Leiermann | Der zerbrochene Diwan | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 552 Seiten

Leiermann Der zerbrochene Diwan

Positionen zum west-östlichen Kulturkonflikt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-946635-13-0
Verlag: Musketier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Positionen zum west-östlichen Kulturkonflikt

E-Book, Deutsch, 552 Seiten

ISBN: 978-3-946635-13-0
Verlag: Musketier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zweihundert Jahre nach Goethes westöstlichem Diwan und mitten in einer globalisierten Welt scheinen Abendland und Orient einander ferner denn je. Gegenseitige Missverständnisse und Bedrohungen, tatsächliche und gefühlte, sind der Nährboden für Spannungen und Konflikte zwischen Ost und West. Der Autor, der seit Jahren abwechselnd in Deutschland und in einem jemenitischen Wüstenstädtchen lebt, geht den vielfältigen heißen Eisen der aktuellen Debatten nach und beleuchtet sie von der Sichtweise beider Kultursphären aus: Kreuzzüge und Kolonisation, Glaubensregeln und Demokratieverständnis, Frauenrechte und Gewaltausübung, Kulturvielfalt und Integration.

Informativ, spannend und dialektisch wird aufgezeigt, dass Pluralität kein Schreckensbild sein muss.

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2 Die Geschichte des Ost-West-Gegensatzes
Der Beginn der Polarität
Wenn wir die Vielfalt der Kulturen als in der Menschheitsentwicklung angelegt akzeptieren, wie es der Koran in der Sure Die Griechen tut, dann umfasst dieses Prinzip alle Regionen, in denen Menschen leben. Es bedeutet nicht nur, Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft nicht zu verachten oder zu benachteiligen. Es bedeutet auch, diese Vielfalt physiognomischen Aussehens und Sprachvermögens, allgemeiner formuliert: die Vielfalt der Ethnien und Kulturen als ein Geschenk der Schöpfung, als ein Gleichnis der Schöpfungsidee, als einen Wert an sich zu betrachten, den es zu respektieren und bewahren gilt. In Zeiten der Überfremdungspanik klingt der Vers in der Sure Die Griechen (30, 22) fast wie eine Botschaft aus einer anderen Welt: Und unter Seinen Zeichen ist, dass Er die Himmel und die Erde schuf und Er euch unterschied nach Sprachen und nach Farben als ein Zeichen, das Verständige belehrt. Nun wird dieser gegenseitige Respekt oft auf eine harte Probe gestellt. Es ist ja auch ein natürliches Bedürfnis, die einem Nahestehenden, das eigne Umfeld, die eigene Lebenswelt zu unterstützen und zu schützen, zumal vor An- und Übergriffen. Was Goethe in seinem west-östlichen Diwan dichterisch zusammenbringen wollte, ist nicht ausschließlich, aber oft eine Konfliktgeschichte gewesen. Abendland und Morgenland waren immer zwei Pole, die sich gegenseitig faszinierten wie abstießen, die sich bekriegten, aber nie vernichtend besiegen konnten; die auch voneinander lernten und profitierten, aber doch voller Misstrauen blieben. Das ist heute wieder ganz aktuell so und auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, so eine Konstante ebenfalls zu akzeptieren. Der Anfang der Menschheitszivilisation lag im Vorderen Orient. Es gab auch anderswo Zivilisationsentwicklungen: am Indus, in China, in Mexiko und den nördlichen Anden. Auch sie waren erfolgreich, sie sind nicht „eingegangen“ (einige Indianerkulturen ausgenommen), die Menschheit war ab einem bestimmten Punkt zur Zivilisierung konditioniert. Nur die altorientalische Zivilisation aber hatte die Komplexität und Dynamik, von Anfang an mehr als eine regionale Zivilisation zu sein. Sie war an kein Zentrum und keine Ethnie gebunden, sondern strahlte in alle Richtungen aus und wurde umgekehrt von unterschiedlichen Landschafts- sowie Kulturräumen beeinflusst und gefördert. Sie war insofern bereits ein Modell der heutigen, global zusammengewachsenen Welt: Sie war zweifellos eine zusammenhängende Zivilisation, die aber von unterschiedlichen Ethnien und Kulturen getragen wurde und vielfältig war. Es war ein glücklicher Zufall, dass diese Zivilisationswiege am Schnittpunkt der drei Kontinente der Alten Welt lag. Das konnte in einer noch kaum erforschten Welt noch niemand wissen, dennoch wirkte es sich aus. Vereinfacht dargestellt: Die Afrikaner, die den Aufstieg des Menschen erst möglich gemacht hatten, brachten ihre Zähigkeit, ihre Leidenschaft und ihren Sinn fürs Stimmige ein. Im Alten Ägypten erreichten sie nie gekannte Höhen an Eleganz und Lebensfreude. In Asien lernte die Menschheit, mit großen Ressourcen, Räumen und Menschenmengen umzugehen, hier wurden Disziplin und Harmonie vervollkommnet. Die ersten Großstädte und Reiche waren ein sehr asiatisches Phänomen, brachten aber auch die Geißel stehender Heere und das Streben nach Weltreichen mit sich. Der frühe Beitrag Europas ist kaum zu fassen, doch Eiszeitkunst, Bandkeramik und Menhirkreise zeigen deutlich, dass es auch ihn gab: Kreativität und Anpassungsbereitschaft und vielleicht eine besondere Fähigkeit, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Ich nehme mir die Freiheit, den Löwenmenschen von der Hohlenstein-Höhle auf der Schwäbischen Alb so zu interpretieren. So ähnlich, wie die drei Weltgegenden derart in der frühen Weltzivilisation aufgingen, ging übrigens auch die Genese der Weltreligionen vonstatten: der Juden, Christen und Muslime. Sie wurzeln alle in der semitischen Religion der Wüstenvölker, deren Kultur ohnehin zwischen den Kontinenten angesiedelt war. Und sie empfingen Impulse aus allen drei Richtungen: aus Ägypten, von wo Osiris- und Totenkult, Riten des Übergangs und Konzepte des Sakralen kamen, aus dem inneren Asien, von wo das asketische Mönchswesen und die Zahlenmystik Babylons aufgenommen wurden sowie aus der Ägäis, deren Menschenbild und philosophischen Traditionen ebenfalls in alle drei kanonischen Weltreligionen eingingen. Die altorientalische Welt spielte sich grob in einem Dreieck ab, deren Spitzen Ägäis und Kleinasien, das Niltal und die Südspitze der Arabischen Halbinsel und nach Osten hin der Hindukusch sowie das Industal bildeten. Ein Ostwestgegensatz im eigentlichen Sinne entstand erst mit dem Aufstieg der griechischen Kultur, die aus dem Rahmen der altorientalischen Zivilisation heraustritt und etwas Eigenständiges entwickelt – nämlich das, was heute die Wiege des Abendlands genannt wird. Noch das strahlende minoische Kreta und Santorin, die Kykladenkultur und sogar die mykenische Kultur in der Argolis, schon auf dem Festland, waren Ableger der altorientalischen Zivilisation gewesen. Doch bildete sich in dieser Konstellation bereits eine gewisse Polarität heraus. Griechische Siedlungen bestanden auf den Inseln, auf dem heute griechischen Festland, auf dem Peleponnes, der attischen Halbinsel, in Thrakien und Thessalien und in Kleinasien, in Troja, Pergamon, Milet und wie die Siedlungen hier alle hießen. Diese Gebiete gehörten seit den griechischen Wanderungen zum griechischen Siedlungsgebiet und verblieben es bis zum Vertrag von Sèvres 1920. Rein geographisch bestand aber ein entscheidender Unterschied. Die Inseln und die griechische Halbinsel waren gegenüber anderen Völkern gut abzugrenzen. Kleinasien dagegen war nur gegenüber dem eigentlichen Asien klein: Es handelte sich um eine riesige Landmasse, die von zahlreichen Völkern besiedelt wurde und in ihren gebirgigen Rändern zu weiteren anderen Ländern überleitete. Lange waren die Hethiter das dominante Staatswesen Kleinasiens, aber auch das Reich Mitanni und später Phrygien spielten eine Rolle. Später in klassischer Zeit sprach man von Phrygern, Lydern, Lykiern, Kilikiern. Diese Völker wurden von griechischen Einflüssen berührt, waren aber in der Hauptsache orientalische Kulturen. Die Wiege Europas
Im Troja-Krieg brach der Gegensatz zwischen den so unterschiedlichen griechischen Zonen aus. Der berühmte Mythos, durch Homer überliefert und zu allen Zeiten bekannt und weitererzählt, beschreibt ein geopolitisches Drama als großes Epos von Göttern und Helden. Auf der einen Seite stand der Stadtstaat Troja, eine uneinnehmbare Stadtfestung mit einer mächtigen Königsburg, regiert von einem weisen Herrscher und beraten durch Priester und von Wohlstand wie besonderer militärischer Stärke versehen – nicht zuletzt durch eine Schmiedekunst, die kleinasiatischen Erzvorkommen ebenso wie einer besonderen gewerblichen Fertigkeit zu verdanken war. Auf der anderen Seite standen die argolischen Könige mit ihren Verbündeten: Sie waren kulturell unterlegen, aber verbündet und dieser Bund erwies sich als die Keimzelle der griechischen Zivilisation, die sich als Verband von Stammesgebieten und Stadtstaaten entwickelte. Der Mythos der Ilias und der Odyssee von Homer war die Basis der griechischen Kultur auch im eigenen Selbstverständnis, denn diese Gesänge aus dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnung galten in der griechischen Antike als der klassische Bildungsstoff und wurden in der höheren Bildung vorausgesetzt. Homer bezeichnete den Wendepunkt zwischen der archaischen Vorzeit der griechischen Stammesgesellschaft und der aufgeklärten klassischen Antike. So manche Erinnerung an die archaische Vorzeit blieb auch im klassischen Griechenland erhalten: Aufführungen in Tiermasken in den Theatern beschworen schamanische Magie und die nackten Epheben im klassischen Gymnasium waren die modernisierte Fassung der Initiation der Jünglinge, wie sie in vielen afrikanischen Ethnien bis in jüngste Zeit praktiziert wurden. Die Kultorte von Delphi und Olympia waren Stätten uralter Riten und auch die Orakel wurzelten in schamanischen Trance-Praktiken. Diese Verwurzelung in einer primitiven Hirten- und Stammesfürstenkultur mochte aus orientalischer Perspektive rückständig aussehen, auf lange Sicht aber erwies sie sich als Erfolgsmodell. Letztlich führte es dazu, dass die griechische Kultur der altorientalischen Hochkultur entwuchs, ein eigenes Profil entwickelte und zur Basis einer abendländischen Zivilisation wurde. Als Kern der griechischen Gesellschaft gilt die Polis, die Stadt als kleine, überschaubare Einheit, als Stadtstaat. Auch das entsprach zunächst ganz einem altorientalischen Siedlungsmuster. Die Akropolis ist die griechische Entsprechung der orientalischen Zitadelle. Mykene und Tyrins, Korinth und Athen ebenso wie Troja und Pergamon waren Burgstädte, die von der Burgfestung des Herrschers überragt wurden, ebenso wie Gordion, Hattusa, Ankara oder Aleppo, Ugarit, Qatna und viele andere altorientalische Städte. Nicht zwingend entwickelten sich die hellenischen Städte zur Demokratie; auch Tyrannei und Despotie sind griechische Begriffe. Ebenso war die griechische eine Klassengesellschaft; sprichwörtlich geworden sind die „oberen Zehntausend“. Und noch ein weiteres Phänomen begann in dieser Zeit: die Koloniengründung. Auch sie verlief als westöstlicher Wettbewerb. Die Siedlungsgründungen entlang der Mittelmeerküsten gingen zunächst von den Phöniziern oder Puniern aus. Die phönizische Kultur hatte innerhalb der altorientalischen Zivilisation ganz eigene...


Leiermann, Tom
Tom Leiermann wurde 1961 in Essen-Werden im Ruhrtal geboren und ist dort aufgewachsen. Das Gymnasium Essen-Werden mit seiner musischen Ausrichtung hatte neben dem Elternhaus Anteil an einem ausgeprägten künstlerischen Interesse, das sich in vielen Zeichnungen, Aquarellen und vereinzelten Ölstudien niederschlug. Nach einer Lehre auf Landwirtschaftsbetrieben des Umlands und Arbeitsaufenthalten bei Bergbauern in der Schweiz studierte er im noch ummauerten Westberlin Architektur. Reisen und Studienaufenthalte in Marokko, dem Sudan und Ostafrika begründeten ein besonderes Interesse für das Leben in außereuropäischen Kulturen und Armutsbedingungen. Nach dem Diplom und dem Mauerfall, beides 1989, und einem halbjährigen Zwischenspiel in London ließ sich Tom Leiermann als angehender Architekt in Bremen nieder. Tuschezeichnungen und erste Kurzveröffentlichungen entstanden in dieser Zeit. 2003 geht Tom Leiermann in den Jemen, um dort beim Erhalt der einzigartigen Lehmstadt Shibam und anderen Altstädten mitzuwirken. Seine Erfahrungen mit der fremden Kultur, seine Erkenntnisse bei der Erforschung der historischen Architektur des Landes und die Auseinandersetzung mit den west-östlichen Kulturkonflikten der Zeit wurden Themen, mit denen er sich literarisch beschäftigte.



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