E-Book, Deutsch, 420 Seiten
Lee DER GOTT DES WALDES - DAS BLUT DER ROSEN II
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9138-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanith-Lee-Werkausgabe, Band 14
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-7438-9138-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alle Lebewesen der magischen Waldwelt sind dem verführerischen Willen Anjelens unterworfen, eines Priesters von großer Macht. Er verkörpert eine schreckliche, wilde Macht - ob zum Guten oder Bösen vermag niemand zu sagen. Und welches Geheimnis birgt das Innere des berüchtigten Klosters, in dem sich die Gottesritter zu düsteren Ritualen treffen? Stimmt das Gerücht, dass die Gefolgsleute ihren Bund mit dem Blut besiegeln, das einer vom anderen trinkt? 'Eines der kraftvollsten und intelligentesten aller internationalen Fantasy-Talente.' - PUBLISHERS WEEKLY Der Gott des Waldes ist der zweite Teil des zweiteiligen Roman-Werks Das Blut der Rosen und erscheint als 14. Band der Tanith-Lee-Werkausgabe im Apex-Verlag.
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Erstes Kapitel
Aus dem ersten Samen, der wie ein glühender Funken Zeit in die heiße Erde des Anfangs fiel, entstand der Wald. Lange bevor er Schatten und Materie wurde und die Erde bedeckte, war er mit ihr bereits unlösbar verbunden. Ganz zu Anfang, als sich die Menschen einen Weg zwischen seinen schlanken Halmen hindurchbahnten und seine Knochen noch nicht dicker als Stöcke waren, nannten sie ihn den Großen Wald. Er atmete Wind, wob wie eine Spinne ein Geflecht aus Unterholz, gebar Tiere aus seinem lehmigen Boden und wimmelte von verborgenem Leben. Und als der Wald groß geworden war, dicht und beständig, so dass Bäume Umstürzen konnten, ohne dass es ins Gewicht gefallen wäre, da war die Seele des Walds so weit erstarkt, dass ihm alle Wesen, die ihn durchquerten oder in ihm Zuflucht suchten, Opfer darbrachten. Zunächst waren es zufällige Opfer. Was gestorben war, ließ seine Überreste zurück, sein Gerippe, sein erkaltendes Blut. Bäume wuchsen aus den Gebeinen von Füchsen hervor. Aus den Totenschädeln der Menschen wuchsen Kiefern. Nach einiger Zeit wurden derartige Opfergeschenke erwartet. Es war, als hätten die Bäume ihre Wünsche flüsternd kundgetan. Es gab welche, die ihr ganzes Leben im Großen Wald zubrachten, die nie einen anderen Ort zu Gesicht bekamen und allem, was man ihnen erzählte, mit Misstrauen begegneten. War doch die Welt ein einziger Wald, den allenfalls hier und da Wasserläufe durchteilen mochten, aber sogar im Wasser wuchsen die Bäume, und nur die Berge ragten daraus hervor, und auch die Berge waren von Wald bedeckt. Der Wald war Mutter und Vater, Schoß und Grab, Leben und Tod. Man verehrte den Wald, denn da der Wald alles war, war er auch Gott. An einem Frühlingsabend saß der Auserwählte, Jun, auf dem Boden vor der Hütte des Waldmanns und spielte mit dem Hasen. Der Hase war fast weiß, ein gespenstischer Albino, der nachmittags oder bei Einbruch der Dunkelheit kam, um die Milch zu trinken, die man ihm hingestellt hatte. Vielleicht weil er spürte, dass der Knabe ebenfalls etwas Besonderes war, ließ sich der Hase von ihm liebkosen, hüpfte über Zweige, die der Knabe ihm hinhielt, oder spielte mit einem aus Gras geflochtenen Strick. Manchmal stellte der Waldmann dem Hasen Fragen, und der Hase antwortete mittels besonderer Bewegungen oder durch die Form der Exkremente, die er am Rand der Lichtung zurückließ. Hin und wieder überquerte eine gesprenkelte Schlange die Lichtung, dann achtete der Waldmann auf den Weg, den sie einschlug. Neuerdings bat der Waldmann auch Jun um gewisse Gefälligkeiten, zum Beispiel sollte dieser einen aus mehreren in der Hütte verstreuten Gegenständen auswählen oder ein Rätsel beantworten. Jun zu berühren, brachte Glück, aber nur sehr wenige kamen zur Lichtung des Waldmanns, die unter dem Baum lag. Der Waldmann war der Mittler zwischen dem Übernatürlichen und den Menschen. Die Erde war elektrisch aufgeladen, voller Wunder und Gefahren. Schon bald würden mehrere hundert Menschen zur Lichtung kommen, doch das war etwas anderes. Im Winter und im Frühjahr, wenn die niedrigeren Bäumen gerade erst ergrünten, sah man von der Lichtung aus den Baum, den Gott. Glatt und fast schwarz ragte er in den Himmel auf. Er wirkte unvergänglich, und das war er auch. Der erste Baum des Waldes hatte alle anderen hervorgebracht. Denn der Baum gehörte nicht nur einer Art an; das sah selbst das Kind. Die Äste, die von dem gewaltigen Stamm ausgingen, waren wie eine Schlangenkrone und die Blätter teils wie Nadeln, teils fleischig und seidig, während andere schwer und lappig herunterhingen, mit langen Adern und Graten darin. Der Gott verlor die Blätter nie, nicht einmal dann, wenn es schneite. Auch dies hatte der Knabe gesehen, denn er hatte den ganzen Winter über in der Hütte des Waldmanns zugebracht, unter dem Baum. Die Wahl wurde gegen Ende des Sommers getroffen, im Anschluss an die Ernte. Aus den umliegenden Ortschaften brachte man die acht- und neunjährigen Knaben zum Waldmann. Sie kamen sogar aus den Besitzungen des Fürsten im Tal, ohne dass der Herr davon wusste. Er war zu Christus konvertiert, dem Baumgott in anderer Gestalt. Da der Fürst die dem Opfer innewohnende Wahrheit missverstand, wollte er die Vorgänge im Wald nicht unterstützen und verschloss die Augen davor. Seine Vorväter waren noch persönlich zugegen gewesen und hatten in bestimmten Gegenden notfalls sogar selbst die Aufgaben des Waldmanns übergenommen... einmal hatten sie sogar einen Sohn gegeben. Inzwischen war das nicht mehr vorstellbar. Die räumliche Nähe des Baumgotts zu den Ländereien des Fürsten, früher einmal der Anlass, gerade dort die Burg zu errichten, war jetzt eher lästig und unangenehm. Vielleicht waren die Schlange und der Hase gut beraten gewesen, keinen Jungen aus dem Tal auszuwählen. Die Auserwählten wurden gründlich untersucht und befragt, sowohl von den älteren Männern aus den Dörfern wie auch vom Waldmann, ihrem Priester. Das Kind musste unschuldig sein, durfte noch nicht einmal Hand an sich gelegt haben. Es musste vollkommen sein. Jun war neun Jahre alt. Er hatte hart gearbeitet, war jedoch nie mit einer Rute geschlagen worden. Sexuelle Neigungen hatte er noch nicht entwickelt. Er hatte keine Narben und wies keinerlei Entstellungen oder Missbildungen auf. Er war ein stiller Junge, mit einem ovalen Gesicht und einem schlanken, wohlgestalteten Körper, den weiße Haut umhüllte. Er wünschte sich ebenso sehr wie alle anderen, auserwählt zu werden, doch er strebte nicht danach, prahlte und protzte nicht und machte kein Aufhebens um seine Schönheit. In seiner Familie gab es drei weitere Söhne; er war entbehrlich. Wenn die Wahl auf ihn fiel, würde es seiner Familie Glück bringen. Nur die Frau weinte ein wenig. Das taten die Frauen immer. Dem Knaben machte es nichts aus, von zu Hause fortzugehen und beim Waldpriester auf der Lichtung zu wohnen. Es war wie ein Wunder. Es war die Straße zum Himmel. Anschließend stand er ein halbes Jahr lang zwischen dem Gott und der Welt und rückte der Unsterblichkeit stetig näher. Er wurde rücksichtsvoll behandelt, bekam nur das Allerbeste vorgesetzt, brauchte keine unangenehmen Tätigkeiten zu verrichten und wurde in geheimen Versen und Zaubersprüchen unterrichtet, mittels derer er sich zu erkennen geben würde, wenn Gott ihn zu sich nahm. Er hatte auch keine Angst vor diesem Moment. Man hatte ihn gelehrt, dass dies ein Anfang sei und kein Ende. Er würde erweitert, verwandelt und hochgehoben werden, bis dorthin, wo Sonne, Mond und Sterne auf den Baumwipfeln balancierten. Er würde in die Bruderschaft seiner Vorgänger eingehen. Er würde der Wald werden, er würde Gott werden. Sogar die Dörfler wussten das. Nein, Jun hatte keine Angst. Der Hase hoppelte über die Lichtung und verneigte sich einmal vor einem Schilfrohr, das dort wuchs. Der Waldmann trat aus der Hütte und fragte Jim, ob sich der Hase verneigt habe. »Ja«, sagte Jun, und der Waldmann, der freundlicher zu ihm gewesen war als sein eigener Vater, lächelte ihn an. Jun hatte großen Respekt vor dem Waldmann gehabt. Dieser Respekt war eher noch gewachsen, denn monatelang hatte Jun dem Priester bei seinen harmonischen und ungewöhnlichen Zaubereien zugeschaut. Er vermochte Tiere und Vögel zu sich zu rufen und schien ihre Sprache zu sprechen. Er hatte einen Schierling dazu gebracht, mit ruhiger blauer Flamme zu brennen, ohne dass diese ihn verzehrte. Einfacher ausgedrückt: Der Waldmann unterhielt das Kind, indem er Gegenstände verschwinden und wieder erscheinen ließ oder sie zu scheinbarem oder tatsächlichem Leben erweckte - eine Axt, die Holz für sie hackte, oder Bohnen in einer Schüssel, die ein Muster formten... Die ehrfürchtige Bewunderung des Jungen wurde vertieft von Liebe und Vertrauen. Als ein Sohn unter vielen hatte Jun niemals richtig lieben gelernt. In diesem Kokon zwischen den Welten hatte er Gelegenheit dazu. Der Waldmann, der jetzt sein Vater auf Erden war, würde ihn der Ewigkeit überantworten... »Und welches Tier«, fragte ihn der Waldmann nun, »möchtest du als erstes sein?« Jim wusste, dass ihm alle Erfahrungen offenstanden, wenn er erst einmal ein Teil Gottes und des Waldes geworden war. »Ein Hase«, sagte Jun. »Ich werde ein Hase sein und zu Euch gelaufen kommen.« »Tu das«, sagte der Waldmann ernst. »Einer deiner Vorgänger kam vor langer Zeit als Rabe zu mir zurück und erzählte mir ein wenig vom anderen Leben - aber nicht viel. Er durfte mir nicht allzu viel verraten, weil ich nämlich immer noch ein Sterblicher bin.« Jun war neidisch auf den Raben. »Ich«, sagte er, »werde Euch mehr erzählen.« »Nein, du wirst denken wie der Gott. Mach dir nichts draus. Ich freue mich für dich, über die Wonne und die Macht, über das Glück, das dich erwartet. Ich wünsche dir alles Gute.« Die Schatten wurden allmählich länger. Der mächtige Schatten des Baumes senkte sich herab und hüllte sie in Dunkelheit. Sie schwiegen. Keiner von beiden hatte Anlass zu zweifeln. Der Priester wusste allerdings, dass der Junge vor seiner Umwandlung ein wenig leiden würde. Aber das war der Preis. Er hätte ihn auch selbst bezahlt, wenn er die Stelle des Jungen hätte einnehmen können. Der bevorstehende Abschied betrübte ihn. Er würde nach einem schwarzen Hasen mit wunderschönen Augen Ausschau halten. »Heute«, sagte Jims Beschützer, »beginnen wir mit der letzten Unterweisung. In sieben Tagen ist es dann soweit.« »Wirklich?« Der Knabe konnte es kaum mehr erwarten. Er vergaß den Priester und sehnte sich mit jähem spirituellem Verlangen danach, göttlich, heilig und mächtig zu...




