E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Lercher Mörderisch gute Gelegenheiten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7099-3793-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Krimi-Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3793-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Lercher, geboren 1965 in Hartberg/Steiermark. Studium der Erziehungswissenschaften in Graz, lebt seit 1989 in Wien. Neben ihrer Tätigkeit in der Bundesverwaltung schreibt sie seit 2001 Kriminalromane und Kurzkrimis, u.a. Die Mutprobe (2006), der für den ORF/MDR verfilmt wurde.
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Mörderisch gute Gelegenheit
Karl Riedmüller hatte seine Frau über die Weihnachtsfeiertage nach Lübeck eingeladen. Schon lange hatte sich Else ein Wiedersehen mit ihrer langjährigen Freundin Wiebke gewünscht, die vor Jahren hierher gezogen war. Karl hätte zwar lieber einen Schiurlaub in einem Tiroler Nobelhotel verbracht, aber er sah ein, dass es notwendig war, dieses Opfer zu bringen. Wie Else hinter seine Affäre mit der Chefsekretärin eines Geschäftspartners gekommen war, war ihm immer noch ein Rätsel. Elses Drohung, sich nun endgültig von ihm zu trennen, hatte ihn jedoch aufgeschreckt. Das Geld, das ihm Nora, seine erste Frau, hinterlassen hatte, ging allmählich zur Neige und an Elses Vermögen kam er nur, wenn sie vor ihm das Zeitliche segnete. Auch wenn Else ständig über irgendwelche Beschwerden klagte und zu deren Linderung diverse Esoterik-Seminare besuchte, war Karl überzeugt, dass ihre Leiden mehrheitlich eingebildet waren. Dass sie vor ihm sterben würde, erschien ihm deshalb unwahrscheinlich, eine Scheidung kam für ihn sowieso nicht infrage. Wie sollte er ohne ihre Unterstützung seinen aufwändigen Lebensstil, die wechselnden Geliebten und den Lamborghini finanzieren? Die Einladung in die Hansestadt sollte Ausdruck seiner Reue sein und es beruhigte ihn, dass Else sie angenommen hatte. Eine allerletzte Chance werde er bekommen, hatte sie gesagt und er glaubte ihr, als sie hinzufügte, diesmal sei es ihr bitter ernst.
Wiebke empfing das Ehepaar in ihrer Wohnung im Herzen der Stadt. Karl war angenehm überrascht. Er kannte Wiebke nur von alten Fotos, die ihm seine Frau gezeigt hatte. Die gepflegte Rothaarige musste Ende Vierzig sein, sah jedoch deutlich jünger aus. Der Erfolg als Bestsellerautorin von Regionalkrimis, deren Handlung überwiegend in Hamburg angesiedelt war, tat ihr offenbar gut. Die geschmackvoll eingerichtete Wohnung deutete darauf hin, dass Wiebke sich auch finanziell keine Sorgen machen musste. Dass sie nach mehreren Anläufen inzwischen die Suche nach einem passenden Partner aufgegeben hatte, wusste Karl von seiner Frau.
Nachdem sich das Ehepaar frisch gemacht hatte, freute Karl sich auf einen kräftigen Mokka. Wiebke überraschte das Paar mit Ostfriesentee. Karl zog die Nase kraus, als Wiebke ihn belehrte, er dürfe die Kluntjes nicht aufrühren und der Schuss Sahne gehöre einfach dazu. Er verkniff sich einen bösen Kommentar über bitteren Tee, der mit jedem Schluck klebriger wurde und dennoch als Kulturgut galt. Else hingegen schien das Gebräu zu mögen und knabberte an einem Butterkeks. Er tätschelte ihre Hand, achtete darauf, dass auch Wiebke die Zuneigungsbekundung wahrnahm. Sie sollte sehen, dass er einen bemühten Ehemann abgab.
Karl erkundigte sich nach Wiebkes Romanen, erfuhr, dass sie immer schon phantasiebegabt gewesen war. Er lieh sich eines der Bücher und zog sich unter dem Vorwand, dass die Freundinnen einander bestimmt viel zu erzählen hätten, ins Gästezimmer zurück. Dort legte er das Buch aufs Bett. Er würde es später lesen. Vielleicht bot es ja Inspiration? Er brauchte dringend einen Plan. Er stellte sich ans Fenster und starrte in den düsteren Innenhof. Das Kopfsteinpflaster glänzte feucht. Hatte es geregnet? Sein Leben als Witwer würde in jedem Fall sonnig sein. Er war immer noch gut in Form. Sein Haar war voll, die angegrauten Schläfen verliehen ihm Seriosität. Er war sozusagen ein Mann in den besten Jahren. Vielleicht würde Wiebke ihm über den tragischen Verlust hinweghelfen? Zumindest für eine begrenzte Zeit. Ein Urlaub an der sommerlichen Ostsee wäre ganz nach seinem Geschmack. Er zog seinen Ehering vom Finger, steckte ihn in die Hosentasche und betrachtete seine Hand. Karl zuckte zusammen, als Else plötzlich im Zimmer stand. Sie hole nur ihre Allergietabletten, ließ sie ihn wissen. Wiebkes Kater sei zwar schon seit Anfang der Woche bei Freunden untergebracht, auch habe man die Wohnung gründlich geputzt, trotzdem tränten ihr die Augen und sie habe ein kratziges Gefühl im Hals. Karl sah ihr zu, als sie im Waschbeutel nach dem Medikament kramte.
Für den nächsten Tag war ein Stadtspaziergang vereinbart. Wiebke wollte ihren Gästen einige Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Sie begannen beim Wahrzeichen Lübecks, dem Holstentor, das in sumpfiges Gebiet gebaut worden war. So wie in Pisa hatten sich einst auch diese Türme geneigt, doch der Mangel war längst behoben und der mächtige rote Ziegelbau beeindruckte Else sehr. Sie überquerten die Trave auf der Holstenbrücke, um die Salzspeicher aus vergangenen Jahrhunderten zu besichtigen. Karl fror, auch war er nicht recht bei der Sache. Er sah Wiebke reden, erfasste jedoch den Sinn ihrer Worte nicht. Else ging ihm auf die Nerven. Ständig stellte sie Fragen, zupfte ihn am Ärmel, um ihn auf dieses oder jenes Detail hinzuweisen und riss ihn dabei jedes Mal aus seinen Gedanken. Er gab sich Mühe, seine Mimik zu beherrschen, während er sich vorstellte, seine Frau mit einem Kissen zu ersticken, sobald sie schlief. Er könnte ihr auch ein Messer ins Herz rammen oder sie betäuben und ihr die Pulsadern aufschneiden. Keiner seiner Einfälle erschien im letztlich brauchbar. Wichtig war, dass er selbst unverdächtig blieb. Soviel hatte er aus der Vergangenheit gelernt. Bei Nora hatte alles anstandslos geklappt. Die kleine Manipulation am Motorblock war den Kriminalisten entgangen, der Fall längst zu den Akten gelegt.
Mit Else hatte er alt werden wollen. Er hatte sie wirklich geliebt. Wenn sie nur nicht so kleinlich gegenüber seinen Eskapaden wäre, oder zumindest Auto führe. Das würde die Sache bedeutend einfacher machen. Auch wenn die heutigen Fahrzeuge technisch viel komplizierter waren. Karl war schließlich vom Fach.
Man war vor der Marienkirche angelangt, einer gotischen Backsteinkirche, Vorbild für andere Gotteshäuser in den Ostseestädten. Im Kirchhof lockte ein Weihnachtsmarkt der besonderen Art. Etwas Vergleichbares hatte Wien nicht zu bieten. Sogar Karl vergaß für einige Minuten auf seine Sorgen und sah dem bunten Treiben der Silberschmiede und Zinngießer in ihren historischen Gewändern zu. Er betrachtete ihre Werkzeuge. Es musste nach Selbstmord aussehen. Aber war das glaubwürdig? Else bleckte die Zähne. Lachte sie ihn aus?
Karl sehnte sich nach einer Zigarette und einer Melange. Ein großer Espresso würde es auch tun. Von einer Brücke könnte sie fallen. Bei tiefen Temperaturen starb man an Atemlähmung. Wie lange müsste sie dazu im Wasser treiben?
Endlich war auch Wiebke kalt geworden. Sie schlug einen Besuch im Schabbelhaus vor, einer Gaststätte, die mit Mobiliar aus Museumsbeständen eingerichtet war. Karl fühlte sich wie in einem Salon des Schlosses Schönbrunn und löffelte zufrieden seine Kartoffelsuppe.
Man war übereingekommen, den Heiligen Abend gemütlich in Wiebkes Wohnung zu verbringen. Karl hatte sich erboten, den kleinen Weihnachtsbaum zu schmücken. Die Frauen bereiteten in der Küche das Abendessen vor. Nachdem Karl sämtliche Kugeln, Sterne und Kerzen auf der kleinen Tanne verteilt hatte, setze er sich mit einer Zeitung auf die weiße Designercouch am Fenster. Er hatte sich gerade in die Lektüre eines Artikels über die Eskalation von Gewaltdelikten im Advent vertieft, als Wiebke das Wohnzimmer betrat. Ob er so freundlich sein könne, den Wein zu holen?, fragte sie. Allein der Gedanke, nach Einbruch der Dunkelheit in den Keller hinunter zu müssen, erfülle sie nämlich mit einem gewissen Unbehagen. Er ließ sich nicht lange bitten und zeigte Verständnis. Das liege wohl an ihrem Beruf, sagte er und fügte scherzend hinzu, dass sie ihre Leichen dort hoffentlich gut versteckt habe.
Karl nahm den Aufzug, der Keller war versperrt. Er schloss die schwere Metalltür auf, modriger Geruch schlug ihm entgegen. Vorsichtig tastete er sich die steinernen Stufen hinab. Das Licht war schwach. Eine Taschenlampe wäre hilfreich gewesen. Der alte Erdkeller wurde offenbar nicht von allen Bewohnern des Hauses genutzt. Zwei Abteile standen leer, bei einem dritten fehlte die Tür. Es war mit Sperrmüll voll geräumt und Karl erschrak heftig, als eine fette Ratte den Gang hinunter huschte. Kein Wunder, dass Wiebke nicht gerne hierher kam. Ob Else sich hier wohl fühlen würde? Er könnte sie mit Blumenerde bedecken, einen richtigen Grabhügel aufschichten. Auf diese Weise würde auch der Verwesungsgestank hintan gehalten. Die leeren Kellerabteile boten sich gerade zu an. Doch dazu musste sie erst einmal tot sein und irgendwie in den Keller verbracht werden. Dass Wiebke einverstanden wäre, wenn er hierfür ihren handgeknüpften Kelim benützte, bezweifelte Karl. Vermutlich hätte sie auch Einwände gegen seine mörderischen Absichten. Er zerrte am Vorhängeschloss, mit dem Wiebkes Kellerabteil gesichert war. Das Weinregal stand an der Wand. Es dauerte eine Weile, bis er die verlangte Weinsorte gefunden hatte. Sein Blick fiel auf den Holztisch neben dem Regal. Er erstarrte mitten in der Bewegung. Das war Fügung, ein Zeichen, ein Geschenk des Himmels, ein Wink des Schicksals, je nachdem, wie man es nennen wollte. Er strich über die Decke, mit der der Korb ausgelegt war. Er betrachtete die feinen weißen Katzenhaare auf seinen Fingerkuppen. Dann nahm er die Bürste aus dem Korb und begutachtete sie im Schein des gelblichen Kellerlichts.
Schon seit Kindertagen war Karl nicht mehr so nervös an Heilig Abend gewesen wie in diesem Jahr. Er hätte sich gerne betrunken, um die innere Unruhe endlich los zu werden. Aber er durfte die Kontrolle nicht verlieren. Noch lag es in seiner Macht, das drohende Unheil abzuwenden. Doch durfte ein Mann in seiner Lage eine solche Chance vertun? Er stocherte im Heringssalat, ein gebackener Karpfen wäre ihm lieber gewesen. Aber im Grunde hatte er gar keinen Appetit. Der würde vermutlich erst...




