E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Lenz Es waren Habichte in der Luft
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-81084-4
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-455-81084-4
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Seit seinem Debütroman Es waren Habichte in der Luft von 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er 1955 seinen ersten großen Erfolg, Sein Werk ist geprägt von der Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Problemen (z. B. Der Mann im Strom, 1957, oder Brot und Spiele, 1959) und mit dem Nationalsozialismus bzw. seiner Aufarbeitung. Zu Lenz' größtem Erfolg wurde der 1968 erschienene Roman Deutschstunde. Bis heute ist die Geschichte eines Polizisten, der im Nationalsozialismus das Malverbot seines Freundes überwacht, eine bestechende Entlarvung eines pervertierten Pflichtgefühls. Das Buch wurde verfilmt, avancierte zur Pflichtlektüre an Schulen und war international ein großer Erfolg. Der Deutschstunde folgten viele weitere große Romane (Das Vorbild, 1973, Heimatmuseum, 1978, Der Verlust, 1981, Exerzierplatz, 1985, Die Auflehnung, 1994, Landesbühne, 2009), welche Siegfried Lenz neben Schriftstellern wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Martin Walser zu einem der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren machte. Sein zweiter Roman Der Überläufer erschien postum im Jahr 2016 und wurde ein großer Erfolg. Für seine Bücher wurde er mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Gerhart-Hauptmann-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Widmung
Erstes Kapitel Irreführung
Zweites Kapitel Flugversuch
Drittes Kapitel Petrucha
Viertes Kapitel Logik auf Stroh
Fünftes Kapitel Träumerei
Sechstes Kapitel Grüner Schnaps
Siebentes Kapitel Überraschungen
Achtes Kapitel Axtschläge
Neuntes Kapitel Resultate
Zehntes Kapitel Höchste Zeit
Anhang
Über Siegfried Lenz
Impressum
Erstes Kapitel Irreführung
Es waren Habichte in der Luft.
Roskow bemerkte sie nicht; er stand am Fenster seines Gasthauses und beobachtete ein Sperlingsweibchen, das über das Geländer der Holzbrücke flog, hart am Wasser des engen, energischen Baches entlangsegelte, plötzlich aber kehrtmachte und sich in unvermuteter Entscheidung auf einen häßlichen, verrunzelten Stein am Rand des Baches niederließ.
Der Vogel hat gewiß Durst, dachte Roskow.
Er irrte sich. Der Vogel tauchte seinen harmlosen Schnabel nicht ein einziges Mal ins Wasser. Der Vogel bewegte seinen kleinen, leichten Kopf, als ob er jemand erwartete. Roskow blieb am Fenster stehen. Er ließ sich die Sonne, die uralte Sonne, auf seine Bartflechte und auf sein schwarzes Haar scheinen und wartete. Da kam, auch über das Geländer der Holzbrücke, ein Sperlingsmännchen angeflogen. Während des Fluges, vielleicht aber auch schon früher, hatte es das Sperlingsweibchen auf dem verrunzelten Stein entdeckt. Die beiden Tiere stürzten aufeinander los, bissen sich, schlugen mit den Flügeln, zitterten wie in großer Erwartung und flogen plötzlich davon, jedes in eine andere Richtung.
So, so, dachte Roskow. Es ging ihn eigentlich nichts an, aber er ärgerte sich, daß die Vögel auseinanderflogen, als ob gar nichts geschehen wäre. Roskow murmelte halblaut: »Mir scheint, die Vögel haben ein schlechtes Gedächtnis. Außerdem sind sie gewissenlos.«
»Das stimmt«, sagte da jemand unter seinem Fenster, »das stimmt haargenau.«
Roskow beugte sich über die Fensterbrüstung. Er bemerkte einen schmalbrüstigen, kleinen Mann in einem sehr zerschlissenen russischen Kittel. Er trug einen Pappkarton in der Hand und lächelte zu Roskow hinauf. Er lächelte oder grinste. Roskow konnte das nicht genau erkennen.
»Hast du auch die Vögel beobachtet?«
»Ja«, sagte der Mann mit dem Pappkarton.
»Und?«
»Sie haben kleine Köpfe.«
»Hm. – Was machst du hier?«
»Ich suche jemand.«
»Bist du schon einmal hier in Pekö gewesen?«
»Ja, vor einigen Jahren.«
»Und wen suchst du?«
»Matowski.«
»Matowski?«
»Ja.«
»Meinst du den vom Blumenladen?«
»Ja.«
Roskow sah die Straße hinauf und hinunter, als ob er sich, bevor er weitersprechen konnte, vergewissern müßte, daß kein anderes Ohr in der Nähe war. Dann sagte er, etwas leiser: »Den Matowski wirst du nicht finden. Den haben sie erschossen, er ist tot. Er soll der neuen Regierung schwer zu schaffen gemacht haben.«
Der Mann stellte seinen Pappkarton auf die kleine Bank vor Roskows Gasthaus. Sein Gesicht verzog sich für einen Augenblick. Er richtete seine schrägstehenden, schwarzen Augen auf den verrunzelten Stein am Bach. Roskow beachtete ihn nicht weiter. Er blickte zu den mächtigen Kiefern hinüber und schwieg.
Nach einer Weile sagte der Mann im Russenkittel:
»Da sind Habichte in der Luft.«
Roskow erschrak etwas.
»Wo?« fragte er.
»Über den Kiefern. Aber sehr hoch. Habichte haben größere Köpfe.«
»Vier Habichte«, sagte Roskow, als er die Vögel entdeckte, die in scheinbarer Gelassenheit mit kaum zu erkennendem Strich über den Kiefern schwebten.
Der Mann im Russenkittel ergriff den Pappkarton und ging. Er ging auf die Holzbrücke und blieb am Geländer stehen. Roskow beobachtete die Habichte. Der Fremde ließ den Karton auf der Brücke liegen und kletterte die steile, zerrissene Böschung zum Bach hinunter. Er streckte ein Bein aus und berührte mit der Fußspitze den häßlichen Stein. Der Stein bewegte sich nicht. Da vertraute er ihm sein Körpergewicht an und beugte sich hinab. Mit einer Hand schöpfte er Wasser aus dem Bach und trank.
Roskow beobachtete noch immer die Habichte.
Als der Mann seinen Durst gelöscht hatte, kletterte er die Böschung wieder hinauf, ergriff den Karton und kam zum Gasthaus zurück.
»Wann wurde Matowski erschossen?« fragte er leise.
»Es ist schon etwas länger her.«
Roskow betupfte mit einem weichen Tuch seine Bartflechte und benutzte dabei das Fensterglas als Spiegel. Er sagte, ohne den Mann anzusehen:
»Wie heißt du eigentlich?«
»Stenka.«
»So. Bist du Russe?«
»Ja, ich lebe aber schon vierzehn Jahre in Finnland. Ich arbeitete zuletzt in der Sägemühle.«
»Und was willst du von Matowski?«
Der Mann stellte den Pappkarton auf die kleine Bank. Er legte seinen Kopf weit zurück – fast wie Störche es tun – und schaute zu Roskow empor. Mit der Hand machte er eine merkwürdige Bewegung nach Osten. Dann sagte er:
»Ich habe einen Garten zu Hause, in Rußland, vielleicht 10000 Werst von hier entfernt. Da blühen jetzt die Natternköpfe und die Schweiflilien. Seit sechs Jahren will ich nach Hause fahren. Ich hatte mir Geld gespart bei meiner Arbeit in der Sägemühle. Aber wenn ich glaubte, es sei genug …«
»Dann hast du es vertrunken«, rief Roskow von seinem Fenster herab.
Der Mann sah auf seine Fußspitzen, seine Schultern zuckten. Roskow glaubte, er weine.
»Ich wollte nicht alles vertrinken.«
»So. Aber was willst du von Matowski?«
Stenka schob die Antwort etwas hinaus. Erst nach einer Weile sagte er: »Matowski schuldet mir noch etwas. Ich habe früher Blumenkästen für ihn gemacht. Er wollte mir die Arbeit schon damals bezahlen, aber ich dachte, daß es ganz gut sei, ein kleines Konto in der Welt zu haben. So bat ich ihn, mir das Geld schuldig zu bleiben.«
»Wolltest du das Geld heute verlangen?« fragte Roskow und ließ das Tuch, mit dem er die Bartflechte betupft hatte, in der Tasche verschwinden.
»Nein, ich wollte kein Geld von ihm verlangen. Ich wollte ihn nur um einige Blumen bitten, um einige Natternköpfe.«
»Hm. – Matowski wurde erschossen.«
In diesem Augenblick flog wieder das Sperlingsweibchen über das Geländer der Holzbrücke.
»Da, paß mal auf«, sagte Roskow.
Beide Männer blickten auf den häßlichen, verrunzelten Stein am Rande des Baches. Diesmal tauchte der Vogel seinen Schnabel ins Wasser und trank.
Irgendwo wurde eine Trommel geschlagen. Der Vogel flog fort. Roskow hob langsam seinen Kopf und wartete, daß sich der Trommelschlag wiederhole. Es blieb aber still.
»Was war das?« fragte Stenka.
Roskow antwortete ihm nicht, sondern machte mit der Hand ein Zeichen, daß der Russe zu ihm hereinkommen sollte. Als sie an einem braunen, breitrückigen Tisch saßen, nahm der Gastwirt eine Schnapsflasche mit grünem Etikett von einem Regal, stellte zwei gleich große Gläser vor sich hin und füllte sie. »Hier«, sagte er und schob Stenka ein Glas hin, »trink etwas. Dafür brauchst du mir nichts zu geben.«
Beide Männer reckten den Hals, legten den Kopf zurück und tranken. Nachdem der Gastwirt einen Augenblick aus dem Fenster gesehen hatte, sagte er, weit über die Tischplatte gebeugt: »Die Volksmiliz hat sicher wieder etwas vor. Vorgestern nacht wurden fast alle Lehrer verhaftet. Die neue Regierung räumt mächtig auf. Heute morgen waren bereits die ersten Prozesse. Man sagt, daß Kinder als Hauptzeugen aufgetreten seien.«
Stenka sah unbeweglich auf den Erzählenden. Die Finger der linken Hand hatte er unter der Schnur des Pappkartons eingeklemmt. Roskow stellte die Flasche wieder in das Regal, zog das weiche Tuch aus der Tasche und betupfte seine Bartflechte.
Unter dem Tuch hervor schlichen sich seine Worte: »Kinder haben gegen ihre Lehrer ausgesagt. Es sollen die dümmsten gewesen sein, die mit den einfachsten Zahlen und Worten nicht fertig werden. Sie sollen sich an ihren Lehrern für die Prügel gerächt haben, die sie wegen ihrer Dummheit und Faulheit empfangen hatten. Das hängt wohl auch mit der neuen Aufklärung zusammen.«
Roskow hatte diese letzten Worte sehr leise gesprochen. Der Russe konnte sie nicht richtig verstehen und fragte: »Aufklärung?«
»Die Aufklärung der Kinder«, antwortete Roskow, »die von der Regierung betrieben wird. Die Kinder sollen achtgeben auf ihre Lehrer, damit diese keine abgestandenen, gefährlichen Dinge lehren. – Sag mal, du hast in einem Sägewerk gearbeitet?« Stenka zuckte zusammen. »Ja«, sagte er, etwas betroffen, »was soll das denn? Warum fragst du mich das?«
Roskow lachte, als er merkte, daß der Mann bei seiner Frage erschrak.
»Du hast Hände, die viel eher einem Lehrer gehören könnten als einem Holzarbeiter. Ein Holzarbeiter kann mit seinen Händen fast diesen Tisch hier zudecken. Hast Du überhaupt Schwielen? Es laufen heutzutage viele in Finnland herum, die von der Volksmiliz gesucht werden.«
»Ich habe zwei Jahre an der Kreissäge gearbeitet. Später mußte ich in der Verwaltung des Sägewerks die Löhne ausrechnen«, antwortete Stenka ruhig.
»Hm«, machte Roskow und hob das weiche Tuch vom Boden auf, das ihm heruntergefallen war, als er es in die Tasche stecken wollte. »Kannst du denn gut rechnen? Ich will dich nicht ausfragen. Du kannst beruhigt sein. Aber vielleicht kann ich dir eine gutbezahlte Stelle verschaffen. Das heißt, der Mann, der dich beschäftigen soll, ist fett und geizig. Du mußt daher viel verlangen. Er wird dich zweimal hinauswerfen. Tue dann so, als ob du gehen wolltest. Dann wird er dich zurückrufen. Er braucht jemanden, der gut rechnen kann. Dann kannst du dir einen besseren Rock kaufen und zu deinen Schweiflilien fahren. In einem Sägewerk kann man doch nichts verdienen.« Roskow stand auf und ging an das Fenster. Er sah lange zu den mächtigen Kiefern hinüber, dann drehte er sich plötzlich um, so daß der Russe zusammenfuhr, und fragte mit hochgezogenen Brauen:
»Na, was sagst du zu meinem...




