Wege in Finsternis führen?

(Aus: Dante Alighieri,
Il fioretto. Das Blümchen)

Ein harter Stoß traf Girolamo mitten zwischen die Schulterblätter und ließ ihn einige Schritte vorwärtstaumeln. Mit Mühe nur blieb er auf den Beinen, und dann fuhr er herum, um den Rempler wütend zurechtzuweisen.

Doch beim Anblick der weißen Maske mit der langen, schnabelförmigen Hakennase, die dicht vor seinem Gesicht schwebte, erstarrte er zur Salzsäule. Er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Schlagartig waren seine Knie weich wie Grütze, und ein tonloses Ächzen löste sich aus seiner Kehle.

»Bist ein bisschen schreckhaft, was?«, hörte er eine hohle, aber deutlich spöttische Stimme hinter der Maske hervordringen.

Girolamos Herz, das für einen schrecklichen Augenblick lang gedroht hatte stehenzubleiben, schlug weiter, und als die weiße Maske nun abgenommen wurde, kam dahinter das Gesicht eines jungen Mannes zum Vorschein, der ihn leicht besorgt und gleichzeitig belustigt musterte. Lange, sorgfältig in Locken gelegte Haare umrahmten vornehm blasse Wangen, die braunen Augen waren von einem dichten Kranz hellbrauner Wimpern umgeben.

Girolamo schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete er. »Ich habe Euch nur kurz für jemanden anderen gehalten.«

Der junge Mann machte eine galante Verbeugung. Dann lachte er hell und voller Lust auf, stülpte sich die Maske wieder über und lief hinter einem Pulk anderer Verkleideter her, ohne Girolamo noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Girolamo starrte den Männern nach und ließ langsam den angehaltenen Atem durch die geschlossenen Lippen entweichen.

Er mochte Florenz um diese Jahreszeit nicht besonders, und das lag am Karneval und diesen elenden und unheimlichen Masken. Zu lebendig waren in ihm noch die Erinnerungen an die Ereignisse vor einem Jahr.

Um sich von seinen düsteren Erinnerungen abzulenken, verließ Girolamo die breiten Straßen, auf denen die Menschen feierten, und schlenderte eine Weile durch die engeren Gassen. Hier war es zwar nicht viel stiller, weil auch hier gefeiert wurde, aber da hier der ärmere Teil der Bevölkerung lebte, gab es weitaus weniger Masken.

Schließlich kam er in einen Stadtteil, der um diese Jahreszeit wie ausgestorben wirkte. Der Arno floss hier trübe durch sein enges Flussbett, und die Luft war erfüllt von dem Gestank, der von dem durch die winterlichen Regenfälle angeschwollenen Fluten in die Luft stieg. Hier lebten nur die Ärmsten der Armen, und viele von ihnen verbargen sich in den düsteren Ecken und Winkeln vor den Augen zufällig Vorbeikommender.

In einer winkeligen Gasse blieb Girolamo stehen. Etwas hatte ihn aufmerken lassen, und ihm war nicht sofort klar, was es gewesen sein mochte. Lauschend legte er den Kopf schief. Die Wände ragten rechts und links von ihm in die Höhe, gemauert aus billigen Ziegeln und bedeckt vom Staub vieler Jahre. In einer flachen Rinne in der Mitte der Gasse floss schmutziges Wasser, das den lehmigen Boden in eine schmierige Masse verwandelt hatte.

Plötzlich richteten sich die Haare in Girolamos Genick auf. Seine Augen weiteten sich, als ein Gefühl von Bedrohung nach ihm griff. Er wich einen Schritt zurück, stieß mit dem Rücken gegen eine der Mauern und drückte sich dagegen. Die Angst, die ihm auf einmal die Kehle zuschnürte, verstärkte sich noch einmal, und dann hörte er ihn.

Den Schrei.

Langgezogen und wehmütig hallte er über die Dächer von Florenz hinweg. Girolamo schlug beide Hände vor den Mund. Seine Bewegungen waren langsam, mühselig, als befände er sich unter Wasser.

Erneut ertönte der Schrei. Girolamo wimmerte auf.

Er musste all seine Willenskraft aufwenden, um den Kopf in den Nacken zu legen und nach oben zu sehen. Die Dächer ließen nur einen schmalen Ausschnitt des Himmels frei, und Girolamo war sich nicht ganz sicher, ob er nicht träumte.

Ein riesiger, geflügelter Schatten schoss durch den schmalen Streifen aus blassem Blau, so kurz nur zu sehen, dass Girolamo verwirrt blinzelte. Waren es wirklich gefiederte Schwingen gewesen, die er gesehen hatte?

Ein Jäger?

Unmöglich!

So schnell er konnte, rannte Girolamo die Gasse entlang, flitzte um zwei oder drei Ecken, bis er einen größeren Platz erreichte. Er kam gerade rechtzeitig, um den geflügelten Schatten hinter dem Dach eines hohen Patrizierhauses verschwinden zu sehen.

Schweratmend blieb er stehen.

Seine Knie zitterten. Es war tatsächlich ein Jäger gewesen, den er gesehen hatte! Die blauen Flügel und die langen, schuppenbewehrten Beine ließen keinerlei Zweifel zu. Doch noch etwas anderes war da gewesen, etwas, das Girolamo vorwärtstrieb, hinein in die nächste Gasse, in jene Richtung, in die der Jäger verschwunden war.

In den Klauen hatte das Monster ein Opfer gehalten!

Ein junges Mädchen, das sich verzweifelt gegen den festen Griff der scharfen Krallen gewehrt hatte.

So schnell er konnte, rannte Girolamo quer über den Platz, umrundete mehrere Frauen, die sich scherzend und lachend unterhielten. Keine von ihnen sah so aus, als hätte sie den Jäger wahrgenommen.

Es beginnt wie vor einem Jahr!, dachte Girolamo im Laufen. Zu Anfang sahen die Menschen die Jäger nicht. Und am Ende … am Ende hatten die Bestien Hunderte Florentiner Bürger getötet.

Das Mädchen! Er musste ihr helfen, musste versuchen, sie aus den Klauen der Bestie zu befreien.

Aber es war zu spät.

Der Schrei ertönte ein drittes Mal, sehr viel leiser jetzt, als sei der Jäger bereits weit entfernt. Und dann verhallte er.

Einen Moment lang blieb es sehr still, aber plötzlich klang ein fernes Grollen auf, ganz ähnlich wie Donner, der sich an den Bergen um Florenz brach. An einer Stelle schien der Himmel über Girolamo etwas dunkler zu werden, eine Nuance nur, und schon hellte er sich wieder auf.

Girolamo blieb keuchend stehen. Seine Knie zitterten stärker, als ihm klar wurde, was geschehen war.

Es kann nicht sein!, schrie eine Stimme in seinem Kopf. Es gab keine Jäger mehr, seit er und seine Freunde, die Kinder der Nacht, vor einem Jahr Mercurius auf seiner Schwarzen Burg besiegt und getötet hatten.

Laute Rufe und fröhliches Lachen rissen Girolamo aus seiner Erstarrung. Eine Gruppe zerlumpt aussehender Menschen kam um die Ecke und ging an ihm vorüber, ohne ihm auch nur einen Blick zu schenken.

Girolamo riss sich zusammen. Es musste eine Täuschung gewesen sein, redete er sich ein. Es gab keine Jäger mehr! Wahrscheinlich hatte einfach der Anblick der weißen Maske ihn so sehr erschreckt, dass er Gespenster sah.

Mit wackligen Knien verließ er die Gasse und machte, dass er davonkam.

Nachdenklich und in sich gekehrt, ging er nach Hause. Er ließ den halbfertigen Palazzo der Familie Pitti hinter sich und marschierte den Hügel hinauf, der sich dahinter erstreckte und der nur dünn besiedelt war. Hier hatten sich mehrere kleine Viertel gebildet, in denen hauptsächlich Handwerker lebten. In einem davon stand das Haus, das Girolamos Vater Piero kürzlich gemietet hatte.

Der Frühling kam zeitig in diesem Jahr, und so zeigten sich auf der Wiese, die sich vor dem Haus erstreckte, bereits die Märzveilchen und sogar einige Büschel Lungenkraut. Eine kleine Hummel summte Girolamo um die Füße, als er über den bunten Teppich schritt.

Vor dem Haus stand eine einfache Holzbank, und bei ihrem Anblick musste Girolamo trotz der Sorgen, die ihn drückten, lächeln. Noch heute Morgen hatte er mit seinem Vater auf der Bank in der Sonne gesessen, hatte einen Becher Milch getrunken und ein Honigbrot gegessen. Sie hatten sich über alles Mögliche unterhalten, über die Nachbarn, die sich am Abend zuvor lautstark gestritten hatten, über die Schafe eines Bauern, die allesamt trächtig waren. Und nachdem Girolamo aufgegessen hatte, hatte Piero ihm über den Kopf gewuschelt, hatte ihm fröhlich zugezwinkert und ihm einen guten Tag gewünscht, bevor er an die Arbeit gegangen war.

Girolamo kostete das Zusammensein mit seinem Vater aus, denn er hatte es viel zu lange entbehren müssen. Die Vorstellung, dass Piero ihn über alles liebte, war ihm noch vor einem Jahr völlig fremd gewesen. Umso mehr genoss er sie jetzt.

»Vater?«, rief Girolamo.

Er erhielt keine Antwort, also ließ er sich auf die Bank fallen und pustete sich gegen die Stirn. Er hatte gehofft, seinen Vater zu Hause anzutreffen, weil er ihm von der unheimlichen Begegnung erzählen wollte. Aber offenbar war Piero unterwegs.

Was nun? Was konnte er tun?

Girolamo versank ins Grübeln, aber kurze Zeit später blickte er auf, weil jemand über die Wiese auf ihn zukam.

Es war nicht sein Vater.

Girolamos Augen weiteten sich. Er hatte den Mann, der dort vollbepackt durch Veilchen und Lungenkraut stiefelte, nicht gleich erkannt.

Mit einem Satz sprang er auf die Füße. »Hieronymus!«, rief er aus. »Was machst du denn hier?«

Wenige Schritte vor der Bank blieb Hieronymus stehen, und Girolamo erschrak. Der Maler sah alt aus, alt und müde. Sein Gesicht wirkte grau, das schüttere Haar noch ein bisschen dünner und farbloser, als Girolamo es in Erinnerung gehabt hatte. Seine Hände hatte der Maler um ein großes, quadratisches Bündel gekrampft, das er unter dem Arm trug. Sie waren faltig, eingefallen und papieren wie die eines Greises.

»Girolamo!«, murmelte Hieronymus. »Ich hatte gehofft, dich hier zu finden.« Er setzte das Bündel neben seinen Füßen ab. Es...


Lange, Kathrin
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen. Seit 2005 schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Für ihren historischen Jugendroman ›Das Geheimnis des Astronomen‹ wurde sie 2009 von der Jugendjury der Stadt Bad Segeberg mit der Segeberger Feder ausgezeichnet.

Kathrin LangeKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen. Seit 2005 schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Für ihren historischen Jugendroman ›Das Geheimnis des Astronomen‹ wurde sie 2009 von der Jugendjury der Stadt Bad Segeberg mit der Segeberger Feder ausgezeichnet.



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