Leshenko | Von Wespen und Raubfröschen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Reihe: Edition Schildwächter

Leshenko Von Wespen und Raubfröschen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-3183-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Reihe: Edition Schildwächter

ISBN: 978-3-7578-3183-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Membran der Wirklichkeit ist fadenscheinig und Dinge, die dahinter lauern, übersteigen das Fassungsvermögen unseres Verstandes. Das ist die Essenz des Horrors. Dieser Erzählband gewährt dem Leser Einblicke in die Realitäten hinter unserer Realität. Mal darf man nur durch das Schlüsselloch hineinspähen, mal steht die Tür weit offen. So kann eine auf den ersten Blick harmlose Mitfahrgelegenheit durchaus in einer feindlichen Parallelwelt enden und die Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk einen Alles-oder-nichts-Kampf gegen echte sowie innere Dämonen nach sich ziehen. Eine vermeintliche Fee entpuppt sich als Irrlicht und eine zauberhafte Meerjungfrau als ... Nun ja, wie wäre es mit einem Spiel? Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist böse.

Alla Leshenko, geboren und aufgewachsen in Usbekistan, ist Lektorin, Verlegerin, Ghostwriterin, Satirikerin und Schriftstellerin. Die deutsche Sprache hat sie autodidaktisch erlernt und bezeichnet diese mittlerweile als ihre zweite Muttersprache. Ihr Herz schlägt für phantastische Literatur, insbesondere für das Horrorgenre. Bisherige literarische Veröffentlichungen: "Dirty Cult"-Anthologie, "Windschatten: Geschichten aus dem Hinterhalt"-Anthologie, "Old School Horror 1"-Anthologie. Sie hat zwei Katzen und wohnt in Duisburg.
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Das Poster

„Dieses Poster verschwindet unverzüglich aus deinem Zimmer, verstanden?“, brüllte Ulrich Theiss seinen Sohn an. „Warum in Gottes Namen musst du immer provozieren?“

Ingo Theiss saß indessen mit gefalteten Händen auf seinem karierten Schlafsofa, das, wie er vermutete, aus den Zeiten vor Elektrizität und Kabelfernsehen stammte, und schaute seinen Vater ausdruckslos an.

„Antworte gefälligst, wenn ich dich anspreche!“, wütete Ulrich. „Zuerst diese ekelerregende Musik, dann dein neuer Kumpel – dieser Geistesgestörte! – und jetzt verschandelst du auch noch dein Zimmer, das deine Mutter und ich so liebevoll für dich eingerichtet haben! Herr, gib mir Kraft und Geduld, diesen Jüngling auf deinen Pfad zurückzubringen!“

Durch den Monolog des Vaters scheinbar unbeeindruckt, verrieb Ingo einen soeben aus der Nase entfernten Popel an seiner Jeanshose. Er wusste nur zu gut: Wenn Vater sich einmal im Angriffsmodus befand, führte jegliche Erwiderung nur zu weiteren Schimpfkanonaden, die sich, falls nötig, über den ganzen Tag erstrecken konnten.

Doch trotz der Gewissheit über die drohenden Konsequenzen hatte Ingo an jenem Nachmittag keine Lust, Vaters Angriffe weiterhin stillschweigend hinzunehmen. „Das Poster bleibt, wo es ist“, sagte er leise und dennoch bestimmend genug, um sämtliche Alarmvorrichtungen in Ulrichs Kopf losheulen zu lassen.

„Wie bitte?“ Ulrichs Körperhaltung zeugte von tiefer Fassungslosigkeit. In seinem Schädel pochte ein Wutvulkan und nur noch wenige Sekunden trennten ihn vor einer massiven Eruption. Bisher hatte das hochverehrte Familienoberhaupt keine Erfahrungen mit Widerworten seitens seiner Familie gemacht. Im Hause Theiss unterlag alles einem festen Rhythmus, den Ulrich Theiss und nur er alleine bestimmte.

„Das Poster bleibt, wo es ist“, wiederholte Ingo. „Und wenn dich das so stört, hast du immer die Option, meine Zimmertür geschlossen zu halten. Ich verlange von dir schließlich auch nicht, dass das beschissene Kreuz über deinem Bett verschwindet.“

Das Gesicht von Ulrich Theiss lief gefährlich lila-rot an. „Du kleiner Bastard! Dafür haben wir dich also großgezogen? Na warte!“

Mit diesen Worten riss er das Poster von der Wand. Das dabei entstandene Geräusch hörte sich in Ingos Ohren wie das Dröhnen eines Tornados an. RRRATSCH! Als würde ein Raubtier die Krallen ins Fleisch seiner Beute graben. RRRATSCH! RRRATSCH! RRRATSCH! Die schwarzweißen Fetzen wirbelten durch die Luft.

„Hier hast du dein Drecksposter, du Häretiker!“, bellte Ulrich Theiss, bevor er hinausstürmte und die Zimmertür mit einem lauten Knall hinter sich zuwarf. Sein wütendes Stapfen brachte die Treppe beinahe zum Einstürzen und das gesamte Haus zum Beben.

Ingo saß weiterhin regungslos da. dachte er. Ein Lähmungsgefühl breitete sich in seinen Gliedern aus und seine schwache Brust war von einem schwarzen, stacheligen Knäuel erfüllt, der ihn am Atmen hinderte. Langsam, wie unter Schmerzen, erhob er sich und begann die auf dem Boden chaotisch verteilten Fragmente des Posters aufzusammeln.

Nach und nach fügte er die Fetzen wie ein Puzzle zusammen und holte dann eine Rolle Klebeband aus der Tischschublade hervor. Behutsam, wie ein Restaurator bei der Arbeit mit fragilen Scherben einer Amphore, klebte er die Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammen: Auf dem Bild versammelten sich drei Kuttenmänner um eine riesenhafte Frau, die eine Augenbinde trug, deren Körper nackt und nach vorne gebeugt war. Die Beine der Frau gingen von der Hüfte abwärts in eine Art Kletterpflanze über und mündeten im kargen Felsboden. Etwas weiter im Hintergrund befand sich ein fleißig in einem Kessel rührender Ziegenbock.

Das Poster war ein Geschenk von Paul. Ingo bekam in seinem Leben nicht oft etwas geschenkt und schätzte das Poster somit umso mehr. Paul sagte, die Frau darauf bekomme ein Kind und die Kapuzenmänner seien ihre Hebammen. Paul wusste so viel. Das Kind, so sagte er, werde eines Tages die Welt in den Abgrund stürzen.

Paul war Ingos bester Freund. Genau gesagt war er der einzige Freund, den Ingo je gehabt hatte. Dass seine Eltern Paul nicht leiden konnten, störte Ingo nicht besonders. Sie konnten ohnehin niemanden leiden, der kein Mitglied der Sekte war (Oh, wie sie es hassten, wenn Ingo ihre Kirche als Sekte bezeichnete! Doch genau das war sie – eine Sekte, eine verschissene Gehirnwaschstelle!).

Paul trieb sich ständig mit zwei anderen Typen im Stadtpark herum. In Ingos Schule munkelte man, sie seien Obdachlose, ein paar Penner seien sie und verrückt dazu.

Es interessierte Ingo nicht. Paul und seine kleine Gang übten eine Art morbide Faszination auf ihn aus. Ob es an ihren Klamotten oder an der Musik, die aus ihrem altmodischen Ghettoblaster tönte, lag, vermochte Ingo nicht zu urteilen. Das Einzige, was er wusste, war, dass er ein Teil von ihnen sein wollte.

Eines Nachmittags im November nach dem Unterrichtsschluss hatte Ingo auf einer Parkbank gesessen. Er wollte noch nicht nach Hause gehen, wollte nichts von dem mageren Gulasch seiner Mutter kosten, wollte nicht in sein trostloses Zimmer, dessen gesamte Gestaltung in den Händen seiner Eltern lag.

Draußen war es kalt. Von den Anwohnern fettgefütterte Enten schwammen im schon bald mit der ersten dünnen Eisschicht überzogenen Teich. Die Jacke, die er trug, war für die Jahreszeit viel zu kärglich gepolstert, aber er zog sie trotzdem an, weil sie cooler ausschaute als seine eigentliche Winterjacke – ein albernes Teil, das so überhaupt nicht mehr seinem Alter entsprach. Eine neue würde er aber erst dann bekommen, wenn die jetzige in Fetzen von seinem Körper herabhängen würde. Denn man musste bescheiden sein, demütig und bescheiden, um Gott zu gefallen. Einem Gott aus grellen Werbebroschüren, die seine Eltern ab und zu in der Nachbarschaft verteilten. Warum Gott ein Problem damit haben sollte, wenn er, Ingo, eine neue Winterjacke bekäme, entging seiner Logik.

Ingo fror. Der Boden unter seinen Schuhsohlen fühlte sich noch weich und nachgiebig an. Zu dieser Jahreszeit stellte der Stadtpark auch während der sonnigen Stunden keinen freundlichen Anblick dar, das dunstige, graue Wetter jenes Tages verstärkte nur das schon ohnehin elende Panorama.

Drei Gestalten betraten die Parkallee. Ingo erkannte sie auf Anhieb. Langsamen, entspannten Schrittes näherten sie sich der Metallsitzbank, auf der er verweilte. Je dichter sie heranrückten, desto tiefer zog er seinen Kopf ein, um sich so klein zu machen, wie irgend möglich.

Zu ihnen gehören? Was bildete er sich bloß ein? Aus welchem Grund sollten sie einen wie ihn in ihrer Gesellschaft dulden? Einen, dessen Eltern peinliche Sektenanhänger waren? Einen, der nicht einmal eine vernünftige Winterjacke besaß.

Den Blick fest im Boden verankert, wagte Ingo nicht, die Typen anzuschauen. Nicht einmal dann, als sie unmittelbar vor ihm stehenblieben.

„Hey, haste ne Kippe?“, fragte ihn einer mit ungewaschener blonder Mähne, der allem Anschein nach der Gruppenanführer war.

„Ich rauche nicht“, gab Ingo zurück, ohne dabei aufzusehen. Er fühlte sich schäbig: Von nun an war er nicht nur ein einfacher Loser, sondern ein Loser, der nicht einmal rauchte.

„Dann ist es höchste Zeit, damit anzufangen!“ Der Blonde gackerte fies auf. Sein Gefolge lachte wie auf Kommando synchron mit. Dann streckte er Ingo eine Zigarette entgegen: „Hier, nimm sie.“

Wortlos klemmte Ingo den Zigarettenfilter zwischen die Lippen und fühlte sich dabei schäbiger als je zuvor.

„Hecki, gib dem Kleinen Feuer“, befahl der Blonde. Dass es sich um einen Befehl handelte, kapierte Ingo gleich: Schließlich war er mit Vorschriften, Machtsprüchen und Weisungen von Zuhause aus bestens vertraut. Derjenige, der auf den Namen Hecki hörte, tat augenblicklich wie geheißen.

Ingo inhalierte. Seine Kehle brannte und sein Kopf fühlte sich seltsam aufgebläht an. Mit einer enormen Anstrengung unterdrückte er den Hustenreiz und schaute aus seinen geröteten, tränenden Augen dem Blonden ins Gesicht. Dieser lächelte schief und streckte Ingo die rechte Hand zum Gruß hin: „Ich bin übrigens Paul. Der Rübenkopf da heißt Hecki und die dürre Abscheu“, er deutete mit dem Finger auf das dritte Gang-Mitglied, „trägt den Namen Lukas.“

„Ingo“, sagte Ingo.

„Na, schmeckt’s?“, erkundigte sich Paul.

„Jo“, antwortete Ingo und zog laut die Nase hoch.

Hecki und Lukas sprachen nicht viel, wenn überhaupt. Meist begrenzte sich ihre Artikulation auf unverständliche Wortbrocken oder raues Gelächter, das eher dem Hecheln eines Hundes glich, als Lauten, die in einem menschlichen Wesen entstehen könnten. Dafür sprach Paul viel und gerne. Und er zeigte Ingo lauter merkwürdige Sachen.

Anfangs fand Ingo sie erschreckend, doch nach einer Weile gewöhnte er sich...



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