E-Book, Deutsch, 498 Seiten
Lenz Die Auflehnung
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-81082-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 498 Seiten
ISBN: 978-3-455-81082-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Seit seinem Debütroman Es waren Habichte in der Luft von 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er 1955 seinen ersten großen Erfolg, Sein Werk ist geprägt von der Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Problemen (z. B. Der Mann im Strom, 1957, oder Brot und Spiele, 1959) und mit dem Nationalsozialismus bzw. seiner Aufarbeitung. Zu Lenz' größtem Erfolg wurde der 1968 erschienene Roman Deutschstunde. Bis heute ist die Geschichte eines Polizisten, der im Nationalsozialismus das Malverbot seines Freundes überwacht, eine bestechende Entlarvung eines pervertierten Pflichtgefühls. Das Buch wurde verfilmt, avancierte zur Pflichtlektüre an Schulen und war international ein großer Erfolg. Der Deutschstunde folgten viele weitere große Romane (Das Vorbild, 1973, Heimatmuseum, 1978, Der Verlust, 1981, Exerzierplatz, 1985, Die Auflehnung, 1994, Landesbühne, 2009), welche Siegfried Lenz neben Schriftstellern wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Martin Walser zu einem der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren machte. Sein zweiter Roman Der Überläufer erschien postum im Jahr 2016 und wurde ein großer Erfolg. Für seine Bücher wurde er mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Gerhart-Hauptmann-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.
Autoren/Hrsg.
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Titelseite
Die Auflehnung
Anhang
Über Siegfried Lenz
Impressum
Die Auflehnung
1
Solch einen Ruf hatte er hier noch nie gehört, hier in seinem Tal, hier über seinen Teichen. Es war ein rauher, krächzender Warnruf, dem ein dunkles Grunzen folgte, so fremd, so durchdringend und alarmierend, daß es plötzlich still wurde; die ersten Vögel verstummten, die Hunde im Zwinger unterbrachen ihr ruheloses Pendeln, selbst die knackenden Geräusche im Unterholz des alten, zerzausten Fichtenwaldes am Ende des Tales waren nicht mehr zu hören. Frank Wittmann brach die Spitzhacke aus der tonigen Erde und lauschte. Er blickte über die im Morgendunst liegenden terrassierten Teiche; aus der Deckung des Damms suchte er die Buchen und Kiefern und das Haselgesträuch hinter den Brut- und Streckteichen ab, doch da zeigte sich nichts, nichts auf den Bäumen, nichts im Tal, nichts auf den Hängen. Mühsam trat er aus der vertieften und verbreiterten Fischgrube heraus, glitschte in seinen lehmverschmierten Gummistiefeln an den Damm heran, zog sich hinauf und spähte nun, immer noch lauschend, zum Haus, zum Anbau und zu den beiden Schuppen hinüber; sein Blick streifte die überdachten und durchflossenen Bassins, doch auch dort zeigte und regte sich nichts. Alles, was er in der Morgendämmerung hörte, war das unablässige Murmeln des Wassers, das sich durch die Stabrechen an den Teichausgängen drängte, sich an den glatten, algenbesetzten Staubrettern hob, sie überstieg und in schwachem Strahl hinabstürzte. Zuletzt suchte er den Weg ab, nicht den festen, öffentlichen Weg, der durch den Wald und nach Barglund führte, sondern den Pfad, der neben den Teichen hinlief und dann als graues Band dem Bach folgte bis dahin, wo er auf halber Höhe aus dem Hang austrat, am Fuß einer Buche.
Halb verdeckt von dem feucht schimmernden Stamm stand ein Mann und blickte zu den Teichen hinab, auch er schien zu lauschen, schien auf einen abermaligen Warnruf zu warten, unsicher oder unschlüssig geworden, ob er weiter hinabsteigen sollte; aber nach einer Weile trat er hervor, und Wittmann sah, daß er einen Sack trug und einen kurzstieligen Kescher. Geduckt und an einen Stapel ebenmäßig gestochener Grassoden geschmiegt, beobachtete Wittmann den Mann und dachte, ihm hat der Warnruf gegolten, nur ihm, weil er das Tier überrascht oder erschreckt hat; und er dachte auch, es könnte Berni sein, der kleine Halunke, der es immer noch nicht aufgegeben hat, sich heimlich zu bedienen. Sichernd kam der Mann den Hang herab, verließ den Pfad beim Abwachsteich, dessen gedämmtes Wasser sich beunruhigte von schnellenden und wimmelnden Fischen, die die geringe Erschütterung der Schritte längst wahrgenommen hatten, und ging geduckt weiter bis zur Schleuse und legte sich dort hin und beugte sich so tief hinab, daß Kopf und Oberkörper verschwanden.
Noch bevor er regungslos hinter ihm stand, wußte Wittmann, warum sich der Mann – es war Berni in seiner verdreckten, mausgrauen Joppe, mit vor Feuchtigkeit weißlichen Rohlederstiefeln an den Füßen – vor der Schleuse hingelegt hatte, hier, wo eine sanfte Strömung alles antrieb und sammelte, was ihr keinen Widerstand entgegensetzen konnte: trockene Blätter und Äste und Pflanzenreste und tote und sterbende Fische; und als er unbemerkt hinter dem Liegenden stand, verhielt er sich zunächst still und sah nur zu, wie der Mann den Kescher durch das Wasser zog, heftig, berechnet, in immer gleichen Achterschwüngen, wobei sein dünnes, bräunliches Handgelenk aus dem Joppenärmel hervorstand. Schlapp, in leichter Krümmung trieben die toten Fische an der Oberfläche – es waren weniger als am letzten Morgen –, gewiegt von den kleinen Wellen, die der Kescher erzeugte; einige, tödlich ermattet, hörten nicht auf, zäh und verzweifelt mit den Kiemendeckeln zu klappen, und wenn der eiserne Ring des Keschers sie anstieß, belebten sie sich unerwartet und schnellten davon, getrieben von letzter, aus Angst geborener Kraft, und gewannen auch etwas Tiefe, hoben aber bald ihre getigerten Rücken wieder herauf und legten sich auf die silbrig schimmernde Seite. Berni fischte sie auf, die Sterbenden und die Toten, und warf sie in einen Sack, einmal gelang es ihm, mit einem tiefen und geschickten Zug zwei Zander herauszuholen, die er mit der Handkante tötete und nicht in den Sack, sondern in die Taschen seiner Joppe steckte.
Frank Wittmann setzte dem Liegenden einen Fuß auf den Rücken und beugte sich so weit vor, daß auf dem gekrüllten Spiegel des Wassers sein Gesicht neben dem Bernis erschien; beide Gesichter zerliefen und blieben dennoch vorhanden und in Augenblicken erkennbar, und der Mann, der unter dem zunehmenden Druck des Fußes die aufsteigende Erbitterung seines Entdeckers zu spüren glaubte, wagte nicht, sich zu rühren, zumindest eine ganze Weile nicht, aber dann, als er nur noch mühsam atmen konnte, warf er den Kopf zur Seite und linste nach oben und sagte mit gepreßter Stimme: Tu’s nicht, Frank, tu mir nichts, es war bestimmt das letzte Mal. Wittmann zog seinen Fuß zurück und trat auf den Damm und musterte mit kaltem, hartem Blick den Mann, der sich angestrengt aufrichtete und verlegen die viel zu weite Jacke abklopfte, bevor er Sack und Kescher aufnahm und stockend und schuldbewußt zu erklären versuchte, warum er sein Versprechen, sich nie mehr bei den Teichen blicken zu lassen, gebrochen hatte.
Es war wie immer die gleiche Ausrede – die kleine stinkende Nerzfarm, die Berni auf einem verwahrlosten Altenteil in Barglund betrieb, die schwierige Aufzucht der Jungtiere und ihr Hunger nach frischen Fischen, die den Fellen zusätzlich Festigkeit und Glanz verleihen. Glaub mir, Frank, es ist nur wegen der Tiere, sie kümmern, sie sind bald nichts mehr wert. Und wie schon einige Male zuvor bot er an, für die geborgenen toten Fische zu bezahlen, er forderte Wittmann auf, einen Preis zu nennen; doch der stand nur in einer Haltung da, die Wut und endgültige Weigerung ausdrückte, unbeweglich und gerade so, als überlegte er, zu welch einem Ende er es diesmal bringen sollte. Sag, Frank, warum darf ich die toten Fische nicht kaufen, warum nicht? Mit einer knappen unwirschen Geste aus dem Handgelenk sagte Wittmann: Verschwinde – wenn du nicht willst, daß wir dich eines Tages beim Ablassen der Teiche auf dem Grund finden, dann verschwinde hier ein für allemal.
Berni schulterte den Sack und nahm den Kescher auf, den er vor Wittmann hingelegt hatte zum Zeichen freiwilliger Auslieferung, schlurfte ohne ein Wort zum Pfad, stieg verbissen den Hang hinauf, blieb jedoch überraschend stehen und kehrte zögernd zurück, beherrscht von einem Einfall und weil ihm, da alles glimpflich ausgegangen war, der Augenblick günstig erschien. Gib mir noch eine Chance, Frank. Du hast sie gehabt, sagte Wittmann, verschwinde. Ich werd’s gutmachen, sagte der kleine knochige Mann, wenn du mir noch eine Chance gibst, wirst du nie etwas zu beanstanden haben. Du hast jetzt die Chance, zu verschwinden, sagte Wittmann und wiederholte die knappe scheuchende Geste aus dem Handgelenk und wollte nichts mehr zulassen, keine Bitte, kein weiteres Wort, so daß dem Mann nichts anderes übrigblieb, als sich abzuwenden und den Hang hinaufzusteigen, nicht eilig oder überstürzt, sondern gemächlich und wohl in der Erwartung, doch noch einmal zurückgerufen zu werden.
Wittmann blickte ihm nach, er dachte an die Zeit, in der dieser Mann für ihn gearbeitet hatte, an die Jahre, die so verlustreich gewesen waren, weil Berni es fertiggebracht hatte, auf manchen Fahrten zum Fischmarkt einen Teil der Ladung auf eigene Rechnung zu verkaufen, Forellen und Zander vor allem, aber auch Karpfen im Herbst und nicht zuletzt Aale, die Wittmann gegen alle Voraussagen in einem unablaßbaren Torfstich hatte ziehen können. Damals hat er nicht nur geahnt, wie es um uns stand, sondern hat es auch gesehen und gewußt und dennoch nicht aufgehört, uns zu hintergehen, dachte Wittmann, und er dachte auch: Nicht noch einmal, Berni, laß dich hier nie wieder blicken, noch haben wir den Kummer nicht vergessen, den du uns zugefügt hast.
Mit langsamen Schritten ging er zu der mächtigen Buche, an deren Fuß der Bach austrat, und blickte über das Tal, blickte über das System der terrassierten Teiche, von denen sich der Morgendunst hob. Hier hatte einst sein Großvater gestanden, als das Tal noch unberührt oder doch ungenutzt und keines Einzelnen Eigentum war, windstill, abgelegen und verschont, von einem Bach durchflossen, der nur sickernd aus dem Hang heraustrat und erst allmählich, gespeist von unsichtbaren Zuflüssen, drängender und energischer wurde und die verkrauteten Tümpel nährte, die von der Sohle heraufschimmerten. So manches Mal hatte Wittmann hier mit dem alten Mann gestanden und zugehört, wie alles anfing, wie sich schon unter einem ersten, forschenden und kalkulierenden Blick das Tal als geeignet anbot für die Anlage eines Systems von Teichen, und wie sie sich, Wittmanns Großvater und Vater, erst dann entschieden, nachdem sie die Herkunft des Wassers bestimmt, die Pflanzen- und Tierwelt im Bach und in den Tümpeln erkundet hatten – mit ihren damaligen Mitteln bestimmt und erkundet hatten, was ihnen aber genügte und was sich auch als genügend erwies. Und wie immer, wenn er von hier aus hinabsah, drängte sich ihm ein Bild aus einem hellen heißen Sommer auf, es ließ sich nicht vergessen, als wäre es ihm aufgegeben, es zu bewahren: das Bild seiner schuftenden Leute, die halbnackt und ohne schweres Gerät, ausgerüstet nur mit Spitzhacke, Spaten und Schaufel und auf nichts vertrauend als auf ihre Erfahrung und ihre Ausdauer, den fetten Lehmboden für die vermessenen Teiche aushoben, Dämme errichteten und Wildgerinne gruben für überschüssiges Wasser.
Wittmann brannte sich seine kurze, zerbissene Pfeife an...




