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Lavoie | Tagebuch einer überaus glücklichen Geschiedenen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Reihe: Eichborn

Lavoie Tagebuch einer überaus glücklichen Geschiedenen

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0951-4
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7517-0951-4
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Jahre ist es her, dass Diane von Jacques für eine Jüngere verlassen wurde. Inzwischen ist sie fast 50, geschieden und lebt in einem rein weiblichen Dreigenerationenhaus, zusammen mit ihrer besten Freundin Claudine, deren Tochter Adèle und Mutter Rosanne.

Zum Glück ist Claudine ebenfalls frisch geschieden, sodass sich die beiden Freundinnen gegenseitig ihr Leid klagen, aber auch die neuen Freiheiten, die so eine Scheidung in der zweiten Lebenshälfte mit sich bringt, gemeinsam genießen können. Braucht frau da überhaupt noch einen Mann?



Marie-Renée Lavoie, 1974 in Limoilou/Québec geboren, unterrichtet Literatur am Collège de Maisonneuve in Montréal. "Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau" sowie der Nachfolgeroman waren sowohl in Québec als auch im englischsprachigen Kanada ein großer Erfolg.
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Kapitel 2


in dem ich meine Füße pflege und Cassoulet esse


Mein Hausarzt ist tot. Diese Leute sterben wie alle anderen auch, und Schuster tragen immer die hässlichsten Schuhe. Der Sensenmann lässt sich nicht überlisten wie das Finanzamt, es ist unmöglich, ihn auszutricksen, jeder muss irgendwann dran glauben und seine Schulden vollständig bezahlen. Schade. Er war eine gute Seele und hätte einen Aufschub verdient. Das sage ich aus völlig egoistischen Gründen.

Während ich darauf warte, dass ich endlich einen Termin bei einem neuen Arzt bekomme, vertraue ich mich dem Wohlwollen einer Klinik ohne Terminvergabe an, die POHs – Personen ohne Hausarzt – und ähnliche Kandidaten aufnimmt, die die Gewinnspannen eines Systems schmälern, das völlig aus der Bahn geworfen ist, weil wir inzwischen alle immer älter werden. Aber ich konnte nicht länger tatenlos zusehen, wie meine Füße austrockneten. Meine Fersen bekamen Risse und fingen an zu bluten. Die Salben und Cremes, die ich mir auf Anraten aller Leute um mich herum kaufte, erwiesen sich als wirkungslos. Die Trockenheit wurde immer schlimmer und breitete sich aus, bis sie auch den Rest meines Körpers zu erobern drohte, der seit Jacques Weggang vollkommen brachlag.

In dem Wartezimmer voller Menschen, die kränker aussahen als ich, kamen mir Zweifel an der Notwendigkeit ärztlichen Rats. Dasselbe Zögern hatte ich früher empfunden, wenn meine Kinder sich verletzt hatten. Zwischen dem Moment, in dem ich voller Panik im Krankenhaus ankam, und der Sekunde, in der unser Name aus der Sprechanlage erklang, hatte sich meine Überzeugung, eine besorgte Mutter zu sein, die mit unterdrückten Schreien sofortige Behandlung verlangte, in die Gewissheit verwandelt, dass ich unnötigerweise das System belastete und einem echten Kranken seinen Platz stahl. Den Kindern geht es besser, sobald man im Wartezimmer ankommt, das ist ein Naturgesetz. Als mir an jenem Tag klar wurde, dass meine Nummer – A 74 – mehrere Stunden Wartezeit bedeutete, war ich zunächst empört – immerhin wandert die Hälfte meiner Steuern ins Gesundheitssystem! –, aber gerade noch rechtzeitig, ehe ich mich in ein fieses Luder verwandelte, fiel mir ein, dass ich seit meiner Entlassung mehrere Monate zuvor gar keine Steuern mehr gezahlt hatte. Also habe ich mich einfach brav hingesetzt. War ja nicht so, dass ich irgendwo erwartet wurde.

Ein junger Mann mir gegenüber schlief wie ein Stein, mit verschränkten Armen und hängender Unterlippe. Der Speichelfluss würde nicht lange auf sich warten lassen. Dass Männer in aller Öffentlichkeit schlafen können, hat mich immer schon fasziniert. Sie bringen es fertig, sich mitten in einer Menschenmenge, in einer Besprechung, bei einer Taufe, während eines Theaterstücks oder einer Senatsversammlung einfach gehenzulassen. Beim letzten Galaempfang der Handelskammer, an dem ich teilgenommen habe, schlief ein stellvertretender Minister auf der Bühne. Kein Mensch nimmt daran Anstoß, die Kerle werden eher mitleidig beäugt (»Lassen Sie ihn doch, er ist so müde«). Frauen schlafen nicht in der Öffentlichkeit oder nur sehr selten, weil sie vollauf damit beschäftigt sind, den Schein zu wahren, dieses verdammte Gezücht, das ihnen schon als Kindern an den Fersen klebt und ihnen ermöglicht, sich für den Rest ihres Lebens selbst zu vergiften. Wenn sie aus Versehen doch einmal einschlafen, werden sie rasch wieder geweckt (»Wir können nicht zulassen, dass sie dermaßen bescheuert aussieht!«), und sie versäumen es nie, sich eilig zu rechtfertigen (»Ich habe nur für einen Moment die Augen zugemacht«). Es ist eine uralte Geschichte: Frauen, die trinken, rauchen und pennen, sind vulgär und schwach; Männer, die sich demselben Hochgenuss hingeben, sind Männer, echte Männer. Ich glaube, von Gleichheit zwischen den Geschlechtern kann erst dann die Rede sein, wenn alle eine Frau total süß finden, die bei einer Familienfeier eine kleine Siesta hält. Meine Tochter Charlotte glaubt, dass wir keinen Schritt vorankommen, solange Frauen »Meine Wohnung ist nicht geputzt« sagen statt: »Die Wohnung ist nicht geputzt.«

Als ich an die Reihe kam, war mein Handyakku seit anderthalb Stunden leer, und ich war gerade fertig damit, die zerfledderten Klatschblätter unter die Lupe zu nehmen, die überall herumlagen. Im Grunde hatte ich nichts Neues erfahren, außer dass Promis öfter heiraten und sich öfter scheiden lassen als namenlose Menschen und dass die Kardashians viele Babys bekommen. Ach ja, und dass Demi Moore faltige Knie hat. Ich schätze, ihr Chirurg hat diesen kleinen Schönheitsfehler, der sie in die Kategorie der Hässlichen verfrachtet hätte, inzwischen behoben.

Eine junge Krankenschwester betrat das kleine Untersuchungszimmer, in das man mich geführt hatte, um Blutdruck und Puls zu messen und mich zu wiegen.

»Muss das mit der Waage unbedingt sein?«

»Haben Sie sich in letzter Zeit mal gewogen?«

»Äh … nein.«

Wie alle Frauen, die am liebsten komplett auf ihr Gewicht pfeifen würden, wusste auch ich bis auf hundert Gramm genau, wie viel ich wog, aber ich hatte absolut keine Lust, es laut auszusprechen, die Worte zwischen den beigen Wänden dieses Besenschranks widerhallen zu lassen, den ich nur betreten hatte – vielleicht hätte ich das gleich zu Beginn klarstellen sollen –, um mir eine Wundercreme für die Füße abzuholen. Aber ich bin eine gute Verliererin, darum habe ich mich so weit wie möglich ausgezogen und bin mit geschlossenen Augen auf diese abscheuliche Waage gestiegen. Verweigerung ist ein Bollwerk wie jedes andere auch. Ich war vermutlich höchstens zwölf Kilo von der Glückseligkeit entfernt, warum mir also den Tag versauen?

»Haben Sie Fieber?«

»Nein.«

»Warum sind Sie hier?«

»Wegen meiner Fersen.«

»Wegen Ihrer Fersen?«

»Ja.«

»Und was ist das Problem?«

»Sie sind so trocken, dass die Haut reißt, und dann fängt es ständig an zu bluten. Es geht weniger darum, dass es wehtut, mich stört eher, dass ich beim Spazierengehen wie eine Leprakranke aussehe. Ich habe schon alle möglichen Salben ausprobiert.«

Sie machte sich Notizen mit Codes und Abkürzungen, als gäbe es für das Teilgebiet der blutenden Fersen einen eigenen medizinischen Fachjargon. Ich hätte mir sagen müssen, dass ich in guten Händen war, stattdessen kam ich mir ziemlich unspektakulär vor. Ein Flechtwerk aus zarten Blumen umgab das Handgelenk der Frau und verschwand unter dem Ärmel ihres Schwesternkittels. Womöglich befand sich auf ihrem Rücken eine Fülle von vorwitzigen Stängeln, deren Blütenköpfe bis in die feuchten Falten ihres Körpers reichten.

»Noch andere Probleme?«

»Oh ja, jede Menge, aber nichts Medizinisches.«

Sie lächelte höflich wie eine Kellnerin, die gefragt wird, was sie gegessen hat. »Damit ich auch mal so gut aussehe wie Sie.« Witzig, die Olle, echt witzig.

Ein paar Minuten später kam der Arzt herein, mit gelangweilter Miene, als wüsste er bereits, dass ich wegen einer lächerlichen Bagatelle gekommen war. Seine Schläfen begannen zu ergrauen, er hatte die Krähenfüße des reiferen Alters und eine von tiefen Falten zerfurchte Stirn, wie Menschen sie haben, die ein bisschen zu schlank sind. Drei Viertel der Jahre zwischen fünfzig und sechzig hat er schon hinter sich gebracht. Ich habe ihn mir in einem Ohrensessel mit geschnitzten Füßen auf einem Bärenfell vorgestellt, ein Glas Bourbon in der Hand.

»Madame … Delaunais.«

»Ja.«

»Sie sind also wegen Ihrer … äh … Fersen hier?«

»Ja, wegen denen an meinen Füßen.«

»Das trifft sich gut, andere kenne ich nämlich nicht.«

»Äh …«

»Nehmen Sie bitte dort drüben Platz, junge Frau.«

»Es ist bestimmt nichts Schlimmes, ich möchte eigentlich nur ein Rezept für eine Salbe, meine Fersen sind zu trocken, ich habe ständig Risse, dauernd blutet es, und die Cremes aus der Apotheke bringen überhaupt nichts …«

Ich stieg auf den kleinen Tritthocker und setzte meinen jungmädchenhaften Hintern auf das weiße Papier, das hoffentlich sauber war. Bei der Vorstellung, mich in die Sekrete anderer Kranker zu setzen, drehte sich mir der Magen um – ich verdrängte den Gedanken sofort wieder. Da ich die Skinny Jeans trug, die ich mir im Jahr zuvor mit Charlotte gekauft hatte, bereitete es mir Mühe, die Beine übereinanderzuschlagen und die Hinterseite meines rechten Fußes vorzuzeigen, den es am schlimmsten erwischt hatte.

»Zeigen Sie mal her.«

»Ausgerechnet jetzt blutet es nicht, aber ich habe heute auch kaum etwas getan …«

»In Ordnung, Sie können sich wieder anziehen.«

»Oh! Schon? Haben Sie denn …?«

»Mhm.«

Er schrieb bereits etwas in meine Akte. Irgendein Kauderwelsch in unleserlicher Schreibschrift. Hätte ich gewusst, dass die Sache im Nu geklärt werden konnte, hätte ich einfach ein Foto geschickt.

»Sie sehen aus, als wäre das nichts Neues für Sie … Gibt es einen Namen dafür?«

»Die Hausfrauen-Krankheit.«

Das sagte er, wie man ein Haar ausspuckt, das einem auf der Zunge klebt, wobei er leicht mit den Schultern zuckte, als wolle er sagen: »Nennen wir das Kind doch beim Namen.«

»Frauen, die nicht arbeiten, tragen meistens keine Strümpfe, sie laufen in Flipflops oder Sandalen herum, die Haut bekommt nicht genug Feuchtigkeit, wird rissig …«

Das verächtliche...


Marie-Renée Lavoie, 1974 in Limoilou/Québec geboren, unterrichtet Literatur am Collège de Maisonneuve in Montréal. "Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau" sowie der Nachfolgeroman waren sowohl in Québec als auch im englischsprachigen Kanada ein großer Erfolg.



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