Lendvai | Die Ungarn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Lendvai Die Ungarn

Eine tausendjährige Geschichte
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7110-5291-9
Verlag: ecoWing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine tausendjährige Geschichte

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

ISBN: 978-3-7110-5291-9
Verlag: ecoWing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tausend Jahre Ungarn: Ein Streifzug durch die Geschichte des Magyaren-Staats Eine einzigartige Sprache, eine Geschichte geprägt von Siegen und Niederlagen, von Eroberungen und Besetzungen: Was macht die nationale Identität der Ungarn aus? Kenntnisreich und fundiert zeichnet Paul Lendvai die historische Entwicklung Ungarns nach, ergänzt dabei den geschichtlichen Überblick mit biografischen Skizzen und persönlichen Anekdoten. So wird das Porträt des ungarischen Staates zu einer abwechslungsreichen und unterhaltsamen Lektüre. Dem Standardwerk wurden in dieser Ausgabe zwei neue Kapitel hinzugefügt: Eines behandelt den Übergang vom autoritären staatssozialistischen System zur liberalen Demokratie, das andere die Ära Orbán mit seinem neuen Nationalismus. - Umfassender Überblick: Ungarn von seiner Entstehung bis heute - Ungarn im Spannungsfeld ethnischer Konstellationen und politischer Entwicklungen - Kriege und Krisen: Wer sind die Helden und Opfer in Ungarns bewegter Geschichte? - Was nach der Wende geschah: Zusätzliche Kapitel beleuchten die letzten 30 Jahre der ungarischen Geschichte - Aktualisierte und erweiterte Neuauflage mit umfangreichem Bildmaterial - Paul Lendvai ist renommierter Journalist, Osteuropa-Experte und Autor der preisgekrönten Viktor Orbán Biografie Leben in Ungarn heute: Was wir aus der Geschichte lernen können Es gibt kaum eine Nation, die von so vielen Klischees umwoben ist wie die der Magyaren. Wie wurden aus 'kinderfressenden Kannibalen' und 'blutrünstigen Hunnen' die Verteidiger des christlichen Abendlandes und heldenhafte Freiheitskämpfer gegen Mongolen, Türken und Russen? Wie kam es zur Katastrophe von Mohács und welche Spuren hat die Habsburgermonarchie hinterlassen? Paul Lendvai leuchtet Ungarns Geschichte in seiner ganzen Bandbreite aus: von den Bruchlinien und Verwerfungen in der europäischen Geschichte bis zu den jüngsten Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Detailliert und fesselnd erzählt entsteht so das facettenreiche Bild einer der Herzkammern Mitteleuropas!

Paul Lendvai, geboren 1929 in Budapest, lebt seit 1957 in Wien. Er ist Leiter des ORF-»Europastudios«, Kolumnist für den »Standard« und Autor von 18 Sachbüchern. Er war Korrespondent der »Financial Times«, Chefredakteur der ORF-Osteuropa-Redaktion, Intendant von »Radio Österreich International« sowie Gründer und 47 Jahre Chefredakteur der »Europäischen Rundschau«. Sein Wirken wurde vielfach preisgekrönt, u. a. mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich.
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EINLEITUNG


Die Existenz, ja das Überleben des ungarischen Volkes und seines Nationalstaats im Karpatenbecken ist ein Wunder der europäischen Geschichte. Es gibt kaum eine Nation, deren Bild im Laufe der Jahrhunderte und Epochen von so vielen und einander dermaßen widersprechenden Klischees umwoben ist wie das der Magyaren. Wie wurden aus »kinderfressenden Kannibalen« und »blutrünstigen Hunnen« die Verteidiger des christlichen Abendlandes und heldenhafte Freiheitskämpfer gegen Mongolen, Türken und Russen? Wer waren die »asiatischen Barbaren«, die auf ihren Raubzügen von der Schweiz bis Frankreich, von Deutschland bis Italien Angst und Schrecken verbreitet hatten und doch als die Letzten der Völkerwellen aus Asien nicht in der Versenkung verschwunden sind?

Ihre Urheimat, ihr Ursprung und die Wurzeln ihrer Sprache, die Gründe ihrer Migration und Ansiedlung sind bis heute umstritten. Dass die Magyaren aber – abgesehen von den Albanern – das einsamste Volk in Europa bilden, mit einer einzigartigen Sprache und Geschichte, kann kaum bezweifelt werden. Arthur Koestler, der ungarisch träumte, aber seine Bücher auf Deutsch, später auf Englisch schrieb, sagte einmal: »Vielleicht erklärt sich aus dieser exzeptionellen Einsamkeit die seltsame Intensität seiner Existenz. Ungar zu sein ist eine kollektive Neurose.«

Seit der Landnahme um 896 ist diese Einsamkeit mit ihren vielen Facetten der bestimmende Faktor in der ungarischen Geschichte geblieben. Die Angst um den langsamen Tod einer kleinen Nation, um das Aussterben des Ungartums und um die Folgen der durch verlorene Kriege erzwungenen Amputation ganzer Volksgruppen (jeder dritte Ungarnstämmige lebt im Ausland) bildet den Hintergrund zur Dominanz der Todesbilder in Dichtung und Prosa.

Sagen, Legenden und Volksüberlieferungen verdeckten oder verzerrten die Realitäten. Zugleich schufen diese Mythen aber die Geschichte in diesem Raum und prägten das Konzept der Nation. Unter der Stephanskrone als Symbol der sogenannten »politischen Nation« bahnte sich ein wechselvolles, zuweilen von glanzvollen Erfolgen gekröntes, manchmal von tragischen Konflikten geprägtes Verhältnis zwischen Ansässigen und Eroberern, Zugereisten und Ausgegrenzten an. Die Wechselwirkung zwischen Öffnung und Abkapselung, zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, zwischen Einsamkeitsgefühl und Sendungsbewusstsein, zwischen Todesangst und Aufbegehren gegen die Stärkeren fand eine eindrucksvolle Widerspiegelung in den sich wandelnden Zeiten der Kultur und Geschichte Ungarns. Eine lange Kette von schicksalhaften Niederlagen verstärkte das Gefühl des Ausgeliefertseins (»Wir sind das verlassenste von allen Völkern der Erde«, so der Nationaldichter Petofi) und erfüllte fast alle Generationen des Magyarentums mit einem tief verwurzelten Lebenspessimismus. Die Verwüstungen des vom Westen wiederholt im Stich gelassenen Landes während des Mongolensturmes 1241, die Katastrophe von Mohács 1526 mit der daraus folgenden, anderthalb Jahrhunderte andauernden Türkenbesetzung, die Niederwerfung des Freiheitskampfes 1848/49 durch die vereinten Streitkräfte der Habsburger und des russischen Zaren, die Zerstörung des historischen Ungarns durch das Diktat von Trianon 1920, die vier Jahrzehnte der Sowjetherrschaft und des Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg samt der blutigen Niederschlagung des Oktoberaufstandes von 1956 waren Katastrophen, die das Bewusstsein der Verlassenheit immer wieder verschärften. Wer könnte aber je die unglaubliche Widerstandskraft und die schöpferische Überlebenskunst dieses Volkes bestreiten?

Trotz der Dreiteilung des Landes und der Jahrhunderte der Fremdherrschaft vermochten die Ungarn ihre nationale Identität zu bewahren. Es war die leidenschaftliche Heimatliebe, die ihnen die Kraft gab, zwischen Deutschen und Slawen, ohne Verwandte und durch die »Chinesische Mauer« ihrer Sprache getrennt, zu überleben und die Katastrophen zu überstehen. Einen der Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs und des Zusammenbruches Ungarns, von der Landnahme bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, aber auch der sich in schneller Reihenfolge ablösenden Umwälzungen zwischen 1920 und 1990 liefern die um 1030 (wahrscheinlich von einem deutschen Geistlichen) verfassten Mahnungen des ersten christlichen Königs aus dem Hause Árpád, Stephans des Heiligen, an seinen Sohn:

Das Römische Reich hat besonders deshalb so an Bedeutung gewonnen und seine Fürsten sind dadurch so ruhmreich und so mächtig geworden, weil zahlreiche Edle und Weise aus verschiedenen Ländern sich dort zusammenfanden … So wie die Ansiedler aus verschiedenen Ländern und Provinzen kommen, bringen sie auch verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene lehrreiche Dinge und Waffen mit, welche den königlichen Hof zieren und verherrlichen, die auswärtigen Mächte aber erschrecken. Ein Land, das nur einerlei Sprache und einerlei Sitten hat, ist schwach und gebrechlich. Darum, mein Sohn, trage ich Dir auf, begegne ihnen und behandle sie anständig, damit sie mit und bei Dir lieber verweilen als anderswo, denn wenn Du das, was ich erbaute, zerstören, was ich ansammelte, auseinanderstreuen wolltest, dann würde Dein Reich ohne Zweifel erheblichen Schaden leiden.

So kamen bereits im 11. Jahrhundert auf Einladung der Dynastie Deutsche nach Oberungarn und Siebenbürgen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden nicht nur die besiegten Nomadenvölker, wie etwa die Petschenegen und Kumanen, sondern auch Deutsche und Slowaken, Rumänen und Kroaten, Serben und Juden vom Ungartum sozusagen aufgesogen. Es gehört zu den verblüffendsten und von nationalistischen Chronisten später verdrängten oder glatt verschwiegenen Zügen der ungarischen Geschichte, dass die Schöpfer des nationalen Mythos, die viel besungenen Helden der Türkenkriege, die politischen und militärischen Führer des Freiheitskampfes gegen die Habsburger, herausragende Figuren der Literatur und Wissenschaft, gänzlich oder zum Teil deutscher oder kroatischer, slowakischer, rumänischer oder serbischer Herkunft waren. Wenn man bedenkt, dass zur Zeit Kaiser Josephs II. die Magyaren nur knapp ein Drittel der damaligen Bevölkerung Ungarns ausmachten, sie ihren Anteil bis 1910 aber auf 54,5 Prozent steigerten, können wir zweifellos von einer geradezu sensationellen Dynamik der sprachlichen und politischen Assimilation im alten Ungarn sprechen. Laut statistischen Schätzungen ging die Zahl der sich neu zum Ungartum bekennenden Deutschen über 600 000 hinaus, während die der assimilierten Slowaken über eine halbe Million und die der zu Magyaren gewordenen Juden rund 700 000 betragen haben dürfte. Insgesamt schätzte man, dass bereits vor dem Ersten Weltkrieg der Anteil der assimilierten Deutschen, Slawen und Juden mehr als ein Viertel des statistisch festgestellten Magyarentums ausmachte.

Die ungarische Staatsidee, einschließlich der Unterdrückung der Nationalitäten im Zeichen einer völlig unrealistischen Zukunftsvision von der Rolle eines großen Reiches der Stephanskrone im Donauraum, war nicht rassistisch, sondern ausschließlich kulturell bedingt. Ein jeder, der sich zum Ungartum bekannte, hatte die gleichen Aufstiegschancen. Darin lag freilich auch die Chance für jene Juden, die sich als jüdische Ungarn bereits zur Zeit der Revolution von 1848 mit der ungarischen Nationalbewegung und in den darauffolgenden Jahrzehnten mit der ungarischen Sprache und Kultur identifizierten. Andererseits brauchte Ungarn loyale Menschen, die das ungarische Gewicht innerhalb der Länder der Stephanskrone stärkten und zugleich (zusammen mit den Deutschen und Griechen) bereit waren, die vom ungarischen Mittel- und Kleinadel stets abgelehnte Arbeit in den Bereichen Wirtschaft und Finanz sowie in den intellektuellen Berufen zu übernehmen. Das einzigartige Verhältnis zwischen Juden und Magyaren prägte den wirtschaftlichen und kulturellen Umbruch in den Jahrzehnten nach dem Ausgleich mit Österreich.

Das Schicksal des assimilationswilligen Judentums gehört zu den glänzendsten und dann in der Zwischenkriegszeit, vor allem nach dem deutschen Einmarsch 1944/45, zu den düstersten Kapiteln der ungarischen Geschichte. Es war eine der absurden und doch logischen Folgen der staatlich geförderten antijüdischen Gesetzgebung, dass viele der großen Begabungen, darunter acht Nobelpreisträger, ihre bahnbrechenden Erfolge in Wissenschaft und Kunst, Finanzen und Industrie nicht in ihrer Heimat, sondern vor allem in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten erreicht haben.

Auch das Verhältnis zwischen Ungarn und Deutschen war in mancher Hinsicht seit der Vermählung Stephans des Heiligen mit der bayerischen Fürstin Gisela, der Schwester des späteren Kaisers Heinrich II., im Jahr 996 einmalig. Am Hof des ersten Ungarnkönigs spielten die im Gefolge von Gisela eingewanderten deutschen Priester, Ritter und Adligen eine führende Rolle, und dem König schwebten germanische Institutionen als Vorbilder vor. Auch seine Nachfolger aus dem Haus der Arpaden förderten planmäßig die Bildung größerer deutscher Kolonien – in den Worten eines ungarischen...



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