E-Book, Deutsch, 644 Seiten
Lenz Exerzierplatz
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-81085-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 644 Seiten
ISBN: 978-3-455-81085-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Seit seinem Debütroman Es waren Habichte in der Luft von 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er 1955 seinen ersten großen Erfolg, Sein Werk ist geprägt von der Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Problemen (z. B. Der Mann im Strom, 1957, oder Brot und Spiele, 1959) und mit dem Nationalsozialismus bzw. seiner Aufarbeitung. Zu Lenz' größtem Erfolg wurde der 1968 erschienene Roman Deutschstunde. Bis heute ist die Geschichte eines Polizisten, der im Nationalsozialismus das Malverbot seines Freundes überwacht, eine bestechende Entlarvung eines pervertierten Pflichtgefühls. Das Buch wurde verfilmt, avancierte zur Pflichtlektüre an Schulen und war international ein großer Erfolg. Der Deutschstunde folgten viele weitere große Romane (Das Vorbild, 1973, Heimatmuseum, 1978, Der Verlust, 1981, Exerzierplatz, 1985, Die Auflehnung, 1994, Landesbühne, 2009), welche Siegfried Lenz neben Schriftstellern wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Martin Walser zu einem der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren machte. Sein zweiter Roman Der Überläufer erschien postum im Jahr 2016 und wurde ein großer Erfolg. Für seine Bücher wurde er mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Gerhart-Hauptmann-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.
Autoren/Hrsg.
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Cover
Titelseite
Exerzierplatz
Anhang
Über Siegfried Lenz
Impressum
Exerzierplatz
Sie haben ihn entmündigt. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber Magda hat gesagt, daß sie ihm einen Vormund bestellt haben, ihm, der eine Million Bäume und Pflanzen besitzt, die er wie kein anderer zum Wachsen bringt, hier, in den milden Ostseewinden. Solange ich denken kann, hat er dafür gesorgt, daß ich zu essen bekam, und er hat es bestimmt gewußt – wenn nicht sogar befürwortet –, daß Magda mir oft spät in der Dunkelheit Reste aus der Küche brachte, Brotenden und Wurst- und Käsescheiben für den Nachthunger. Er hat alles über mich gewußt, nicht nur über meinen ewigen Hunger, und vermutlich empfand er soviel für mich, daß er mich einmal seinen Freund genannt hat, seinen einzigen Freund; das war, als er mir die Aufsicht über alle Messer und Scheren anvertraute, über die schönen Okulier- und Stecklingsmesser, über die Schnelläugler und Schwunghippen. Wenn ich’s richtig bedenke, Bruno, hat er damals gesagt, bist du mein einziger Freund. Danach hat er sich hingesetzt, in unserem alten kleinen Geräteschuppen, den er für mich zur Wohnung hat ausbauen und mit Sicherheitsschlössern versehen lassen, hat sich hingesetzt und mich lange grüblerisch angesehen.
Wenn Magda nicht gesagt hätte, daß sie ihn entmündigt haben, hätte ich mir gewisse Veränderungen gar nicht erklären können, jetzt aber weiß ich, woher sein besserwisserisches Lächeln kommt und die Mattigkeit und diese Scheu, die ich nie zuvor an ihm festgestellt habe. Er ertappte mich, als ich in der Abenddämmerung die jungen Nadeln aus den Fichten riß und aus ihrem harzigen Ende die Süße saugte, die den Hunger besänftigt und gegen die Gicht schützt. Früher hätte er sich erregt und wäre rot angelaufen unter seinem struppigen Stoppelhaar, jetzt aber lächelte er nur besserwisserisch und blickte auf seinen Hund hinab, scheu, als riskierte er nicht, mich zur Rede zu stellen. Ach, Bruno, sagte er, und das war schon alles. Da beeilte ich mich, zu dem neuen Geräteschuppen zu kommen, um noch vor der Dunkelheit die Rillenscheibe zu reinigen und vielleicht auch noch die Zapfegge und die Pflüge.
Bei Dunkelheit bin ich am liebsten bei mir zuhause, liege auf meinem Lager oder sitze auf dem braunen Sessel, den der Chef mir vor vielen Jahren geschenkt hat, zur Belohnung für einen Dienst, den ich ihm erwiesen haben soll. Licht mache ich selten, auf die beiden Sicherheitsschlösser kann ich mich verlassen. Die Quartiere der Jungpflanzen, die endlosen Spaliere der Koniferen und Buschbäume liegen dann verlassen da, alle Kulturen scheinen sich zu ducken in Erwartung des Hakenmannes, den ich so oft im Traum gesehen habe; es ist ein kleiner, barfüßiger Mann mit einem Haken, der still durch unsere Pflanzungen geht und nach einem Plan, den nur er kennt, die jungen Stämme knickt. Meist warte ich bis zum Pfeifen der Lokomotive, die weit hinter unserer Baumschule einen Zug durch hügeliges Land schleppt, nach Schleswig, und ich nehme mir dann vor, eines Tages auch aufzubrechen, um eine Stadt kennenzulernen.
In besserer Zeit brachte Magda mir Brötchen und Schinkenscheiben, die als angetrocknet galten; obwohl ich beobachten konnte, wie Magdas Schatten sich vom großen Haus löste, ließ ich sie siebenmal klopfen und öffnete erst, nachdem sie sich am Fenster gezeigt hatte. Es hat ihr Freude bereitet, mir beim Essen zuzusehen, und sie hat mich bewundert, wie schnell ich mit allem fertig wurde. Wie oft hat sie danach meine offene Hand unters Licht gezogen, um in den Linien zu lesen, doch an einer bestimmten Stelle seufzte sie immer und schüttelte ärgerlich den Kopf, weil da angeblich ein Planetenberg fehlte und ein Kreuzweg in die Irre führte. Das, hat sie gemeint, sei schon ein Grund, um mir gegenüber vorsichtig zu sein; dennoch ist sie manchmal bei mir geblieben bis zum Morgen, hat ihre Hand auf meine Brust gelegt und gegen meinen Hals geatmet. Ich weiß nicht, warum sie mich immer wieder nach meinen Eltern fragte, ich hab ihr doch mehr als einmal gesagt, daß sie nach dem Untergang des großen Landungsprahms auf einem gelben Floß davontrieben, während ich zwischen Soldaten und Pferden schwamm, so lange, bis sich der alte Raddampfer herangeschaufelt hatte, die »Stradaune«.
Ob ich fortgehen muß nach der Entmündigung des Chefs, konnte Magda auch nicht sagen; obwohl sie drüben im großen Haus ist, in der Festung, wie wir es nennen, hat sie noch nichts erfahren, was mich beunruhigen müßte. Er, der immer gut zu mir war, der mich einmal seinen einzigen Freund genannt hat, sitzt nach wie vor am Kopfende des Tisches, schluckt vor jeder Mahlzeit seinen doppelten Wacholder, den sein Sohn ihm serviert, schneidet aus Tradition das Fleisch und führt das Wort, dem, wenn es sein muß, nur einer widerspricht, Dorothea Zeller, seine Frau. Wenn Magda nur nicht vergißt, mir die neuesten Nachrichten aus der Festung zu bringen; seit dieser Serbe hier bei uns arbeitet, ist sie nur noch selten zu mir gekommen, dieser rotäugige Mirko, der mir immer eine Hand auf die Schulter legt, wenn er mit mir spricht. Vielleicht sollte ich mir ein Herz fassen und den Chef selbst fragen, er könnte mir eher als jeder andere sagen, ob ich nun fort muß aus Hollenhusen, fort von meinem Lieblingsquartier, den veredelten Blaufichten, die ich alle selbst gestäbt habe. So, wie wir miteinander stehen, ist es nicht ausgeschlossen, daß er mir sogar erzählt, warum sie ihn entmündigt haben – ihn, dem hier jeder etwas verdankt –, und was das alles für ihn bedeutet. Wenn ich nur in seiner Nähe bleiben darf.
Nach seinen Anweisungen arbeite ich am liebsten; sagt er mir, daß ich unsere Windschutzpflanzung auslichten soll, dann zwitschert und schnappt und singt mein Werkzeug nur so im Thujagehölz, und die Hecke dankt uns bald mit ihrer Dichte und Schnellwüchsigkeit. Fast genau so gern lasse ich mir die Arbeit von Ewaldsen zuteilen, unserm Vorarbeiter, der auch im Sommer mit geflickten Gummistiefeln herumläuft, mir jeden Satz mehrmals wiederholt und noch jedesmal erstaunt war über die Menge der Pflanzen, die ich umtopfen konnte. Mit Joachim, dem Sohn des Chefs, hab ich meine Schwierigkeiten; gibt der mir Anweisungen, dann taucht er mehrmals unerwartet auf, kontrolliert, sieht auf die Uhr, überschlägt die Leistung; meist geht er kopfschüttelnd weg in seinen lederbesetzten Kniehosen. Wenn’s nach ihm ginge, dürfte ich wohl kaum hierbleiben; dabei hab ich ihn heranwachsen sehn und hab so manches Mal auf mich genommen, was er verschuldet hatte. Aufgeregt bin ich immer, wenn die Frau des Chefs mich rufen läßt; einmal soll ich ihr Kaminholz sägen und spalten, ein anderes Mal wünscht sie, daß ich die Kartoffeln in ihrem Keller verlese; sie bleibt dann immer dabei, nicht, um mich zu beaufsichtigen, sondern um mit anzufassen. Ihr helles Gesicht, das ich bei der Arbeit heimlich anschaue, beweist schon ihre Unabhängigkeit.
Viel gäbe ich dafür, wenn Inas Kinder mir nichts zu sagen hätten, doch sie ist die Tochter des Chefs und lebt auch nach dem Unglück bei uns, und obwohl ich weiß, daß es ihre Söhne sind, die mir aus einem Versteck Erdklumpen oder Hölzer oder sogar Steine nachschmeißen, helfe ich ihnen beim Aufschlagen eines Zelts, wenn sie es wünschen, bringe ihnen ihre Schaukel an oder gehe zur Holle hinab, um in dem lichtarmen Flüßchen Kaulquappen für ihr Aquarium zu fangen.
Ich bin mir doch nicht sicher, ob ich den Chef ansprechen soll; vielleicht war er an dem Abend, als er mich beim Kauen der Fichtennadeln überraschte, nur deshalb so einsilbig, weil er mir noch immer den Verzicht auf sein Geschenk nachträgt. Auch wenn ich einiges von ihm gewohnt bin, erschrockener war ich nie. Er ist einfach zu mir hereingekommen an einem Sonntag, hat sich hingesetzt und mich lange angesehen mit seinen eisblauen Augen, und dann hat er angefangen, sich zu erinnern: wie wir gemeinsam dieses Land ausschritten, das durch viele Jahre, bis zum Ende des Krieges, ein Exerzierplatz gewesen war; wie wir uns der mineralischen Beschaffenheit des Bodens durch Knet- und Fingerproben versicherten; wie wir uns sorgten, ob die von weither aus dem Osten mitgebrachten Samen keimen würden. Und plötzlich hat er seine Taschenuhr herausgezogen und sie mir mit geöffnetem Sprungdeckel zugeschoben, und da ich zögerte, die goldene Uhr zu berühren, sagte er: Damit du etwas hast, das dich an unsere Anfänge erinnert; doch ich wagte es immer noch nicht, die Uhr in die Hand zu nehmen, denn auf dem Sprungdeckel war etwas eingraviert. Soviel er auch nickte und drängte, ich rührte die Uhr nicht an, weil ich mit ihr sofort aufgefallen wäre oder mich sofort einem Verdacht ausgesetzt hätte, und wenn ich etwas zu vermeiden versuche, dann ist es dies: aufzufallen. Ich habe starr auf die Gravur gedeutet, bis er sie endlich las; er schien nur ein wenig verblüfft und hat den Sprungdeckel zugedrückt und ist ohne ein weiteres Wort gegangen.
Einen wüßte ich, der mir offen sagen würde, worauf ich jetzt gefaßt sein muß, und wenn er nur hier wäre, würde ich ihn mit Freude aufsuchen, weil er immer gut zu mir war, weil er mir angeboten hat, zu ihm zu kommen, wenn mich etwas bedrückt – aber Max, unser Krauskopf, ist fort, der älteste Sohn des Chefs ist in der Stadt und spricht da zu tausend Studenten, und wenn ich ihm schriebe, würde es ihn nur belasten. Magda hat gesagt, daß in den Zeitungen, die in der Festung herumliegen, manchmal sein Bild zu sehen ist. Bescheidener als er hat keiner hier gelebt, doch er wollte es nicht anders haben, nur Stuhl, Bett und Tisch; die Ziegelsteine und die Bretter, aus denen er seine Bücherregale machte, hab ich ihm in Hollenhusen besorgt. Er kommt nur selten zu Besuch, kommt nicht einmal zu allen großen Festen, doch wenn er seinen Besuch angekündigt hat, bin ich schon früh auf unserem...




