Legère | Unter Korsaren verschollen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Reihe: Edition Ustad

Legère Unter Korsaren verschollen


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7802-1663-2
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Reihe: Edition Ustad

ISBN: 978-3-7802-1663-2
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschen algerische Korsaren das Mittelmeer. Als der kleine Kaufmannssohn Livio von ihnen entführt wird, beginnt eine Odysee, die ihn schließlich vom Gefangenen zum Kapitän auf eigenem Schiff werden läßt. Erst nach vielen Jahren lüftet sich das Geheimnis um den gefürchteten Freibeuter Omar. Werner Legères erfolgreichster Roman in einer attraktiven Neuausgabe.

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2. Das Ende der ‚Astra‘


Ein strahlend schöner Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Die Sonne hat nur noch eine Handbreit ihres Laufes am Himmel zurückzulegen, ehe sie in den Weiten des Mittelländischen Meeres versinken kann. Breit, ruhig, gleichmäßig schwingen die Wogen, von deren Kämmen die Strahlen des Tagesgestirns wie feurige Pfeile davonhüpfen.

Bedächtig schiebt sich vor den riesigen, in rötlichem Gold flammenden Ball ein Schiff. Bald steht es in ganzer Breite vor ihm. Dunkel, schwer, massig, denn alle Segel sind gesetzt: ein herrliches Bild. Die Galionsfigur am Bug des Seglers ist von Feuer übergossen. Die goldenen Buchstaben ‚Astra‘ am Heck künden den Namen des Kauffahrers, das darunter stehende ‚Genova‘ – Genua – den Heimathafen des Schiffes.

Drei glückliche Menschen liegen in bequemen Stühlen auf Deck: Luigi Parvisi, seine Frau Raffaela und das Bübchen Livio.

Kein Wölkchen im satten Blau des Himmels. Da und dort lugen schon schüchtern einige Sterne hervor. Blass noch und unendlich fern sind sie.

Kapitän Civone hat soeben mit dem Glas den Horizont abgesucht. Keine Mastspitze war zu sehen. Ein Wetterumschlag ist auch nicht zu befürchten. Es wird schön bleiben. Der Schiffsführer atmet erleichtert auf. So kann er sich also sein tägliches Plauderstündchen mit den Parvisis gönnen. Er braucht ihr unbeschwertes Geplauder, denn schwere Sorgen belasten ihn.

Viele Male ist er den Kurs, den das Schiff jetzt nimmt, schon gefahren und dennoch fürchtet er sich immer von Neuem. Man würde Signor Civone unrecht tun, ihn gänzlich verkennen, wollte man in ihm einen Feigling sehen, aber das Mittelländische Meer, eines der schönsten der Erde, ist zugleich das gefährlichste. Nicht seiner natürlichen Tücken wegen; nicht, weil es ab und zu von gewaltigen Stürmen aufgewühlt wird, dass die Wellen das Deck zu vernichten drohen; auch nicht, weil Untiefen, Klippen und Riffe in Küstennähe die Reise gefährlich machen. Mit all dem weiß er fertig zu werden, denn er ist ein guter Seemann. Nein, nicht deshalb. Wegen der Menschen, die es beherrschen. Das Mittelländische Meer vom Frühling bis in den Herbst hinein zu kreuzen, ist ein Wagnis sondergleichen, ein Lotteriespiel. Nie weiß man, ob die Reise nicht in Tod oder Sklaverei endet. Herren auf dem Meer sind nicht die anliegenden europäischen Staaten – Frankreich, Spanien oder die italienischen Fürstentümer –, sondern die nordafrikanischen Herrscher, der Dey von Algier – Türke –, der Pascha[3] von Tunis – Türke –, der Pascha von Tripolis – Türke. Mit ihren Piratenschiffen machen diese Fremden, deren Heimat der Osten des Meeres ist, Jagd auf jeden Segler, dessen Staat nicht jährlich durch riesige Tribute die Schiffe vor dem Zugriff der Korsaren geschützt hat. Genua ist seit Jahren Teil des französischen Kaiserreichs, es genießt für sich und seine Schiffe den gleichen Schutz wie die echten französischen Kauffahrer.

Aber – des Kaisers unantastbar scheinende Macht ist durch die Schläge des russischen Generals Kutusow ins Wanken geraten. Der Korse muss alle Anstrengungen machen, die überall aufflammenden Gärungen niederzuhalten. Das Mittelmeer wird ihm im Augenblick unwichtig erscheinen. Wenn die Korsaren die Lage auszunützen verstehen...

Civone spuckt verärgert aus.

Raffaela Parvisi nimmt gerade den kleinen Livio auf den Schoß. Der Junge, der vor Kurzem noch so munter schwatzte, ist eingeschlafen. Er lächelt. Sicherlich träumt der kleine Mann. Luigi Parvisi betrachtet liebevoll die beiden Menschen, die ihm die nächsten und teuersten sind. Auf den Knien hält er ein dünnes Brett mit einem Stück Zeichenpapier.

Der Schiffsführer tritt hinzu. Er blickt Parvisi, der ihn noch nicht bemerkt hat, über die Schulter. „Ausgezeichnet, Signore Parvisi! Sie sind ein Künstler!“

„Meinen Sie?“, entgegnet Luigi lächelnd und wendet sich dem Kapitän zu.

„Im Ernst! Ich verstehe zwar nur wenig von der Kunst, aber es will mir scheinen, als ob nur ein wahrer Künstler solch ein Bild malen kann.“

„Wollen Sie sich nicht wie immer ein wenig zu uns setzen?“, fordert die junge Frau den alten Seemann auf. „Das Licht nimmt sowieso ab, sodass mein Mann den Stift zur Seite legen muss. Wir würden uns freuen, ein Stündchen in Ihrer Gesellschaft verbringen zu können.“

„Ich danke Ihnen. Sie haben meinen Wunsch erraten.“ Civone zieht den Stuhl, auf dem vorher der kleine Livio gesessen hat, heran und holt seine Pfeife hervor. Verlegen dreht er sie in der Hand. Bevor er die Frau um die Erlaubnis bitten kann, rauchen zu dürfen, gibt sie ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie nichts dagegen habe.

Luigi hat unter der fertigen Skizze ein neues Blatt hervorgeholt. Mit schnellen, sicheren Strichen hält er den schlafenden Jungen fest. Es ist nur ein Entwurf. Morgen wird er ihn ausführen.

Nur wenige Minuten sind seitdem vergangen. Kapitän Civone ist inzwischen mit dem Stopfen der Pfeife fertig geworden und stößt die ersten Rauchwolken heraus. Luigi legt sein Zeichengerät zur Seite.

„Ich möchte eine Bitte aussprechen, Herr Kapitän“, beginnt Parvisi die Unterhaltung.

„Lassen Sie hören. Wenn möglich, werde ich sie gern erfüllen.“

„Könnten Sie sich morgen einmal ein Stündchen freimachen, um mir Modell zu sitzen? Ich möchte ihnen gern unseren Dank für die schönen Stunden, die Sie uns auf der ‚Astra‘ bereitet haben, durch ein Bild abstatten.“

„Das klingt, als fühlten Sie sich in meiner Schuld. Ganz im Gegenteil, Signore Parvisi. Ich bin es, der für so manchen netten Abend zu danken hat. Es ist immer mein Bestreben gewesen, den Fahrgästen meines Schiffes alle nur mögliche Bequemlichkeit zu bieten. Dass ich selbst kein besonders guter Gesellschafter bin, wurmt mich und ich bitte um Nachsicht. Doch zu Ihrer Bitte zurück. Ich werde sie selbstverständlich erfüllen. – Verzeihen Sie, wenn ich meiner Verwunderung Worte verleihe: Sie sind doch Kaufmann – und gleichzeitig auch Künstler? Das erscheint mir ungewöhnlich.“

Da Parvisi nicht antwortet, lenkt Civone das Gespräch in andere Bahnen. „Wenn nicht irgendwelche Zwischenfälle auftreten, werden wir morgen Abend in Malaga sein.“

„So bald schon? Das freut mich. – Aber ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig. – Jeder Mensch braucht nach der Erfüllung der täglichen Aufgaben und Pflichten eine Abwechslung, einen Ausgleich. Manche suchen und finden ihn in geselligen Vergnügungen, andere in der Natur, dritte über Bücher gebeugt. Ich nehme dann Papier und den Stift und bin glücklich.“

„Sie werden mit Ihrer Kunst viel Freude bereiten.“

Bei diesen Worten des Kapitäns huscht ein Schatten über Parvisis Gesicht.

„Im Allgemeinen ja“, entgegnet er. „Nur einmal ist meine Begabung Anlass zu Ärger und Verdruss geworden.“

„Sie machen mich neugierig.“

Raffaela hat sich bei den Worten des Gatten erstaunt aufgerichtet. „Mich auch, Liebster. Ich kann kaum glauben, dass dein Zeichentalent jemand verärgert haben soll.“

„Und doch war es der Fall. – Sie müssen wissen, Kapitän, dass ich schon als Kind besser mit dem Zeichenstift umgehen konnte als gleichaltrige Spielgefährten mit der Sprache. Mit elf Jahren vermochte ich bereits Tiere richtig zu zeichnen. Nicht nur, dass der Betrachter eines meiner Kunstwerke“ – Luigi betont das Wort besonders, um anzudeuten, dass es sich um alles andere als solche gehandelt hat – „sofort erkannte, welche Gattung Tier dargestellt war, sondern darüber hinaus verstand ich manchmal meinen Zeichnungen etwas Überraschendes einzufügen.“ Er streicht sich mit der Hand über die Stirn und fährt dann fort: „Damals hatte ich einen Freund, mit dem ich die meiste Zeit spielte. Nun, Kinderfreundschaften verlaufen nicht immer ungetrübt. In dem einen Augenblick geht man noch miteinander durch dick und dünn, im nächsten schon scheinen alle Bande unheilbar zerrissen zu sein. Scheinen – sind es glücklicherweise aber nicht. Auch wir hatten uns wieder einmal gezankt. Worüber, das kann ich nicht mehr sagen; es spielt auch jetzt keine Rolle mehr. Ich weiß nur noch, wie unübersehbar mir mein Freund zu verstehen gab, dass es aus zwischen uns sei. Ich könnte sofort zeichnen, wie er so – randvoll von Verachtung mir gegenüber – in der Ecke unseres Hofs saß. Sein dummes Benehmen ärgerte mich. So viel ich auch bat und bettelte, er möge zu unserem Spiel zurückkehren, es half nichts, er trotzte weiter. Eine Weile stand ich ratlos, schob dann die Hände wütend in die Taschen, um möglichst forsch den Schauplatz der Tragödie zu verlassen. In den Taschen berührten die Finger ein Stückchen Papier und ein Ende Zeichenkohle. Solche Dinge trug ich immer mit mir wie andere Bindfaden, Messer, Fruchtkerne, eigenartig geformte Steine und was so das Übliche in Jungentaschen ist. Als meine Finger das Papier und die Kohle fühlten, kam mir ein Gedanke. Ich müsste meinen kleinen Freund in seiner jetzigen Haltung zeichnen. Schade, dass ich es getan habe. Er trotzte und ich quoll über vor Zorn und Wut. Dem wischst du jetzt aber eins aus, beschloss ich. Mein Spielkamerad blieb ruhig wie...


Der in Hohenstein-Ernstthal geborene Schriftsteller Werner Legère verfasste bereits in den 1930er Jahren erste Aufsätze zu Karl May. Später feierte er mit seinen eigenen Abenteuerromanen große Erfolge, die in insgesamt sieben Sprachen übersetzt wurden.



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