E-Book, Deutsch, 142 Seiten
Lechler Wo der Wahnsinn wohnt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-038-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 142 Seiten
ISBN: 978-3-96148-038-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Lechler, geboren 1950 in Stuttgart, war nach seinem Studium 30 Jahre in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen tätig. Die Erfahrungen aus seinem Berufsalltag inspirierten ihn schließlich zu seinem ersten Psychiatrie-Krimi. Heute lebt der Autor in der Südpfalz in einem selbst renovierten Winzerhaus. Bei dotbooks erschien sein Pfalzkrimi 'Wo der Wahnsinn wohnt'.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Mit Kurt gehörte auch Günther Keller, der Hausmeister, zu den ersten Mitarbeitern im Dienst. »Der frühe Vogel fängt den Wurm.«, pflegte er zu sagen. Beim morgendlichen Gang durch Haus und Hof blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen. Er traute seinen Augen nicht, träumte er? Hinter dem Seitentrakt schwebte ein Mensch scheinbar schwerelos im Garten. Auf den zweiten Blick bemerkte er, dass der Körper von Eisenstäben aufgespießt war. Zaghaft näherte er sich dem Horror-Ort. Das Gras um den Leichnam war blutgetränkt, die rostigen Stäbe verschmiert. Eine Spitze hatte den Hals durchbohrt und ragte dunkelrot heraus, drei weitere waren in den Leib gedrungen, eine fünfte ins linke Bein, das rechte hing leblos herunter, wie auch die Arme. Dem Hausmeister lief es eiskalt über den Rücken, obwohl er als Rettungssanitäter, ein ihm wichtiges Ehrenamt, einiges gewohnt war. Spontan kam ihm der Suizid eines Bewohners in den Sinn, was leider hin und wieder passierte, wenn ein des Lebens müder chronisch Kranker oder von Hirngespinsten Gequälter seinem Dasein ein Ende setzte. Nein, wer würde, wer könnte sich selbst so zu Tode bringen? Es erinnerte ihn vielmehr an eine Pfählung, wie sie im Mittelalter vorkam, Ausdruck sadistischen Terrors. Als er sich aufraffte, das Opfer zu identifizieren, folgte ein zweiter, nicht minder starker Schock: Er blickte in ein verzerrtes Gesicht, das ihn mit leeren Augen anstarrte – es war der Geschäftsführer des Hauses, Herr Bosch, höchst persönlich!
Reflexhaft zückte er sein Handy und stotterte seinem Chef den Schrecken ins Ohr. Dann holte er tief Luft, um auf dessen Geheiß die Polizei zu rufen, die schon fünfzehn Minuten später vor dem Eingang erschien und von Herrn Leidner selbst empfangen, besser abgefangen wurde. Der war zuallererst um seine kranken Bewohner und Bewohnerinnen besorgt, die seiner Erfahrung nach von einem Todesfall im Haus zutiefst erschüttert wurden. Umgehend hatte er das Tor zum Garten verschlossen, wie auch die Türe zum hinteren Gebäudetrakt, niemand sollte zufällig Zeuge dieses Grauens werden. Vielleicht wollte er auch die Zerstörung von Spuren verhindern, als Krimi-Leser war er jedenfalls mit solchen Vorsichtsmaßnahmen vertraut. Wenn man es sich recht überlegte, reagierte Kurt Leidner umsichtig und nach Lage der Dinge erstaunlich cool, als ob er so ein Szenario schon einmal gedanklich durchgespielt hätte, nur seine Hände zitterten, als er den beiden Polizisten das Gartentor aufschloss. Der grässliche Tod des Geschäftsführers ließ ihn doch nicht so kalt. »Ach, du Scheiße!«, entfuhr es einem Beamten beim Anblick des Gepfählten, während der andere sofort zum Handy griff und Kommissar Kautz von der Kripo informierte.
Wie gebannt starrten alle drei nun auf die Szene im Morgenlicht. Die Spitzen der Eisenstäbe, wie sie neuerdings zur Gartendekoration verwendet werden, ragten aus dem blutverschmierten Körper. Bunte Tonkugeln in ihrer Mitte hatten wohl den fallenden Leib abgebremst, eine Kugel war vom Aufprall geborsten, die Einzelteile im Gras verstreut. Nach langer Schrecksekunde blickten Kurt Leidner und die Polizisten wie auf ein inneres Kommando am Haus hoch und sahen, dass das hölzerne Balkongeländer des Obergeschosses zerborsten war. Herr Bosch musste es – warum auch immer – mit Wucht durchbrochen haben und war dann herabgestürzt.
Der Chef wollte nur noch weg: »Ich muss mich jetzt um die Bewohner kümmern und sie über den Tod des Geschäftsführers informieren. Der eine oder andere wird Beistand brauchen. Sobald ich kann, werde ich wieder zur Stelle sein. Wenn der Kommissar eintrifft, lass ich ihn sofort zu Ihnen nach hinten schicken.«
Als Erstes trommelte er das anwesende Personal zusammen, Frühdienst Jan Hiller, zwei Mitarbeiter vom Tagdienst, Susanne Pillinger und Frank Sattler.
»Herr Bosch ist tot!«
Außer Jan, dem neuen Mitarbeiter, zeigte niemand Anzeichen besonderer Betroffenheit.
»Er muss vom Balkon des Anbaus auf die Deko-Eisenstäbe herab gestürzt sein, dabei wurde er mehrfach durchbohrt ... der schiere Wahnsinn!« Jähes Entsetzen bei den Versammelten! Bevor Kurt weiter reden konnte, schluckte er mehrmals.
»Ein grässliches Ende, obwohl ich dem Boss, wie ihr wisst, schon oft die Pest an den Hals gewünscht hab …«,
Kurt biss sich auf die Lippen, dann fuhr er fort. »In Kürze wird der Kommissar mit der Spurensicherung eintreffen, um den werd’ ich mich kümmern. Erst aber müssen wir unseren Kranken den Tod von Herrn Bosch beibringen. Ich sage ihnen, dass er vom Balkon gestürzt ist, Genaueres wissen wir ja noch nicht. Die Art, wie er zu Tode kam, erwähn’ ich besser nicht. Passt bitte auf, wer heftig reagiert, um den müssen wir uns besonders kümmern. Sprecht mit ihnen, versucht, sie zu beruhigen, wenn nötig müssen wir mit Bedarfsmedikamenten nachhelfen.«
Frank schien aus einem Albtraum erwacht: »Verdammt, erst gestern krachte es zwischen dem Boss und mir!« Sein Aufschrei machte deutlich, dass die Kollegen die eigene Betroffenheit zulassen und ihre Gefühle sortieren mussten. Kurt gab dem Raum.
Susanne atmete schwer: »Im Montags-Team war der Boss mal wieder arrogant und gemein, es war zum Davonlaufen … aber ein solcher Tod!«
Jan, als Neuer nicht von Flashbacks an bessere Zeiten verwöhnt, vielmehr von Herrn Boschs Power-Stil angetan, war aschfahl im Gesicht: »Das ist ja krass, der Top-Gun des Hauses, vernichtet!«
Da es Kurt Leidner nun doch zu drängen schien, kürzte er die Selbstklärung des Teams ab: »Wir müssen das alles noch verarbeiten. Meine Gefühle sind wie gelähmt ... Jetzt sollten wir aber die Bewohner zusammenrufen, dass sie aus erster Hand informiert werden, bevor die Gerüchteküche kocht und sich Angst verbreitet. Einige sind bestimmt noch beim Frühstück, andere auf ihren Zimmern. Holt bitte alle in den Speiseraum.«
Als wenig später der Kommissar im Tollen Haus eintraf, wurde er vom Hausmeister, der an der Pforte auf ihn gewartet hatte, sofort zum Chef geführt. Der sah die beiden kommen, entschuldigte sich bei versammelter Mannschaft und ging dem Kommissar entgegen.
»Kautz, Kripo Mannheim, wir kennen uns ja schon.«
»Ja, ja«, – Kurt Leidner fiel der tragische Suizid eines Bewohners ein, bei dem er Herrn Kautz zum ersten Mal begegnet war – »schlimme Geschichte.« Im Schatten von gestern ging es zum Ort des aktuellen Falls. Der Kommissar nickte den beiden Polizisten zu, die Haltung annahmen, und sah sich die Leiche ohne ersichtliche Gemütsbewegung nachdenklich an. Seine grauen Augen tasteten alles, Leichnam wie Umfeld, minutiös ab – die Lage des Tatorts, den Anbau, die Blumenrabatte und Wiese, die Häuser der Nachbarschaft – wie eine Filmkamera, die jedes Detail aufzeichnete, bis sein Blick auf den Balkon oberhalb der schmalen Terrasse fiel.
»Führen Sie mich bitte dort hinauf!« Er schien nicht zum Gespräch aufgelegt, so dass sich auch Kurt Leidner zurückhielt. Nur etwas musste er loswerden:
»Sie wissen ja, Herr Kautz, das Tolle Haus ist für psychisch kranke Menschen da, für chronische wie für fitte, meist jüngere Leute. Allesamt aber sind sie recht sensibel. Sie werden verstehen, dass ich als Leiter bemüht sein muss, die Aufregung für unsere Kranken möglichst gering zu halten«, ein dezenter, zugleich deutlicher Hinweis für den Kommissar. Der reagierte nicht. Oben angelangt, war auch schon die Spusi eingetroffen und machte sich gleich ans Werk. Einer der beiden Kriminaler war dem Kommissar gefolgt und untersuchte sorgfältig das Balkongeländer. Herr Kautz schien in Gedanken versunken.
Plötzlich unterbrach der Untersucher die angespannte Stille: »Ein winziges Stück der Oberhaut von schwarzem Leder war an der Bruchstelle des Geländers, Chef«, sprach’s und hielt ihm den Partikel mit einer Pinzette vor die Nase, »wahrscheinlich von einer Lederjacke. Die Quersprosse unter dem Handlauf ist angebrochen, aber ohne jede Spur.« Der penible Typ hatte wirklich den richtigen Job.
»Wer hat eigentlich Zugang zum Balkon?«, der Kommissar schien aus einer Trance zu erwachen.
»Eigentlich jeder, im Trakt sind unten ein Fitnessraum mit Umkleideräumen und Toiletten mit Duschen, oben zwei Mitarbeiterbüros, der Konferenzraum und ein Flur mit Zugang zum Balkon. Erst vom Spätdienst werden die öffentlichen Räume gegen 21:30 Uhr zugeschlossen. Herr Bosch hat sich ab und an auf den Balkon gesetzt, wenn er nachdachte. Er mochte den Blick von da oben, auf unseren Garten, die Blumen, die Birken am Rande.«
»Was machte Ihr Geschäftsführer eigentlich gestern im Haus?«
»Er beehrte unsere Team-Konferenz und ging dann wieder«, antwortete Kurt Leidner, der ironische Unterton unüberhörbar. Einen Moment zögernd, fuhr er fort.
»Dabei gab’s ziemlichen Stunk. Herr Bosch kündigte eine gravierende Veränderung des Förderprogramms an, die heftigen Widerstand auslöste … Ich will auch nicht verschweigen, dass er nicht besonders beliebt war.«
»Wie standen Sie eigentlich zu ihm?«
Kurt schluckte. »Privat kannte ich ihn kaum, beruflich mehr als mir lieb war: ein Vorgesetzter, der nur die eigene Meinung gelten ließ. Seiner Spur war zu folgen, am besten sofort und ohne Widerspruch. Mein Spielraum als Leiter war beschissen klein – sorry! Mein Vorgänger hatte noch große Entscheidungs-Freiheit, bevor ihm Herr Bosch vor die Nase gesetzt wurde. Den Vorgänger haben wir gemocht … die Zeiten sind jedoch vorbei!«
»Was für ein Verhältnis hatte ihr Vorgänger, wie heißt der noch …?«
»Gerd Helfinger.«
»… zu Herrn Bosch?«
»Es war zum Kotzen! – sorry. Ich weiß, dass der Gerd manch schlaflose Nacht gekostet hat. Einmal hörte ich, wie sich die beiden im Chefzimmer anbrüllten. Bei Gerd hatte sich ein Übermaß...




