E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Barnaby Adair
Laurens Heiß lodert die Sehnsucht
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7457-5136-9
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Barnaby Adair
ISBN: 978-3-7457-5136-9
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nur knapp ist Malcolm Sinclair dem Tod entronnen. Seit diesem einschneidenden Erlebnis sieht er sein bisheriges Leben mit anderen Augen. Er will Buße tun für seine begangenen Sünden und sich von den dunklen Schatten seiner Vergangenheit befreien. Als Thomas Glendower möchte er noch einmal von vorn beginnen. Und als die attraktive Rose als Haushälterin auf seinem Anwesen in Cornwall anfängt, weckt sie eine ungeahnte Sehnsucht in ihm. Doch darf er es wagen, seine wahre Identität preiszugeben - oder wird er dann seine einzige Chance auf Liebe verlieren?
»Fantastisch geschrieben und eine der besten Liebesgeschichten.«
Fresh Fiction
Stephanie Laurens wurde in Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) geboren. Sie begann mit dem Schreiben, um ihrem wissenschaftlichen Alltag zu entfliehen. Bis heute hat sie mehr als 50 Romane verfasst und gehört zu den erfolgreichsten Autorinnen historischer Liebesgeschichten. Die preisgekrönte New York Times-Bestsellerautorin lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Melbourne.
Weitere Infos & Material
Prolog
1833
An der Küste von Bridgewater Bay, Somerset
Schmerz.
Quälend und erbarmungslos setzte er ihm zu, löschte seine Sinne aus und grub sich mit glühenden Klauen in seinen Verstand. Wahre Höllenqualen, die ihn gleißend hell durchfuhren und seine Gedanken vernichteten, ihm alles Wissen und jede Erinnerung nahmen.
Tod.
Er hatte ihn gewählt, ihn angenommen – ihn willkommen geheißen.
Das war seine gerechte Strafe, sein Leiden auf dem Weg zur Hölle.
Genau das hatte er verdient.
Er konnte sich nicht bewegen und wusste nicht länger zu sagen, ob sein Körper noch existierte, ob er diese sterbliche Hülle noch bewohnte.
Dann verlor sein Geist auch den letzten Halt und entglitt ihm, sein Bewusstsein flatterte wie ein Stoffband im Wind, das sich nicht mehr einfangen ließ.
Auch seine Wahrnehmung begann, vom steten unerbittlichen Schmerz ermüdet, allmählich nachzulassen. Sie geriet ins Stocken. Und dann …
Vergessen breitete sich vor ihm aus, die Leere des Nichts, in die er sich sinken ließ.
Jenseits davon erwartete ihn das Fegefeuer, die Flammen der ewigen Verdammnis.
Er brauchte bloß zu warten.
»Bruder Roland – sehen Sie!«
Mit einem stillen Seufzer wandte Roland, Krankenbruder der Priorei von Lilstock, sich von dem Büschel Seetang ab, in dem er gerade herumgestochert hatte. Wie zu dieser Jahreszeit üblich, hatte er die jüngsten Novizen mit an den Strand genommen, damit sie ihm dabei halfen aufzulesen, was das Meer ihnen an Heilmitteln so reichlich schenkte. Es war eine wöchentliche Routine, und so froh er um ihre Hilfe war, fragte er sich bisweilen, ob es den Aufwand wert war, ließen die Jungen sich doch nur zu gern von der Arbeit ablenken.
So rechnete Roland auch jetzt, als er aufschaute und den Strand hinabblickte, mit einem verirrten Schaf, das es einzutreiben, oder einem seltenen Vogel, den es zu bestimmen galt.
Stattdessen sah er die ganze Schar der Novizen aufgeregt die Dünen hinabklettern und auf ein Bündel nasser Kleider zueilen, das im groben Sand lag.
Roland richtete den Blick auf das klägliche Bündel. Seit über zehn Jahren lebte er jetzt schon in dem an einer Bucht des Bristol Channel gelegenen Kloster – er wusste genau, was es mit solchem Treibgut auf sich hatte. »Halt!«, brüllte er.
Als sie seinen strengen Befehl vernahmen, blieben die Jungen wie angewurzelt stehen. Alle drehten sie sich mit verdutzter Miene nach ihm um. Keiner von ihnen war näher als zwanzig Meter an den angeschwemmten Leichnam herangekommen.
Roland ignorierte die fragenden Blicke und eilte mit flatternder Kutte die Düne hinab. Für ihre unschuldigen Seelen war es besser, wenn er den Toten zuerst in Augenschein nahm. Der Herr allein wusste, in welchem Zustand sich die sterblichen Überreste befanden.
Der Bristol Channel war eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Schiffskapitäne hatten ihre Toten auf offener See zu bestatten, ehe sie einen Hafen anliefen. Wenn stürmische See dies verhinderte, warteten sie gern die ruhigeren Wasser des Kanals ab, um das Ritual zu vollziehen. Da dessen Gewässer zwar tief, doch von einem Labyrinth starker, schneller Strömungen durchzogen waren, wurden die Toten regelmäßig an den südlichen Gestaden angespült, nicht fern der Priorei.
Rolands Glaube gebot es, diesen Toten mit gebührendem Respekt die letzte Ehre zu erweisen, doch es galt auch die Gefahren ansteckender Krankheiten zu bedenken.
Außerdem ließen sich längst nicht alle der angeschwemmten Leichen mit der gängigen Praxis des Seemannsbegräbnisses erklären.
Während er also den Strand entlangstapfte und den grobkörnigen Sand unter seinen Stiefeln nachgeben spürte, nahm Roland das angespülte Bündel näher in Augenschein. Er sah dunklen Anzugstoff, aus dem es schmutzig weiß hervorblitzte, und fragte sich unweigerlich, ob dieser Leichnam in letztere Kategorie fiel.
Bis er sich dann über den Toten beugte, war er sich dessen fast sicher. Bei dem Mann – denn ein Mann war es – handelte es sich allem Anschein nach um einen Engländer. Das helle Haar, das ihm nass und strähnig am Kopf klebte, war gut geschnitten, und die breite Stirn und die hohen Wangenknochen zeugten von einer noblen Geburt.
Jetzt jedoch …
Mit erfahrenem Blick nahm Roland wahr, in welch unnatürlicher Lage sich die langen, einst eleganten Gliedmaßen befanden, eine Haltung, in die ein menschlicher Körper nur mit äußerster Gewalt gebracht werden konnte – überhaupt nie gebracht werden sollte. Roland wurde von einer Mischung aus Mitleid, Entsetzen und schierem Grauen erfasst.
Welche Folter hatte dieser Mann erleiden müssen?
Er war auf dem Bauch angespült worden, den Kopf zum Meer, die Schultern verrenkt, das Kreuz gekrümmt. Arme und Beine standen unnatürlich ab wie gebrochene Zweige. Roland blickte hinab auf das Gesicht des Mannes. Die einst schönen, noblen Züge waren entstellt, die Haut fahl vom Hauch des Todes.
Dieser Mann war zerstört, auf grausamste Weise gebrochen worden, ehe der Tod ihn zu sich genommen hatte.
Roland bekreuzigte sich und sprach ein leises Gebet für die arme, unbekannte Seele. Doch dann – er wollte sich gerade umdrehen und den Novizen entsprechende Anweisungen geben –, ließ das flüsternde Rauschen des Meeres ihn innhalten.
Eine Welle rollte heran, kräftiger als die vorherigen; die Gezeiten hatten gewechselt, und die Flut kam.
Die Welle erreichte den Mann, umspülte seinen Körper und klatschte gegen seine durchnässten Kleider. Das Wasser stieg so hoch, dass es kurz über die schorfigen Lippen und seine Nase hinwegfloss. Roland hatte keine Notwendigkeit mehr gesehen, das zu verhindern.
Doch dann sah er feine Luftbläschen aus dem Mund des Mannes aufsteigen.
»Der Herr stehe uns bei!« Roland sprang auf. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
Aber wozu war er der Krankenbruder?
Kaum dass die See sich zurückzog, hatte Roland sich wieder gefangen und drehte sich nach den Novizen um, die das Geschehen aus einigen Schritten Entfernung gespannt verfolgten. »Du … Godfrey.« Roland zeigte auf den sehnigsten und sportlichsten der Gruppe. »Lauf zurück zur Priorei und hol die Krankentrage. Ned und Will, ihr geht mit und bringt meinen Arztkoffer sowie die Tasche mit den Bruchschienen und dem Verbandszeug. Los, lauft – und beeilt euch!«
Mehr der Ermahnung brauchte es nicht; schon schossen die Jungen los wie die Hasen, sprangen die Dünen hinauf und sprinteten zurück zu dem schmalen Weg, der zum Kloster führte. Als er sich wieder dem Fremden zuwandte, kamen Roland Zweifel, ob er richtig handelte – ob es überhaupt einen Sinn hatte, ob noch Hoffnung bestand. Ob das, was bevorstand, den Preis wert war … Doch er war ein Mann Gottes; ihm blieb keine Wahl. Er musste es versuchen.
Niemand konnte ihm garantieren, dass der Mann überleben würde. Aber darum ging es nicht. Ebenso wenig darum, dass der Versehrte, sollte er es denn schaffen, ihm kaum dafür danken würde, dass er in ein Leben zurückgeholt worden war, das fortan voller Schmerz und Leid wäre.
Der Mann war Roland quasi vor die Füße gespült worden, ein menschliches Wrack, aber noch am Leben. Es war nicht an Roland, darüber zu urteilen oder zu entscheiden oder auch nur zu zweifeln. Er war bloß der Krankenbruder, und als solcher kannte er seine Pflicht.
Seine Aufgabe war es, dieses Leben zu retten.
Roland atmete tief durch und machte sich ans Werk. Zu den Novizen sagte er: »Ich möchte ihn nicht bewegen, bevor wir ihn nicht bestmöglich stabilisiert haben.« Dazu brauchte es die Bruchschienen und das Verbandszeug. Im Geiste ging er durch, wie viele Schienen in seiner Tasche waren und wie er sie einsetzen könnte, doch es würde nicht reichen. »Ben und Cam, habt ihr eure Messer dabei?«
Beide nickten.
»Gut.« Roland zeigte den Strand hinunter. »In dieser Richtung ist ein kleiner Fluss, der weiter vorn ins Meer mündet. Folgt seinem Lauf ein Stück zurück, bis ihr an eine dicht mit Röhricht bewachsene Uferstelle kommt, und bringt mir so viel davon mit, wie ihr tragen könnt.«
»Ja, Bruder Roland«, kam es von den beiden, ehe sie sich auch schon umdrehten und losliefen.
»Brian und Kenneth, sammelt alle Körbe ein und stapelt sie vorn am Weg zum Kloster, damit wir sie später nur noch mitzunehmen brauchen. Wenn ihr damit fertig seid, kommt ihr wieder zurück.«
»Aye, Bruder Roland.«
Roland wandte sich den verbliebenen sechs Jungen zu. »Wir können ihn noch nicht von der Stelle bewegen, aber wir sollten versuchen, das Wasser bestmöglich von ihm fernzuhalten. Am besten, wir bauen einen Damm aus Sand, um die Flut zurückzuhalten, bis die anderen mit dem Verbandsmaterial zurückkommen und ich ihn schienen kann.«
Er brauchte ihnen bloß zu zeigen, wo sie den Damm bauen sollten. Der Rest war beinahe ein Kinderspiel, denn die Novizen waren noch jung genug, dass sie Spaß daran fanden, im Sand zu buddeln.
Eigentlich müsste er das Höllentor längst passiert haben, aber nein. Der Schmerz ließ nicht nach.
Stoisch, gefangen in einem Geist, der ihn wider Erwarten noch immer nicht im Stich gelassen hatte, harrte er aus.
Wartete geduldig, dass der Tod ihn holte.
Dass die Qual ein Ende nahm.
Aber es nahm kein Ende. Hin und wieder kam er flüchtig zu Bewusstsein. Tauchte kurz auf und nahm in der Ferne etwas...




