E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Reiseerzählungen
Lange / Knodel Zwei Mädels, ein Boot, kein Plan
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8464-0880-3
Verlag: Polyglott
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Reise ihres Lebens
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Reiseerzählungen
ISBN: 978-3-8464-0880-3
Verlag: Polyglott
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Lange ist 1996 geboren und kommt aus Oldenburg. Schon seit der 5. Klasse ist sie mit Malin Knodel befreundet. Nach dem Abi beginnt sie eine Berufsausbildung als Gestalterin für visuelles Marketing in einem großen Werbefotostudio in Bremen und zieht zusammen mit Malin in eine WG. Dort schmieden sie zusammen nach Feierabend den Plan, der auf YouTube so viele begeistert: Sich aufzumachen, mutig zu sein und wirklich zu leben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Hinweis zur Optimierung
Impressum
Wichtiger Hinweis
Schiff Ahoi: Vorwort
Das Abenteuer beginnt: Kiel — Strömstad
Norwegen in Sicht: Iddefjorden — Skanör
Winter auf der Hevandelli: Malmö und Nordlichter in Kiruna
Bis zum ersten Meilenstein: Malmö – Stockholm
Anna und Malin, und ein Plan, der kein Plan ist
Danke
Glossar
Reiseroute
Anna Lange und Malin Knodel
NORWEGEN IN SICHT
IDDEFJORDEN — SKANÖR
Norwegen endlich in Sicht – eigentlich unser erstes großes Ziel. Doch wir können nicht einreisen, weil die Grenze wegen der Pandemie geschlossen ist. Aber egal, Schweden ist auch ein großartiges Land. Da der Sommer nicht ewig dauert (leider!), überlegen wir, wo und wie wir den Winter verbringen wollen, wenn es so richtig eiskalt wird (Kopenhagen oder Malmö?). Und dann macht unser Motor Probleme …
ANNA, 1. SEPTEMBER 2020 – IDDEFJORDEN
Norwegen ist zum Greifen nah. Zu schade. So gerne würden wir die unberührte Natur Norwegens entdecken. Oslo erkunden. Die weltweit bekannten Fjorde besegeln. Und noch so viel mehr. Aber die momentanen Einreiseregelungen machen uns das Segeln in dieses Land schwer. Sechs Tage Quarantäne, wobei ein fester Wohnsitz nachzuweisen ist. Also Hotel oder Ferienhaus. Bei den norwegischen Preisen ist das nichts für unsere Reisekasse. Wir entscheiden uns, in den Grenzfjord zwischen den beiden Ländern zu segeln, um wenigstens einen Blick aufs wunderschöne Norwegen zu werfen.
Im Iddefjorden sind die Felsen höher als bisher und komplett mit Bäumen bewachsen. Alles ist dunkelgrün und sieht sehr nordisch aus. Ganz anders als die bisherige Westküste Schwedens, die meist von kargen Felslandschaften geprägt ist.
Auf der Suche nach einem passenden Ankerplatz sagt Malin: »Schon lustig, das rechte Ufer ist schwedisch und das linke norwegisch. Hier treffen zwei Länder aufeinander, und wir befinden uns genau dazwischen.«
»Komm, bist du bereit für eine Mutprobe? Lass uns über die Grenze fahren«, fordere ich sie heraus.
»Bin sofort dabei.«
Wir machen uns einen Spaß aus der traurigen Realität, dass ein Virus dafür sorgt, dass grundsätzlich offene Grenzen innerhalb von Europa schließen. Damit hätte ich niemals gerechnet. Die Reisefreiheit, die wir für selbstverständlich genommen haben, ist plötzlich vorbei. Noch immer ist die Herkunft des Virus unklar, wobei das wahrscheinlichste Szenario, von dem man ausgeht, tierischen Ursprungs und über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergegangen ist. Wir Menschen haben den Tieren den Lebensraum genommen, auch essen wir noch immer wilde Tiere – vielfach Ursachen, warum sich gefährliche Viren verbreiten, so hat HIV seinen Ausgangspunkt bei Affen genommen. Für uns auch ein Grund, uns inzwischen vegan zu ernähren.
Malin hat damit angefangen, sich vegetarisch zu ernähren. Und mich damit angesteckt. Schritt für Schritt haben wir uns mit unserer Ernährung auseinandergesetzt. Wir wollten uns bewusster ernähren, wollten wissen, was genau in den Lebensmitteln drin ist. Für mich war es aus ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Gründen dann nicht mehr tragbar, tierische Produkte zu mir zu nehmen. Zumal es viele Möglichkeiten gibt, sich pflanzlich ausgewogen zu ernähren. Und wenn man sich dann noch die Massenhaltung von Tieren ansieht, dieses Leid wollen wir keinem Tier zumuten. Und nicht nur Tiere leiden, auch die Umwelt tut es. Auf der Website von PETA, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für Tierrechte einsetzt, ist Folgendes zu lesen: »Die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern gehört zu den führenden Gründen für den menschengemachten Klimawandel, den Artenrückgang, die Wasserverschmutzung und die Bodendegradation. Um die Umwelt zu schützen, ist vegan leben eine Lösung!«
Jeder Einkauf im Supermarkt ist sozusagen ein Stimmzettel. Kaufen wir weniger tierische Produkte, helfen wir unserer Umwelt. Die vegane Ernährung ist meiner Meinung nach eine effektive Lösung. Sie reicht längst nicht aus, aber es ist ein Versuch, wenigstens etwas zu ändern. Fürs Boot eignet sich die pflanzliche Ernährung besonders gut, weil fast kein Produkt gekühlt werden muss und viele Sachen extrem lange haltbar sind. Skandinavien ist für Vegetarier und Veganer sogar ein Paradies, es gibt hier so viel mehr pflanzliche Ersatzprodukte als in Deutschland, und selbst die kleinen Läden in den verlassensten Dörfern sind dahingehend gut ausgestattet. Außerdem findet man Obst und Gemüse, Reis und Nudeln sowieso überall.
Im Fjord haben wir das Glück, den Traumplatz aller Traumplätze zu finden. Natürlich auf der schwedischen Uferseite. Direkt an einem Felsen. Längsseits. Also legen wir mit Hevi einfach seitlich am Felsen an, als wäre er ein Anleger im Hafen. Wieder etwas Neues für uns. Aufregend.
Manchmal fühlen wir uns so gesegnet, dass wir es gar nicht in Worte fassen können.
So ein Platz ist doch ein wahres Geschenk. Und nicht genug: Am Abend entscheiden wir uns spontan, auf den Felsen ein kleines Lagerfeuer zu machen und Stockbrot zu backen. Da kommen Kindheitserinnerungen hoch. Während wir am Feuer sitzen, taucht völlig unerwartet ein älterer, rundlicher Mann aus dem Wald hinter uns auf. Ende sechzig, graue Haare. Wir sind etwas erschrocken, wir hatten angenommen, hier völlig allein zu sein. Er schaut uns kritisch an und erklärt, das hier sei sein Grundstück, auch der Wald gehöre ihm. »Und Feuer auf den Felsen zu machen, ist verboten«, teilt der Förster uns weiterhin mit. »Durch die Hitze können im Felsen Risse entstehen.« Das wussten wir Pappnasen natürlich nicht. Trotzdem dürfen wir für diese Nacht bleiben. Als dann noch der Vollmond hinter den Tannen hervorkommt, ist es um mich geschehen. Besser kann es nicht mehr werden, und ich versuche den Moment für immer in meinen Erinnerungen zu speichern. Aber eines ist mir klar: Alles, was wir haben, ist dieser Tag! Genieße den Moment. Morgen kann es schon wieder ganz anders sein.
Nach einer friedlichen Nacht blicke ich verschlafen der Sonne entgegen. Wir machen uns fertig zur Weiterfahrt, als abermals der Besitzer des Grundstücks mit seinem Hund aus den Tannen herausstiefelt. Was mag wohl jetzt sein? Doch er ist weniger mürrisch als gestern, er hat sogar Kaffee und Kanelbullar dabei, dass typisch schwedische Zimtgebäck. Lange lauschen wir ihm. »Eigentlich bin ich Norweger, doch das Leben in Schweden ist so viel günstiger. Deshalb wohne ich auf dieser Uferseite, zur Arbeit bin ich jedoch immer nach Norwegen mit dem Schiff rübergefahren«, erzählt er. »Aber seid Corona ist das nicht mehr möglich. Wir dürfen nicht mehr pendeln, meine Familie auf der anderen Uferseite habe ich seit fast einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Es macht mich traurig, zu sehen, wie ein Virus diese Grenzen wieder real werden lässt, vor Corona habe ich diesen Fjord nie als Ländergrenze wahrgenommen.« Seine Geschichte beschäftigt mich noch den ganzen Tag.
MALIN, 2. SEPTEMBER 2020 – IDDEFJORDEN
»Zwölf Meter, dreizehn Meter, vierzehn Meter«, zähle ich laut, während ich die Ankerkette ablaufe und auf diese Weise ausmesse. Ich möchte vorbereitet sein für unseren nächsten Ankerplatz. Von Hein und Christine haben wir ihn empfohlen bekommen. Er sei über elf Meter tief, und am Felsen könne man dort mit dem Schiff aufgrund der viel zu steilen Felswände nicht anlegen. Und weil wir sonst bei höchstens drei Meter Wassertiefe geankert haben, will ich sichergehen, dass wir auch genügend Ankerkette dabeihaben. Ich erinnere mich an den Fragebogen für den Sportbootführerschein: »Ankern mit einer Länge entsprechend der drei- bis fünffachen Wassertiefe – wie viele Meter Ankerkette sind nötig?« Auch Anna entsinnt sich, sogar besser als ich, denn sie hat den Schein erst ein Jahr später als ich gemacht. Vor dem Fiete-Abenteuer hatte ich mich zu diesem Schein entschlossen, um wenigstens mit etwas theoretischem Wissen prahlen zu können. Als dann im Raum stand, dass wir Heikos Schiff übernehmen können, hatte Annas Opa gefordert, dass auch sie diesen Schein macht. Dabei lernt man allerdings nur, was es für Schifffahrtszeichen gibt oder wie man mit Papierseekarten navigiert, jedoch nichts über das Segeln.
Wir haben den Ankerplatz erreicht, er ist wirklich wunderschön. Ich schmeiße den Anker bei einer Tiefe von zwölf Metern ins braun-schwarze Wasser und lasse die Kette kontrolliert durch meine Hände rauschen. Kurz nachdem der Anker ins Wasser eingetaucht ist, sieht man ihn auch nicht mehr. Das Wasser sieht wirklich gruselig aus. Hier können mich keine zehn Seehunde reinziehen. Einer von ihnen taucht in der Ferne gerade unter und dann direkt am Schiff wieder auf, um seine neue Nachbarin, die Hevandelli, zu begrüßen.
Um uns herum dunkelgrüne und hochgewachsene Tannen, auf der anderen Seite eine mindestens doppelt so hohe Felswand. Wir erspähen eine Stelle, an der wir mit dem Schlauchboot an Land können. Wir erkunden den dunklen Wald, denn obwohl die Sonne strahlt, ist der Waldboden duster. Es ist eine für uns sehr ungewohnte Umgebung, außerdem ist es hier spürbar kälter. Seit der dänischen Hochseeinsel Anholt waren wir nicht mehr in einem Wald, es riecht nach Harz, wir hören Insekten summen, einen Bachlauf plätschern, viele Vögel zwitschern. Und auch die Luft ist spürbar anders, irgendwie dicker. Nicht mal ein Hauch von einer Brise. In jede Richtung kann man durch das Dickicht nicht mehr als fünf Meter weit schauen. Und selbst beim Blick nach oben kann ich keinen Himmel, sondern nur Baumkronen sehen. Das ist schon sehr fremd.
Heute Morgen haben wir von dem Förster gehört, dass es hier Rehe, Elche und sogar Luchse geben soll. Während wir über die Äste gehen, lauschen wir bei jedem Blätterrascheln und halten nach wilden Tieren Ausschau. Ich habe die Angewohnheit, mir in nicht vertrauten Umgebungen Fluchtwege auszumalen, sodass ich bei Gefahr sofort weiß, wo ich hinrennen würde. Anna lacht mich deswegen immer aus, daher teile...




