E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Lee Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-646-92959-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-646-92959-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mackenzi Lee liest, schreibt, verkauft Bücher und kann sehr schnell reden. Sie hat Geschichte und kreatives Schreiben studiert. Cavaliersreise ist ihr erstes Buch auf Deutsch und bei den Königskindern.
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17--
Eins
Am Tag des Aufbruchs zu unserer Cavaliersreise auf den Kontinent erwache ich neben Percy in meinem Bett. Im ersten Augenblick bin ich unsicher, ob wir beieinander oder miteinander geschlafen haben.
Percy trägt noch die Kleider vom gestrigen Abend, wiewohl weder im selben Zustand noch in derselben Anordnung wie zuvor, und die Laken mögen etwas zerwühlt sein, doch nichts deutet auf ein nächtliches Scharmützel hin. Daher scheint es, obgleich ich selbst nur einen Schuh und meine Weste trage – zudem mit der Knopfleiste hinten –, als hätten wir den Anstand gewahrt.
Das erleichtert mich in gewisser Weise, denn ich möchte nüchtern sein, wenn wir zum ersten Mal zusammen sind. Falls es dieses erste Mal je geben sollte. Was zurzeit immer weniger wahrscheinlich wird.
Percy wälzt sich grunzend auf die andere Seite, verfehlt mit einem Arm knapp meine Nase und schiebt seinen Kopf in meine Achselhöhle. Ohne aufzuwachen, zieht er fast die ganze Zudecke zu sich herüber. Sein Haar riecht nach Zigarrenrauch, und er hat einen faulen Atem, was ich ihm gewiss nicht verübeln darf. Dem Geschmack nach zu urteilen, der sich in meiner Kehle verbreitet – eine Mischung aus gepanschtem Gin und fremdartigem Parfüm –, dünste ich noch schlimmer.
Anderswo im Zimmer wird mit einem Ratsch ein Vorhang beiseitegezogen, und helles Tageslicht fällt mich an. Ich reiße die Hände vor das Gesicht. Percy erwacht mit einem heiseren Krächzen. Er versucht sich abzuwenden, stößt aber auf ein Hindernis, rollt trotzdem weiter und kommt auf meinem Bauch zu liegen. Meine Harnblase reagiert mit scharfen Protesten. Wir müssen außerordentlich viel getrunken haben, wenn es mich jetzt derart belastet. Dabei bin ich so stolz auf meine Gabe, mich besinnungslos zu betrinken und dennoch am nächsten Tag eine passable Figur abzugeben, vorausgesetzt, der Tag beginnt gegen frühen Abend.
Da wird mir klar, warum ich einerseits in solch kläglichem Zustand und andererseits noch betrunken bin: Es ist nicht meine übliche Zeit aufzustehen. Es ist früh am Vormittag, denn heute ist der Tag, an dem Percy und ich verreisen.
»Guten Morgen, Gentlemen«, sagt Sinclairs Stimme. Ich kann seinen Umriss vor dem Fenster ausmachen – er ist es, der das vermaledeite Licht hereingelassen hat. »Mylord«, fährt er fort und nickt mit dem Kopf zu mir herüber, »Eure Mutter hat mir aufgetragen, Euch zu wecken. Die Kutsche soll binnen einer Stunde fahren, und im Esszimmer warten Mr Powell und seine Gattin.«
Aus Percys Brust, unweit meines Nabels, dringt bei der Erwähnung seines Onkels und seiner Tante ein vage zustimmendes Geräusch, das keiner menschlichen Sprache zuzuordnen ist.
»Außerdem, Mylord, ist Euer Vater gestern Abend aus London zurückgekehrt«, sagt Sinclair zu mir. »Er wünscht Euch vor der Abfahrt zu sprechen.«
Weder Percy noch ich rühren uns von der Stelle. Nur der Schuh an meinem einen Fuß fällt mit einem hohlen Plonk auf den orientalischen Teppich vor dem Bett. »Vielleicht lasse ich die Herren besser erst einmal zu Sinnen kommen?«, schlägt Sinclair vor.
»Ja«, sagen wir wie aus einem Mund.
Sinclair geht, ich höre die Tür hinter ihm ins Schloss fallen. Vor dem Haus ist das Knirschen von Kutschrädern zu vernehmen, und die Knechte spannen unter viel Geschrei die Pferde an. Percy entfährt ein grausiges Stöhnen und ich muss unwillkürlich lachen.
»Was lachst du?« Er schlägt nach mir und trifft das Kissen.
»Du klingst wie ein Bär.«
»Und du riechst wie ein Schankhausboden.« Er lässt sich vom Bett hinuntergleiten, verfängt sich dabei im Laken und hängt schließlich kopfüber zu Boden, die Wange in den Teppich gedrückt. Sein Fuß bohrt sich mir in den Bauch, und zwar so tief unten, dass mir das Lachen prompt vergeht. »Nicht so stürmisch, mein Lieber!«
Der Drang, mich zu erleichtern, wird übermächtig, und ich greife, um mich aufzurichten, nach dem Bettvorhang. Etliche Ösen reißen. Wenn ich mich jetzt herabbeugen wollte, um den Nachttopf hervorzuholen, wäre eine jäh sich entleerende Blase die mildeste aller Konsequenzen, also reiße ich die Flügeltür zum Garten auf und pisse in die Hecke.
Als ich mich umdrehe, liegt Percy noch immer am Boden, die Füße im festen Griff der Laken. Sein Haar hat sich im Schlaf aus dem straff umwundenen Zopf gelöst und umgibt wie eine stürmische schwarze Wolke seinen Kopf. Ich schenke mir aus der Karaffe auf der Anrichte einen Sherry ein und leere ihn in zwei Schlucken. Gegen den Geschmack jenes Untiers, das mir nächtens in den Schlund gekrochen und darin verendet sein muss, kann das Getränk wenig ausrichten, doch wird ein leichter Rausch mir bestehen helfen, wenn meine Eltern mich verabschieden wollen. Und wenn ich etliche Tage mit Felicity im Wagen zubringen muss. Herrgott, gib mir Stärke.
»Wie sind wir gestern nach Hause gekommen?«, fragt Percy.
»Wo sind wir gestern gewesen? Nach der dritten Partie Piquet wird alles ein wenig nebulös.«
»Die Partie hast du gewonnen.«
»Ich bin mir nicht vollkommen sicher, ob ich die Partie gespielt habe. Wenn wir ehrlich sind, hatte ich ein paar Gläser getrunken.«
»Wenn wir ganz ehrlich sind, nicht nur ein paar.«
»So besoffen war ich nun auch nicht, oder?«
»Monty, du hast bei der Heimkehr versucht, deine Strümpfe vor den Schuhen auszuziehen.«
Ich schöpfe Wasser aus dem Bassin, das Sinclair gebracht hat, schütte es mir ins Gesicht und versetze mir ein paar Ohrfeigen, um mich leidlich in Form zu bringen. Hinter mir rollt Percy endlich ganz vom Bett herunter.
Ich winde mich aus meiner Weste und lasse sie zu Boden fallen. Percy schaut zu mir hoch und zeigt auf meinen Bauch. »Was hast du denn da Merkwürdiges?«
»Wo?« Ich sehe an mir herunter. Unterhalb meines Nabels klebt ein wenig rotes Rouge. »Na, sieh einer an.«
»Wie willst du erklären, wie das da hingekommen ist?«, fragt Percy grinsend. Ich spucke mir auf die Hand und versuche es abzuwischen.
»Ein Gentleman genießt und schweigt.«
»War es denn ein Gentleman?«
»Ehrlich, Percy, wenn ich’s noch wüsste, würde ich es dir sagen.« Ich nehme noch einen Schluck Sherry, dieses Mal direkt aus der Karaffe. Als ich sie zurückstelle, verfehle ich um ein Haar die Anrichte und setze sie kräftiger auf als gedacht. »Es ist fürwahr eine Last.«
»Was meinst du?«
»So ansehnlich zu sein. Die Leute können partout die Finger nicht von mir lassen.«
Percy lacht. »Armer Monty. Was für ein Kreuz.«
»Kreuz? Welches Kreuz?«
»Dass sich jeder auf der Stelle in dich verliebt.«
»Wer kann es ihnen verdenken? Ich würde mich auch auf der Stelle in mich verlieben.« Mein schönstes Schurkenlächeln drückt kleine Grübchen in meine Wangen.
»So hübsch und so bescheiden.« Percy rekelt sich auf dem Teppich, streckt die Arme lang aus und legt den Kopf in den Nacken, soweit es seine Schieflage erlaubt. Er spielt sich so selten in den Vordergrund, aber morgens ist er eine ganze verdammte Oper. »Bist du bereit für den großen Tag?«
»Vermutlich. Ich hatte mit den Vorbereitungen nicht viel zu tun, darum hat sich mein Vater gekümmert. Wenn nicht alles bereit wäre, würde er uns nicht fahren lassen.«
»Hat Felicity sich mit der Aussicht auf ihre Schule ausgesöhnt?«
»Ich habe nicht den Funken einer Ahnung, was in ihrem Dickkopf vor sich geht. Und mir ist schleierhaft, weshalb wir sie mitschleifen müssen.«
»Nur bis Marseille.«
»Nach zwei ganzen verdammten Monaten in Paris.«
»So lange wirst du deine Schwester wohl noch ertragen.«
Über unseren Köpfen fängt, von der Zimmerdecke kaum gedämpft, das Neugeborene zu schreien an. Prompt eilt die Amme zu ihm, sie klappert wie auf Pferdehufen über die Bodendielen.
Percy und ich heben die Augen zur Decke.
»Der Kobold ist erwacht«, murmele ich. Trotzdem es gedämpft wird, verschlimmert sein Geschrei das Hämmern in meinem Schädel.
»Du brichst ja geradezu in Jubel aus.«
Ich bin meinem kleinen Bruder in den vergangenen drei Monaten noch nicht oft begegnet, gerade genug, um mich darüber zu verwundern, dass er zum Ersten so runzelig aussieht wie eine in der Sommersonne vergessene Tomate und dass zum Zweiten jemand so Winziges mit so großer Treffsicherheit mein ganzes vermaledeites Leben ruinieren kann.
Ich schlürfe einen Tropfen Sherry von meinem Daumen ab. »Was für eine verdammte Landplage.«
»So eine Plage kann er doch wohl nicht sein, bei der Größe.« Percy hält die Hände kindsweit auseinander.
»Taucht wie aus dem Nichts einfach hier auf …«
»Aus dem Nichts solltest du besser nicht behaupten.«
»… schreit von morgens bis abends, bringt uns um den Schlaf und nimmt Platz weg.«
»Skandalös.«
»Du bist nicht gerade sehr mitfühlend.«
»Du lieferst mir auch wenig Gründe, es zu sein.«
Ich werfe mit einem Kopfkissen nach ihm, und weil er noch so träge ist, trifft es ihn mit voller Wucht am Kopf. Halbherzig erwidert er den Angriff, und ich lasse mich lachend bäuchlings auf die Bettstatt fallen. Ich rutsche an den Rand der Matratze und schaue von oben auf Percy herab.
Der hebt die Brauen. »So ernst auf einmal? Schmiedest du Pläne, den Kobold an fahrendes Volk zu verkaufen, damit sie ihn als einen der Ihren mit sich nehmen? Mit Felicity ist es...




