Levithan Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7336-0126-3
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die mitreißende Liebesgeschichte von David Levithan endlich als Taschenbuch! (Queere Romance)
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0126-3
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
David Levithan, geboren 1972, ist Verleger eines der größten Kinder- und Jugendbuchverlage in den USA und Autor vieler erfolgreicher Jugendbücher, unter anderem ?Will & Will? (gemeinsam mit John Green) und ?Dash & Lily? (mit Rachel Cohn). Sein Roman ?Letztendlich sind wir dem Universum egal? wurde erfolgreich fürs Kino verfilmt und erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Kategorie Jugendjury. David Levithan lebt in Hoboken, New Jersey, USA. Literaturpreise: ?Letztendlich sind wir dem Universum egal?: - LUCHS März 2014 - Aufnahme in Kollektion des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2015 - Nominiert für die 2015 DILIP Kate Greenaway Medal - Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 - Leipziger Lesekompass 2015 - Nominiert für die Buxtehuder Bulle 2015 - In den USA: Naiba (The New Atlantic Independent Booksellers Association) Book Of The Year 2013, Kategorie Young Adult ?Two Boy Kissing?: - Favorit der Leipziger Jugend Jury 2016 - In den USA: Naiba (The New Atlantic Independent Booksellers Association) Book Of The Year 2014, Kategorie Young Adult Lebenswerk: Margaret A. Edwards Award
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Ryan wünscht Avery per SMS Gute Nacht und fragt, was er morgen vorhat. Hätte er vielleicht Lust auf eine weitere Spritztour?
Avery hat ungefähr eine Million andere Dinge zu tun, sagt aber natürlich, dass er frei ist. Vollkommen frei.
Nach diesem Tag sollte er eigentlich wie auf Wolken schweben, aber ein Blick in den Spiegel zieht ihn herunter. Er hat einen Ganzkörperspiegel in seinem Zimmer, und der ist oft sein Feind. Heute versucht er, sich beim Blick in den Spiegel vorzustellen, was Ryan sieht, und spürt nichts als Enttäuschung. Er hat so hart daran gearbeitet, einen anderen Körper zu haben, den richtigen Körper, aber er ist weit davon entfernt, ihn wirklich zu mögen. Er glaubt, es läge daran, dass er im falschen Körper geboren wurde; wir würden ihm gern ins Ohr flüstern, dass viele von uns im richtigen Körper geboren wurden und sich fremd darin fühlten, betrogen. Wir haben unsere Körper komplett missverstanden. Haben sie bestraft, beschimpft, sie an olympischen Idealen gemessen, was ihnen gegenüber höchst unfair war. An manchen Stellen fanden wir Behaarung scheußlich, an anderen vermissten wir sie. Alles sollte straffer, stärker, härter, schneller sein. Wie schön wir waren, erkannten wir allenfalls, wenn jemand anders es erkannte. Wir hungerten oder machten Druck oder versteckten uns oder stellten uns zur Schau, und immer war da ein anderer Körper, den wir besser fanden als unseren. Immer war irgendwas verkehrt, und meist nicht nur eins. In unseren gesunden Jahren waren wir Ignoranten. Konnten uns in unserer Haut nie wohlfühlen.
, möchten wir Avery sagen.
, wispern wir,
Und das ist er auch. Vielleicht wird er es nie glauben, aber er ist es.
Samstagabend, elf Uhr. Da es in dem Ort, wo Harry und Craig wohnen, samstagabends selten etwas zu tun gibt, schauen eine Menge Leute bei der Rasenfläche vor der Highschool vorbei, um die zwei küssenden Jungs zu sehen. Unzählige Handyfotos entstehen – die leicht entsorgbaren Erinnerungen dieses Tages und Zeitalters. Mitunter müssen Mädchen ihren betrunkenen Freunden ins Wort fallen, bevor sie etwas Unpassendes sagen. Oder vielleicht sagen die Jungs es auch leise, und ihre Freundinnen lachen. Nicht alle sind hier, um ihre Unterstützung zu bekunden. Manche sind bloß gekommen, weil sie das Ganze für eine Freak-Show halten.
»Wetten, wenn wir den Weltrekord mit einem brechen wollten, würde die Highschool niemals mitmachen«, meckert ein Typ, als hätte man ihm einen Herzenswunsch verweigert.
»Absolut«, pflichtet seine Freundin ihm bei.
»Das ist doch der letzte Scheiß«, erklärt ein anderer Typ vernehmlich – Lautstärke und Mut gesteigert durch das Bier, das er intus hat.
, würde das Mädchen aus der Theater-AG, das neben ihm steht, gern sagen.
Nach und nach schrumpft die Menge – allzu viel gibt es schließlich nicht zu sehen. Es wird spät und langsam frisch. Die Leute steigen wieder ins Auto – manche fahren noch zu Partys, die meisten jedoch nach Hause.
Selbst in Harrys und Craigs Team – als das betrachten sie sich jetzt, nachdem mehr als elf Stunden überstanden sind – gibt es einen Schichtwechsel. Harrys Mutter wirft Harry und Craig je einen Luftkuss zu und fährt dann nach Hause, um sich ein bisschen auszuruhen. Am Morgen will sie wiederkommen. Rachel macht sich ebenfalls nach Hause auf, damit sie später Tariq ablösen kann, auch wenn der Stein und Bein geschworen hat, die ganze Zeit dabeizubleiben. Smita hat ihrer Mutter versprochen, um eins zu Hause zu sein. Mykal hat ein paar Freunde eingeplant, die im Augenblick schlafen, tief in der Nacht aber mit Leuchtstäben und Koffein herkommen werden.
Auch Mr Nichols Schicht ist zu Ende. Sein Ersatzmann ist schon im Anmarsch, und wir trauen unseren Augen nicht.
, rufen wir einander zu.
Für seine Schüler in Geschichte ist er Mr Bellamy. Aber für uns ist er Tom. Tom! Ist das schön, ihn zu sehen. Einfach toll. Tom ist einer von uns. Tom hat alles mit uns durchgestanden. Tom hat es überstanden. Wie viele von uns hat er im Krankenhaus begleitet, der Erzengel vom St. Vincent’s, die gesündere Ausgabe unserer selbst – hat Ärzten Beine gemacht und Schwestern gerufen, uns die Hand gehalten, uns und unseren Partnern, unseren Eltern, unseren kleinen Schwestern, allen und jedem, der es gebrauchen konnte. Wie viele von uns musste er sterben sehen, wie oft musste er Abschied nehmen. Außerhalb unserer Zimmer ließ er seiner Wut, seiner Empörung und Verzweiflung freien Lauf. Aber wenn er bei uns war, schien er ausschließlich von Milde und Güte angetrieben zu sein. Selbst die Menschen, die uns liebten, schreckten anfangs davor zurück, uns zu berühren – eher infolge des Schocks über unser Dahinschwinden, über das merkwürdige Phänomen, dass wir halb schon fort und halb noch da waren, nicht die von einst und dann wieder doch. Tom gewöhnte sich daran. Erst wegen Dennis, an dessen Seite er bis zum bitteren Ende blieb. Danach – nach Dennis’ Tod – hätte er gehen können. Wir hätten es ihm nicht übelgenommen. Aber er blieb. Als seine Freunde krank wurden, war er da. Und für die unter uns, die er bis dahin nicht kannte, war er auch immer da – ein Lächeln im Raum, eine Berührung an der Schulter, ein kleiner Flirt, den wir so nötig hatten. Er hätte Krankenpfleger werden sollen. Er hätte Bürgermeister werden sollen. Er hat Jahre seines Lebens an uns verloren, obwohl er selbst das nicht so ausdrücken würde. Er würde sagen, dass er hinzugewonnen hat. Und dass er von Glück reden kann, denn als er sich ansteckte, als sein Blut ihm zum Feind wurde, war schon einige Zeit vergangen, und der Cocktail zeigte Wirkung. Darum hat er überlebt. Hat es zu einem anderen geschafft als wir. Ein ist es trotzdem. Jeder Tag ist für ihn ein . Aber er ist hier. Er lebt.
Ein Geschichtslehrer. Ein freier, freimütiger Geschichtslehrer. Ein Geschichtslehrer, wie wir nie einen hätten haben können. Aber so kommt es, wenn man fast all seine Freunde verliert: Man kennt keine Angst mehr. Ob jemand Drohungen ausstößt oder an irgendwas Anstoß nimmt, spielt keine Rolle, weil du schon viel, viel Schlimmeres überlebt hast. Genauer gesagt überlebst du immer noch. Jeden einzelnen gesegneten Tag.
Es ist stimmig, Tom hier zu sehen. Ohne ihn wäre es nicht das Gleiche.
Und es ist stimmig, dass er die härteste Schicht übernommen hat. Die Nachtwache.
Mr Nichol gibt ihm die Stoppuhr. Tom geht zu Harry und Craig und sagt Hallo. Er hat den Stream verfolgt, aber es ist noch eindrucksvoller, die beiden Jungs in Fleisch und Blut zu sehen. Er gestikuliert wie ein Rabbi oder ein Priester beim Erteilen eines Segens.
»Bleibt dran«, sagt er. »Ihr macht das super.«
Mrs Archer, die bei Harry gleich nebenan wohnt, hat Kaffee mitgebracht und bietet Tom eine Tasse an. Er nimmt sie dankbar entgegen.
Er will alles hellwach miterleben.
Ab und an blickt er zum Himmel empor.
Es wird Mitternacht. Tariq kommt mit den Kommentaren nicht hinterher. Obwohl Harry und Craig per Handy ebenfalls darauf reagieren – es sind einfach zu viele, bei denen man sich der Reihe nach bedanken sollte. Tariq hatte gedacht, im Lauf des Abends, wenn die Leute zu Bett gingen, würde es ruhiger zugehen. Er hat nicht damit gerechnet, dass es sich zu so einem globalen Ereignis auswachsen würde. Wenn in New Jersey Schlafenszeit ist, wachen die Menschen in Deutschland auf. In Australien wird es langsam Nachmittag, in Tokio auch. Durch den pinkhaarigen Blogger und all die anderen Beiträge, die in die Welt hinausschallen, verbreitet sich die Kunde weiter und immer weiter. Rachel hat in Windeseile eine Facebook-Seite eingerichtet, die jetzt schon fünfzigtausend Fans hat.
Tariq chattet gerade mit jemandem von der Website, über die der Stream läuft, und vergewissert sich, ob die Bandbreite reicht, da hört er hinter sich einen Motor aufröhren; es klingt wie ein vorbeifahrender Laster.
Dann wird gebrüllt:
»SCHWUUUUUCHTEEEELN! DRECKIGE SCHWUUUCHTEELN!«
Gelächter und Gejohle kommen aus dem Wagen, der den Lärm verursacht. Alle drehen sich zu ihm um, und der Wagen rollt über den Parkplatz, macht kehrt und fährt noch mal an ihnen vorbei.
»IHR SEID DOCH BLOSS MIESE SCHWUUUUUCHTELN!«
Wegen der Spots können sie außerhalb ihres Kreises kaum etwas erkennen außer Autoscheinwerfern und einem verschwommenen Kopf, der sich aus dem Beifahrerfenster reckt. Tariq erstarrt. Die Typen werden nicht aussteigen und herkommen, hierher, wo die Kameras laufen und die Polizistin und jede Menge Zeugen sind, das ist ihm klar. Dennoch spürt er instinktiv Furcht.
Harry und Craig hören es ebenfalls. Craig zuckt zusammen, Harry ist halb belustigt und halb sauer. Er weigert sich, besoffene Idioten ernst zu nehmen. Er sieht, wie die Polizistin sich halbherzig ein paar Schritte von dem abgesperrten Bereich entfernt, um den Wagen besser in den Blick zu bekommen. Aber der Fahrer gibt Vollgas, nachdem der Treffer gelandet ist. Harrys Vater fragt Tariq und Smita, ob sie die Typen kennen, ob sie von der Highschool sind. Sie wissen es beide nicht. Mykal gibt die Frage...




