Langer / Majed Der Himmel ist ein Taschenspieler
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7844-8189-0
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8189-0
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Berliner Autorin Tanja Langer und der Entwicklungshelfer David Majed aus Kabul, aufgewachsen in Deutschland, lernten sich 2010 über das Internet kennen. Ihre Autorenschaft über Tausende von Kilometer hinweg ist ein Glücksfall für die Leser. David Majeds Blick auf das Land von innen und außen trifft auf Tanja Langers emotionale, präzise Sprache, seine tiefe Kenntnis auf ihre Neugier. Mit einer gemeinsam entwickelten Stimme erzählen sie hier.
Autoren/Hrsg.
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I.
Ankunft in Afghanistan, 2002
1
Er nannte seinen Namen.
Er sprach ihn so aus, wie seine Mutter ihn aussprach, nur zögerlicher. Der Grenzer starrte auf den Pass, murmelte vor sich hin, sah Martin in die Augen, runzelte die Stirn über den ersten Vornamen, der da stand, der nicht seinem Land entsprach wie der zweite. Was spielte er sich auf? Martin deutete auf den Namen und wiederholte ihn, die Hitze machte ihm zu schaffen, und die Buchstaben fingen an zu flattern wie Lider im Schlaf oder in einem aufgeregten Wachtraum, in dem er sich sitzen sah, in seinem Zimmer in Frankfurt, als er fünfzehn oder sechzehn war und seinen Namen suchte, seinen deutschen Vornamen, er notierte viele Namen, sprengte sie wieder, baute Silben um, versuchte Vokale, fügte die Buchstaben neu zusammen, während seine Mutter nebenan in der Küche mit den Töpfen klapperte und es nach Kardamom, Safran und Kumin roch. Der Duft des Essens zog durch den Spalt unter der Tür seines Zimmers herein, er flutete die Wohnung, Tag für Tag, Abend für Abend. Sie lüfteten, er kam wieder, wenn sie in schnellen Schlägen mit dem Messer auf dem Brett Zwiebeln hackte wie er die Buchstaben auf das Papier: Wann würde der Name erscheinen, der sein eigener, selbstgewählter sein sollte? Fern von dem Land, in dem er auf die Welt gekommen war?
»So«, sagte der Grenzer mit kehliger Stimme und kratzte sich die verschwitzte Stirn unter dem nachlässig gewickelten Turban, »Martin Mahboob Malik, ist das dein Name, ja?«
»Bale«. Ja. In dieser Sekunde war er Mahboob Malik, nicht Martin. Er riss dem Mann seinen Pass aus den Händen und sah ihn mit einem kurzen Nicken des Kopfes nach hinten an: Genug!
Martin, der in diesem Augenblick wieder Mahboob wurde, überquerte die Grenze von Pakistan nach Afghanistan im September 2002 mit dem weinroten Reisepass der Europäischen Union. Das Land fing gerade erst an, sich wieder zu öffnen; es war leichter, einen Flug von Frankfurt am Main nach Islamabad zu bekommen als nach Kabul. Von Islamabad aus konnte er über Peschawar den Landweg zur afghanischen Hauptstadt antreten, ein Weg, den viele Flüchtlinge in umgekehrter Richtung genommen hatten, vor zehn Jahren, vor zwanzig Jahren. Eine Tagesreise, über den Khyber-Pass, über zerstörte Brücken, kaputte Straßen, von blühenden Wiesen hinauf in ungewohnte Höhen, durch das gigantische Gebirge, den Hindukusch, aufgeworfene Felswände, schroff, abweisend, atemberaubend, in einem bunt bemalten, schaukelnden, ruckelnden und völlig überfüllten Bus, vollgestopft noch dazu mit Taschen und Körben, Ziegen und Hühnern.
Und dann lag sie vor ihnen, hellgrün schimmernd, hellgrau schimmernd, die offene, weite Landschaft, endlos und phantastisch. Und mittendrin, im Nirgendwo: die Grenze. Auf der staubigen, steinigen Straße das einfache, schief aufgestellte Schild, staubig über dem Weiß, leuchtend blau umrandet, in der Mitte ebenso leuchtend blau der arabische Schriftzug, darunter in schwarzen Lettern auf Dari und schließlich, in lateinischen Buchstaben, dreimal dieselbe Begrüßung: Welcom in Afghanistan. Das e in der englischen Version fehlte. Mahboob las es dreimal, sein Herz schlug ihm dreimal bis in die Schläfen hinauf, es hämmerte dort vor Freude und Rührung, und er musste sich kurz über die Augen wischen.
Das Leben hatte ihn nach rechts gewürfelt und nach links, so nannte er es für sich, und es war immer weiter gegangen, und nun hatte er eine Entscheidung getroffen und war hierher gekommen, nach über zwanzig Jahren. Er wollte sehen, ob es mit dem Würfeln ein Ende nähme, denn oft kam er sich so hilflos vor, so dumm, in seinem eigenen Leben. Er wollte sehen, wo er herkam, er wollte vor allem seinen Vater wiedersehen, er hatte Angst, nach so langer Zeit, ob er ihn wiedererkennen würde, ob er überhaupt das Gefühl »Vater« finden würde, von dem er im Grunde nicht viel verstand, seit er mit neun Jahren von ihm getrennt worden war wie von dem Land, in dem er auf die Welt gewürfelt worden war, und das nun in seiner spröden Schönheit vor ihm lag, unbekannt und überraschend, durch das der Bus ihn trug zu der Stadt, in der er seine ersten Schritte gemacht und seine ersten Buchstaben zu schreiben gelernt hatte, ganz andere als die, mit denen er später las und schrieb und seinen neuen Namen kritzelte. Er wollte die Sträucher sehen, in dem Garten, in dem er als Junge gespielt hatte, die große Tanne hinter dem Haus, in deren Ästen er sich versteckt hatte, an die er sich erinnerte, er wollte die Gerüche wiederfinden, die er vergessen hatte und die doch irgendwo in ihm verborgen waren. Es war über ihn gekommen, er hatte gar nicht erst versucht zu verstehen, warum und wieso, ein paar Wochen, nachdem der Brief seines Vaters ihn erreicht hatte. War es nicht selbstverständlich, Würfel links, Würfel rechts? Ich muss hin, ich muss ihn sehen, vielleicht – wird dann alles gut.
Dies alles überkam ihn jetzt, beim Übertreten dieser Grenze, die so aussah, als wäre sie gar nicht echt.
Das Leben hat wirklich etwas für mich übrig, dachte er, von einem leisen Lachkrampf geschüttelt, kaum dass er die Tränen fortgewischt hatte, mit seinem Timing. Auf dem Flughafen in Frankfurt, als ich am wenigsten damit rechne, renne ich in diese junge Frau hinein, remple sie an, dichte Wimpern, ihre Augen irgendwas Grünes oder Blaues, sehr helle Haut zu unerwartet dunklen Haaren, zarte Sommersprossen, schräge Brauen, ein verrutschtes Lächeln, und ich bleibe stehen, fange ein Gespräch an, verbringe drei Stunden mit ihr, weil das verdammte Flugzeug Verspätung hat.
Worum ging es denn im Leben? Atmosphären? In der Oper sitzen? Die Schönheit mathematischer Formeln begreifen? Oder Staub atmen, Kindergerüche finden, in Kabul, Kabul, schöne Laute, hässliche Bilder, jeden Abend in den Nachrichten? Oder plötzlich Noor – so hieß sie – ein afghanischer Name, ausgerechnet, eine Tangolehrerin, Tango, das war doch diese herzzerreißende Musik, in der alte Männer mit hohen Stimmen von der vergessenen Liebe sangen oder Buenos Aires, mi amor? Warum dachte er, seit er sie getroffen hatte, vor zwanzig Stunden genau, ununterbrochen ans Glücklichsein? Morgens im Bett, bei langen, langsamen Gesprächen? Warum hatte er sie nicht früher kennengelernt, und warum stand er hier im Staub auf der Straße, an der Grenze zu seinem Geburtsland? Das Wort Heimatland brannte ihm auf der Zunge wie die Sonne auf seine Stirn, aber er konnte und wollte es nicht herauskommen lassen.
Ach, Afghanistan?, hatte sie gefragt, wie schrecklich, die zerstörten Buddhastatuen von Bamyan. – Ja, wie schrecklich. – Aber, hatte sie nachdenklich hinzugefügt, Materie bleibt erhalten, Materie verwandelt sich, Leben vergeht, Leben beginnt, Atmen.
Er hatte sie verwundert angesehen. Buddhismus, lächelte sie, meine Mutter war ein Hippie, ich habe es von ihr gelernt, obwohl ich lieber tanze als zu meditieren. Sie lachte. Ein sprödes, tief aus der Kehle hochgurrendes Lachen, das ihn erwärmte wie Tee mit Ingwer und etwas Scharfem, Alkoholischem. Dieses Lachen stieg ihm zu Kopf, so schnell, dass er Mosaiksteine tanzen sah.
Der Buddhismus ist vergessen in Afghanistan, sagte er, dabei war er da, in den zertrümmerten Statuen von Bamyan, der Buddhismus hat eine Blüte erlebt und dem Land eine paradiesische Zeit beschert, vor zweitausend Jahren. Über den Handelsweg von Indien kamen sie, über Baktrien und das Tarimbecken nach China, und Noor nickte und strahlte: Du kennst dich aus, wie schön! – Und du, wieso trägst du diesen Namen, Noor? – Weil meine Mutter ihn liebte, weil sie als junge Frau durch Afghanistan bis nach Indien gereist ist, so habe ich ihn bekommen, er bedeutet – Licht bedeutet er, ich weiß es, hatte er lachend ihren Satz beendet. Du schönes Licht, hatte er dabei gedacht, wie kann das sein? Ich bin Martin, sagte er dann, aber meine Eltern nannten mich Mahboob. Und Noor hatte wieder genickt, so, als verstünde sie ihn ganz genau, mein zweiter Name ist, bitte lach nicht, Simone.
Sie waren zur Cafeteria gegangen, hatten sich gesetzt, an einen der grauen Tische mit der kalten, glatten Oberfläche, und plötzlich hatte über den Tassen mit dem dampfenden Tee etwas zu schweben angefangen, etwas kam da in Gang, nahm seinen Anfang, verwandelte sich, und als Mahboob jetzt daran dachte, fuhr es ihm ins Herz, zusammen mit all den anderen wilden Empfindungen, die ihn angesichts der großen, freien Landschaft befielen und dieser mickrigen Grenze, deren Übertreten doch niemals »nach Zuhause« bedeuten konnte oder »ankommen«, und es dennoch tat.
Nachdem der Grenzer jeden einzeln umständlich kontrolliert und eine unsichtbare Linie im Staub hatte passieren lassen, stiegen alle entnervt wieder in den Bus ein, der ohne sie ein Stück vorgerollt war. Zwanzig Meter weiter hielt der Fahrer erneut an, ohne Ankündigung, vor einer lieblos zusammengehauenen Bretterbude mit Wellblechdach, und alle stiegen widerstandslos aus. Ein überraschend angenehmer Geruch lag in der Luft, nach gegrilltem Fleisch und etwas Süßem, das Martin Mahboob nicht kannte. Er betrat mit den anderen zusammen einen dunklen Raum, seine Augen mussten sich nach der Helligkeit draußen umgewöhnen, dann sah er niedrige Sitzgelegenheiten, eigentlich nur zusammengelegte, blassrote Teppiche, in denen der Staub sich festgefressen hatte, um eine ehemals wohl blaue Plastikfolie auf der Erde herum. Die Männer redeten alle durcheinander, der Busfahrer hatte längst die Bestellung aufgegeben, und schon hockten sie um die Folie herum, die als...




