Leuthner | Felicità! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Leuthner Felicità!

Einmal waren wir Freundinnen | Roman | Zwischen München und Italien - über Freundschaft, Verlust und Familie
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0595-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Einmal waren wir Freundinnen | Roman | Zwischen München und Italien - über Freundschaft, Verlust und Familie

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-7499-0595-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Das Glück ist am größten, wenn man es teilen kann

Elli, Marie, Giovanna und Antonella waren einmal unzertrennlich, und das seit ihrem ersten turbulenten Aufeinandertreffen auf dem Pausenhof einer Münchner Grundschule. Dreißig Jahre später sieht das anders aus. Auf die Schule folgten Ehemänner, Kinder, zerplatzte Träume, Affären und Antonellas Tod, den ihre Schwester Giovanna nie verwunden hat. Als Gio beschließt, in ihrem Geburtsland Italien ein Akkordeon zu kaufen, begleitet Elli sie kurzerhand, denn es ist Zeit für ein Wiedersehen mit Marie, die sich, fern von ihnen, in einem kleinen Dorf in Mittelitalien ein neues Leben aufgebaut hat. Für die drei Frauen geht es um mehr als ihre Freundschaft, sie müssen herausfinden, was in ihren Leben wirklich zählt - und nur gemeinsam können sie dem Glück ein Stück näher kommen.

»Eine mitreißende Geschichte um Verlust und Tod, aber auch um das Leben, die Freude und das Glück.«



Aja Leuthner arbeitet als Redakteurin für die Süddeutsche Zeitung, die sie schon als Zwölfjährige ihrem Vater vom Frühstückstisch entwendete. Der mütterliche Bücherschrank formte ihre Liebe zur Literatur. Ihr Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Italianistik entsprang der Leidenschaft für politische Diskussionen und der Begeisterung für mediterranes Leben und romanische Kultur. Den Anstoß, selbst zu schreiben, gab John-Boy Walton - und der großartige Augenblick, als in der 70er-Jahre-Serie sein erstes Buch mit der Post ins Haus geliefert wird. Die Autorin lebt mit ihrer Familie bei München. 2023 erschien nach »Via Torino« ihr zweiter Roman »Felicità!«.

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2.
NOTTE.


Elli


Elli konnte nicht schlafen. Sie lauschte hinüber zu ihrer Freundin und war sich nicht ganz sicher, ob Giovannas regelmäßige Atemzüge nicht vorgetäuscht waren. Vielleicht erging es ihr ja nicht anders als ihr selbst – sie hätte keine Lust gehabt, zu reden, todmüde wie sie war. Die lange Fahrt steckte ihr noch in allen Knochen, und der Stress der vergangenen Wochen schien sie stärker erschöpft zu haben, als sie gedacht hatte. Außerdem lagen ihr die Panini con mozzarella schwer im Magen, die sie sich nach ihrem Einchecken in der Pension gekauft und abends auf der Dachterrasse verzehrt hatten. Mangels anderer Gäste hatten sie die Aussicht auf das Tal für sich allein gehabt. Die Panini waren viel zu lecker gewesen, und Elli hatte viel mehr gegessen, als sie eigentlich gewollt hatte. Dazu hatten sich die Freundinnen zwei Flaschen Weißwein gegönnt, einen kräftigen Vigor Passerina, angebaut in den Marken, und auf alte Zeiten angestoßen. Und sie beide waren am Ende ein wenig überrascht gewesen, als nur noch die leeren Flaschen auf dem hohen, weiß getünchten Holztisch standen, und sie einige Mühe gehabt hatten, von den massiven Barhockern wieder herunterzukommen. Auch die grünen Oliven, Tomaten und gesalzenen Kartoffelchips hatten sie bis auf den letzten Bissen verzehrt, während sie den Blick übers Tal schweifen ließen, in dem nach und nach die Lichter weniger wurden, die in den verstreuten Häusern und der einen oder anderen Werkstätte brannten, wo ein Akkordeonbauer bis spät in die Nacht an der Einstellung einer Tastenmechanik arbeitete oder dem Aufwachsen der Stimmplatten.

»Ganz wie damals«, hatte Giovanna geseufzt, Elli zuprostend, »als wir am Strand bei Follonica saßen und es so heiß war, dass wir mitten in der Nacht ins Meer gegangen sind.«

Elli fixierte konzentriert ihr Glas: »Wir hätten ertrinken können, so besoffen wie wir waren«, wandte sie ein, ihre Zunge stolperte über das »O«.

»Der Wein war aber nicht so gut wie heute. Lambrusco, dieses süße Zeug.«

Giovanna schüttelte sich. »Ekelhaft!«

Dann hatten sie weitergetrunken, ständig hatte eine von ihnen gefragt: »Weißt du noch?«

»Damals im Sommerlager?«, hatte die andere sekundiert.

»Als wir die Nacht durchgemacht haben und in dieses Schwimmbad eingestiegen sind? Da waren wir auch besoffen«, hatte Elli kopfschüttelnd gesagt.

Und Giovanna: »Weißt du noch? In Berlin? Als Marie aus dem Fenster geklettert ist und Herrn Hauser eine Rose ins Zimmer geworfen hat?«

Giovanna war noch erstaunlich nüchtern, fand Elli, wahrscheinlich war sie den Alkohol doch mehr gewohnt als sie selbst.

»Dem Englischlehrer? Den sie so angehimmelt hat?« Elli lachte lauter, als sie wollte. Zu dem Zeitpunkt waren sie längst bei der zweiten Flasche angekommen, und Elli fiel schon wieder etwas ein: »Weißt du noch, als Susanne beinahe ins Elefantengehege gestürzt ist, damals am Ende der Vierten?«

Und Giovanna: »Schade, dass sie es nicht getan hat. Da hätte sie wenigstens mal wirklich etwas zu erzählen gehabt.«

Sie hörten erst auf damit, als Elli am Ende der zweiten Flasche gar nicht mehr darüber nachdachte, was sie von sich gab und sagte: »Weißt du noch? Damals in Griechenland?« Und noch im selben Augenblick hatten beide Antonella vor Augen, und Elli hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Von einem Moment zum anderen war die Stimmung gekippt.

»Nein, nein, alles gut«, hatte Giovanna gesagt, als Elli sie fragte, ob alles in Ordnung sei, sich entschuldigte. Doch das Lachen war verschwunden von der Terrasse, von jetzt auf gleich, und Elli verwünschte sich für ihre Gedankenlosigkeit.

Feingefühl wie ein Metzgerhund. Das Zitat aus einem Pumuckl-Hörspiel ihrer Kindertage kam ihr in den Sinn, während sie wach im Bett lag und sich Vorwürfe machte. Zuerst die Sache mit Marie. Und dann musste sie die Freundin auch noch an Antonella erinnern. Kein Wunder, dass Giovanna völlig unvermittelt ins Bett gegangen war.

Sie hatte sich zwar nichts anmerken lassen, als Elli ihr von Marie erzählt hatte, hatte so getan, als sei die Aussicht, die Freundin wiederzusehen, nur eine große Freude für sie. Doch in ihrem Innern musste es anders aussehen, überlegte Elli. Sie wusste, wie sehr Giovanna Marie vermisste, ihre Zweitschwester, wie sie sie immer genannt hatte, als noch alles zwischen ihnen in Ordnung gewesen war. Doch sie redete nie darüber. Elli konnte nur erahnen, was in Giovanna vorging. Wenn sie miteinander telefonierten und Giò sie fragte, ob sie wieder einmal etwas gehört habe von Marie. Die Sache mit Italien musste sie gekränkt haben. Auch ihr, Elli, hatte Marie es nicht angekündigt, sich aber immerhin auf einmal aus Italien gemeldet. Doch kein Wort zu Giò. Sicher, Elli und Marie kannten sich länger, waren schon im Kindergarten befreundet gewesen. Und doch war vom ersten Tag ihrer Freundschaft an eine besondere Beziehung zwischen Giovanna und Marie entstanden, eine Zuneigung, die sich jedem Erklärungsversuch entzog. Eine Verbundenheit, die vielleicht nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Charaktere über viele Jahre Bestand hatte. Elli, die beide so gut kannte wie sonst wohl niemand, hatte ihre Beziehung nie ganz verstanden.

Marie, die mit ihrem Dickkopf durch jede Wand wollte, die an Gerechtigkeit glaubte und daran, dass diese immer siegen würde. Marie mit ihren Überzeugungen und dem unbedingten Willen, sie auch durchzusetzen; mit ihrer Leidenschaft für Politik und ihrem Bedürfnis, ständig über alles zu diskutieren, Marie mit ihrer Parteiarbeit, ihren Vorstandssitzungen, Grundsatzprogrammen, ihrem SPD-Parteibuch – und ihren grünen Ideen. Marie mit den kurz geschorenen Haaren und den zerrissenen Jeans, die bei ihr nicht aus modischen Gründen Löcher hatten, sondern »weil man nichts wegwirft, bevor es ganz kaputt ist«, das hatte sie immer wieder gepredigt. Und die Freundinnen waren im Chor eingefallen, weil ja klar war, was jetzt kommen würde: »Andere wären froh, wenn sie eine kaputte Jeans hätten.«

Sicher, dieses Outfit war auch ein Zeichen, das Marie setzen wollte. Schließlich gab es ihrer Meinung nach viel wichtigere Dinge als Mode. Die Rettung der Erde war darunter vielleicht noch das Geringste. Und dagegen Giovanna. Elli drehte den Kopf und sah nachdenklich zu ihrer leicht schnarchenden Freundin hinüber. Eine Straßenlaterne draußen hinter den hellen Vorhängen lieferte ausreichend Licht, dass die elegante Form ihrer Hüften unter dem Laken erkennbar war. Giovanna scherte sich nicht um die Welt, also nicht um jene, die jenseits ihres eigenen Universums lag. Zumindest behauptete sie das, aber Elli wusste, dass das nicht stimmte. Die Welt habe sich schließlich auch noch nie um sie geschert, erklärte Giò, wenn Marie wieder mal eine ihrer Grundsatzdiskussionen vom Zaun brach. Und Elli verteidigte Giovanna im Geiste. Schließlich hatte die gebürtige Römerin erlebt, dass sie noch nicht mal in der Lage war, ihren kleinen Nukleus aus Familie und Heimat zu schützen. Wie hätte sie sich anmaßen können, sich um das große Ganze kümmern zu wollen? War es die Welt überhaupt wert, gerettet zu werden? Das waren die Fragen, die Giovanna sich stellte. Oft genug hatte sie darüber diskutiert.

»Wieso bist du so überzeugt von dem, was du tust, Marie?«, war eine von Giovannas Fragen gewesen, wenn sie zusammensaßen, nachmittags am See oder im Winter in Ellis Zimmer, wo sie die Tür hinter sich schließen konnten und viel mehr Platz hatten als bei Marie zu Hause und sich nicht so beobachtet fühlten wie bei den römischen Zwillingen im Haus ihrer Münchner Großmutter.

Giovanna wollte nichts wissen von Politik. War es nicht die Politik gewesen, die Schuld hatte am Tod ihrer Mutter? Nie hatte ihr Vater darüber sprechen wollen, so viel hatte Elli erfahren, aber nicht, was genau passiert war und warum. Keine der beiden Schwestern hatte je wirklich davon erzählt. Doch Elli hatte gesehen, wie Giovanna dichtmachte und wie Antonella ganz steif wurde, wenn es darum ging, ob die Linken oder die Rechten die Besseren waren. Als es in der Schule einmal um die Siebzigerjahre ging, in Sozialkunde, hatte die Lehrerin das Thema RAF und Rote Brigaden angesprochen. Antonella war aufgestanden und hatte mit den Worten »Kann ich zur Toilette?« einfach den Raum verlassen, ohne auf eine Antwort zu warten. Die Lehrerin hatte Giovanna hinterhergeschickt. An diesem Tag waren beide Mädchen nicht wieder in den Unterricht gekommen.

Nein, sie wolle nichts zu tun haben mit Politik, erklärte Giovanna Marie immer wieder, sie habe keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen. Und wenn Marie dann sagte: »Aber vielleicht solltest du, gerade du …«, dann unterbrach sie Giovanna in einem rüden Ton, den sie sonst nie anschlug. »Du weißt gar nichts, lass mich! Wenn du das tun willst, dann mach es, aber lass mich damit in Ruhe!« Darauf hatten sie sich irgendwann geeinigt. Auch wenn Giovanna in ihrer Radikalität später milder wurde, um Maries willen. Für Marie hätte sie vieles getan, das wusste Elli. Ob Marie das klar war?

Und jetzt würden sie sich wiedersehen. Elli wurde immer nüchterner, je mehr sie über diese Begegnung nachdachte, die sie da initiiert hatte. War es ein Fehler gewesen? Hatte Marie vielleicht nur ihr zuliebe zugestimmt? Sie und Giò hatten sich kaum mehr gesehen in den vergangenen Jahren, schon vor Maries Auswanderung. Wie sehr hatten diese Jahre sie einander entfremdet, hatten sie die Unterschiede verstärkt? Giò hätte eigentlich Musikerin werden sollen, sie war immer emotional, handelte instinktiv, niemals rational, Marie dagegen war...



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