Leo | Flut und Boden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Leo Flut und Boden

Roman einer Familie
3. Auflage 2014
ISBN: 978-3-608-10699-2
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman einer Familie

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-3-608-10699-2
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei ungleiche Brüder aus einer stolzen Stadtvilla an der Weser: Aus Martin wird ein Goetheaner und genauer Beobachter seiner Welt, aus Friedrich ein aktivistischer Krieger und Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Für den Enkel entwickelt sich die Nazi-Vergangenheit seines Großvaters zur Obsession. In einer persönlichen Krise stürzt sich der angehende Historiker Per in die Erforschung der Vergangenheit seines Großvaters Friedrich. Aber erst als er Friedrich dessen vergeistigten Bruder Martin an die Seite stellt, gewinnt er ein tatsächliches Bild vom Glanz und Niedergang seiner Familie. In dem ihm immer fremd gebliebenen Nazi-Opa entdeckt er einen rebellischen jungen Mann, der uns viel näher ist, als uns lieb sein kann. Seine Liebe jedoch gilt dem Großonkel Martin. »Flut und Boden« ist eine deutsche Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert, aber vor allem ein herausragendes literarisches Debüt.

Per Leo, geb. 1972, wurde mit einer Arbeit über die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland promoviert. Sein Debütroman »Flut und Boden« stand auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. Der von ihm mitverfassten Leitfaden »Mit Rechten reden« wurde zum vieldiskutierten Bestseller. Leo lebt als freier Autor und Schatullenproduzent in Berlin.
Leo Flut und Boden jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2. KAPITEL
THE MAKING OF A NAZIENKEL


Als ich Mitte Januar 1995 aus den Weihnachtsferien zurück nach Freiburg kam, versank ich in Agonie und tauchte in Panik auf. Nie zuvor hatte ein Frühling so unerträglich grell begonnen wie in den frühen Märztagen, als meine Großmutter starb. Sollte ich über diesen Tod so etwas wie Traurigkeit empfunden haben, hätte er in der Rangliste meines Elends nur sehr weit hinten – unter »was auch noch passierte« – rangiert. Meine größte Sehnsucht galt dem Einbruch der Dunkelheit, wenn ich ohne den brennenden Fluchtimpuls, der tagsüber jede innere Ruhe verhinderte, im Bett liegen konnte. Doch schon kurz vor dem Einschlafen wich das Gefühl der Geborgenheit dem Gedanken an das Herzrasen, das mich am Morgen wieder wecken würde. An der Unterseite des Regalbretts, das über meinem Bett hing, hatte ich einen Zettel befestigt, auf dem stand: Steh auf, du Arschloch. Schon nach wenigen Tagen sah ich ihn nicht mehr.

Es sagt viel über den Grad meiner Verzweiflung, dass ich meine Mutter um Hilfe gebeten haben muss. Denn ich erinnere mich noch an den lakonischen Rat, den sie mir gab. Wenn du den Weg verloren hast, geh einfach weiter, hatte sie gesagt. Ein Ziel würde sich dann schon finden. (Das war eine von drei Maximen, die sie mir mitgab. Wenn du Geld hast, lautete die zweite, gib es aus: es wird zu dir zurückfließen. Und wenn das Geld knapp ist, so die dritte, kauf dir lieber eine Flasche Champagner als fünfzig Flaschen Bier.) Ich erinnere mich auch, dass ich an diese Worte dachte, als ich auf der Treppe zur Universitätsbibliothek haltmachte und minutenlang mit dem Gedanken spielte, umzudrehen und mich nach Ausbildungsmöglichkeiten bei der Kriminalpolizei zu erkundigen.

Ich ging weiter und las Treitschke.

Im obersten Stockwerk des Bibliotheksneubaus konnte man über die Dächer dieser entsetzlichen Stadt hinweg bis zur Rheinebene sehen. Durch die getönten Scheiben erschien sie in zartem Orange. Treitschke war irgendwie gelb. Gelb wie das Kaiserreich. Gelb wie die Erscheinung des schwebenden Hauses, Baujahr 1887, die mich seit dem Zwischenfall auf der Autobahn nicht mehr verlassen hatte. Das Lesen war eine Qual. Ich kratzte Zeile für Zeile zusammen und hatte keine Ahnung, wie aus diesen Wissenskrümeln je eine Seminararbeit entstehen sollte. Doch wenn ich, um mich von der Anstrengung zu erholen, ab und an aufsah und abwechselnd aus der Stadt hinaus zum Rhein und aus meinem Elend hinaus auf das gelbe Haus blickte, dann ging es mir zwar nicht besser. Aber wenigstens stand die Zeit mal still. Von solch seltenen Momenten der Linderung abgesehen, wirkten nicht einmal die sonst zuverlässigsten Stimmungsaufheller. Dass Werder um ein Haar Deutscher Meister geworden wäre, nahm ich zur Kenntnis wie das Ergebnis einer Schweizer Kantonswahl. Und dass ich 1995 in Freiburg das 1995 veröffentlichte Lied »Freiburg«, das ein Befreiungsschrei hätte sein können, überhaupt nicht bemerkte, ist ebenfalls sehr bezeichnend.

Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse,

Tanztheater dieser Stadt.

Ich bin alleine und ich weiß es,

und ich find es sogar cool,

und ihr demonstriert Verbrüderung.

Das Einzige, was irgendwie funktionierte, war Nazis jagen. Einen Nazi, genauer gesagt. Einen toten Nazi, um noch genauer zu sein. Zeit seines Lebens hatte mir mein Großvater kaum etwas bedeutet. Aber jetzt, als toter Sturmbannführer, wurde er mir ein treuer Begleiter, eine echte Stütze in der Not.

Den Entschluss zur Recherche hatte ich bereits auf der Rückfahrt aus Bremen gefasst. Und schon da war mir die Möglichkeit, Großvaters Tätigkeit bei der SS zu erforschen, wie ein Ast am Ufer eines bedrohlich schneller werdenden Flusses vorgekommen, den ich um keinen Preis mehr loslassen wollte. Es war erstaunlich einfach. Ein Anruf beim Berlin Document Center, eine Unterschrift, und keine zwei Wochen später hielt ich eine Kopie seiner Personalakte in der Hand. Als ich den Umschlag, der zu dick für den Briefkasten war, auf der Schwelle unserer Mansardenwohnung in der Unterwiehre liegen sah, durchzuckte mich helle Vorfreude. Für die Dauer eines Blitzes zeichneten sich vor mir die Umrisse eines Spielbretts ab, das ich so zauberhaft deutlich wie in diesem Augenblick meines ersten Erfolges als Nazijäger nie wieder sehen sollte. Aber es verschwand auch nicht mehr ganz. Wann immer ich in den kommenden Monaten, sei es über den Personaldokumenten des BDC, in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg oder im Berliner Bundesarchiv, wieder ein Schriftstück in den Händen hielt und mich fragte, wie es zu den anderen Stücken passte, kam es mir vor, als säße ich in einem versteckten Kellerraum, der nichts enthielt als einen Tisch und eine schwache Glühbirne. Doch um wie viel besser war dieses einsame Spiel als die gleißende Leere, in der mein sonstiges Leben gerade zerrann. Im Grunde war es nichts anderes als die Partie Patience am Ende eines Tages, der alle Kraft zum abendlichen Lesen, Schreiben oder Ausgehen für sich behalten hat: kein Glück, aber immerhin eine Pause, die sich zwischen den Stumpfsinn der Arbeit und die Besinnungslosigkeit des Schlafs schob, eine Ablenkung von etwas, das auf Dauer nicht auszuhalten gewesen wäre. Eine warme Fanta in der Wüste.

Von anderen nutzlosen Spielen unterschied sich dieses nur dadurch, dass es die vage Aussicht auf einen großen Gewinn enthielt, ohne dass ich gewusst hätte, wie er aussah und wo ich ihn hätte abholen können.

Und dann waren die Akten ausgelesen. In groben Zügen stand das Bild meines Großvaters im Dritten Reich. Aber ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Der Nazi war erlegt – und nun? Nirgendwo ist der Frühling so ungeduldig wie in Freiburg. Als das Magnoliengewitter verstummt war, so plötzlich wie es begonnen hatte, war da nichts mehr als Helligkeit und Hitze.

Ich traf Felix im Biergarten auf dem Schlossberg, entschlossen, ihm alles zu erzählen. Doch erschrocken stellte ich fest, dass es gar keine Worte gab für das, was da seit Wochen mit mir los war. Zum Abschied probierte ich einen Witz, er misslang. Vielleicht ging es aber auch gar nicht um Worte. Ich schlich den Berg hinunter, dem prallen Frühsommertag schutzlos ausgeliefert. Es war unmöglich, nach Hause oder in die Bibliothek zu gehen, jeder geschlossene Raum wäre mir wie ein Käfig vorgekommen. Um aber dem Fluchtimpuls nachgeben zu können, war es zu heiß. Irgendwann fand ich mich auf der Treppe der kleinen Adelhauser Klosterkirche wieder, unter dem Schatten einer alten Kastanie, den Kopf im Schoß vergraben. So tat es immerhin etwas weniger weh. In der Nähe plätscherte ein Wasserstrahl, sonst war es still – bis plötzlich aus einem offenen Fenster eine klare Querflötenmelodie erklang, nicht zu forsch, nicht zu wehmütig, aber von großer Kraft. Sonst hätten sich die Tränen nicht gelöst. Dann eine Stimme über mir, ein Mädchen, vermutlich Studentin, nicht zu hübsch, nicht zu hässlich, aber angenehm unaufdringlich. Ob sie mir helfen könne. Ich schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. Sie ging. Wie sehr sie mir schon geholfen hatte, konnte ich ihr nicht mehr sagen.

Von diesem Erlebnis ermutigt, beschloss ich kurz darauf, mir sogenannte professionelle Hilfe zu suchen. Aber wo? Die Stadt, insbesondere mein Viertel, war vollgepackt mit hochsensiblen Psychotherapeuten. Doch mich um einen von ihnen zu bemühen, schien mir so aufdringlich und hoffnungslos wie an einer der Fachwerkvillen in der Nachbarschaft zu klingeln, um ein Gästebett zu fordern. Ich tat, was man halt tut, wenn man sich seine Probleme eigentlich nicht leisten kann. Ich wählte die Nummer eines Notrufs.

Einige Tage später wartete ich in einem kleinen, von Betonpfeilern und einem Glasdach umschlossenen Lichthof, in dem so viele Zimmerpflanzen in einer von braunen Speicherkügelchen gehaltenen Nährstoffbrühe vor sich hinwucherten, dass er kaum noch Licht enthielt. Psychosozialer Notdienst des Studentenwerks Freiburg e. V. Das niedrige Zimmer, in das ich bald gerufen wurde, hatte keine Fenster, nur eine Glasfront zum Dschungel. Ein albtraumartiger Tunnel, am einen Ende tödlicher Wald, am anderen eine Wand. Mir gegenüber saß eine blonde Frau und sah mich an, als ob ich etwas von ihr wollte. Das stimmte ja auch, aber dass man hier initiativ werden musste, nur weil es umsonst war, irritierte mich doch etwas.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte sie irgendwann.

Ja, wenn ich das wüsste. Sagen Sie es mir, dachte ich, während ich sagte: »Mir geht es nicht gut.«

Was Sie nicht sagen, sagte ihr Blick, während ich sie sagen hörte: »Beschreiben Sie es doch.«

Es war wie mit Felix, ich fand keine Worte. Nur dass es nicht Felix war.

»Na ja, ich fühle mich irgendwie so leer«, sagte ich schließlich verzagt, fast abwiegelnd, »orientierungslos. Ich weiß nichts mit mir anzufangen.«

»Das Übliche also.«

Wie bitte? Keine zwei Minuten in professionellen Händen und schon die Gewissheit, dass es doch noch schlimmer ging. Mit letzter Kraft nahm ich erneut Anlauf.

»Ich kann nicht richtig arbeiten. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich bin so müde.«

»Haben Sie überhaupt schon mal richtig gearbeitet? Körperlich gearbeitet, meine ich.«

Verdammt, mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. Du hast schon mal körperlich gearbeitet, ganz sicher, das weißt du, dachte ich, jetzt vollständig gefangen in der Prüfungsfalle dieser offenbar mit allen Wassern gewaschenen Fachfrau. Aber wo war das nochmal? Verdammt, wo war das?

»Wissen Sie«, schickte sie hinterher, »ich komme...


Leo, Per
Per Leo, geb. 1972, wurde mit einer Arbeit über die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland promoviert. Sein Debütroman 'Flut und Boden' stand auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. Der von ihm mitverfassten Leitfaden 'Mit Rechten reden' wurde zum vieldiskutierten Bestseller. Leo lebt als freier Autor und Schatullenproduzent in Berlin.

Per Leo, geb. 1972, wurde mit einer Arbeit über die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland promoviert. Sein Debütroman 'Flut und Boden' stand auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. Der von ihm mitverfassten Leitfaden 'Mit Rechten reden' wurde zum vieldiskutierten Bestseller. Leo lebt als freier Autor und Schatullenproduzent in Berlin.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.