E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: HarperCollins
Larsen Sommerzauber am Fjord
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7499-0353-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-7499-0353-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein magischer Sommer in Norwegen
In der malerischen Altstadt von Trondheim, wo bunte Holzhäuser sich an enge Kopfsteinpflastergassen schmiegen und sich die frische Fjordluft mit den Aromen aus zahlreichen Cafés mischt, erfüllen sich die DIY-Instagrammerin Frida und der Kunsthistoriker Sander den Traum eines eigenen Ladens. Der Haken ist nur - sie müssen sich ein Geschäft teilen, und schon beim ersten Kennenlernen ist für beide klar: Sie können einander nicht ausstehen! Um einer gemeinsamen Freundin zu helfen, ziehen sie jedoch bald an einem Strang und merken: Dieser Sommer birgt einen ganz besonderen Zauber. Werden sie der Liebe auch dann eine Chance geben, wenn ihre Vergangenheit droht, sie einzuholen?
Julie Larsen, Jahrgang 1979, liebt ihre Familie, Hunde, Katzen, Vögel und das Reisen. Nach dem Abitur in England studierte sie in Prag und München Kommunikation. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, um neue Abenteuer zu erleben, träumt sie sich mit ihren romantischen Geschichten an die schönsten Fleckchen dieser Welt.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Wie alles begann …
Trondheim, 25 Jahre zuvor
Auf dem Heimweg von der Schule begann es zu schneien. Sanders Mantel war zu kurz, die Stiefel löchrig, sodass binnen Minuten bei jedem Schritt Eiswasser in seine Zehen biss. Seit seine Mor vor vier Jahren gestorben war, kümmerte sich niemand mehr so recht um seine Klamotten. Er war zehn Jahre alt, und Vater behauptete, er wüchse schlimmer als Unkraut. Die Hände in die Taschen vergraben zog er die Schultern zu den Ohren. Es half nichts. Eine Schneeflocke traf ihn direkt im Auge. Er blinzelte in die grauweiße Feuchtigkeit. Auf Anhieb fielen ihm mehr als ein Dutzend Wörter für Schnee ein, und Blåstøde war der schlimmste von allen: Es war die Art Schnee, die voller Wasserpfützen war und widerlich an der Haut klebte. Es war die Art von Schnee, die dann fiel, wenn sein Magen beinah unaufhaltsam knurrte, weil Far mal wieder zu wenig Geld dagelassen hatte, wenn er sich im Dezember, kurz nach Weihnachten, auf den Weg zu den Lofoten machte. Am sechsten Januar, am Tag der Heiligen Drei Könige, kletterte die Sonne dort oben, ganz im Norden Norwegens, zum ersten Mal wieder über den Horizont. Das war auch der Tag, an dem der Kabeljau seine Reise von der Berentsee zu den Laichplätzen antrat und die Fischer ihm folgten. »Skrei« hatten die Wikinger diese Fische genannt – reisende Fische –, und wer den Skrei zu Geld machen wollte, der musste ihm folgen. So hatten es schon ihre Vorfahren gemacht: Sanders Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater und Ururgroßvater, immer weiter und weiter in die Vergangenheit, bis hin zu den Herren des Nordens, die das Land, aus dem er stammte, so lange beherrscht hatten.
Far hatte auch aus Sander einen Fischer machen wollen. Keine vier Jahre alt war er gewesen, als Vater ihm zeigen wollte, wie man einem Kabeljau in den Rachen griff, ihm die Zunge herausschnitt und den glitschigen Fischleib anschließend auf einen stählernen Dolch spießte, damit er im Wind trocknen konnte. Doch Sander wollte kein Fischer werden – das Gefühl der glibberigen Fischinnereien an seinen Händen hatte ihm den Magen umgedreht, und er hatte sich auf Fars Stiefeln erbrochen. Ein paarmal hatte sein Vater danach noch probiert, ihn zu bekehren. Die Fischerei war das Einzige, was Far wirklich interessierte. Darüber konnte er stundenlang reden, und Sander erinnerte sich an eine Zeit, als er Far sogar gerne dabei zugehört hatte.
Erneut knurrte sein Magen. Aus einem Café wenige Meter vor ihm stieg der verlockende Duft nach Zimtkringeln auf. Er spielte mit den Münzen in der Manteltasche – es waren nicht mehr viele. Nicht genug, um sich eine von den Köstlichkeiten zu gönnen. Trotzdem konnte er es sich nicht verkneifen und trat an das Fenster des Cafés. Sofort beschlug das Glas von seinem Atem. Er wischte mit dem Ärmel seines Pullovers, der unter dem Mantel hervorragte, ein kreisrundes Guckloch an der Scheibe frei. An kleinen Tischen saßen Menschen vor dampfenden Kaffeebechern und Kuchentellern und entflohen der Märzkälte. Kerzen spendeten warmes Licht, in der Theke türmten sich die Köstlichkeiten. Zimtkringel und Skoleboller – Hefeschnecken mit Vanillecremefüllung. In einem ganzen Backblech mit Kvaefjordkake fehlten nur ein paar Stücke. Selbst durch das Fensterglas wirkte die Baiserhaube auf goldgelben Biskuit herrlich knusprig. Außerdem gab es Mandelkuchen und gefüllte Pfannkuchen, Sahnewaffelhörnchen und Beerenmuffins … Eine Woge Sehnsucht überrollte ihn. Ein Meer an Empfindungen, dem er nichts entgegensetzen konnte. Im Sommer, wenn die meisten Läden in der Øvre Bakklandet auch Straßenauslagen hatten, war es einfacher, ab und zu etwas mitgehen zu lassen. Natürlich wusste Sander, dass Stehlen verboten war, aber selbst im Sommer, wenn Far zu Hause war, ließ er sich so gut wie nie dazu überreden, Sander ein paar zusätzliche Kronen für Süßigkeiten zu überlassen. Lieber deckte er sich bei Steinar Larsen mit Gebranntem ein und ertränkte seinen Kummer über die Zeit, die sich nicht anhalten ließ, auf dem Grund einer Flasche.
Seufzend zog Sander weiter. Er sollte nach Hause gehen. Wenn sein Vater auf Fahrt war, passte ihre alte Nachbarin, Jorunn Fredriksen, auf ihn auf. Meistens sah das so aus, dass sie zweimal am Tag bei ihm vorbeikam, einmal am Morgen, um sicherzugehen, dass Sander aufstand und sich für die Schule fertig machte, und einmal am Abend, wenn sie ihm einen Teller mit lauwarmen Resten von ihrem eigenen Abendessen auf den Tisch stellte und ihn daran erinnerte, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Den Rest des Tages war Sander in der Schule oder sich selbst überlassen, und das war auch gut so. In seinem Alter war sein Vater bereits zur See gefahren und hatte für sich selbst gesorgt – ein Umstand, den er Sander niemals vergessen ließ. Sein Sohn war eine Enttäuschung, eine Schande für ihren Namen. Ein Sonderling, der sich lieber in Schulbüchern verkroch, statt mit den anderen Jungs im Viertel zu rangeln, im Winter Schlittenfahren und im Sommer Angeln zu gehen. Stattdessen streifte Sander Tag für Tag allein durch Bakklandet. Hier, zwischen den alten Häusern, mit Blick auf den Dom auf der anderen Uferseite des Flusses, gab es tausend Schätze für ihn zu entdecken: Läden mit alten Büchern und Karten, solche mit Kleidung für die feinen Leute, die auf den Kreuzfahrtschiffen nach Trondheim kamen. Restaurants, deren Speisen so exotisch klangen wie Stopps auf einer Reise um die Welt. Jeden Tag entdeckte er etwas Neues, jeden Tag verlor er sich ein bisschen mehr in den Abenteuern, die es nur in seinem Kopf gab.
Ein leises Klingeln riss ihn aus den Gedanken. Aus einer Tür direkt neben ihm trat eine Mutter mit ihrer Tochter an der Hand. Mit der Schulter hielt sie die Tür auf. »Auf Wiedersehen«, sagte sie hinein ins Ladeninnere. »Er wird begeistert sein, nicht wahr, Linnea?« Bevor das kleine Mädchen an ihrer Seite antworten konnte, sprach sie weiter. »Es ist immer so schwer, für Männer Geschenke zu finden. Ich hätte schon viel früher bei dir vorbeischauen sollen, Kjersti! Da ist der Laden seit Jahren da, und ich bin immer daran vorbeigegangen …«
Eine tiefe Frauenstimme antwortete, doch über das Pfeifen des Windes, der den Blåstøde durch die Gassen trieb, konnte Sander die Worte nicht verstehen. Das Mädchen zuppelte am Ärmel der Mutter. Sander trat näher, sein Körper genoss die Wärme, die aus dem Ladeninneren ins Freie floss.
»Na gut, ich muss los.« Lachend hob die Frau die Schultern, dann löste sie die Hand aus dem Griff des Mädchens und legte ihr stattdessen den Arm um die Schultern. Quietschend schloss sich das Türblatt. In der allerletzten Sekunde schlüpfte Sander in das Geschäft. Er hatte keine Ahnung, warum er das tat. Vielleicht, weil es ihm genauso ging wie der Frau. Zigmal war er an dem Haus an der Ecke Øvre Bakklandet und Brubakken vorbeigekommen, aber nie hatte der Laden denselben Reiz auf ihn ausgeübt wie die anderen Geschäfte im Viertel. Seine Fenster waren blind vor Staub, die Auslagen voll mit irgendwelchen seltsamen Dingen, ein ausgestopfter Hecht oder ein Stück Klippfisch, das laut Infozettel aus dem Jahr 1846 stammte.
Die Tür fiel hinter Sander ins Schloss, und so lieblich das helle Geläut des Glockenspiels war, Sanders Herz brachte es dazu, einen Schlag auszusetzen. Der Laden wirkte bei geschlossener Tür noch dusterer, die zahllosen Regale schienen regelrecht auf ihn zuzukriechen. Es roch nach Staub und Alter, überall lag etwas herum, und zwischen den Regalen duckten sich Schatten. Einen kleinen Schritt nach dem anderen kämpfte er sich weiter ins Herz des Ladens vor. So viele Dinge standen hier, dass er gar nicht wusste, wo er zuerst hinsehen sollte. Da waren alte Bücher und Zeitschriften, mit Flüssigkeit gefüllte Glaszylinder, in denen seltsame Kreaturen schwammen. Einen zweiköpfigen Kraken sah er, dann etwas, das aussah wie ein Krokodilbaby, und ein Geschöpf, das nur aus Augen zu bestehen schien. Ein Schauder rieselte ihm übers Rückgrat, aber er ging weiter. Auf einem Tisch aus dunklem Holz standen silberne Kerzenleuchter in vielen verschiedenen Größen. Eine Ecke schien ausschließlich für Sitzmöbel reserviert zu sein: Stühle, Hocker, Sessel, Couchen, alle mit ausgeblichenen Stoffen bezogen, bei manchen stießen sogar schon die Springfedern aus der Sitzfläche. Wer hatte wohl schon auf diesen Stühlen gesessen, wer die abgewetzten Lehnen berührt? In seinen Fingern kribbelte es, so sehr drängte es ihn danach, einige der Ausstellungsstücke zu berühren.
Sein Blick fiel auf ein Gefäß aus einem silberartigen Material mit einem bauchigen Fuß und einem langen, schlanken Hals. Ein gewundener Griff war an dem Hals angebracht, aber er hatte keinen Ausguss, und die Form sprach nicht gerade dafür, dass es sich um einen Krug handelte. Es würde ja kaum Flüssigkeit hineinpassen. Fasziniert streckte er die Hand aus, berührte den kugeligen Fuß. Er hatte Dellen und Erhebungen, hauchdünne Plättchen bildeten den Rahmen für die Kugeln, die in sie eingefasst waren. Ein bisschen erinnerte das Muster an geöffnete Blüten, aber nicht ganz. Unten am Hals klebten Aufkleber – oder nein, das waren Plaketten, die Schrift halb abgeschabt und schlecht lesbar. Guarniee Pewter, stand dort, Slo Metall, Norway.
»Suchst du etwas Bestimmtes?« Er zuckte zusammen. Die Frau war hinter ihm so lautlos aufgetaucht wie ein Geist. Sie hielt eine brennende Zigarette im Mund, der Rauch stieg in gewundenen Kringeln in die Höhe und verbarg ihr Gesicht.
»N…nein, ich …« Er biss sich auf die Unterlippe. Er hasste es, wie hoch...




