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Leonhard | Der Atem des Drachen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Leonhard Der Atem des Drachen

Codex Aureus 8
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6989-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Codex Aureus 8

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7578-6989-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Märchen sind seit jeher fantastischer Erzählstoff. In allen Kulturen berichten sie von den Nöten und Hoffnungen der Menschen. Poetisch und spannend erzählen sie von der Sehnsucht nach Liebe, einem glücklichen Leben, Freiheit und Gerechtigkeit. Vor allem aber versichern sie uns, dass Güte und Edelmut eines Tages belohnt werden. Der Atem des Drachen ist eine Sammlung neuer Märchen. Sie handeln von klugen Frauen und sensiblen Männern, von Nixen, Feen - und einem Drachen. Es geht um Armut, Freundschaft, Liebe und Katastrophen; vor allem aber um Zusammenhalt und Solidarität.

Großstadtpflanze, Mittelalter-Zeitreisende, Kopfkinobetreiberin ... Nike Leonhard ist in vielen Welten zuhause und schreibt darüber. Dabei gehört die Leidenschaft der studierten Juristin der Fantastik. Innerhalb dieses Genres hat sie sich auf die kurzen Formate spezialisiert. Ihre Novellen, Märchen, Erzählungen und Kurzgeschichten erscheinen in der Edition Codex Aureus, die sie selber herausgibt. Nike Leonhard lebt mit Mann, zwei Kindern und Hund in Frankfurt am Main.
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Der Fischer und die Nixe


AN DER KÜSTE LEBTE EINST EIN FISCHER, der war jung und fleißig, aber so arm, dass er sich kein Boot leisten konnte. So blieb ihm nur, längs des Strandes zu fischen.

Von morgens früh bis zum Sonnenuntergang stand er bis zu den Knien im Wasser und warf sein Netz aus. Dabei war der Fang oft so gering, dass nur er selbst davon satt wurde und nichts auf den Markt tragen konnte, um es dort zu verkaufen. Trotzdem konnte er sich kein besseres Leben vorstellen. Er liebte das wogende Meer, dessen Rauschen, Glucksen und Raunen ihn bis in die Träume begleitete. Genauso liebte er den weiten Himmel darüber. Sogar die harte Arbeit gefiel ihm. Während er darauf wartete, sein Netz einzuholen, sah er den Wolken nach, die über ihm dahinzogen, lauschte den Schreien der Möwen und fühlte sich gesegnet. Er war frei, niemandes Knecht, umgeben von Schönheit.

So lebte er mehrere Jahre mit sich und der Welt im Reinen, bis eines Tages plötzlich alle Fische aus der Bucht verschwanden. Als sein Netz den ersten Tag leer blieb, zuckte er noch mit den Schultern. Solche Tage gab es. Darauf war er vorbereitet.

Aber auch am nächsten Tag fing er nichts als Tang und leere Muschelschalen. Da gruben sich erste Sorgenfalten in seine Stirn, und als er am dritten immer noch nichts gefangen hatte, verdüsterte sich sein Blick. Seine Vorräte waren praktisch aufgebraucht. So etwas war ihm noch nie widerfahren. Er fragte die anderen Fischer und erfuhr, dass auch sie seit vier Tagen kein Glück gehabt hatten.

»Das kann passieren«, sagte einer der ganz Alten. »Manchmal, wenn es draußen auf dem Meer einen schweren Sturm gegeben hat oder die Meergeister gegen uns sind, bleiben die Fische für drei oder auch vier Tage aus. Bestimmt wird es morgen wieder besser!«

Doch es wurde nicht besser. Auch am fünften und sechsten Tag fing der junge Fischer allen Anstrengungen zum Trotz nicht einmal eine Sprotte. In seiner Not begann er, Tang zu kauen. Der füllte den Magen und betäubte den Hunger wenigstens ein bisschen. Aber er gab keine Kraft für die schwere Arbeit.

Im gleichen Maß, wie seine Kräfte schwanden, wuchs die Verzweiflung des jungen Fischers. Er brauchte richtige Nahrung. Doch das Einzige von Wert, das er besaß, das Einzige, das er gegen etwas zu essen verpfänden konnte, war sein Netz. Seine Lebensgrundlage. Ohne sein Netz würde er nie wieder einen Fisch fangen. Dann wäre es aus mit dem freien Leben. Als die Sonne am Abend des siebten Tages den Horizont berührte, schien dieses Schicksal besiegelt. Obwohl er vor Hunger und Erschöpfung taumelte, hatte der junge Mann wieder keinen einzigen Fisch gefangen. Wenn er auch an diesem Abend nichts Nahrhaftes zu Essen bekam, würde ihm am nächsten Morgen die Kraft fehlen, das schwere Netz noch einmal auszuwerfen.

»Einmal noch«, schwor er sich. Einmal noch wollte er es versuchen, bevor er sich in das Unvermeidliche schickte. Er blickte auf das Meer, das im Licht der untergehenden Sonne wie Blut und flüssiges Gold schimmerte, sandte ein stummes Gebet in den Himmel und warf mit letzter Kraft das Netz.

Schon beim Loslassen erkannte er, dass der Wurf nichts taugte. Seine Arme waren zu schwach und er selbst zu müde, um dem Netz den richtigen Schwung zu geben. Nur halb entfaltet und nur ein kleines Stück von seinen Füßen entfernt klatschte es auf die Wellen. Tränen der Verzweiflung brannten in seinen Augen, als er es wieder einholte. Es war zu spät. Einen weiteren Versuch würde es nicht geben. Schon jetzt war die schnell sinkende Sonne nur noch ein Streif über dem Wasser. Bis er das Netz eingeholt hatte, würde sie ganz versunken sein. Er konnte von Glück sagen, wenn er seine Hütte vor Einbruch der Dunkelheit erreichte, denn mit ihr kamen die Geschöpfe der Nacht. Wehe dem, der dann im Freien war!

Das Netz erwies sich als unerwartet schwer. Der junge Fischer schob es auf die eigene Schwäche, denn zwischen den Maschen lag nur einen Klumpen Tang, der nie und nimmer so schwer sein konnte. Dann bemerkte er die ungewöhnliche Form und im nächsten Moment sah er etwas aufblitzen. Es war nicht der silbrigen Glanz von Fischschuppen, sondern ein goldenes Funkeln. Zuerst glaubte der junge Mann, das schwindende Licht und die tief stehende Sonne würden ihn narren. Doch das Glitzern blieb.

Mit neuer Hoffnung zog der Fischer das Netz an den Strand. Mit zitternden Fingern löste er den unerwarteten Fang aus den Maschen und befreite ihn vom Tang. Als er fertig war, hielt er eine Art Kamm in den Händen. Es schon war zu dunkel, um noch Einzelheiten zu erkennen, nur, dass dieser Kamm groß, langzinkig, schlecht zu fassen und ziemlich schwer war. Für den Fischer schien kein sinnvoller Nutzen damit verbunden; er ärgerte sich, so viel Zeit und Kraft auf einen so nutzlosen Gegenstand verschwendet zu haben. Beinahe hätte er ihn zurück ins Meer geworfen.

Dann besann er sich, dass der Kamm doch einen Nutzen haben würde, wenn es ihm gelang, ihn auf dem Markt gegen ein paar Kupferstücke oder Lebensmittel einzutauschen. Dann hätte er zu essen und konnte sein Netz behalten.

Also ließ er den Kamm in die Tasche fallen, in der er in besseren Zeiten seine Fische heim trug und machte sich auf den Weg zu seiner Hütte. Es war bereits ganz und gar dunkel, als er dort eintraf. Das Feuer im Herd war längst erloschen und ihm fehlte das Holz, um neues zu machen. Aber in der Lampe war noch ein Rest Tran. Der Fischer zündete sie an, zog den Kamm aus der Tasche und legte seinen seltsamen Fang auf den Tisch, um ihn genauer zu betrachten und zu entscheiden, was damit geschehen sollte.

Der Fischer staunte nicht schlecht, als das blakende Licht funkelnd zurückgeworfen wurde. Der Kamm, der da auf dem rauhen Holz seines Tisches lag, war bei Weitem das Schönste und Kostbarste, das er je gesehen hatte. Er war aus purem Gold, wundervoll graviert und über und über mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Voller Ehrfurcht hob der Fischer ihn hoch und drehte ihn zwischen den schwieligen Fingern, um ihn von allen Seiten zu betrachten. Aber was tat man damit? Die Zinken waren viel zu lang, um sich damit zu kämmen. Allenfalls ins Haar könnte man ihn stecken. Der Fischer hatte gelegentlich Frauen und auch Männer gesehen, die sich ihr Haar mit Kämmen hochgesteckt hatten – aber diese Kämme waren aus Holz gewesen. Selbst die Frau des Stadtverwalters trug lediglich ein paar silberne Nadeln in ihrem Dutt. Für einen armen Fischer war so ein Kamm erst recht ein Luxusgegenstand ohne Gebrauchswert.

Aber er konnte ihn verkaufen und bis es so weit war, konnte er sich an der Schönheit dieses Schatzes erfreuen. Genau das tat er auch. Wieder und wieder fuhr er mit seinem schwieligen Finger die feinen Gravuren im Gold nach. Wieder und wieder drehte er den Kamm und freute sich am Aufblitzen der Edelsteine, das ihn an das Glitzern der Sonne auf den Wellen erinnerte. Erst als der Docht der Lampe jäh aufglühte, weil der Tran bis auf einen winzigen Rest verbraucht war, wickelte der Fischer den Kamm schweren Herzens in ein altes Tuch, löschte das Licht und legte sich schlafen. Es stimmte ihn traurig, sich von etwas so Schönem trennen zu müssen. Gleichzeitig tröstete ihn der Gedanke, wie reich er nach dem Verkauf sein würde. Gleich morgen würde er sich auf den Weg in die Stadt machen, und dann…

In allen Einzelheiten malte er sich aus, was er sich von dem Geld kaufen wollte. Nicht nur Lebensmittel, das war sicher. Auch neue Kittel und neue Hosen. Seine alten Kleider waren so verschlissen, dass sie kaum mehr als Putzlappen taugten. Und dann wollte er das Dach seiner Hütte reparieren. Das war ebenfalls dringend nötig. Ob das restliche Geld wohl reichte, um ein paar neue Möbel anschaffen? Oder vielleicht– ein Boot? Auch wenn es nur ein kleines, gebrauchtes war. Allein der Gedanke, ein eigenes Boot zu besitzen, ließ sein Herz höher schlagen.

Das Glücksgefühl endete jäh, als ihm aufging, dass er den Kamm nicht verkaufen konnte. Nicht auf dem Markt und auch sonst nirgends! Jeder, der ihn mit diesem Schatz sah, würde nach Erklärungen fragen und niemand würde glauben, dass er etwas so kostbares aus dem Meer gefischt hatte. Nicht an dieser Stelle, so dicht am Strand. Nach einem Sturm vielleicht. Nach Stürmen fand sich allerlei im flachen Wasser. Aber nichts blieb dort lange unbemerkt. Und es hatte keinen Sturm gegeben – ganz im Gegenteil! Daher hätte der Kamm längst gefunden sein müssen. Also würde man denken, dass er gestohlen sei und die Geschichte nichts als eine Lüge, um die Tat zu vertuschen. Man würde ihn vor den Kadi zerren und als Dieb anklagen. Er konnte von Glück sagen, wenn der Richter Erbarmen hatte, weil er arm war und am verhungern. Aber der Richter würde auch sagen, dass da ja noch das Netz gewesen sei, das er habe verkaufen können, und dass es deshalb keinen Grund zum Stehlen gegeben hätte. Seine Verurteilung stand also fest. Im besten Fall würde der Kadi ihm danach noch zugute halten, dass er sich nie etwas hatte zuschulden kommen lassen. Vielleicht würde das Gericht deshalb Gnade vor Recht ergehen lassen und darauf verzichten, ihm die Hand abhacken zu lassen. Aber...



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