Lentz | Muttersterben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Lentz Muttersterben

Prosa
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-490126-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Prosa

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-10-490126-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einer stirbt. Einer wird vergessen. Einer wird umgebracht. Etwas kommt abhanden. Was tun? ?Muttersterben?, das sind Momentaufnahmen alltäglicher Erfahrungen, die vom Abschiednehmen handeln. Sie erzählen vom Erinnern und davon, wie der Versuch, sich Situationen und Vorgänge zu vergegenwärtigen, tragisch werden kann, oder absurd oder komisch. Kleinigkeiten werden zu Monstrositäten, Existentielles wird zur Bagatelle. So melancholisch wie unsentimental schildern die Geschichten die zum Teil grotesken Versuche, mit einem Verlust umzugehen, der plötzlich ein Eigenleben entfaltet. Alles gerät zur Sensation und wird zugleich belanglos und nichtig. Eine Reise im Flugzeug lässt den Erzähler den Boden unter den Füßen verlieren, das Rauchen einer Zigarette transportiert die Leser unweigerlich in den Zoo, das Betrachten eines Fernsehkrimis bringt gehörig die Phantasie durcheinander. Hier lernt man das Tierreich kennen, besucht Berlin, Paris und Olevano Romano bei Rom und stellt vielleicht fest, dass Sprache sich auch immer selber spricht, nie aber die Dinge auf den Punkt bringen kann.

Michael Lentz, 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: der Roman »Schattenfroh. Ein Requiem« (2018), der Kommentar »Innehaben. Schattenfroh und die Bilder« (2020), der Gedichtband »Chora« (2023), der Roman »Heimwärts« (2024) sowie »Grönemeyer« (2024), alle bei S. FISCHER. Michael Lentz wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis. Für »Chora« und sein Gesamtwerk erhielt Michael Lentz den Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik 2024.   Literaturpreise: Literaturförderpreis des Freistaates Bayern 1999 Aufenthaltstipendium Villa Aurora in Santa Monica, Kalifornien/USA 2001 Ingeborg-Bachmann-Preis 2001 Preis der Literaturhäuser 2005 Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2012 Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik 2024
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Autoren/Hrsg.


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Weltgeschichte


Garten


Eine beetfigur

Friederike berichtet von einem haus das langsam verschwindet; und jemand ist bei ihr und hört ihr zu. Und jemand ist bei ihr und veröffentlicht sein ohr.

Während Friederike berichtet und jemand ist bei ihr und hört ihr zu und jemand der bei ihr ist veröffentlicht sein ohr verausgabt sein ohr, verschwindet langsam ein haus.

Jemand schreitet oder geht durchs tor oder törchen oder schreitet und geht über den kiesweg hinter dem tor, und jemand öffnet viel zu verzögert das ohr des tores den förmigrunden kugellauf den blaugefassten metallkopf, des tores wachhund, verdreht einer wie gerufen den knauf, und langsam verschwindet ein haus.

Es ist haus, es ist haus. Und der blick dieser vonstatten gehende blick dieser jetztblick dieses blicklings vor augen stellen: Friederike grünblatt weißblatt Friederike ich. Bist du mit mir über den kiesweg geschritten; apfelmoräne muräne schattenmorelle? Dort auf der tanne verhallten schritt und ruf einer person wie Mutter.

Und sollte das nun, dieser haufen selbstvermehrte überziehung, sollte das nun so etwas wie ein letztes auge sein, ein hingeworfenes zurückgefedertes augenpaar, sollte das nun so etwas wie ein letztes auge sein? So wie auf dem foto wo du stramm stehst und es gibt noch jene unbebauung sagen wir mal bestrafung unbereinigte flur natürlich kurze hose schultüte rosenbeet und jemand steht neben dir und achtundsechzig ist spurlos an ihm vorbeigegangen »geflutscht« steht aufrecht steht so dahin. Hat so einen abgewinkelten blick und trägt eine hose in blau ein hemd mit krawatte und der selbstauslöser wie ein verschwundenes verschwinden wie ein augenfotograf hält dich fest wie dahingestellt als einen, der im nachtrag einen solchen abgang aus dem gedächtnis fotografiert, der diese wohl letzte umrundung kirschgarten birnenbäume holunder und hölle, diese duftmittel klangdolden, diese jägerkrone haaresbreite, dieses sich einmal in aller ruhe gegönnte nüssebewispern wiese dreischritt oper und wirklich an der frischen kultur verschlägt’s den atem notiert sich das abgelichtete söhnlein in die hirnwalze stempelt mal so salopp gesagt mal so mal gezeichnet also wiedersehen tanne und waldhaufen in dem wir ein feuer machten und wiedersehen auch oder auch so etwas wie eine kartoffelstraße gewissermaßen und wir saßen im grünen wagen und herr Tings aus Obermaubach mit kinderlähmungsarm ließ uns auf rädern rot mit schwarzem mantel den hügel hinab hinauf und links so etwas wie die deutsche Wackerstein so etwas wie die deutsche mauer die alles einfasst die alles auslässt über die zu klettern ein kinderspiel nämlich auf die schattenmorelle hinauf und vom sims hinunter in die gestrüppwelt wo vieles zu finden war dort stand das ziel entsichert hier ist es verstockung. Die wahrnehmung einer zu spät übersetzten vorhut lässt nichts als augen sein! Und für diesen sachverhalt haben wir nichts.

Auf dem hügel als dort wo die tanne stand und augenhoch reichten die schritte hinauf die schrift und dann öffneten sich einmal die flügel die immer zurückgekehrten wiederholten und es kehrte sich so etwas wie eine hausgemachte wiese eine weide eine blühung hinaus eine fruchthinaustreibung aus so etwas wie der mitte eine mittung als so hinaus eine markung festung kernung und über wiegender weisung des kreuzgestämmten baumes hörte sich so etwas wie geknister mutterfaltige stimme heraus aber das klingt nicht das schweigt wie extra aus der mitte heraus auch wenn es sagt ich versteh dich trotzdem und meine gedanken begleiten dich. Ich sage dies ich verhöre dies ich vergesse sogleich deinen namen.

Fremdeln, ist das ein hauch von kapitel oder kapitulieren?

oder und sogar?

Es ist, um nicht näher zu kommen und Mutter im blauen obstkittel kehrt den rücken und füllt die gläser ab. Aus dem gummischlauch des kessels fließt brodelndes apfelgelee. Die mit zellophan verschlossenen einweckgläser ziehen kälter ihre gummiberingten dächer ein. Keine stimme mehr, nur wanken und stillstand. Apfelschaum war immer das beste. Morgens apfelschaumbrote oder gelee vom zwiegespaltenen quittenbaum. Quittenbaum, der zur erde hängt. Trauerweide, kirsch- und apfelbaum. Quittenköpfe, die zu boden gehen. Flüchtig eingesammelte apfelernte. Stachelbeerstau im plastikeimer, johannisbeer und schattenmorelle.

Vorbei am annaäpfelbaum der gelbe reife äpfel hatte an grünstrahlender winterkost was ein apfel eine birne war die im keller reifte an diesem gesträuch diesen birnen- und apfelbäumen vorbei.

Und vorbei auch am liliengewächs so gelb etwa oder blau rechtsbeetig vom haus aus gesehen und nicht zu vergessen himbeer johannis- und stachelbeer die aus dem boden stakten mauerlinks und auch schon mal pfirsich und traubenfrucht aus denen nichts wurde regelrecht das ganze pack ist verschwunden die zäune pfähle neu gesteckt pfund- und kartoffelweiß. Reinweiß. Und keine sorge den ungelichteten den längst schon und zwar gedrängterfassten tieferhöhlten den stoßweise erfassten nämlich ringsum hirngefilmten stafetten ich könnte jetzt ein kindheitsfoto rausholen und ungemach das ganze beweisen mal fotomäßig was ich sagen wollte ist diese gepflegtheit diese blütenstürze und kirschbaum schattenmorellen morellen und zugang tatsächlich zu , sagt mein volk meine Mutter – denen kein überblick war. Und nochmal mit dem fahrrad reiten bei dieser bein bei dieser bei dieser beinkälte so fuhr Mutter immer in die schule mit dem rad wie sie sagte und so fährt Mutter immer noch mit dem rad in die schule hier wo eine vorstellung nicht einmal sprache ist davon mehr so etwas unbelebtes abgewandtes oder verwandeltes wie ein daumenkino eine frei gewordene entdeckung.

Wege unwegsam allesamt es führt zu nichts es führt endgültig zu nichts es ist als führte es zu reihenhäusern namens nichts oder vollgepumpten hinterhöfen wie mit strahlenden laternen und ein staubtest mottet das revier ein. Ein balkonblick wenn vonstatten oder möglich ein um die springenden fassaden sausender ein aufräumender blick.

Es sehnt mich nach unverständlichem. Chausseen, sprachdecke, kalkfrei. Oder zum beispiel ins hirn mir sagen wenn da so ein auftauchen ist von fotowindmaschine starres raster falle verbindliches so etwas wie zuordnen von in etwa fünfundzwanzig jahre alten gerüchen wie da etwas vor der inneren linse steht. Und steht es da und riecht es da an und ist es so eine einheit eine insgesamt für sich erwärmte wahrnehmbarkeit ein verbindliches dafürhalten wenigstens ein deswegen kopfnicken wenigstens und wenigstens nichts weniger als ein soeben zu boden oder gehsteig bürgerhof straßen ein so gelbes braunes undsoweiter sich durch die luft hangelndes blatt oder noch so ein foto oder papier oder wenigstens frage ich mal oder in einer entfernung wo man sehen sagen kann dass wenn ich noch nicht ganz hinüber dass wenn ich wenigstens noch nicht so ganz da wo es hier war und doch auch schon nicht mehr ganz wo es ist wenigstens. Wenn ich also so dicht davor bin und es geht ein fenster auf und es stellt sich ein auge ein und es ist ein blick der ich bin und es ist ein auftauchen ein blatt ein braunes gelbes undsoweiter und ein bemerken sagen wir mal anblicken fallenlassen es ist dann aber auch nicht zu vergessen ein fragen ob wenigstens der ich sagt ein blick bin oder sozusagen ›bin ich im blatte‹? ›Bin ich schon zum fenster hinaus?‹ »Und kehre die Menge wie Schutt.« Ein papier bloß?

Dann oder danach ein weggeistern zurechtklempnern gewahrwerden. Die tanne hinauf und nochmal die aussicht genießen. Und nochmal die tanne hinauf und nochmal aus dem foto hinaus in die schächte und jahrgänge treten vielmehr ein- oder zurechttreten. Oder vielmehr geht es dir nicht manchmal so als dass du den jahrgang neunzig im rückspiegel behaltengekrümmt einfach schon schneckenmäßig besser fandest einfach besser fandest als vierundneunzig wo seitdem jemand zu besichtigen ist, Düren friedhof nord, da ganz hinten an den buchenahorn oder hochgeschossenen hochgeschossenen hochgeschossenen rotbuchen braunkastanien farben bäume relationen, und wenn ich mal einflechten darf: »Die lebendige, natürlich wachsende Sprache geht von Wahrnehmungen aus und fixiert sie. Darin liegt der Stoff zur Verschiedenheit der Gebrauchsweisen, weil in der Wahrnehmung immer mehrere Beziehungen sind.« Auslassung. »Aber wohl ist nichts ursprünglich in der Sprache, sondern das « Und da war so eine betende gewandgefaltete so eine in form gegossene gestaltschüttere endlich einmal so gesagt war da eine betfigur, eine beetfigur aus ich denk mal stein vom ortsansässigen steinmetz das ist ja das augenschlagende die augenschande. Ich will eine eiserne wucht eine wahre himmelsfigur für dich, ich will eine eiserne eine eiserne eine eiserne wache eine ausnahme für dich und nicht aber diese erbärmliche gottesmutterfunzel oder was es denn für eine aufgabe hat aber nicht so eine niederträchtige kunstgewerbeschnalle jetzt hammers mit soner plastikrosenrotenrose und jemand steht da wenn er da ist vor dir und jemand der vor dir steht und da sein könnte für dich und jemand so aufgepflanzt vor diesem tiefbausärglein hundehütte jemand kommt mit leerer hand und köpfen voller zurechtordnung deiner abbiegung verschwindenheit alles stauraum alles ersatzansicht alles ersatzspurensicherung alles ersatz sondern das kurz gesagt ich möchte auch so einen schönen katalog für die Büttner für dich wie Heimrad Prem einen hat der rattengift nahm vierundzwanzigster Juni neunzehnhunderteinundsiebzig »was immer ich tat, ich griff in den Dreck,...


Lentz, Michael
Michael Lentz, 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: 'Pazifik Exil' (Roman), 'Warum wir also hier sind' (Theaterstück), 'Offene Unruh' (Gedichte), die Essay- und Aufsatzsammlung 'Textleben', die Frankfurter Poetikvorlesungen 'Atmen Ordnung Abgrund' und 'Schattenfroh. Ein Requiem' (Roman), alle bei S. FISCHER und bei FISCHER Taschenbuch.

Literaturpreise u. a.
Literaturförderpreis des Freistaates Bayern 1999
Aufenthaltstipendium Villa Aurora in Santa Monica, Kalifornien/USA 2001
Ingeborg-Bachmann-Preis 2001
Preis der Literaturhäuser 2005

Michael LentzMichael Lentz, 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: 'Pazifik Exil' (Roman), 'Warum wir also hier sind' (Theaterstück), 'Offene Unruh' (Gedichte), die Essay- und Aufsatzsammlung 'Textleben', die Frankfurter Poetikvorlesungen 'Atmen Ordnung Abgrund' und 'Schattenfroh. Ein Requiem' (Roman), alle bei S. FISCHER und bei FISCHER Taschenbuch.

Literaturpreise u. a.
Literaturförderpreis des Freistaates Bayern 1999
Aufenthaltstipendium Villa Aurora in Santa Monica, Kalifornien/USA 2001
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