E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Laubmeier Das Marterl
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-608-12230-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-608-12230-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Johannes Laubmeier wurde 1987 in Regensburg geboren und wuchs in Niederbayern auf. Er studierte Journalistik in Eichstätt und Sozialanthropologie in Cambridge. Er war Finalist bei den British Journalism Awards 2017 in der Kategorie »New Journalist of the Year« und arbeitet als Schriftsteller, Reporter und Übersetzer in Berlin. »Das Marterl« ist sein Debüt.
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Bilder Spaziergang Johannes mit Hund
Die Zeit ist eine zähe, langsam aushärtende Masse. Vielleicht gibt es sie gar nicht in diesem Moment. Sie haben die Rathausuhr abgehängt. Statt des großen Ziffernblattes klafft ein kreisrundes Loch. Das Rathaus wird renoviert, der gotische Dachreiter über dem barocken Wellengiebel und das steil zulaufende Dach sind verdeckt von Planen und Gerüsten. Arbeiter hieven Stahlstangen von Ladeflächen, ihre Rufe schallen über den Platz. Das Glockenspiel, 18 Glocken unterschiedlicher Größe, die an einem aus Metall gegossenen Rahmen um eines der Fenster hängen, und das die Bustouristen gerne filmen, weil es einmal am Tag »Gott mit dir, du Land der Bayern« spielt und ihnen beweist, dass sie in der Tat in Bayern sind, ist nicht mehr da. Auf dem First der Sankt-Barbara-Kirche hocken die Störche, aufgereiht, als hätte sie jemand dort platziert.
Im Sommer sitzen Männer unter den Sonnenschirmen vor der leuchtend gelben Fassade des großen Brauereigasthofs mit den geschwungenen Giebeln und dem Bild der Gottesmutter und trinken Bier, aber es ist Frühherbst oder spät im Frühling. Ich bin in meinen frühen Dreißigern, jedes Mal in diesem Moment. Ich biege um die Ecke am Landmodengeschäft, in Turnschuhen gehe ich über die abgeschliffenen, großen Kopfsteine.
Von unten am Fluss nähert sich ein Dröhnen. Ein Mann fährt seinen Golf GTI mit heruntergelassenen Scheiben auf den Platz. Der Bass ist so laut, dass er mir in den Magen schlägt. »Nessaja« von Scooter. Im Schritttempo rollt er vorbei, und für die Dauer dieses Moments beherrscht der Mann am Lenkrad die Szenerie. Die wenigen Menschen auf den Plastikstühlen vor den Cafés hören auf zu sprechen und warten, bis das Auto und sein Fahrer um die Ecke gebogen sind.
Vor dem Italiener gegenüber steht der Restaurantbesitzer an der offenen Tür. Mario Lucente, ein kleiner Mann mit einem großen Bauch, über den sich wie eigentlich immer ein Poloshirt spannt. Er empfängt die Gäste und schaut denen ein wenig verständnislos hinterher, die andere Cafés ansteuern. »La Piazza da Mario« hat er sein Restaurant und die Eisdiele, die gleich daneben liegt, genannt. Damit jeder weiß, dass der Platz ihm gehört. Die Bewohner von A. sagen, er könnte vielleicht etwas mit der Mafia zu tun haben – oder die Mafia mit ihm zumindest. Ob das stimmt, weiß aber keiner, und es ist ihnen am Ende auch egal. Schließlich ist der Mario ein Guter. Sie sagen immer »der Mario«, als wäre es sein Beruf, Mario zu sein.
Der Mario nickt, als ich mich dem Restaurant nähere. Ich nicke auch. Ich habe, soweit ich mich erinnern kann, nie mehr als ein, zwei Worte mit ihm gewechselt. Als ich durch die Tür trete, rollt wieder der Golf auf den Platz, wieder schwillt das Dröhnen an und verebbt dann allmählich.
Mein Vater sitzt drinnen am Tisch vor der künstlichen Natursteinwand und wartet darauf, dass ich mich verspäte. Geduldig, aber nahe der Tür, damit der Hund, der sich unter dem Tisch auf den kühlen Fliesen ausgebreitet hat, rauskann, wenn er muss. Vor ihm steht eine Apfelschorle, daneben ein halb getrunkener Espresso Macchiato, und der Keks, den er jedes Mal für mich übrig lässt. Sein grüner Anorak hängt über der Stuhllehne, und er hat wieder den alten Pullover an, den andere schon vor Jahren durch einen neuen ersetzt hätten. Aber er weigert sich jedes Mal, wenn ich versuche, ihn dazu zu überreden. Dreitagebart, die Haare wie ein in die Jahre gekommener Beatle, Paul, nicht Ringo. Alt ist er geworden, aber immer noch nicht grau. Seit ein paar Jahren ist er Rentner. Frührentner, darauf legt er Wert. Mit sechzig hat er aufgehört zu arbeiten, seitdem spricht er das Früh- mit dem Stolz eines Schelms, dem ein besonders guter Streich gelungen ist.
Er wohnt noch immer in dem kleinen Appartement an der alten Stadtmauer, in das er nach der Scheidung gezogen ist. Er lädt mich selten dorthin ein, wir treffen uns fast immer bei Mario. Und immer mit Hund. Als ich noch zu Hause lebte, war es meiner. Zumindest sage ich mir das selbst. Mein Vater blickt von seiner Zeitung auf und lächelt mir zu. Ich hänge meine Jacke an die Garderobe, hole mir einen Kaffee an der Bar und setze mich zu ihm an den Tisch. Er liest seinen Artikel zu Ende.
Die Tätowierung brennt auf meinem Unterarm, erst wenige Wochen ist sie alt. Rainfarn, ein schlanker Stiel, die gefiederten, lanzettförmigen Blätter, oben, ausgefächert, ein Schirm aus knopfförmigen Blüten. Eigentlich ist es keine Blume, sondern Unkraut. Imker trockneten sie früher und benutzten sie in ihren Pfeifen, des Geruchs wegen, der ihre Bienen besänftigte.
Tansy to take the smell.
Wir gehen los, langsam in Richtung Süden, zum Fluss, der Hund voran. Die Sonne steht schon tief, ist halb hinter den bunten Fassaden verschwunden, es ist kühl im Schatten.
Am rechten Flügel des Brauereigasthofs hängen sie gerade das neue Programm des örtlichen Jazzclubs auf, der sich jede Woche oben in der kleinen Disko, dem »Club Center«, trifft. Wir waren früher dort tanzen, und vor uns unsere Eltern. Ein niedriger, altweiß gefliester Raum, zwei Bars und eine Lichtanlage, die farbige Dreiecke auf die Tanzfläche wirft, daneben die DJ-Box, zu der wir als Teenager hinaufbrüllten, um uns einen Song zu wünschen. An den Rändern der Tanzfläche stehen klobige Bartische, an der Wand hängen raumhohe Porträts, Karikaturen von Marilyn Monroe und Abraham Lincoln – so wie sie Straßenkünstler am Ufer der Seine zeichnen. Dazwischen prangt das Logo der Disko, zwei rote Cs, die ein wenig an Chanel erinnern. Als ich jünger war, war ich überzeugt, dass alle Diskos so aussehen.
Der Vorsitzende des Jazzclubs, ein schlaksiger Saxophonist in den frühen Sechzigern, unterbricht seine Arbeit an den Plakaten und winkt meinem Vater zu. Mein Vater grüßt zurück, mit einer ausladenden Bewegung führt er Zeigefinger und Mittelfinger zum Schirm seiner Baseballkappe und hebt sie in die Luft. Vor etwa zwanzig Jahren haben sie die mit dem Logo des Jazzclubs besticken lassen, orange auf dunkelblau, ein altes Mikrofon, daneben der Befehl »Be Sharp«. Mein Vater trägt sein Käppi immer noch, nur dass die orangefarbene Stickerei blass und aus dem dunklen Blau ein helles Grau geworden ist.
Das Drängen des Hundes jetzt, zum Flussufer hin fällt die Straße steil ab. Links liegt, in Resten, die alte Burg. Im erhaltenen Teil, zur Innenstadt hin, ist das Vermessungsamt untergebracht, das sie seit einiger Zeit das Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung nennen. In der Mitte des Platzes steht ein Denkmal des berühmtesten Sohns der Stadt. Im 16. Jahrhundert unterrichtete der Historiker zwei bayerische Prinzen, und seine Jahrbücher der Bayern haben manche veranlasst, ihn den »bayerischen Herodot« zu nennen. Bekannter ist er jedoch heute für den Weißbierbock, der seinen Namen trägt, obwohl er nicht in A. gebraut wird. Hier, in seiner Geburtstadt, wacht er, die Hand nachdenklich am Vollbart, auf dem nach ihm benannten Platz über die Parkbuchten und manchmal kommt ein Arbeiter der Stadtwerke und wäscht ihm den Tabendreck von der Kappe.
Am Fluss lässt mein Vater den Hund laufen. Über die kleine Insel und das abgesperrte Stauwehr gehen wir am Wasser entlang auf die Auenlandschaft zu, die die Stadt nach Südosten begrenzt. An der großen Weide, die wie ein Turm in der Mitte der Feuchtwiesen aufragt, setzen wir uns für ein paar Minuten auf eine Bank. Der Hund wetzt durch das hohe Gras einem Stock hinterher, den mein Vater wirft.
Man riecht den Rainfarn, lange bevor man ihn sieht. Ein herber, durchdringender Geruch von Menthol, Kampfer und Chrysanthemen.
Tansy to take the smell.
Im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert riet ein botanisches Volksbuch Frauen, ihre Kinder über den Rauch des verbrennenden Rainfarns zu halten, um sie gegen »alle böse gespenster des teufels« zu immunisieren. Gegen Würmer sollte es auch helfen, weshalb sie es auch Wurmkraut nannten. Gespensterkraut nannte es niemand.
Hinter mir, am Rand der Wiesen, erstreckt sich der große Parkplatz, auf dem sie alljährlich im Sommer das Volksfest feiern, mit Dirndlköniginnen, Fahrgeschäften und Bier. Fünf Tage lang wird dann der Platz, der jetzt wie eine Schürfwunde am Rand der Stadt liegt, zu einem Gewühl aus Leibern, Lärm und blinkenden Lichtern, und die Polizei kontrolliert jedes Auto, das die Stadt verlässt. Mein Vater geht nur dorthin, wenn am Montagmorgen hinter den Zelten der traditionelle Jahrmarkt stattfindet. Dort kauft er sich am Hutstand einen neuen braunen Filzhut, so einen, wie ihn Väter im Rentenalter eben tragen. Er habe ein Hutgesicht, sagt er jedes Mal nicht...




