Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Reihe: Krimis bei Null Papier
Leblanc Die Dame mit den grünen Augen
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-374-1
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Abenteuer mit Arsène Lupin
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Reihe: Krimis bei Null Papier
ISBN: 978-3-96281-374-1
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maurice Leblanc (11.11.1864-6.12.1941) war ein französischer Schriftsteller. Anfangs war er als Journalist tätig, dann auch als Romancier. Er schrieb Kriminal- und Abenteuerromane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Seine bekannteste Kunstfigur ist der Meisterdieb Arsène Lupin. Der Erfolg war so groß, dass Leblanc den weiteren Verlauf seiner Karriere fast völlig dem Meisterdieb widmete.
Weitere Infos & Material
I. Die Engländerin mit den blauen Augen
Raoul de Limézy spazierte heiter über die Boulevards, wie ein glücklicher Mensch, der nur um sich zu sehen braucht, um sich an den bezaubernden Schauspielen des Lebens zu erfreuen, und am leichten Frohsinn, dessen Abbild Paris an manchen Apriltagen ist. Er war mittelgroß und hatte eine schmale, aber trotzdem kraftvolle Gestalt. Man sah ihm kräftige Muskeln und einen machtvoll gewölbten Brustkasten an. Schnitt und Farbe seiner Kleidung kennzeichneten den Mann, der auf die Wahl der Stoffe Wert legt.
Gerade als er am Gymnase vorbeiging, hatte er den Eindruck, dass ein Herr, der neben ihm ging, einer Dame folgte; der Eindruck sollte sich sogleich bestätigen.
Nichts schien Raoul komischer und belustigender als ein Herr, der einer Dame nachsteigt.
Er folgte also dem Herrn, der der Dame folgte, und alle drei gingen hintereinander in gemessenen Abständen über die Straße.
Nur ein erfahrener Mann, wie der Baron Limézy, konnte erkennen, dass der Herr die Dame verfolgte, denn der Verfolger ging äußerst diskret zu Werke. Raoul de Limézy war ebenso diskret und mischte sich unauffällig unter die Menge, um die beiden Menschen genau ins Auge zu fassen.
Von hinten gesehen fiel bei dem Herrn unter dem Hutrand die Fortsetzung eines untadeligen Scheitels auf, der die schwarzen, pomadisierten Haare bis in den Nacken teilte, ebenso untadelig war seine Kleidung, die seine breiten Schultern und seinen Wuchs vortrefflich zur Geltung kommen ließ. Von vorn gesehen bot er ein korrektes Gesicht, das einen zartrosa Teint hatte und mit einem gepflegten Barte geziert war. Etwa dreißig Jahre alt. Sehr sicherer Gang. Gewichtigkeit in allen Bewegungen. Trotzdem etwas gewöhnliches Aussehen. Ringe an den Fingern. Zigarette mit Goldmundstück im Mund.
Raoul ging schneller. Die Dame war groß, resolut, von guter Haltung und setzte zwei derbe Füße auf das Pflaster, für deren Anblick zierliche und zarte Gelenke entschädigten. Das Gesicht war sehr schön, herrliche blaue Augen und schwere blonde Haare. Die Vorübergehenden blieben stehen und sahen sich um. Sie schien der spontanen Huldigung der Masse gegenüber gleichgültig zu bleiben.
Teufel, dachte Raoul, die reinste Aristokratin! Sie verdient Besseres als diesen Pomadenburschen, der ihr nachsteigt! Was mag der nur wollen? Der eifersüchtige Ehemann? Ein abgewiesener Bewerber? Oder ein Geck, der ein Abenteuer sucht? Das wird es wohl sein. Dieser Mann sieht mir ganz danach aus wie einer, der sein Glück sucht und sich für unwiderstehlich hält.
Sie überschritt den Opernplatz, ohne sich um die Masse der Fahrzeuge zu kümmern. Ein Lastwagen mit Pferden versperrte den Durchgang. Sie packte die Zügel und riss eines der schweren Pferde beiseite. Wütend sprang der Kutscher von seinem Sitz, näherte sich ihr bedrohlich und schimpfte; ein kleiner, aber wohlgezielter Faustschlag, den sie ihm versetzte, brachte ihn mit Nasenbluten zur Strecke.
Ein Polizist näherte sich, um Feststellungen zu machen; sie drehte ihm den Rücken und ging in aller Ruhe davon. Auf dem Boulevard Haussmann betrat sie eine Konditorei, und Raoul sah von weitem, dass sie sich an einen Tisch setzte. Da der Herr, der ihr gefolgt war, die Konditorei nicht betrat, tat Limézy es an seiner Stelle; er setzte sich so, dass sie ihn nicht bemerken konnte.
Sie bestellte Tee und vier Toasts, die sie mit ihren herrlichen Zähnen zermalmte.
Ihre Nachbarn sahen sie an. Sie ließ sich nicht stören und bestellte sich vier weitere Toasts. Aber eine zweite junge Frau, die etwas weiter fort saß, erregte ebenfalls die Neugierde der Gäste. Blond, wie die Engländerin, war sie zwar nicht so reich, dafür aber mit desto besserem, echt Pariser Geschmack angezogen; um sie herum standen drei ärmlich gekleidete Kinder, an die sie Kuchen und Limonade austeilte. Sie mochte sie wohl vor der Tür aufgetrieben haben. Und kindlicher als die Kinder, machte die Freude, die sie bereitete, ihr offensichtliches Vergnügen.
Zwei Dinge machten auf Raoul sofort einen starken Eindruck: die glückliche und natürliche Heiterkeit ihres Antlitzes und die starke verführerische Kraft zweier großer grüner Augen, die, jadefarben mit goldenen Streifen, den Blick, der ihnen einmal begegnet war, nicht wieder losließen.
Solche Augen sind für gewöhnlich sonderbar, melancholisch oder nachdenklich; so mochte auch der gewöhnliche Ausdruck dieser Augen sein. Jetzt aber strahlten sie vor Lebensfreude, wie das ganze Gesicht, wie der maliziöse Mund, die bebenden Nasenflügel und die Wangen mit den Grübchen des Lächelns.
Höchste Freude oder tiefster Schmerz, einen Mittelweg gibt es für solche Geschöpfe nicht, sagte sich Raoul, der in sich die plötzliche Sehnsucht aufsteigen fühlte, diese Freude zu bewirken oder diesen Schmerz zu bekämpfen.
Er wandte sich wieder der Engländerin zu. Sie war wirklich schön. Von jener machtvollen Schönheit, die aus Gleichgewicht, Ebenmaß und Abgewogenheit besteht. Aber die Dame mit den grünen Augen bezauberte ihn stärker.
Trotz seines wachgerufenen Interesses zögerte er, als sie ihre Rechnung bezahlte und mit den drei Kindern aufbrach. Sollte er ihr folgen? Oder bleiben? Wer war stärker? Die grünen Augen? Oder die blauen?
Er erhob sich plötzlich, warf einen Geldschein auf den Tisch und ging hinaus. Die grünen Augen siegten.
Draußen bot sich ihm ein sonderbares Schauspiel: die Dame mit den grünen Augen unterhielt sich vor der Tür mit dem Geck, der vor einer halben Stunde der Engländerin als schüchterner oder eifersüchtiger Liebhaber nachgestiegen war.
Eine von beiden Seiten überstürzt geführte Unterhaltung schien schon eher ein Streit zu sein. Man konnte deutlich erkennen, dass das junge Mädchen weitergehen wollte und der Herr sie daran hinderte. Dieser Tatbestand war so deutlich, dass Raoul im Begriff war, dazwischenzutreten.
Er hatte keine Zeit mehr dazu. Ein Auto hielt vor der Konditorei. Ein Herr stieg aus; als er die Szene auf dem Bürgersteig sah, hob er seinen Stock und schlug dem Geck den Hut vom Kopf.
Der wich erst bestürzt zurück, dann jedoch stürzte er sich ohne Rücksicht auf die Menschenmassen, die sich bereits ansammelten, auf den Gegner:
»Sie sind wohl irrsinnig geworden«, stammelte er.
Der Angreifer, der kleiner und älter war, hob abermals den Stock und schrie:
»Ich habe Ihnen verboten, mit diesem jungen Mädchen zu sprechen. Ich bin ihr Vater und Sie sind ein Schuft, ich wiederhole, ein...




