E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Lauff Marie Verwahnen (Kommentiert)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-7081-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Frauenschicksal zwischen Pflichtgefühl, Heimatkunst und wilhelminischer Gesellschaft am Niederrhein
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
ISBN: 978-80-268-7081-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Marie Verwahnen' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Der Turmkoloß kam wieder in Sicht. Hinter seiner massigen Profilierung schob sich ein intensives Licht vor, auf dessen Fläche die Zacken und Schrägen des klobigen Bauwerks wie aufgenagelt erschienen. Es lag etwas Ungefüges, Trotziges, Herausforderndes in der ganzen Erscheinung, in welcher ich das Harte und Unbeugsame im Charakter der dortigen Menschen wiederzuerkennen glaubte, eine Erkenntnis, die verstärkt wurde beim Anblick des ruhig ziehenden Stromes und der majestätischen Öde des Tieflandes, die jetzt unter dem Mond lagen wie Giganten in schwerfälliger Eigenart.' Joseph Lauff (1855-1933) war ein preußischer Oberstleutnant und Schriftsteller.
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II. Im Roten Häuschen
»Hörst Du, hörst Du ...!« – – – – – – – –
Der Sturm setzte mit gewaltigem Stöhnen über den Rheindeich. Zerfetzte Wolken trieben vorüber; ihre Schatten gaben dem breiten Wasser eine bleigraue Färbung. Die noch kahlen Pappelkronen sausten im Wind, Mensch und Vieh duckte sich vor dem mächtigen Odem, verdächtiger Schaum spritzte über Buhnen und Dämme, und auf allen Beobachtungswarten wurden die Sturmzeichen gehißt.
Es war im März. Die Tage der Karwoche waren nicht mehr fern. Märzschauer gingen über die Erde: bald Schneegestöber, bald Regen. Die weite Niederung hatte noch ein winterliches Aussehen, nur die Ruten der Kopfweiden bräunten sich, und hin und wieder sah das safrangelbe Auge einer Sumpfdotterblume aus dem grasigen Teppich. Unter dem Himmel war Krähengeschrei. In langen Geschwadern suchten die schwarzen Vögel ihre Kolonien auf. Trüb, lehmig und mit tückischen Wellen besetzt, rollte das angeschwollene Wasser vorüber. Bis in den März hinein hatte der Rhein gestanden. Dann war der Südwind gekommen. Die Fläche barst, und unter Poltern und Krachen, unter Stöhnen und Mahlen setzte sich das Eis in Bewegung. Stadt und Land atmeten auf. Die Gefahr schien vorüber zu sein, als sich die schwimmenden Massen unterhalb der kleinen Stadt abermals stauten und das Flußbett verrammten. Eine mächtige Eiswehr türmte sich auf, die das nachdrängende Wasser nur langsam fließen ließ. Alle Sprengversuche waren bis jetzt resultatlos verlaufen. Die Barriere regte und rührte sich nicht. Die Hochflut wuchs und bedrohte Dämme und Deiche und das gefährdete Binnenland. Die Stromwachen wurden verdoppelt. Bei Nacht brannten Feuersignale, Meldereiter waren an den wichtigsten Stellen postiert, und die Pulsanten standen in Bereitschaft, auf ein gegebenes Zeichen in die Kirche zu stürmen, die Glockentaue herunterzulangen und die ›Nothilfe‹ auszuläuten. –
Stromaufwärts, in Rufweite von den letzten Häusern des Städtchens, lag ein kleiner Ziegelbau. Er war unmittelbar an die Binnenseite des Paternosterdeiches gedrückt. Obgleich engbrüstig und langaufgeschossen, schaute er doch nur mit der äußersten Spitze der Giebelfront über den mächtigen Damm fort. Oberhalb der niedrigen Tür streckte sich ein breites, hellblau angestrichenes Schild, auf dem in stümperhaften Buchstaben geschrieben stand: ›Zum Roten Hüsken‹, mit der Unterbezeichnung: ›In Sinte Joris Estaminet‹. Hinter den viereckigen Scheiben des rechts von der Tür gelegenen Fensters standen allerlei Waren in weitbauchigen Glasgefäßen zum Kauf ausgeboten. Kandiszucker, Kaffeebohnen, Johannisbrotschoten, Süßholzstangen, Varinaskanaster mit dem obligaten Reiter in derber Holzschnittmanier auf der groben Papierdüte, Tonpfeifen und sonstige Nutz- und Gebrauchswaren wechselten in bunter Reihenfolge ab und führten ein beschauliches Dasein zwischen kleinen und großen Flaschen, aus denen gebrannte Flüssigkeiten in verschiedenen Farben und Schattierungen hervorblitzten. In ›Sinte Joris Estaminet‹ verkehrten schlichte und geringere Leute. Schiffer, die in der kleinen Stadt ausfrachteten, Handwerker und Handelsleute, die mit Band und sonstigen Kurzwaren über Land gingen, Fuhrleute, deren schwermütige Pferde mit klingendem Dachsfellkummet vor der Wirtschaft Halt machten, gossen hier gern den hellen Genever hinter den Kittel oder ließen sich das dünne Weißbier schmecken, das in der Nachbarschaft gebraut wurde. Links von der Eingangstür lag die mit weißem Rheinsand bestreute Wirtsstube, wo Herr Cornelis Janßen das Szepter führte, während im Laden zur Rechten seine Frau unumschränkte Gewalt hatte. Wirtschaft und Laden erfreuten sich eines leidlichen Zuspruchs. –
»Pröstchen...!«
Hemdärmelig, in Velvethose und Weste, die Hände in den weiten Taschen vergraben, die Beine gespreizt und die kurzstielige Tonpfeife in den linken Mundwinkel geschoben, saß Herr Cornelis Janßen hinter dem blankgescheuerten Wirtstisch und sah ins Wetter hinaus. Er war ein kleiner, untersetzter Mann in den vierziger Jahren. Fett und glatt, wie die pralle Haut einer gemästeten Gartenschnecke, frisch vom Rasiermesser gekommen und mit kurzgeschorenem Haarwuchs ruhte der breite Kopf auf dem putzigen Untergestell, das mit Holzschuhen und Lammwollsocken seinen Beschluß fand. Blank und vergißmeinnichtblau leuchteten die etwas schnapsseligen und fidelen Aeugelchen aus den verschwollenen Backen hervor, die ihrerseits wieder an das Knallrot der Pfingstrose erinnerten. Der ganze Kerl offenbarte eine brutale Gesundheit.
»Öh ...!«
Er gähnte, streckte die Beine, daß der Binsenstuhl in all seinen Fugen ächzte und stöhnte, nahm mit der Linken den Pfeifenstummel, mit der Rechten das Schnapsglas und meinte, zu seinem Gegenüber gewendet: »Na, Pröstchen, Herr Perdje!«
Er wartete vergebens auf Bescheid.
»Denn nich,« sagte Cornelis Janßen und brachte die wässerige Flüssigkeit an die feuchten Lippen.
Die Beine unter den Stuhl gezogen, die Ellenbogen auf die Tischplatte und den zwerghaften Kopf in die Hände gestützt, saß ihm ein hagerer, ausgemergelter Mann gegenüber. Ein zwiebelgroßes Gewächs zierte den bereits völlig gelichteten Schädel. Nur eine Art von Haaroase, in Gestalt eines altmodisch gekräuselten Toupets, hatte auf der blanken Stirnfläche Wurzel geschlagen, während eine stark nach links verschobene Nase entenschnabelförmig über die zusammengekniffenen und schmalen Lippen hinwegsah. Auch nicht die geringste Andeutung eines Bartwuchses war auf dem lederfarbigen Gesicht bemerkbar. Stumpf und stier bohrten sich die verschleierten Blicke in ein klerikales Käseblättchen hinein, auf dem sich die Abdrücke einiger Geneverkringel befanden. Perdje Puhl hörte und sah nicht. Er war seines Zeichens Küster in der kleinen Gemeinde. Außerdem wirkte er als aktives Mitglied der Sankt Sebastiansbruderschaft, einer Schützengilde, die neben dem kirchlichen Banner auch bei Kirmessen und sonstigen weltlichen Lustbarkeiten die Fahne niederrheinischer Freude und Ausgelassenheiten emporhielt. In diesem Verein amtierte er als Kassenwart und hatte bei vorkommenden Anlässen, wie Vogelschießen, Begräbnis und Taufschmaus, die antiquierte Wirbeltrommel zu schlagen. Allmittags genehmigte er sich ein Schnäpschen in der Destille von Cornelis Janßen, eine Gepflogenheit, die er sich schon seit Jahren zur Lebensgewohnheit gemacht hatte.
Jetzt war Perdje Puhl bei der Lektüre an eine besonders interessante Stelle gekommen. Seine Lippen bewegten sich krampfhaft. Plötzlich schlug er mit der flachen Hand auf die Zeitung, daß das geleerte Glas emporsprang: »Donnerkiel ...!«
»Na. Perdje ...?«
»Na, Perdje – was, Perdje?! – Er kommt – der heilige Mann kommt, der Glaubensapostel, der in Engelszungen redet und predigt!«
Er sprach nicht weiter. Ein kleines Männchen im blauen Kittel, mit seidener Schirmmütze und rötlichen Haaren, dem man auf den ersten Blick die jüdische Abstammung ansah, drehte sich ins Gastzimmer: »Guten Tag – die Herrens!«
Lächelnd legte er ein Leinwandpäckchen beiseite und stellte seinen geschälten Hagedornstock, an dessen Griff sich ein Lederriemen befand, in die Ecke. Fröstelnd rieb er die Hände zusammen: »Püh! – was soll ich sagen, die Herrens?! – Draußen zieht's einem Rock un Stiefel vom Leibe. Dürfte ich bitten um ein gefälliges Schnäpschen, Herr Janßen? – aber ein süßes.«
Verschämt, nur die Kante des Stuhles benutzend, ließ er sich am Wirtstisch nieder.
»As't üh belieft,« sagte Cornelis Janßen und schenkte die kristallklare Flüssigkeit ein.
»Ein artiges Pröstchen, die Herrens!« lispelte Moses Herzlieb und prüfte von der belebenden Feuchte. »Aber was ich sagen wollte, die Herrens,« fuhr er fort, »räumen Sie bald hier die ganze Mischpoke, sonst kommt Ihnen der Rhein mit's große Wasser über dem Halse, 'ne ganze Rebellionierung is hinter dem Deiche. Die Ratten wittern Unrat un wandern aus. Nü, un wenn die Ratten ...«
Er blinzelte pfiffig mit den kleinen Augen und wippte das Gläschen hinter das knallrote Halstuch.
»Ich bitte noch um ein gefälliges Schnäpschen, Herr Janßen; aber was gesagt is, is gesagt: das große Wasser kommt uns über dem Halse. Bringen Sie Ihre Perdukte un Ihre liebwerte Frau Gemahlin auf 'ne andere Stelle. Besser is besser! Das Hochwasser steht über Pari, Herr Janßen.«
»Drecksprophet!« murrte der Küster. »Mit Ihrer günstigen Erlaubnis,« erwiderte Herzlieb, »Sie sind ein gelernter Studierter, Herr Perdje ...«
»Bin ich,« sagte der Küster.
»Gut,« bestätigte Moses, »aber die Gelernten machen öfters Pleite mit ihrem Studiertsein. Ich habe meine Meinung, Sie haben die Ihre. Dabei bleib' ich.«
»Aber, Moses, die Wachen stehn doch,« warf Cornelis Janßen dazwischen.
»Weuß ich.«
»Und der Deich hat seine reputierliche Stärke.«
»Weuß ich auch.«
»Na, und dann ist noch die Nothilfe da.«
»Weuß ich,« versetzte Moses Herzlieb mit unerschütterlichem Phlegma. »Aber besser is besser! Denken Sie an Ihre Frau Gemahlin, Herr Janßen. – Aus christlicher Barmherzigkeit, denken Sie an Ihre Frau Gemahlin un die feinen Ladenperdukte!«
»Donnerkiel noch mal!« fuhr Perdje Puhl auf, »bleiben Sie uns mit Ihren Prophezeiungen vom Leibe. Ein Jud und ein altes Weib prophezeien immer daneben.«
»Herr Perdje Puhl,« rief Moses, »ich bitte Ihnen um 'ne gewisse Mäßigung! Ein gelernter Studierter soll Mäßigung haben, Herr Perdje.«
»Ach, was!« suchte der Küster einzulenken, »Sie mit Ihren dämlichen Redensarten,...




