Lembcke | Eva im Haus der Geschichten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Lembcke Eva im Haus der Geschichten


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7074-5705-6
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-7074-5705-6
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Marjaleena Lembckes neuer Roman: wunderschön und sehnsuchtsvoll Eva verbringt die Ferien bei Onkel Oliver. Das Haus, in dem er wohnt, steckt voller Rätsel, Überraschungen und Sehnsucht. Da gibt es nächtliche Geräusche auf dem versperrten Dachboden, geheimnisvolle Kartons und einen Teppich voller Muscheln. Lucas, der im Erdgeschoß wohnt, hat keinen Papa. Dafür hat der mürrische Herr Diederich angeblich keine Kinder. Onkel Oliver hat keine Erfahrung mit Nichten, aber jede Menge fantastische Geschichten auf Lager, die er erzählt, anstatt auf Evas Fragen zu antworten. Marjaleena Lembcke nimmt uns mit in eine Welt der Geheimnisse und Geschichten - unnachahmlich sensibel und berührend.

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Der erste Tag mit Oliver


Mein mir fast unbekannter Onkel heißt Oliver. Am Montag ging meine Mutter etwas später zur Arbeit. Wir warteten auf Oliver, der mich abholen sollte. Ich hatte mit Mama einen kleinen Koffer gepackt, mit Klamotten und Toilettentasche und mit den anderen Sachen, die ich dabeihaben wollte, wie Bücher und Kuscheltiere. Die Taucherbrille und den Schnorchel brauchte ich natürlich nicht, aber meinen Bikini nahm ich vorsichtshalber mit. Vielleicht würde Oliver ja mit mir ins Hallenbad gehen. Meine Mutter guckte immer auf die Uhr und seufzte über jede Minute, die Oliver sich verspätete. Insgesamt waren es zehn. Ich weiß es, weil meine Mutter auf ihre Uhr zeigte und sagte: „Zehn Minuten zu spät!“

Oliver lächelte. „Der Zug hatte Verspätung, nicht ich.“

Mama umarmte mich eilig und kräftig und küsste mich auf beide Wangen und auf die Stirn und auf den Mund zum Abschied und sagte: „Viel Spaß, und wir telefonieren jeden Abend. Sei brav, und lass dich verwöhnen!“

Ich guckte sie finster an, aber sie hatte sich schon zu Oliver gewandt. Sie gab ihm Anweisungen, wann ich im Bett sein, was ich essen und bei welchen Temperaturen ich auf jeden Fall die dickere Jacke anziehen sollte.

„Du bekommst sie ja vor Wintereinbruch zurück“, meinte Oliver. „Mach dir keine Sorgen. Wir beide kriegen es schon hin.“

Wir verließen alle zusammen das Haus. Meine Mutter stieg in ihr Auto. Ich winkte ihr noch nach, als sie schon um die Ecke gebogen war und mein Winken nicht mehr sehen konnte. Oliver wartete neben mir und sagte nichts. Einige Zeit standen wir einfach auf dem Bürgersteig und schwiegen. Dann sah ich ihn an. Oliver war größer als meine Mama, aber kleiner als mein Papa. Um die Bauchgegend war er etwas rund, und er hatte nur wenige Haare auf dem Kopf. Fast gar keine. Er trug eine Brille. Er kramte in seiner Jackentasche und holte einen Tabakbeutel hervor.

„Du willst doch nicht rauchen?“, fragte ich ihn.

„Das hatte ich vor“, meinte er.

„Ich hasse Zigaretten“, sagte ich. „Von Zigaretten stirbt man!“

Er lachte: „Einige Tage halte ich noch durch.“

„Das ist nicht witzig“, sagte ich. „Zigaretten machen wirklich krank. Ich kriege Husten, wenn jemand raucht.“

„Ich rauche nicht in der Wohnung.“

„Ich hasse Zigaretten auch draußen.“

„Ich glaube, wir haben einen Interessenkonflikt“, meinte Oliver und steckte die Zigarette an, die er sich gedreht hatte. Ich ging ein paar Schritte weiter.

„Was ist ein Konflikt?“, fragte ich.

„Ein schwer zu lösendes Problem“, erklärte er.

„Kommt häufiger vor, wenn zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sind. Was auch häufig vorkommt.“

„Meine Meinung über Zigaretten ist richtig“, sagte ich.

„Ganz bestimmt“, gab er zu. „Rauchen ist ungesund.“

„Warum tust du es dann?“

„Im Augenblick bin ich ein wenig nervös, weil wir uns ja kaum kennen“, sagte er.

„Ich bin doch nur ein Kind!“, sagte ich.

„Eben!“, sagte er und sah mich an, als sei das Kindsein auch so ein Konflikt.

Wir fuhren mit dem Bus zum Bahnhof und stiegen dann in einen Zug ein. Die Fahrt zu dem Dorf, wo er wohnte, dauerte nur eine Stunde. Im Zug sprach er wenig. Er schaute mich nur mit ernsten Augen an. Ich dachte, er sei vielleicht sauer wegen meiner Bemerkung über sein Rauchen. Aber als ich ihn fragte, ob er sauer sei, lachte er und meinte, er sei doch nicht sauer, nur weil ich meine durchaus vernünftige Meinung äußerte. Ich zuckte die Schultern. Wahrscheinlich schwieg er, weil er nicht wusste, was er mit einem kleinen Mädchen reden sollte. „Ich bin erst acht Jahre alt“, sagte ich zu ihm. „Ich bin vielleicht noch nicht so klug, wie du möchtest.“

Er lachte wieder. „Ich glaube, du bist klug genug. Kinder sind immer klug.“

„Kennst du viele Kinder?“, fragte ich.

„Eigentlich nicht. Aber die Kinder, die ich kenne, sind klug.“

Hoffentlich bin ich nicht die Ausnahme, dachte ich. Aber ich sagte es natürlich nicht.

Er lächelte. „Ich hoffe, dass wir uns gut verstehen. Und sollte ich mal vergessen, dass du ein Kind bist, und mit dir wie mit einem Erwachsenen sprechen, musst du mich darauf aufmerksam machen.“

„Also glaubst du doch, dass ich dumm bin“, sagte ich.

„Nein“, sagte er. „Das hat mit Klugheit oder Dummheit nichts zu tun. Du weißt nur noch nicht so viel, kennst zum Beispiel nicht alle Wörter, die Erwachsene benutzen.“

„Wie Konflikt.“

„Genau so etwas meine ich“, sagte mein Onkel.

„Frag einfach, wenn du etwas nicht verstehst!“

Vom Bahnhof zu seiner Wohnung mussten wir zu Fuß gehen. Er sagte, es lohne sich nicht, wieder in einen Bus zu steigen. Es seien nur knapp zwei Kilometer. Zwei Kilometer! Ich maulte.

„Warum fährst du kein Auto?“

„Ich habe keins!“

„Warum nicht?“

„Sind für dich ein paar Schritte in der frischen Luft so qualvoll?“, fragte er. Meine Frage, warum er kein Auto hat, beantwortete er gar nicht. Und ich schämte mich sofort, dass ich gefragt hatte. Ich ahnte es ja. Er war arbeitslos, also hatte er kein Geld. Oder nur ganz wenig.

„Ich habe nichts gegen ein paar Schritte in der frischen Luft, aber es sind Tausende und noch Tausende und noch mehr.“

„Ich erzähle dir eine Geschichte, dann ist das Unternehmen nicht so langweilig“, sagte er.

„Was für ein Unternehmen?“

„Das Unternehmen ‚Zielpunkt zu Fuß erreichen‘“, antwortete er.

„Ach so, dann erzähl. Ich mag Geschichten.“

Und er erzählte.

„Ein alter Mann besaß einen Spazierstock, der sehr unglücklich war, weil er nicht mehr als Ast am Baum hing. Immer grübelte er darüber nach, wie schön es gewesen wäre, wenn er überhaupt nichts hätte tun müssen. Wenn die Wurzeln ihn ernährt hätten, die Blätter ihn geschmückt und der Wind ihn geschaukelt hätte. Immer wieder dachte er an die Zeit, als er noch ein Teil des Baumes war, immer draußen stand und den Himmel sehen konnte. Der Stock wurde störrisch, und wenn der alte Mann ihn auf einen Spaziergang mitnahm, blieb er in jeder Ritze stecken und wackelte hin und her. Der arme Mann fand keinen Halt mehr an ihm. Eines Tages beschloss der Alte, den Stock zu Hause zu lassen. ‚Ich glaube, ohne ihn komme ich schneller und sicherer voran‘, murmelte er. Der Stock freute sich. Endlich ließ man ihn in Ruhe.

Nach einigen Tagen wurde es ihm aber in der Ecke des Flurs langweilig, und er wünschte sich, der Mann würde ihn wieder mitnehmen. Aber der alte Mann dachte nicht daran. Da der Stock stockstumm war, benutzte er die einzige Art, die ihm zur Verfügung stand, um den Mann auf sich aufmerksam zu machen. Sobald dieser den Mantel anzog, ließ sich der Stock fallen. Der Mann bückte sich und stellte den Stock wieder aufrecht in die Ecke. Das Fallen und Bücken wiederholte sich einige Male. Endlich begriff der Alte, was der Stock ihm sagen wollte. Er nahm ihn wieder auf seine Spaziergänge mit. Und von nun an benahm der Stock sich ordentlich und war eine große Hilfe für den alten Mann.“

„Vielleicht wusste der alte Mann gleich, als der Stock sich das erste Mal fallen ließ, was der wollte. Vielleicht ließ er ihn nur ein bisschen zappeln“, sagte ich und fragte: „Wie weit ist es noch?“

„Genau fünfundfünfzig Schritte“, antwortete Oliver.

Es waren viel mehr, aber bei fünfundfünfzig habe ich aufgehört zu zählen.

Olivers Wohnung lag in der zweiten Etage eines alten Hauses, das nur zwei Stockwerke hatte.

Unten wohnte eine Frau mit ihrem Sohn. „Der Sohn ist in deinem Alter“, sagte Oliver, als er die Tür zu seiner Wohnung öffnete.

Er hatte zwei Zimmer und eine Küche und noch einen winzig kleinen Raum, wo gerade eben ein Bett und eine Stehlampe Platz fanden. Das sollte mein Zimmer sein. Da konnte man nur schlafen und lesen. Sonst nix. Die Tür zu seinem Schlafzimmer war zu, und am ersten Tag wusste ich nicht, wie es dort aussah. Aber ich ahnte gleich, dass er dort irgendetwas stapelte. Überall gab es nämlich Stapel. Im Wohnzimmer befanden sich eine Menge Stapel an Zeitungen und Zeitschriften, mehrere Stapel Bücher, ein Stapel mit Bildern und...


Klever, Elsa
Elsa Klever, 1985 in Berlin geboren, studierte in Hamburg und Luzern und lebt heute in Hamburg. Freie Illustratorin, Beteiligung an internationalen Ausstellungen. Gleich ihr erstes Bilderbuch wurde in die Kollektion zum Österreichischen Kinderbuchpreis aufgenommen. Verspielt und immer ein bisschen seltsam sind ihre Bilder, sie laden zum genauen Hinsehen ein und entführen in Träume voller Farben, Pflanzen und kleiner Pelztiere. „Alles, was ich mache, ist Illustration“, sagt Elsa Klever, und schafft „ihre eigenen (illustrierten) Welten. Die meisten von ihnen spielerisch, bunt und mit einem Hauch von Merkwürdigkeit."

Lembcke, Marjaleena
Marjaleena Lembcke, geboren 1945 in Kokkola/Finnland, studierte Theaterwissenschaften und Bildhauerei. Sie lebt seit 1967 mit ihrer Familie in der Nähe von Münster/Westfalen. Ihre Bücher für Kinder und Erwachsene wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Marjaleena Lembcke beobachtet genau; ihre Figuren sind liebevoll gezeichnet, sie stellen sich den kleinen Tücken und Fallen des Lebens mit Courage, Witz und Humor.

Marjaleena Lembcke, geboren 1945 in Kokkola/Finnland, studierte Theaterwissenschaften und Bildhauerei. Sie lebt seit 1967 mit ihrer Familie in der Nähe von Münster/Westfalen. Ihre Bücher für Kinder und Erwachsene wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Marjaleena Lembcke beobachtet genau; ihre Figuren sind liebevoll gezeichnet, sie stellen sich den kleinen Tücken und Fallen des Lebens mit Courage, Witz und Humor.

Elsa Klever, 1985 in Berlin geboren, studierte in Hamburg und Luzern und lebt heute in Hamburg. Freie Illustratorin, Beteiligung an internationalen Ausstellungen. Gleich ihr erstes Bilderbuch wurde in die Kollektion zum Österreichischen Kinderbuchpreis aufgenommen. Verspielt und immer ein bisschen seltsam sind ihre Bilder, sie laden zum genauen Hinsehen ein und entführen in Träume voller Farben, Pflanzen und kleiner Pelztiere. „Alles, was ich mache, ist Illustration“, sagt Elsa Klever, und schafft „ihre eigenen (illustrierten) Welten. Die meisten von ihnen spielerisch, bunt und mit einem Hauch von Merkwürdigkeit." 



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