E-Book, Deutsch, Band 1, 208 Seiten
Reihe: Rock Stories
Leim 101 Rock Stories
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7453-1680-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von AC/DC über Rammstein bis ZZ Top – Anekdoten, Exzesse und wilde Geschichten. Das perfekte Geschenk für jeden Rockfan
E-Book, Deutsch, Band 1, 208 Seiten
Reihe: Rock Stories
ISBN: 978-3-7453-1680-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christof Leim kam mit dem KISS-Debüt auf die Welt und erhielt seine erste Gitarre, als Zakk Wylde bei Ozzy Osbourne einstieg. Später war er Chefredakteur des Musikmagazins Metal Hammer. Heute schreibt er für verschiedene Medien und steht mit seinem Spoken-Word-Programm »Rock Stories« auf der Bühne.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
WILDES LEBEN
Was Rocker so alles anstellen, wenn man sie unbeaufsichtigt lässt
»Take a ride on the wild side«
Axl Rose droht David Bowie Prügel an
»Ich bring dich um, Tin Man!«, brüllt Axl Rose am 10. Oktober 1989 und rennt hinter David Bowie her. Was war denn da los? Und was haben Slashs Mutter und Mick Jagger damit zu tun?
Ein wilder Clip soll es werden, den Guns N’ Roses im Herbst 1989 in Hollywood drehen. »Wirklich riskant, verdammt noch mal live und mit Vollgas«, so lautet die Direktive von Axl Rose für den Song »It’s So Easy« vom Album Appetite For Destruction (1987), das die Band zu Rockstars gemacht hat. Das Ganze passiert im Cathouse, einem Stammladen der fünf Musiker auf dem Sunset Boulevard in Hollywood. Hier spielt die Band in ihrer ganzen dekadenten, wilden Pracht auf einer kleinen Bühne vor einer durchdrehenden Menge. Go-go-Tänzerinnen tanzen Go-go, auf Slashs Shirt steht groß »Blow Me« und Axl trägt noch die Haare toupiert. Zum Drehbuch gehören auch Einstellungen in einer Limousine, in der der Sänger mit zwei Damen Dosenbiere kippt. Wie man es halt so macht. Selbst für einen Dienstag ist das in der Welt von Guns N’ Roses nicht so ungewöhnlich.
Aus der Reihe fallen allerdings die Bondage-Szenen: Dabei trägt Axl noch mehr Make-up als sonst, seine Freundin Erin Everly ein SM-Outfit in schwarzem Lack und Leder, komplett mit Handschellen und rotem Ball als Knebel im Mund. Genau deswegen tritt Manager Alan Niven nach Fertigstellung auf die Bremse; erst 2018 wird der Clip veröffentlicht. Riki Rachtman jedenfalls, der Besitzer des Cathouse und in der Folge Moderator von Headbanger’s Ball, erzählt später: »Die Jungs wussten, dass sie in unserem Club machen konnten, was sie wollten.« (Erin Everly ist es übrigens, über die Mr. Rose im Klassiker »Sweet Child O’ Mine« singt. Im April 1990 heiraten die beiden, Don Everly von den Everly Brothers wird damit Axls Schwiegervater. Zehn Monate später kommt die Scheidung.)
Einen Zuschauer bei diesem Spektakel von Videodreh kennen wir alle: David Bowie höchstselbst. Der Glamrock-Gottvater hatte in den Siebzigern ein Techtelmechtel mit Ola Hudson, der Mutter von Saul Hudson, den heute jeder nur Slash nennt. Ola und Bowie bleiben Freunde und deshalb schaut sich der Sänger an, was der Nachwuchs seiner Ex-Freundin so treibt. Leider findet Bowie, angeblich ordentlich betankt, Axls Herzdame Erin dabei ein bisschen zu interessant. Als Mr. Rose das beobachtet, dreht er durch …
Die Details sind Dekaden später nicht mehr eindeutig, aber laut Rachtman kommt ein Sicherheitsmann auf ihn zu und sagt: »Riki, Axl Rose jagt David Bowie die Straße runter und sagt, er will ihn umhauen.« Weil Bowie damals in der Band Tin Machine spielt, soll der Guns-N’-Roses-Sänger gebrüllt haben: »Ich bring dich um, Tin Man!« Ob es wirklich zu Handgreiflichkeiten kommt, wird nie bestätigt oder dementiert, aber der Vorfall hat ein Nachspiel. Genau genommen sogar drei. Am nächsten Tag nämlich gibt die Band eine »richtige« Show im Cathouse, um sich für vier Konzerte mit den Rolling Stones eine Woche später aufzuwärmen. Erneut sind Bowie und Ola Hudson zugegen, was Axl inspiriert, von der Bühne aus Beleidigungen vom Stapel zu lassen, wie Slash 2007 in seiner Autobiografie darlegt. Seine Mutter versteht das ganze Theater gar nicht, Sohnemann erklärt es ihr.
Auch die Auftritte im Vorprogramm der Stones vom 18. bis 22. Oktober 1989 verlaufen nicht problemlos und geben für sich genommen schon wieder herrliche Geschichten ab. So muss Axl von der Polizei abgeholt werden, um überhaupt aufzutreten, und droht dann mit Bandauflösung, wenn die Kollegen nicht bald aufhören, »mit Mr. Brownstone zu tanzen«, also ihren Heroinkonsum nicht in den Griff bekommen. Der Vorfall vom Videodreh hat da backstage bereits die Runde gemacht, weswegen Mick Jagger und sein alter Kumpel Eric Clapton Axl Rose ansprechen. »Ich sitze so auf einem Verstärker rum, da stehen beide plötzlich vor mir«, erinnert sich Axl in einem Kerrang!-Artikel. Der Vorfall vom Videodreh hat da backstage bereits die Runde gemacht, weswegen Mick Jagger und sein alter Kumpel Eric Clapton Axl Rose ansprechen. Der sonst eher schweigsame Jagger will wissen, ob Axl sich tatsächlich mit Bowie gekloppt habe, erinnert der sich in dem Kerrang!-Artikel. Also berichtet der Guns-N’-Roses-Frontmann vom Vorfall beim Videodreh – woraufhin die beiden älteren Stars beginnen, sich ausführlich über Bowie zu unterhalten. Sie schwadronieren komplett unter sich über frühere Zeiten und wie der Mann so drauf ist, »wenn er gesoffen hat«. Axl sitzt derweil nur da und hört zu, wie sie sich »das Maul zerreißen« – lustig!
Interessanterweise vertragen sich die beiden Streithähne später, nachdem Bowie sich für sein Verhalten entschuldigt. »Wir haben geredet und sind essen gegangen«, verrät Axl im selben Kerrang!-Text. Zusammen besuchen sie einen Laden namens China Club und nachher dankt der Neustar dem Veteranen: »Du bist der Erste, der jemals auf mich zugekommen ist und gesagt hat, wie leid ihm die Situation tut.« Beste Kumpels sind die beiden danach zwar nicht, aber erwartungsgemäß entdecken sie eine Menge Gemeinsamkeiten. Axl jedenfalls findet: »Das war cool. Ich mag Bowie.« Na also.
David Bowie setzt sich für Langhaarige ein
Dass David Bowie trotz gelegentlicher Streitigkeiten mit Herrschaften wie Axl Rose grundsätzlich nichts gegen langhaarige Rocker hat, zeigt er schon 1964 – als er öffentlich mehr Verständnis für raumgreifende Mähnen bei Männern fordert.
Seinen ersten Fernsehauftritt absolvierte David Bowie nicht als Musiker. Nicht mal als David Bowie, denn damals hieß er noch David Jones. Am 12. November 1964 spricht er in der BBC-Sendung Tonight als Vorsitzender der »Gesellschaft zur Vermeidung von Grausamkeit gegenüber langhaarigen Männern« …
Eigentlich sieht er ja ganz adrett aus, der 17-jährige Blondschopf im Anzug, der da im Fernsehstudio sitzt. Allerdings reicht seine Frisur hinten bis zum Kragen. Das gilt in den Sechzigern bei Männern als »langhaarig« – und damit selbstredend als gesellschaftszersetzend, ja dem drohenden Untergang der Zivilisation zuträglich. Der junge Bowie beschwert sich in der Sendung über Kommentare wie »Schätzchen« oder »Kann ich deine Handtasche tragen?« und stellt klar: »Das muss aufhören!« Deshalb habe er die »Gesellschaft zur Vermeidung von Grausamkeit gegenüber langhaarigen Männern« gegründet. Bei alldem verzieht Bowie keine Miene, wirkt zurückhaltend, aber ausgesprochen selbstbewusst.
Nun stellt sich die Frage: Ist das ernst gemeint? Oder Scherz, Satire, Strategie? Ziemlich sicher Letzteres und zwar alle drei Punkte. Schon früh in seiner Karriere zeigt Bowie außerordentliches Geschick für öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung, denn natürlich geht es hier um Eigenwerbung für seine damalige Band The Mannish Boys. So verschafft der Auftritt dem Sänger zum Beispiel ein Interview auf den Seiten der London Evening News.
Es ist nicht die erste Vereinigung, die den zukünftigen Star als Aktivisten zeigt: Mit der »Internationalen Liga zur Erhaltung tierischer Fäden« (bitte was?) schaffte er es kurz vorher bereits ebenfalls in die Zeitung. Und bei all diesen Gelegenheiten lässt er einfließen, dass man gerne Popstars wie »Screaming Lord Sutch, The Pretty Things und natürlich die Stones und die Beatles« als Mitglieder begrüßen würde, vor allem aber, dass er selber ja auch Musik mache …
Einige Monate später im März soll die Band dann in einer anderen BBC-Sendung namens Gadzooks! It’s All Happening auftreten, doch angeblich verlangt der Produzent, man soll sich doch erst mal vernünftige Frisuren zulegen. Dem widerspricht Bowie: »Ich würde nicht mal für den Premierminister meine Haare schneiden lassen, für die BBC also schon gar nicht.« Mit dieser Sentenz eckt unser Mann natürlich wieder ein bisschen an, aber genau das ist ja der Plan. Man könnte sagen: Das war Clickbait, bevor es Clickbait gab. Ob die »Gesellschaft zur Vermeidung von Grausamkeit gegenüber langhaarigen Männern« jemals ihr volles Potenzial entfalten und mehr prominente haarige Unterstützer gewinnen konnte, bleibt im Dunkeln. Aber für eine beeindruckende Karriere hat es bei David Bowie auch so gereicht, meist übrigens mit kurzen Haaren.
Fest steht: Langhaarige haben es über die Jahrzehnte durchaus manchmal schwer: So können Led Zeppelin ein für den 14. Februar 1972 geplantes Konzert in Singapur nicht spielen. Genau genommen dürfen die vier Engländer nicht mal einreisen, denn seit den Sechzigern verbietet in diesem Land...




