Leitgeb | Der Tempel des Eislöwen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Leitgeb Der Tempel des Eislöwen

und andere phantastische Erzählungen
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-6452-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und andere phantastische Erzählungen

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-7526-6452-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was sind die Gründe für mein Fernweh? Das ist die Frage, die sich Tristan Scheh schon sein Leben lang stellt. Antworten findet der fiktive Erzähler in seiner eigenen Familiengeschichte. Nach dem internationalen Erfolg seiner Kipling Übersetzung 'Der Mann, der König sein wollte' (Books on Demand, 2014) und seinem Kurzgeschichtendebüt 'Kurz(e) Geschichten' (Books on Demand, 2016) führt der oberösterreichische Autor Florian Leitgeb den Leser in seinem neuesten Roman "Der Tempel des Eislöwen" nicht nur in fremde Länder, sondern auch durch die Zeit. Die autobiografisch gehaltenen Erzählungen reichen vom 19. Jahrhundert bis in eine ferne Zukunft und thematisieren Fernweh, Abenteuerlust und nicht zuletzt sogar die Suche nach Erkenntnis. Versteckte Hinweise in den einzelnen Kapiteln sind nicht nur Reminiszenzen an Freimaurerei, Literatur und Kino, sondern laden den Leser zudem zum Suchen und Schmunzeln ein. Alles in allem ein gelungenes Werk, das die Widrigkeiten der heutigen Zeit kurzfristig vergessen lässt.

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PROLOG

Einer gängigen Theorie zufolge hat ein Kolibri im tiefsten Urwald Amazoniens mit seinem Flügelschlag tatsächlich Einfluss auf das Wetter in Europa. Ich war vor vielen Jahren - im übertragenen Sinn - selbst ein solcher Vogel. Der Kolibri weiß natürlich nicht, dass sein Tun derartige Auswirkungen hat. Dies hatte ich dem kleinen Piepmatz voraus, obschon ich bis heute nicht weiß, welcher Art mein Einfluss war und welche Tragweite er hatte.

SAMSTAG

Ich bin, bis sie ihn eingestellt haben, zweimal mit dem Orient-Express nach Paris und wieder retour gefahren. Einmal ohne und einmal mit Absicht. Diese Geschichte beginnt mit dem erstmaligen und unbeabsichtigten Benutzen dieses legendären Zuges.

„Achtung, Bahnsteig sieben! Orient-Express nach Paris, von Budapest und Wien kommend, fährt ein! Die Wagen erster Klasse befinden sich im vorderen Bereich. Die Speise- und Schlafwagen befinden sich im mittleren Bereich. Achtung! Die beiden letzten Waggons werden lediglich bis Straßburg geführt! Bitte zurücktreten!“

Pünktlich um 22:25 Uhr fuhr der Zug im Bahnhof ein. Der Aufenthalt war kurz, dampfend und zischend. Wenige Fahrgäste stiegen aus. Mehr – darunter auch ich – stiegen ein. Die Fahrt zum in Paris sollte knapp zwölf Stunden dauern. Genug Zeit für mich, meinen Aufenthalt in groben Zügen zu planen. Ursprünglich waren wir fünf junge Studenten, voller Tatendrang und hochfahrender Pläne. Thomas und ich waren damals mitten im Psychologiestudium, Anna und Mario studierten Medizin und Lilly versuchte sich in Physik. Doch wie es das Schicksal so wollte, wurde Anna krank. Darum wollte Lilly auch nicht fahren. Mario war Annas Freund und harrte an ihrem Krankenbett aus, während Thomas einen Todesfall in der Familie hatte. Der Sommer 1984 war jedoch so einladend und ideal für einen Kurzurlaub zum Ausspannen, dass ich dennoch fahren wollte. Nicht zu heiß und die berühmten Sehenswürdigkeiten der Stadt der Liebe konnte man bei Regen ebenso gut bestaunen. Chopin hatte einst gesagt: „Paris ist einem alles, was man möchte.“

Mit diesem Vorsatz war ich auf alles gefasst; nun ja, auf fast alles.

Die Fahrt war äußerst kurzweilig. Ich rauchte im Speisewagen mondän Zigarren zu einigen Gläsern Shiraz und fühlte mich wie ein König; oder zumindest wie ein Edelmann. In Straßburg wurden die Reisepässe kontrolliert und die letzten Waggons abgekoppelt. Erst danach, in den ersten Stunden des neuen Tages, nickte ich vom monotonen Rattern des Zuges ein. Der Schaffner weckte mich wenige Kilometer vor Paris und ich glaubte bereits, die frischen Baguettes riechen zu können.

SONNTAG

Am Ostbahnhof angekommen musste ich mich erst einmal orientieren. Von Thomas hatte ich den Stadtplan bekommen, von Lilly eine Karte der Metrolinien. Damit und mit meiner Hotelreservierung ausgestattet, stürzte ich mich mitten hinein in die moderne Großstadt. Das Hotel Gavarni lag in der 5 Rue Gavarni in Passy, dem 16. Arrondissement von Paris, nur einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt. Ein kleines Drei-Sterne Hotel, sauber und günstig - so, wie es Studenten eben brauchen. Noch dazu gab es in der Umgebung genügend kleine Bars und Bistros, um den Hunger zu stillen.

Bevor ich aber zum Hotel fuhr, stieg ich an der Metrostation Trocadéro aus. Als ich die Treppe aus dem Untergrund heraufkam, wusste ich, weshalb ich diesen kurzen Abstecher gemacht hatte. Von der Brüstung des Palais de Chaillot aus bot sich ein imposanter Blick auf den Eiffelturm. Was für ein Bauwerk! Grazil und doch massiv, markant und schlicht zugleich. Fast filigran aus der Entfernung. Der starre Stahl schien Bewegung – oder zumindest eine Idee davon – zu verkörpern. Ich freute mich auf den nächsten Tag, an dem ich mir das Wahrzeichen genauer ansehen wollte. Ich knipste ein paar Fotos und stieg wieder hinunter zur M9, die mich bis zu meinem Ziel brachte. Meine ursprüngliche Reservierung lautete auf ein Zweibettzimmer für die Damen und ein Dreibettzimmer für uns Männer. Da ich nun aber alleine reiste, stornierte ich das Herrenzimmer und nahm das der Damen in Anspruch. Es lag in der fünften Etage. Zimmer 504. Das einzige in diesem Stockwerk, das einen Balkon hatte, und von dort aus konnte ich über die Dächer der umliegenden Häuser hinweg sogar den Eiffelturm sehen. Das war mir das Wichtigste. Denn wenn man schon in Paris ist, sollte man diese Aussicht haben. Man konnte von hier oben auch die labyrinthische Struktur der Stadt gut erkennen. Diese Eigenschaft verhalf Paris trotz der Tatsache eine Großstadt zu sein zu einer gewissen Ruhe. Trotz des Verkehrs und der Millionen von Menschen hatte die Stadt der Liebe doch nicht jenes atemlose Tempo wie beispielsweise New York.

Das Hotelzimmer selbst war im barocken Stil eingerichtet, jedoch eher klein und sachbezogen, als groß und pompös. Aber wie gesagt - ideal für junge Studenten.

Mir war aufgefallen, dass an den meisten Häusern von Paris schwarze Fahnen hingen. So auch an der Fassade des Hotels. Ich erkundigte mich beim Concierge und der erklärte mir, dass innerhalb der letzten Woche drei französische Berühmtheiten gestorben waren. Erst ein Luftfahrtpionier, dann ein General und schließlich ein Rennfahrer.3 Höflichkeitshalber kondolierte ich dem guten Mann stellvertretend für die ganze Nation und widmete mich meinen eigenen Angelegenheiten. Es war Sonntag und daher mühte ich mich gar nicht mit dem Erkunden der Umgebung ab, sondern richtete mich in Ruhe in meinem Zimmer ein.

MONTAG

Mein Wochen- und Urlaubsbeginn war zwar bewölkt, aber trocken. Ich schlenderte vom Hotel zur Seine und weiter flussaufwärts zum Trocadéro-Garten. Dort gab es eine Brücke zum Eiffelturm hinüber. Was für ein monumentales Bauwerk! Alleine die gemauerten Fundamente waren grob geschätzt fünf Meter hoch und mindestens 25 Meter im Quadrat. Zum Glück hatte ich genügend Filme eingepackt, denn meine Hasselblad tat ununterbrochen ihre Arbeit. Dass ich alleine unterwegs war, störte mich nicht, denn ich fand stets zuvorkommende Passanten und andere Touristen, die bereit waren, mich vor diversen Hintergründen abzulichten.

Der Nachmittag wurde von meteorologischer Seite ein wenig ungemütlicher und so zog ich mich in ein kleines Bistro an der Seine zurück, wo ich eine Verbesserung des Wetters abwartete. Meine Reiselektüre, „Voyage en Orient“ von Gérard de Nerval, vertrieb mir die Zeit. Dennoch beschloss ich nach zwei verregneten Stunden, ins Hotel zurückzukehren. Auf dem Rückweg entdeckte ich gleich ums Eck ein Kino. Das Majestic spielte einen Film mit Géerard Depardieu und der hinreißenden Sophie Marceau. Ein Kriegsfilm namens „Fort Saganne“. Ich wollte meine Französischkenntnisse testen und kaufte eine Karte. Der Erfolg war … nun, eher bescheiden. Ich verstand nur wenig und so ging vermutlich auch viel von der Handlung spurlos an mir vorbei. Würde ich den Film heute sehen, hielte ich ihn vermutlich für einen albernen Schinken.

DIENSTAG

Am nächsten Morgen wurde ich vom Trommeln der Regentropfen geweckt und entschied mich daher für den Louvre. Das Museum war groß genug, um einen ganzen Tag darin zu verbringen. An der Rezeption erhielt ich einen Regenschirm und so zog ich gut gerüstet los, mich an den berühmten Kunstschätzen zu ergötzen.

Ich begann mit dem Griechenland der Antike, arbeitete mich über die Pharaonen und die Kunst des Nahen Ostens hin zu den europäischen Skulpturen durch. Die Anzahl der Exponate schien ohne Weiteres in die Zehntausenden zu gehen. Nach drei Stunden musste ich eine Rast einlegen, denn mir schwirrte der Kopf von den ganzen Schätzen. Am frühen Nachmittag gab ich endgültig auf und verließ das Museum. Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich habe nicht alles gesehen. Die Masse war schier zu groß. Von der Mona Lisa war ich übrigens enttäuscht. Ich hatte sie mir immer größer vorgestellt.

Draußen regnete es noch immer und so führte mein Weg ziellos von einem Geschäft zum nächsten.

Nahe dem Louvre fand ich einen schmucken Herrenausstatter und bummelte ebenfalls hinein. Ich wollte mir schon immer einen Hut kaufen und dort gab es Exemplare in genügender Menge. Auch das Wetter machte eine derartige Kaufentscheidung sinnvoll. Probierend nahm ich bald diesen und bald jenen in die Hände, befühlte das Material und setzte sie auf. Die Auswahl war enorm. Unbemerkt stand plötzlich ein gut gekleideter Gentleman neben mir. „Ah, der Verkäufer“, dachte ich. Er roch nach Pfeifentabak und war äußerst gepflegt. Ganz anders als seine Kollegin an der Kasse, die nach billigem Kaugummiparfum stank und eher wie eine gescheiterte Hollywood-Diva gekleidet war.

„La pluie tombe peu à peu et l´oiseau s´est envolé“, meinte der Herr beinahe flüsternd. Ich sah zum Fenster hinaus und es nieselte tatsächlich. Ohne Zweifel hatte er mich als einen Touristen erkannt und wollte mich wohl mit seiner, dem Franzosen...



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