E-Book, Deutsch, Band 2, 300 Seiten
Reihe: The Haven
Lelic The Haven (Band 2) - Rebellion
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7320-1458-3
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jugendbuch für Jungen und Mädchen ab 12 Jahre
E-Book, Deutsch, Band 2, 300 Seiten
Reihe: The Haven
ISBN: 978-3-7320-1458-3
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Simon Lelic ist Krimi- und Thrillerautor. Für seine Thriller für Erwachsene wurde er bereits ausgezeichnet und stand mehrfach auf der Shortlist verschiedener Preise. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Brighton. Anders als seine Familie liest Simon leidenschaftlich gerne und besitzt außerdem einen schwarzen Gürtel in Karate.
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1 KING PJ
Der Schlag traf Ollie an der Schläfe, bevor er ihn überhaupt kommen sah. Es war nur ein Klaps, stark genug, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber zu schwach, um ihn außer Gefecht zu setzen. Das Mädchen spielte mit ihm. Trotz der vielen Trainingsstunden und der vielen harten Arbeit war Ollie nach wie vor hoffnungslos unterlegen. Der Kampf würde vorbei sein, bevor er richtig angefangen hatte.
Kopf hoch, redete sich Ollie gut zu. Lange Hände. Und bleib auf den Ballen, wie Song es dir beigebracht hat. Das ist kein Übungskampf mehr. Das ist real.
Er tänzelte nach rechts und wich einem weiteren Tritt in Richtung seiner Schläfe aus. Dann machte er einen Satz nach vorne und probierte es mit einem Front-Kick, stieß jedoch nur ins Leere. Bevor er wusste, wie ihm geschah, starrte Ollie auch schon zur Decke. Er hatte sein Bein nicht mehr rechtzeitig zurückziehen können, bevor ihn das Mädchen am Fußgelenk gepackt und nach hinten gekippt hatte.
Bei der Landung verschlug es Ollie derart den Atem, dass er am liebsten einfach liegen geblieben wäre. Dann wäre es zumindest vorbei, seine Blamage besiegelt.
Aber eine Lektion hatte Song ihm nicht beibringen müssen: Gib niemals auf. Ollies Pflegemutter Nancy hatte ihm das von klein auf eingetrichtert. Und jetzt, da sie nicht mehr da war – wie Ollies Eltern war auch Nancy von Maddy Sikes ermordet worden –, war er entschlossener denn je, sie nicht zu enttäuschen.
Als das Mädchen dazu ansetzte, Ollie auf den Boden zu drücken, rollte er zur Seite. In einer einzigen Bewegung war er wieder auf den Füßen – er schwankte zwar ein wenig, befand sich aber im Vorteil, weil er das Mädchen überrumpelt hatte. Er trat noch einmal zu, und obwohl das Mädchen versuchte, ihn zu blocken, erwischte er diesmal sein Ziel mit dem Ballen.
»Yame!«, rief Song, die japanische Anweisung für Aufhören. Für jemanden, der normalerweise nicht viel sagte, war sie im Dojo erstaunlich bestimmt.
Ollie zog sich an sein Ende der Matte zurück. Seine Gegnerin – ein neunjähriger Braungurt namens Vanessa – ging an ihres. Sie verbeugten sich und der letzte Teil von Ollies erster Karateprüfung war vorbei.
»Danke, Vanessa«, sagte Song, »dass du dich bereit erklärt hast, Ollie eine Lektion zu erteilen. Und dafür, dass du ihn nicht gleich in den ersten zehn Sekunden umgehauen hast. Ich weiß, dass du es gekonnt hättest, wenn du gewollt hättest.«
Das Mädchen wurde rot und verbeugte sich noch einmal.
»Was dich betrifft, Ollie«, fuhr Song fort, »deine Deckung war völlig offen und du hast jeden einzelnen Tritt laut angekündigt. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du deine Bewegungen tarnen musst? Erst antäuschen, dann zuschlagen.«
»Ich weiß, ich …«
»Und bring deine Atmung unter Kontrolle! Ich konnte dich vom anderen Ende des Dojos keuchen hören. Auch wenn du müde bist, darfst du es nicht zeigen.«
Ollie ließ den Kopf hängen. Damit konnte er wohl seinen ersten Gürtel vergessen. Da er erst vor ein paar Monaten, kurz nachdem er ein Mitglied des Haven geworden war, mit dem Karateunterricht begonnen hatte, war Ollie immer noch ein Weißgurt. Doch er hatte gehofft, sich nun endlich den gelben Gürtel zu verdienen.
»Ich bin durchgefallen«, sagte er zu Song. »Oder?«
Um Songs Taille war ein abgenutzter schwarzer Gürtel geknotet. Sie trug ihn schon seit so vielen Jahren beim Training, dass er fast wieder weiß war.
Im Haven unterrichteten sich die Kinder und Jugendlichen untereinander – außer Tante Fay, der Gründerin des Haven, waren im Gebäude keine Erwachsenen erlaubt – und Song war nicht nur das Mathegenie des Haven, sondern auch die Karatetrainerin. Wie Ollie gehörte sie zu der Handvoll Jugendlicher aus dem Ermittlungsteam des Haven, der Kerngruppe, die die Organisation leitete und die gefährlichsten Missionen durchführte. Der Haven war eine Zufluchtsstätte für Kinder und Jugendliche, die in Schwierigkeiten steckten, und oft mussten Ollie und die anderen ihr Leben aufs Spiel setzen, um für die Sicherheit ihrer Schützlinge zu sorgen.
Song sah Ollie offensichtlich enttäuscht an. Und dann lächelte sie.
»Ich habe nicht gesagt, dass du durchgefallen bist, Ollie. Nur, dass du es besser hättest machen können.« Sie nahm die Hände hinter ihrem Rücken hervor. »Hier.«
Zu Ollies Verwunderung verbeugte sich Song und hielt ihm einen ordentlich gefalteten gelben Gürtel hin.
»Aber … ich habe verloren. Du hast es selbst gesagt – Vanessa hat mich fertiggemacht.«
»Vanessa wird dich immer fertigmachen können, Ollie. Ich habe nie erwartet, dass du sie schlägst. Aber du hast während des Kampfs die richtige Einstellung an den Tag gelegt. Wärst du auf dem Boden geblieben, nachdem dich Vanessa umgehauen hat, hätte ich dich durchfallen lassen. Doch du bist wieder aufgestanden und hast sogar einen Punkt erzielt.«
Ollie sah zu Vanessa hinüber und stellte fest, dass sie ihn anlächelte. Diesmal lief Ollie rot an.
Die anderen Schüler im Dojo klatschten Beifall und Ollie ließ sich von Song helfen, seinen neuen Gürtel umzubinden. Eigentlich hätte es keine große Sache sein sollen. Schließlich war es nur ein gelber Gurt und er war noch weit davon entfernt, auch nur annähernd so gut zu sein wie die anderen in seiner Karateklasse. Trotzdem empfand Ollie es als einen Erfolg und er konnte einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken. Nancy wäre auch stolz auf ihn gewesen, dessen war er sich sicher.
»Ollie?«
Der Applaus ebbte ab und alle Blicke richteten sich auf die Tür. Dort stand Sol, Ollies bester Freund. Er war auch im Ermittlungsteam und hatte Ollie mehr als jeder andere das Gefühl gegeben, wirklich zum Haven zu gehören. Außerdem war Sol der zuverlässigste und treueste Freund, den Ollie je gehabt hatte.
»Entschuldigt die Unterbrechung«, sagte Sol. »Aber du wolltest, dass ich komme und dich hole, falls es Neuigkeiten gibt.«
»Geht’s um Flea?«, fragte Ollie. »Ist er zurück?«
Sol nickte. »Ja. Sie sind alle zurück. Und Flea ist verletzt.«
Es war seltsam. Ollie hatte viel mehr Zeit in ihrem provisorischen unterirdischen Zuhause verbracht als im eigentlichen Haven, bevor er zerstört wurde, und doch vermisste er das alte Gebäude. Obwohl es eine Bruchbude gewesen war und in weiten Teilen so einsturzgefährdet, dass seine jungen Bewohner es nicht nutzen konnten, hatte er sich dort von Anfang an heimisch gefühlt. Es war einmal eine Bücherei gewesen und Ollie erinnerte sich an den Geruch von Büchern, als man ihn das erste Mal durch die Türen des Haven geführt hatte.
Die stillgelegte Londoner U-Bahn-Station, die ihnen jetzt als Stützpunkt diente, roch hingegen nur feucht. Hier gab es keine Eingangshalle, die sich wie im alten Gebäude über drei Etagen erstreckte, mit einer prächtigen Mitteltreppe und holzvertäfelten Galerien. An ihrer Stelle reihten sich muffige Lagerräume und ausgediente Tunnel aneinander – manche größer, manche kleiner, aber alle mit niedrigen Decken und dreckigen, bröckelnden Kacheln gefliest.
Die Haupthalle, wie sie sie nannten, war hier unten ihr größter Raum. Darin hatten sich einmal die Rolltreppen befunden, die nach Schließung der Station versiegelt worden waren, weshalb der Bereich praktisch zweigeteilt war. Alle einhundertsechsundvierzig Kinder und Jugendlichen des Haven konnten sich hier notfalls versammeln, doch eigentlich benötigten sie einen doppelt so großen Raum.
Andernorts waren die Gänge, die einmal zu den Bahnsteigen geführt hatten, in Schlafsäle umgewandelt worden. Sie waren zwar mit ein paar Stockbetten ausgestattet, aber die Kinder und Jugendlichen schliefen größtenteils mit Decken auf dem blanken Boden. Die Geisterstation war als Notunterkunft eingerichtet worden, außerdem hatten sie eine recht große Menge an Vorräten und Zubehör aus dem alten Haven retten können, nachdem das Feuer, das ihn zerstört hatte, gelöscht worden war. Nach dem Verkauf der Uhr, die Ollie Maddy Sikes kurz vor ihrem Tod vom Handgelenk gerissen hatte, war auch noch etwas Geld übrig. Doch es fehlte ihnen an Platz und Ollie war mehr als einmal neben dem Fuß seines Nachbarn auf seinem Kissen und einmal mit Sols Zeh in seinem Nasenloch aufgewacht.
»Was ist passiert?«, fragte Ollie seinen Freund, als sie vom behelfsmäßigen Dojo in Richtung der von ihnen eingerichteten Krankenstation eilten. »Ist Flea schwer verletzt?«
»Ziemlich«, erwiderte Sol, »aber er wird’s überleben. Er wollte uns nicht sagen, was passiert ist. Meinte, dass er auf dich warten wollte. Damit er nicht alles zweimal erklären muss.« Sol sah Ollie mit einem Funkeln in den Augen an. »Eigentlich hat er gesagt, dass er warten wollte, bis King PJ ihn mit seiner Anwesenheit beehrt.«
Ollie zuckte zusammen. »King PJ?«
»Also ich fand, dass es ganz gut klingt«, erklärte Sol lächelnd.
Ollie lächelte halbherzig zurück. So schlimm konnten Fleas Verletzungen nicht sein, wenn ihm noch genügend Energie blieb, um sich eine neue Beleidigung für Ollie einfallen zu lassen. Seit Ollie die Führung des Haven übernommen hatte, schien das zu Fleas Lebensaufgabe geworden zu sein. Genau genommen hatte er sich das von ihrer ersten Begegnung an zur Aufgabe gemacht.
»Was ist mit den anderen? Ist sonst noch jemand verletzt?«
»Fleas behämmerte Groupies meinst du?«, fragte Sol.
Bevor Ollie sich einverstanden erklärt hatte, die Nachfolge des vorherigen Haven-Anführers anzutreten, hatte er auf eine Abstimmung...




