E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Lauff Sankt Anne (Kommentiert)
1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8215-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-80-268-8215-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Auf der blankgescheuerten Schwelle erschien eine Frauensperson, die ein wohlassortiertes Klöppelkissen im Arm hielt. Beim Anblick dieser Erscheinung wäre jeder Unkundige vor Schreck in die Knie gefallen, denn das leibhaftige Ich der Madam Bottertje war aus dem khakifarbigen Häuschen getreten und nickte über die Straße seinem eigenen Selbst zu.' Joseph von Lauff (1855-1933) war ein preußischer Oberstleutnant und Schriftsteller.
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Wilhelmintje Bottertje ...!
Gott, dieser Name ...! – aber sie hieß wirklich Wilhelmintje Bottertje, war eine geborene Oemmertje-Donselaer, hatte im benachbarten Sluis die vier Wände beschrien und saß jetzt vor ihrem khakifarbenen Haus in Sankt Anne, an dessen Längsseiten die Stockrosen so kräftig gediehen, daß sie mit ihren strotzigen Blütenschäften fast das Sims der oberen Fenster berührten. Und die Stockrosen waren von blauschwarzen und hellvioletten Kulören, andere wieder durchliefen die Farbenskala von Zinnoberrot bis zum gesättigten Purpur, während etliche so fromm und fleischfarbig aussahen wie das rundliche Gesicht von Madam Bottertje selber, die mit ihrer mechelschen Haube, den rotgoldenen Ohrgehängen und zusammengefalteten Händen so weltvergessen dasaß, als müsse sie über ein tiefes Geheimnis nachsimulieren.
Allein Wilhelmintje Bottertje dachte gar nicht an tiefgründige Sachen, hatte vielmehr Feierabend gemacht, saß in behaglicher Muße auf ihrem Binsenstuhl und ließ sich von dem aus dem Hausflur kommenden Duft nach Spezereiwaren umspielen, aus dem jeder Kundige das Vorhandensein von Zichorien, Käse, Süßholz, Kaffee und Genever herauswittern konnte. Und in der Tat – in dem niedrigen Auslagefenster standen alle diese Dinge in weitbauchigen Gläsern, überragt von einem mächtigen Zuckerhut in blauer Papierlivree, der ebenso insichgekehrt wie Madam Bottertje auf die menschenleere Straße hinaussah und sicher vor Langeweile gegähnt haben würde, wenn es für ihn in dem Bereich des Möglichen gelegen hätte. Was er jedoch nicht vermochte, das besorgte Wilhelmintje Bottertje – sie gähnte, und zwar so kräftig und nachhaltig, daß ihre Weisheitszähne sichtbar wurden, und die langen Ohrgehänge in eine klingende Bewegung gerieten. Dieses sanftmütige Goldgeklingel war das einzige Geräusch in Sankt Anne, wenn man von dem feinen Lispeln der Pappeln absah, die in der Dorfstraße standen und ihre silberigen Blätter kaum wahrnehmbar auf und nieder bewegten. Selige, einschläfernde Ruhe schien überhaupt das Attribut von Sankt Anne, und wäre nicht der Verkehr auf der schmalspurigen Vizinalbahn gewesen, die die Verbindung mit dem nahgelegenen Knocke sur mer, Brügge und dem linken Scheldeufer vermittelte, diese Ruhe hätte an die weiche, schaukelnde Ruhe einer Schleiereule erinnert, die in stillen Sommernächten auf linder Watte dahingleitet.
Überhaupt diese Ruhe ...! – Sie lag auf den Türschwellen der niedrigen Häuser, sie haftete an dem mächtigen Ziegelturm, der, stumpfabgeschnitten und mit dreiläppigen Rippen verziert, wie ein massiger holländischer Pastetenbäcker aus dem Boden herauswuchs; sie spazierte in die müden Wiesen hinein, über die benachbarten Dünen, hinter denen das Meer lag, still, groß, alles umfassend – aber wie mit Öl Übergossen. Das Meer träumte. Selbst in den Rispen des sonst so nervösen Strandhafers war nicht die geringste Bewegung. Sankt Anne glich einer schnurrenden Katze, die, halbeingeduselt, kaum noch zu blinzeln vermochte, und der von Zeit zu Zeit eine liebevolle Hand über das schiefersilbrige Fell strich – halb eingeduselt wie Wilhelmintje Bottertje selber, die noch immer dasaß, als hätte ihr eine innere Stimme geboten: »Estimiere die flandrische Stille.« – Na, das besorgte Wilhelmintje denn auch. Ein toter Schellfisch hätte seine Sache nicht perfekter ausführen können. Wilhelmintje Bottertje war wirklich so still wie ein Schellfisch.
Ihrem schlichten Anwesen schräg gegenüber lag ein ähnliches Häuschen. Dieselbe Khakifarbe, dieselben blauangestrichenen Fensterläden, Stockrosen von denselben Kulören, die gleichen Klinkertreppen, der nämliche Türgriff, blank wie ein Dobbeltje, das eben aus der Präge hervorklingelt – nur das Auslagefenster enthielt andere Waren. Statt der breiten Geneverbouteillen, der Gläser mit Kristallzucker und Kaffee, präsentierte sich hier eine Serie Brabanter Spitzen, die ihr Dasein der Werktätigkeit und geschickten Hand der wackeren Inhaberin des Häuschens verdankten. Es war gezwirnte Renaissancetüftelei, geklöppelte Gotik, und vor dieser geklöppelten Gotik, neben der Klinkertreppe, stand ein hochlehniger Sessel und vor ihm ein niedriges Tischchen – und dann ging die Tür auf, die blitzblaue Tür mit dem messingenen Handgriff ...
Der Zauber der Weltverlorenheit war von Sankt Anne gewichen.
Auf der blankgescheuerten Schwelle erschien eine Frauensperson, die ein wohlassortiertes Klöppelkissen im Arm hielt. Beim Anblick dieser Erscheinung wäre jeder Unkundige vor Schreck in die Knie gefallen, denn das leibhaftige Ich der Madam Bottertje war aus dem khakifarbigen Häuschen getreten und nickte über die Straße seinem eigenen Selbst zu.
Aber wieso denn ...?!
Die beiden Gegenüber glichen sich wie eine Erbse der anderen, wie eine Kaffeebohne der anderen Kaffeebohne, sowohl hinsichtlich des inneren wie des äußeren Menschen: der Komplettigkeit nach und dem Phlegma nach. Sogar der Matronenspeck wies dieselben Falten und Fältchen auf, die rotgoldenen Ohrgehänge hatten ein und dasselbe Geklingel, und es hätte entschieden zu den schwerwiegendsten Komplikationen geführt, wären die Haubenbänder und Rüschen der beiden nicht von verschiedenen Farben gewesen. Es war also ein Spiel der Natur, daß Sankt Anne zwei leibhaftige Wilhelmintje Bottertje aufweisen konnte?! – I, Gott bewahre! – Zwei Wilhelmintje – nein; aber zwei Bottertje – ja, und dazu noch zwei Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, wovon die zuletzt Erschienene, also die mit dem Klöppelkissen, sich Bernadintje schrieb, eine um zwei Stunden elf Minuten jüngere Zwillingsschwester Wilhelmintjes war und sich mit dem Balbierer und Ferkelschneider Basilius Bottertje, dem Mannesbruder ihrer Schwester, verheiratet hatte. Wilhelmintje hatte mit ihrem Jan Glück in der Ehe, während Basilius sich als ein Windschneider herausmusterte, keine Schürze in Ruhe ließ und eines Tages mit der noch jugendlichen Frau des Manufakturisten Luis Gielen aus Lisseweghe auf- und davonging – eine lange und verweinte Geschichte, die aber schließlich Bernadintje veranlaßte, einen Spitzenladen aufzutun und darüber mit weißer Ölfarbe schreiben zu lassen: ›Bernadintje Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, Witwe en Kopmannsfrau te Sankt Anne in Holland.‹ Und so war es bis zum heutigen Tage geblieben ... und Bernadintje trat über die Schwelle, setzte sich auf ihren Binsenstuhl, legte ihre Klöppelei zurecht und rief über die Straße: »Tag, Wilhelmintje!«
»Tag, Bernadintje!«
»Wie geht's?«
»As't üh belieft, Bernadintje?!«
»Ich meine, wie's geht!«
»Merci. Jan macht nach Brügge.«
»Mit seinem Tilbury?«
»Nein – mit die Landkutsch.«
»Warum denn?«
»Er muß 'ne frische Bettstelle holen.«
»Hm, hm!« machte Bernadintje und ließ mit einem charakteristischen Geräusch die birnförmigen Holzspulen durcheinander haspeln. Dann fragte sie wieder: »Wilhelmintje, wieso denn?«
»Weil uns Mynherr vom Hövel 'nen neuen Inwohner rekommandiert hat.«
»Ist denn Mynheer vom Hövel schon hier?«
»Seit Freitag.«
»Und der Rekommandierte?«
»Ist ein Schriftgelehrter aus Deutschland.«
»Gratuliere!«
»Merci – und deine Inwohners?«
»Haben gestern geschrieben.«
»Und kommen?«
»Ja!« rief Bernadintje, »der deutsche Domine und seine Tochter aus Brügge. In vierzehn Tagen können sie hier sein. Ich freue mir sehr.«
»Ich auch,« sagte Wilhelmintje, und dann begannen abermals die Klöppelspulen zu sprechen und die Ohrgehänge zu klingeln, und die Pappelbäume plauderten ganz leise dazwischen, und die große Ruhe von eben stelzte wieder, wie eine graue Spinne mit langen Kankerbeinen, über das weltvergessene Dorf hin, und die steifen Stockrosen standen da wie Myfrouwen im Putz, die sich äußerst staats gemacht hatten und vor lauter Feinheit sich nicht zu setzen vermochten, und Wilhelmintje Bottertje gähnte noch einmal, dann drehte sie sich langsam auf ihrem Untergestell, wie eine holländische Windmühle auf ihrem, Balkenrost, und rief in den Hausflur: »Jan, mach voran! – Wie weit ist die Sache?«
Und Jan kam; Jan kam hemdsärmelig in Velvet-Hose und Weste, die Hände so tief in den Hosentaschen vergraben, als müsse er sich in der Gegend der Kniekehlen jucken. Er kam mit ausrasiertem Nacken, mit pomadisierten Polkalocken, über die er eine seidene Schirmmütze gezogen hatte, mit aalglatt halbiertem Kabeljaugesicht, in dessen Mundecke ein Gaudaer Tonstummel saß, dem ein Rauchwölkchen entstieg, das sich übermütig gen Himmel kringelte. Und dieses gekringelte Rauchschwänzchen war das einzige Lustige an Jan Bottertje; sonst alles Resignation und Pomade. Jan war sanft wie Postpapier, die verkörperte Wehleidigleit, eine zu Bein und Fleisch gewordene Treckschuit, die sacht und gemütlich die mit grünen Wasserlinsen bestandenen Kanäle durchwackelt. Jan war eine gedämpfte Trauermusik – aber ein pfiffiger Spezereiwarenhändler, ein viver Ehemann und als Schweinezüchter bekannt in der ganzen Umgebung. Das Kaufmännische verdankte er seiner ganzen Veranlagung, den viven Ehemann der steten Aufmunterung von Wilhelmintje, und was den Schweinezüchter anbetraf, so war er hierzu wie ein Stockfisch zur Polka-Mazurka gekommen. Gott, ne nicht! – sein Bruder Basilius war eben ein Windhund gewesen, hatte bei seiner Liebesaffäre den ›Balbierer‹ und ›Ferkelschneider‹ in Sankt Anne gelassen, und da Jan merkantil veranlagt war, sah...




