E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Laurence Das Glutnest
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96161-183-6
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Der literarische Klassiker aus Kanada | »Ein ganz herrlicher Roman.« Elke Heidenreich, Autorin von "Altern"
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96161-183-6
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MARGARET LAURENCE, die neben Margaret Atwood und Alice Munro als bedeutendste Autorin Kanadas gilt, wurde in der Präriestadt Neepawa geboren und hätte am 18. Juli 2026 ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Von frühester Jugend an wollte sie Schriftstellerin sein. 1947 heiratete sie einen Bauingenieur und ging mit ihm erst nach England und dann nach Afrika. Über Afrika schrieb sie ihre ersten Texte, ihre bedeutendsten fünf Prosawerke sind jedoch in Kanada in der fiktiven Stadt Manawaka angesiedelt, der ihre Heimatstadt Neepawa Pate stand. Für Glücklichere Tage, mit dem Eisele die Veröffentlichung ihres grandiosen Romanzyklus abschließt, erhielt sie den bedeutendsten Literaturpreis Kanadas, den Governor General's Award. Margaret Laurence starb 1987.
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EINS
Ladybird, ladybird,
Fly away home;
Your house is on fire,
Your children are gone.
– Irrer Reim. Den hab ich heute Morgen im Kopf. Was daher kommt, dass ich gestern versucht habe, Jen ein paar artikulierte Laute beizubringen. Warum man einem Kind überhaupt so was beibringen wollte, ist mir ein Rätsel. So viele dieser Kinderreime sind schauerlich, wenn man’s recht bedenkt. Ideal, um die Sprösslinge in den Schlaf zu lullen, vor allem, wenn der Reim von diesem berühmten Gebet gefolgt wird, in dem es darum geht, vor dem Aufwachen zu sterben. Vielleicht ist es aber auch gut so. Dann wissen sie schon mal, was sie erwartet. Welch ein Frohsinn am frühen Morgen, was, Stacey? Früher Morgen, von wegen. Es ist Viertel vor neun, und ich bin immer noch nicht angezogen.
Der Ganzkörperspiegel ist an der Schlafzimmertür. Stacey sieht darin reflektierte Bilder, entrückt durch das Glas wie Menschen im Fernsehen, weniger wirklich als die Wirklichkeit und doch schärfer, weil isoliert und limitiert durch einen Rahmen. Das Doppelbett ist ungemacht und auf einem Stuhl liegt ein Haufen ihrer Kleidung, nachlässig abgestreifte Strümpfe wie runde Nylonpfützen, der Hüfthalter in Form eines Reifens, so wie sie ihn ausgezogen hat. Auf einem anderen Stuhl liegt Macs schmutziges Hemd, ordentlich zusammengefaltet. Zwei Bücher wohnen auf dem Nachttisch – und , von ihr und von ihm, beide ungelesen. Verstreut auf dem Schminktisch inmitten von Fauler-Zauber-Cremes und Lippenstiften sind Fotos von Katie, Ian, Duncan und Jen in diversen Altersstufen. Über dem Bett hängt ein Hochzeitsfoto, Stacey mit dreiundzwanzig, beinahe schön, wobei sie damals nichts davon wusste, und Mac mit siebenundzwanzig, hoffnungsvoll souverän schlank, Agamemnon Herr der Männer oder das Pendant, zumindest in ihren Augen. Auf dem Bett sitzend, sieht Stacey sich gespiegelt, gegenwärtig und leibhaftig, nur unzulänglich bedeckt von einem kurzen malvenfarbenen Nylonnachthemd, bei dem die Schleife am Ausschnitt fehlt und die Schulterrüsche von einem der Kinder abgerissen wurde.
– Mein Gott, dieses elende Nachthemd ist schon uralt. Ich muss mir mal ein paar neue besorgen. Oder zumindest eins. Ganz so pleite sind wir ja nicht mehr. Ich hole mir heute zwei, beide todschick. Welchen Unterschied das machen wird? Keinen. Da, dieses verflixte Buch – warum liegt das auf meinem Nachttisch? Ich werde niemals dazu kommen, es zu lesen. , sagte der Mann immer wieder. Er hatte es wahrscheinlich schon tausendmal gelesen. Wenn ich schon den soundsovielten Abendkurs belegen musste, warum dann ausgerechnet ? Hörte sich hochtrabend an, deshalb. Zwei Mal bin ich hingegangen. Rausgeschmissenes Geld.
Stacey betrachtet ihre Unterwäsche auf dem Stuhl, macht aber keine Anstalten, sich anzuziehen. Ihr Blick wird zurückgelenkt zum Spiegel.
– Alles wäre gut, wenn ich nicht so doof wäre. Wäre ich gebildeter, meine ich. Oder schön. Gut, das wär jetzt ein bisschen viel verlangt. Sagen wir, wenn ich ungefähr fünf Kilo abnehmen würde. Hör zu, Stacey, mit neununddreißig, nach vier Kindern, kannst du nicht verlangen, auszusehen wie eine Nymphe. Das vielleicht nicht, aber für Hüften wie meine gibt’s keine Ausrede. Ich wünschte, ich würde in irgendeinem Land leben, wo vollschlanke Frauen Mode sind. Alles wird gut werden, wenn die Kinder erstmal älter sind. Ich werde freier sein. Ja, und dann? Was zum Teufel ist eigentlich mit dir los? Es doch alles gut. Los, du fette Kuh, jetzt beweg mal deinen Hintern. In der Stadt ist doch Schlussverkauf. Im Radio lief Reklame – Komisch, ich fluche nie vor meinen Kindern. Dadurch hab ich das Gefühl, ihnen ein Beispiel zu sein. Ein Beispiel für was? Für alles, was ich hasse. Hasse, aber fortsetze.
Stacey zieht sich an und bringt die zweijährige Jen nach nebenan zu Tess Fogler. Tess ist noch im Morgenrock, aber da sie groß und schlank ist, sieht sie aus, als würde sie gleich den peruanischen Botschafter empfangen. Tess’ Haare sind honigblond und sogar schon so früh zu einer makellosen Banane hochgesteckt. Stacey, die kleiner ist als sie gern wäre, trägt ihren blassblauen Frühlingsmantel vom letzten Jahr, und, da ihr dunkles unbändiges Haar dringend gemacht werden muss, einen kleinen Stohhut mit Schleier, den sie nicht mag.
– Mein Gott, seh ich aus. Wie schafft sie das immer nur.
»Furchtbar lieb von dir, Tess.«
»Ach was, das mach ich doch gern.«
»Ich bin dir so dankbar!«
»Jen macht überhaupt keine Mühe, stimmt’s, meine Süße?«
Murmel murmel quiek
»Du liebe Güte, sie will sich partout nicht verständigen, was?«
– Ja ja, reib’s mir unter die Nase. Wenn du Kinder hättest, wüsstest du, dass das kein Spaß ist.
»Na komm, Süße, magst du einen Keks?«
»Sie hat gerade gefrühstückt.«
– Bitte nicht füttern. Ich kenn deine Kekse. Shortbread. Letztes Mal hat sie sich übergeben, als ich mit ihr zu Hause war. Gott, bin ich undankbar.
»Tausend Dank, Tess – ich bin dir wirklich dankbar.«
»Ach was. Geh du nur, mach dir keine Sorgen.«
– Ist da irgendwas in ihrem Oberstübchen? Vielleicht nein. Vielleicht nur ich. Stacey, du alte Hexe.
»Tess – Katie holt Jen in der Mittagspause ab, wenn sie aus der Schule kommt, falls ich noch nicht zurück bin, gut?«
»Klar, gut, gut.«
Stacey geht den Bluejay Crescent hinunter bis an die Ecke und nimmt den Bus in die Innenstadt. Aber sie geht nicht zum Schlussverkauf. Unweit des Wassers steigt sie aus und marschiert los. Es sind nicht ihre Nerven. Es ist nur so, dass sie seit gut zwanzig Jahren in dieser Stadt lebt, der Perle des pazifischen Nordwestens, und nichts darüber weiß. Plötzlich und unerklärlicherweise hat sie das Gefühl, es werde allmählich Zeit dafür. Sie weiß, dass sie auf diese Weise nichts erfahren wird.
Die Tauben haben das ganze Ehrenmal aus Granitstein zugekackt, wie sie zu ihrer Freude feststellt. Stacey bleibt stehen und liest die Inschrift. Und auf der anderen Seite: . Kein Fragezeichen. Entlang der Sockelstufen sitzen drei alte Männer im schwächelnden Sonnenlicht, husten und spucken und klammern sich am eigenen mageren Brustkorb fest und murmeln einander etwas zu, Erinnerungen vielleicht, oder Flüche gegen das Hier und Jetzt.
– Vermutlich fühlen sie sich hier zuhause. Es war ihr Krieg, der Krieg meines Vaters. Er hat nur ein Mal davon erzählt, ein einziges Mal. Mutter war abends aus, und Rachel war sieben und schlief. Er sprach von einem achtzehnjährigen Jungen – eine Handgranate ging in seiner Nähe hoch und die Detonation traf den Jungen zwischen den Beinen. Mein Vater weinte beim Erzählen, denn der Junge starb nicht. Mein Vater war betrunken, aber sonst hätte er’s nicht erzählt. Mac redet nie über seinen Krieg, hat er nie getan, nicht dass er überhaupt noch groß redet. Ian ist dieses Jahr zehn geworden und Duncan sieben. Tja, selbst wenn ich vier Mädchen bekommen hätte, na und?
Die Straßen erwachen gerade zum Leben. In diesem Teil der Stadt sind die Nächte lang. Ein paar Männer in Anoraks und Jeans hängen vor den Cafétüren herum. Die Schaufenster von Bens Billigkaufhaus sind voll mit handgeschriebenen Kärtchen – , und ähnliche volksnahe Sprüche, aufgestellt vor Koffern, Seesäcken, Holzfällerstiefeln, Buschmessern, Thermoskannen und glänzenden zweischneidigen Äxten. In der Lobby des Princess Regal Hotel fegt ein altes Fischweib, Fleischweib, mit gelben Zähnen gähnend und mit schlackerndem Wanst im trostlosen Mohnblütenkleid die letzte Nacht zusammen – unter Hacken zerdrückte Kippen, vollgeschnäuzte oder -geheulte Kleenex, und Asche. Auch dort sitzen alte Männer, sie sitzen in den roten Plastikstühlen und warten darauf, dass die Bierkneipe aufmacht, damit ihnen irgendjemand einen ausgeben kann und sie mit hochmütiger Miene annehmen können, Verachtung als Labsal für ihren Stolz.
– Wie ist es wirklich? Woher sollte ich das wissen? In den Zimmern dort über den Läden wohnen Leute, die abends die Cafés und Bars bevölkern, die durch diese Straßen streifen, ihr Revier. Männer oben aus den Wäldern oder von den Fischerbooten. Untreue Holzfäller, die ihre untreuen Frauen vermöbeln. Kinder, die Trips schmeißen – – wusch aus dem sechsten Stock in die warmen roten Arme eines betonierten Todes. Alte Seebären, die auf der Suche nach Lebensblut durch die Gassen torkeln, eine Gallone Calona Royal Red. Huren, zu alt oder verwarzt für feinere Gegenden. Junge Leute mit steinernem Blick, merklich verzweifelt auf der Suche nach einem Schuss. Ist es so? Alles, was ich weiß, weiß ich aus der Zeitung. Lauter lustige Geschichten. Was weiß ich davon? Ich sehe die...




