Lawrence | Das Auge von Sindsche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 513 Seiten

Reihe: beTHRILLED

Lawrence Das Auge von Sindsche


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1795-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 513 Seiten

Reihe: beTHRILLED

ISBN: 978-3-7325-1795-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Expeditionsgemeinschaft schlängelt sich die schmalen Pfade des Himalaya hinauf zum Kloster Khangpa. Unter den Teilnehmern ist auch der renommierte Insekten-Forscher und Völkerkundler Leslie L. Lawrence. Doch schon bald beschleicht Lawrence ein ungutes Gefühl. Was soll er in diesen eisigen Höhen überhaupt untersuchen? Wo steckt der Auftraggeber der Expedition? Und vor allem: Was ist aus der Forschungsgruppe geworden, die hier vor kurzem verschollen ist?

Als ein Mitglied der Expedition unter rätselhaften Umständen erstochen wird, befürchtet Lawrence das Schlimmste. Und dann erscheint auch noch das Auge von Sindsche am Himmel. Die ortskundigen Sherpas sind sich einig: Sindsche schickt einen Sturm, der alles Lebendige mit sich in die eisige Hölle reißt ... Und tatsächlich scheint sich jemand an die Fersen der Expedition geheftet zu haben, der sie alle tot sehen will ...

Intrigen, Mord, Rätsel und Mythen: Ein packender Abenteuer-Roman für Fans von Indiana Jones.

Alle Abenteuer mit Professor Lawrence:

Das Auge von Sindsche
Der Turm des Schweigens
Mutter Omoshis Pfeife
Der Fluch des Huan-Ti
Die Säulen des Narasinha

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Das Auge von Sindsche


1


Der Sturm legte sich mindestens genauso schnell, wie er aufgekommen war. Aus den Wolken, die mit Eilzuggeschwindigkeit auf die glitzernden Bergspitzen zurasten, erhob sich majestätisch die rotgelbe Scheibe der Sonne.

Die Jaks senkten ihre Köpfe und schnaubten leise. Dann blieben sie stehen und schüttelten den Schnee von ihrem Fell; dabei wäre auch ich beinahe runtergefallen, also griff ich mit beiden Händen nach den Zügeln, die ich beim Betrachten der Sonne unvorsichtigerweise gelockert hatte.

In diesem Moment tauchten zwei auf ihren Jaks zusammengesunkene, menschenähnliche Wesen neben mir auf, das Risiko außer Acht lassend, dass wir dadurch alle leicht von unserem schmalen Pfad einige Hundert Meter tief in den sicheren Tod fallen konnten. Einer der beiden zog die Fellkappe zurück, und unter der Kapuze lugte keck eine von der Kälte gerötete Nase hervor.

»Hey!«, meinte der Besitzer der Nase und winkte mir dabei zu.

»Hey!«, erwiderte ich, hütete mich aber davor, die Zügel auch nur mit einer Hand loszulassen.

Der Wind fing wieder an zu pfeifen, und bei der Gelegenheit verfluchte ich ungefähr zum fünftausendsten Mal den Moment, in dem ich mich auf diese blöde Reise eingelassen hatte. Rotgesicht konnte selbst den Wind überschreien.

»Sie auch?«

Wenn ich erreichen wollte, dass auch sie mich hörte, war ich gezwungen, ebenfalls zu schreien.

»Was, ich auch?«

»Hat man Sie auch übers Ohr gehauen?«

»Wie Sie sehen …«

»Also mich haben sie jedenfalls reingelegt. Mir wurde gesagt, ich könne die schönsten Berge der Welt bewundern und bekäme auch noch Geld dafür … Kein Wort von Kälte, Sturm und diesem verdammten Tier unter meinem Hintern. Wie war es denn bei Ihnen?«

»Ich glaube, ähnlich.«

Sie lenkte ihren Jak noch näher neben meinen und begutachtete misstrauisch mein Gesicht.

»Sie habe ich irgendwo schon mal gesehen!«

Sie können mir glauben, ich hatte wirklich keine Lust, mich in dieser eisigen Kälte zu unterhalten. Außerdem verschwand die Sonne gerade hinter den Wolken, sodass es jederzeit wieder schneien konnte.

Natürlich war dies kein Grund, unhöflich zu sein; also zwang ich ein Lächeln auf mein festgefrorenes Gesicht.

»Tatsächlich?«

»Da können Sie Gift drauf nehmen. Ich vergesse nie ein Gesicht …«

Sie hielt inne, und naiv wie ich bin, hoffte ich schon, die beiden würden Zurückbleiben.

Stattdessen starrte mich Rotgesicht weiter an, und ihre Stirn legte sich in Falten.

»Haben wir uns nicht letzten Sommer in der Schweiz getroffen?«

»Ich war letzten Sommer nicht in der Schweiz. Eigentlich war ich seit zehn Jahren nicht mehr in der Schweiz …«

Darauf musste sie seufzen.

»Schade. Es ist ein so schönes Land. Sie haben gar nicht richtig gelebt, wenn Sie noch nie Züricher Maronen gegessen haben … Übrigens, mögen Sie gebrannte Maronen?

»Ich hasse sie.«

»Weil Sie noch nie welche aus Zürich gegessen haben! Wissen Sie, die werden dort nicht einfach zusammengebrannt, sondern …«

Ein dichter, roter Nebel zog sich vor meinen Augen zusammen, und ich merkte, wie sich mein Blutdruck veränderte. Außerdem froren meine Füße ganz schön in den Stiefeln, und meine Finger umkrampften zitternd die Zügel.

Rotgesicht plapperte ungestört weiter:

»Dann haben wir uns sicher in London getroffen … Übrigens, Sie haben nicht zufällig einen Seidenpinscher?«

»Nein, ich hatte in meinem Gepäck keinen Platz mehr«, gab ich auf.

Sie lachte, klingelnd und schrill wie eine Weihnachtsglocke.

»Ach, wie lustig Sie doch sind! … Ich meinte nicht hier, sondern bei Ihnen zu Hause. Ich könnte schwören, dass ich Sie auf dem Kongress der Seidenpinscherzüchter in London getroffen habe. Ich glaube, Sie waren es, der dagegen gesprochen hat, den Hund abzurichten, wenn er im selben Moment …«

Zum Glück pfiff gerade der Wind vorbei, und so wurde ich für ein paar Momente verschont. Als ich sie wieder hören konnte, war sie schon ein paar Ecken weiter.

»Andere schwören natürlich auf die Chinesischen Schlosspinscher. Aber wenn Sie auf mich hören, lassen Sie sie links liegen! Kleine, hinterlistige Viecher sind das, die imitieren nur die Liebe … Wenn Sie nicht aufpassen, beißen sie Ihnen ins Hosenbein. Übrigens, wie heißen Sie doch gleich?«

Ich versuchte den Wind zu übertönen: »Lawrence!«

Ich sah meine Begleiterin lachen, hören konnte ich sie zum Glück nicht. Ihre Stimme schwebte irgendwo über uns, zusammen mit den Schneeflocken. Bis ich dann doch einige Worte vernahm.

»Und … sagen Sie … sind Sie … auch ein Spion?«

Fast wäre ich vom Jak gefallen.

»Was?«

»Na, wie Ihr Namensvetter.«

»Mein wer?«

»Oberst Lawrence. Haben Sie noch nie von ihm gehört? Was sind Sie bloß für ein Engländer …«

»Ich bin kein Engländer!«

»Dann eben Amerikaner. Ach ja, das Empire State Building! Wenn ich doch noch einmal den Ausblick von seinem Dach genießen könnte … Vor meinen Füßen liegt Manhattan …«

»Ich bin auch kein Amerikaner.«

»Oh, dann …«

Der Gedanke, sie könnte alle Staaten des ehemaligen British Empire aufzählen, erschreckte mich zutiefst. Also beugte ich mich näher zu ihr hinüber und schrie ihr ins Gesicht: »Ich reise unter einem falschen Namen!«

Vor lauter Schreck blieb ihr der Mund offen.

»Was zum Teufel … Und warum?«

»Damit sie mich nicht finden.«

»Wer, um Gottes willen?«

Ich versuchte, ein sehr ernstes Gesicht zu machen. Angesichts der Umstände fiel mir das auch nicht besonders schwer.

»Meine Frauen … Ich hatte keine andere Wahl. Entweder sie oder der Himalaja … Und Sie werden sicherlich verstehen, dass ich Letzteres vorgezogen habe. Kindergeld, Unterhaltszahlungen und so weiter … Hier gibt es nur die Einsamkeit, die fallenden Schneeflocken und den leichten Südwestwind …«

Der neu entfachte Sturm trieb faustgroße Schneeballen in unsere Gesichter und ließ dadurch auch mich verstummen. Von irgendwo aus der Ferne stürmte eisige Kälte zu uns herüber, als ob sie direkt aus der Hölle käme, um uns zu begrüßen. Ich meine natürlich aus der kalten Hölle der Buddhisten.

Als sich nach einigen Minuten der Sturm legte und ich meinen Kopf wieder heben konnte, sah ich mit Grausen, dass die beiden immer noch neben mir waren und die Dame mir gerade lächelnd zuwinkte.

»Ihr leichter Südwestwind … Und sagen Sie, was zum Teufel machen Sie hier eigentlich?«

Ich war nahe dran, ihr irgendeine Gemeinheit zu sagen, aber dann verließ mich doch die Kraft. Die Wahrheit schien die kürzeste und einleuchtendste Antwort zu sein. Da musste ich wenigstens nicht lange nachdenken.

»Ich bin Entomologe.«

»Insektenforscher?«

»Genau das.«

Jetzt schien sie wirklich entsetzt zu sein.

»Hier?«

»Wieso?«

Sie hob ihre Hand und deutete auf die paar Meter des Bergkammes, die wir sehen konnten.

»Wo um Himmels willen wollen Sie denn hier Käfer finden?«

Ich stöhnte innerlich und gab den Kampf auf. Meine Zehen brannten, als ob man sie mit feurigen Messern aufschlitzen würde, anstelle meines Gesichtes spürte ich nur noch eine eisige Maske, und ich war mir ziemlich sicher, dass langsam auch das Blut in meinen Adern gefror.

»Käfer gibt es überall«, presste ich aus meinen Mundwinkeln hervor.

Anstelle einer Antwort streckte sie mir ihre Hand entgegen.

So war auch ich gezwungen, mich hinüberzubeugen, wodurch sich der Schmerz in meinen Füßen natürlich nur vergrößerte.

»Baxter!«, sagte beziehungsweise schrie sie mit ihrer rauen Stimme: »Miss Baxter!«

Ich öffnete meinen Mund, und schon wurde er vom Wind mit einem Schneeball vollgestopft.

»Wie … bitte?«, brachte ich heraus, während ich verzweifelt versuchte, gleichzeitig den Schnee auszuspucken.

»Miss Baxter … Soll ich buchstabieren?«

Mit einem Wink versuchte ich ihr zu verstehen zu geben, dass dies überflüssig sei.

»Haben Sie noch nie von mir gehört?«

Ich nickte unbestimmt, in der Hoffnung, sie würde daraus machen, was ihr am besten gefiel.

Also blühte sie auf und lächelte stolz.

»Dabei habe ich das Kalifornit entdeckt! Wissen Sie, was das ist?«

Ich senkte meinen Kopf. Ich Armer hatte natürlich keine Ahnung, was das für ein Zeug war …

»Typisch Käfersammler! Sie kümmern sich nur um ihre kleinen Dinger, während die Welt in Riesenschritten an ihnen vorbeirennt«, stellte sie hochnäsig fest.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass dies der richtige Zeitpunkt war, um die Ehre der Entomologen zu verteidigen, also schwieg ich lieber.

»Ich bin Miss Baxter, die Mutter des Kalifornits! Zumindest schrieb man so was Ähnliches in den Zeitungen, als ich es entdeckt hatte. Niedlich, nicht wahr?«

»Ja.«

Sie hielt für eine Weile inne und starrte mich wieder an.

»Wieso habe ich Sie nicht im Dorf gesehen?«

»Ich bin erst heute früh angekommen … So um sechs Uhr herum. Ich hatte gerade noch Zeit, in diese Maskerade zu schlüpfen …«

»Und wofür wurden Sie verpflichtet?«

»Gute Frage,...



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