Levy | Augustblau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Levy Augustblau


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70459-1
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-311-70459-1
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Elsa M. Anderson ist eine berühmte Konzertpianistin. Doch als sie in Wien Rachmaninows »Piano Concerto Nr. 2« spielen soll, vermasselt sie es. Sie verlässt die Bühne, und ihre Identität als Wunderkind wird auf einen Schlag unstet.

Drei Wochen später beobachtet sie auf einem Flohmarkt in Athen eine Frau, die zwei mechanische Tanzpferde kauft. Elsa fühlt sich auf sonderbare Weise mit der Unbekannten verbunden und hält sie für ihre Doppelgängerin. Sie beginnt die Frau zu suchen, mit ihr in Gedanken zu kommunizieren. Doch die Frau, nicht gewillt, sich widerstandslos zum Alter Ego machen zu lassen, läuft Elsa in den Straßen von Paris davon.

Und so versucht Elsa mithilfe und trotz ihres Doubles, ihrer Mütter, ihres Adoptivvater-Klavierlehrers, ihrer Liebsten und Schüler*innen ein neues Ich zu komponieren, ihre eigene Geschichte zu spinnen.

»Vielleicht tust du es, sagte sie. 

Vielleicht tue ich was?

Nach Zeichen suchen. 

Nach was für Zeichen?

Nach Gründen zu leben.

Es war kein Flüstern.«

Deborah Levy, wie auch in ihrer bekannten living autobiography stets auf der Suche nach den » missing female characters «, entwirft in Augustblau widerspenstige und liebenswerte Figuren, die sich selbstbestimmt entziehen, um dann wieder aufzutauchen und ihre Geschichten selbst zu erzählen.

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2


Max und Bella tranken aus kleinen Tassen süßen griechischen Kaffee auf dem Dach des Café Avissinia, mit Blick auf die Akropolis. Beide waren ausgezeichnete Geiger. Für den Fall der Fälle spielten sie mit dem Gedanken, den Winter in Athen zu verbringen und warme Pullover zu kaufen. Bella würde sich auch nach ein paar Jumpsuits umsehen, die praktisch waren beim Cellospielen, ihrem zweiten Instrument. Sie bewunderten meinen Hut und fragten, wo ich ihn gekauft hatte. Ich erzählte ihnen von den Pferden und der Frau mit dem alten Mann.

Hört sich nicht so an, als hättest du dir groß Mühe gemacht, ihr den Hut zurückzugeben. Warum willst du denn die Pferde unbedingt haben?

Max und Bella sahen mich wissend an, aber was wussten sie schon?

Sie wussten, dass ich ein Wunderkind war, und sie wussten, dass meine Pflegeeltern mich im Alter von sechs Jahren Arthur Goldstein überließen, der mich adoptierte, damit ich Internatsschülerin an seiner Musikschule werden konnte. Ich war verpflanzt worden von einem bescheidenen Haus bei Ipswich in Suffolk in ein größeres Haus in Richmond, London. Sie wussten von meinem Stipendium an der Royal Academy of Music, sie wussten von den internationalen Preisen und der Carnegie Hall, von den Probeaufnahmen und Klavierkonzerten unter dem Taktstock der größten Dirigenten, und erst kürzlich und verheerend, im Wiener Musikverein. Sie wussten von meinen gefeierten Interpretationen von Bach, Mozart, Chopin, Liszt, Ravel, Schumann, und sie wussten, dass ich die Nerven verloren hatte und Fehler machte. Sie wussten, dass ich jetzt 34 war. Keine Geliebten. Keine Kinder. Auf meinem Klavier stand keine heimelige Tasse Kaffee, Kaffeelöffel auf dem Unterteller, kein Hund im Hintergrund, vor dem Fenster in Sichtweite kein Fluss und in der Küche kein Partner, der Pancakes buk. Und sie wussten, dass ich drei Wochen zuvor ein Konzert vermasselt hatte und während Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert in Wien von der Bühne gegangen war. Ich hatte genau dieses Konzert schon viele Male zuvor gespielt. Sie wussten, dass ich auf dem Weg zur griechischen Insel Poros war, um einen Dreizehnjährigen zu unterrichten. Nur drei Klavierstunden waren angesetzt. Wir hatten vereinbart, dass ich Stundenlohn in bar bekommen würde. Vielleicht dachten sie, ich könnte eine Aufmunterung vertragen. Max und Bella verkündeten, sie hätten eine Überraschung für mich. Sie hatten mir eine Bootsfahrt bei ihrem Freund Vass gebucht, einem Fischer, der vor meiner ersten Unterrichtsstunde mit mir nach Seeigeln tauchen würde.

Bella sah glücklich aus. Dass sie in Max verliebt war, gab ihr offenbar das Gefühl, sie könne alles sagen, was sie wollte, weil sie in Liebe gepackt war. Hör mal, Elsa, wir wissen, es geht genauso um Arthur wie um alles andere. Ich meine, was ist Arthur für ein Arsch. Wir haben kapiert, dass du seine Inspiration warst, seine kindliche Muse, offen gesagt sogar seine Rettung. Niemand kann dem gerecht werden. Elsa, er ist ein kleiner Mann. Mit Komplexen.

Sie zog das Wort K-o-m-p-l-e-x-e-n in die Länge.

Wer hat nicht selbst ein paar?

Aber im Ernst, der Mann trägt eine drei Meter lange Krawatte, damit man ihn bemerkt.

Ja, sagte ich, das ist einer der Gründe, warum ich ihn liebe.

Arthur hatte mir nach dem verheerenden Konzert geschrieben.

Weit weg.

Unter dem Taktstock von M wusste ich nicht mehr, wo wir waren. Das Orchester spielte in die eine Richtung, das Klavier in die andere. Meine Finger weigerten sich, sich Rachmaninoff zu beugen, und ich spielte etwas anderes. Arthur hatte mir mit sechs Jahren beigebracht, »meinen Geist von den gewöhnlichen Dingen zu lösen«, aber offenbar hatten sich an diesem Abend gewöhnliche Dinge in meinen Geist eingeschlichen.

Max fragte mich, ob es stimme, dass Arthur nun auf Sardinien lebte. Ich bestätigte es ihm. Er besaß ein kleines Haus in einer Stadt, die für ihre Melonen bekannt war, 64 Kilometer von Cagliari entfernt, in der Provinz Oristano. Jahrelang hatte er dort seine Urlaube verbracht, jetzt hatte er es zu seinem Zuhause gemacht.

Sie wollten wissen, warum.

Er denkt, Liebe sei im Süden besser möglich.

Ist Arthur mit jemandem zusammen?

Ich weiß es nicht.

Sie hatten es als Scherz gemeint, denn er war mittlerweile 80. Ich hatte noch nie etwas über sein Liebesleben gewusst. Ich hatte Arthur noch nie mit jemandem gesehen, ging aber davon aus, dass er so seine Arrangements hatte. Er war 52, als er mich adoptierte, vielleicht waren also die glühendsten Teile seiner Libido bereits ein wenig abgekühlt.

Außerdem, sagte Bella, als hätte sie eine Liste mit zu lösenden Geheimnissen, auf der auch mein Name stand, wissen wir nicht, warum du irgendwelche untalentierten Kinder unterrichtest. Du weißt doch, Elsa, jedes Konservatorium der Welt würde dich als angesehene Professorin anstellen. Sei mal realistisch.

Ich versuchte auf eine Art, die Bella gefallen müsste, realistisch zu sein, also sagte ich: Ja, ich unterrichte, um die Miete zu bezahlen und mir einen Döner zu kaufen, bis die Pandemie vorbei ist. Das stimmte nicht; mit meinen Ersparnissen hätte ich über die Runden kommen können, aber ich wollte den Schwanz einziehen, alles, was gerade in mir vorging, anhalten. Arthur war mein Lehrer, aber auch eine Art Vater. Der einzige Vater, den ich je hatte, und ich liebte ihn über alle Maßen. Als ich jung war, saß er immer an meiner Seite, wenn ich spielte. Deine Finger schlafen, rief er dann, was hat es für einen Sinn, eine Schläferin zu unterrichten? Gleichzeitig waren meine Finger ganz lebendig. Zitterten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, um ihm zu gefallen.

Ich hatte kein Verlangen, meinen eigenen Schülern Angst zu machen.

Bella beugte sich über den Tisch und küsste mich auf die Wange. Wir kannten einander schon sehr lange. Ihr Ex-Mann, Rajesh, war einen Monat lang Schüler bei Arthurs Sommerunterricht gewesen. Wir hatten uns kennengelernt, als wir zwölf waren, und waren seither gute Freunde. Ich hatte Bella Rajesh sogar vorgestellt, als beide 20 waren. Drei Jahre später hatten sie geheiratet, was damals niemand verstand. Jetzt hatten sie sich vor Kurzem getrennt, und sie hat sich in Athen Max geangelt. Ich spürte diese lange Geschichte und ihre Sorgen in ihrem Kuss. Meine Wange mit ihren Lippen zu berühren, war ziemlich gefährlich. Ich hatte den Überblick verloren, wo wir gerade standen in den verschiedenen Wellen des Virus. Die großen Lockdowns waren vorüber, aber alle hatten immer noch Angst.

Elsa, sagte Bella, bitte vergiss den Rach und lächle mal wieder.

Sergei Rachmaninoff lächelte nie. Seine mächtige linke Hand, sein ernstes Gesicht, die Traurigkeit, die sich hob, als er das 2. Klavier konzert spielte. Vielleicht hätte er gelächelt, weil wir ihn immer Rach nannten, als wäre er ein Freund, der vorbeikommt, um sich ein Ladegerät auszuleihen. Schon seit ich 15 war, begleiteten mich seine großen musikalischen Gedanken. Eine Zeit lang hatten Arthur und ich an nichts anderem als an Rach und Tschaikowsky gearbeitet, denn, wie Arthur mir gezeigt hatte, war Rachmaninoff in Tschaikowsky verliebt, aber er selbst war strukturell viel innovativer. Auch wenn wir in unterschiedlichen Jahrhunderten lebten, so waren Rach und ich beide bereits in früher Jugend bekannte Solisten und gaben Konzerte an verschiedenen Konservatorien.

Ich winkte den Kellner zu mir, mit den Fingern, wie es eine Diva vielleicht getan hätte. Lasst uns weiterziehen, schlug ich vor, ich will euch auf ein Glas Ouzo einladen. Ich muss zum Hafen von Piräus. Der Kellner brachte die Gläser, und wir hoben sie, ohne zu wissen, was wir als Nächstes sagen sollten. Jemand hatte die Worte in schwarzer Farbe unter den geschwungenen Zweig eines Jasminstrauchs gemalt, der offenbar in einer zweiten Herbstblüte stand.

Ich setzte den Hut auf und hörte mich selbst im Einklang mit der Frau, die die Pferde gekauft hatte. Ich werde dich finden, sagte ich in meinem Kopf zu ihr. Im Austausch gegen deinen Hut gibst du mir die Pferde.

Bella wandte den Kopf ab, um zu verbergen, welche Blicke sie gerade mit Max ausgetauscht hatte.

Ich verstehe es einfach nicht, sagte sie. Das Konzert, bei dem du gegangen bist. Ich meine, Rach hatte riesige Hände. Von der Spitze seines kleinen Fingers bis zur Daumenspitze konnte er zwölf Klaviertasten greifen.

Hat mich bisher nie gekümmert, gab ich zurück, dachte dabei aber an die rosa Acrylnägel des Models auf dem Cover des Shopping-Magazins auf meinem Flug nach Athen. Ihre blasse Hand hatte für mich wie die einer Leiche ausgesehen, jeder Fleck und jedes Fältchen waren wegretuschiert worden. Zwischen ihren schlaffen Fingern hielt sie den Stiel eines Cocktailglases, das halb mit einer pinken Flüssigkeit, passend zu ihren Nägeln, gefüllt war. Irgendwas Alkoholisches. Offenbar erschuf dieser Drink Emotionen. Das stand da jedenfalls, Gefühle werden aus diesem Drink gemacht. Gleichzeitig spielte ich in meinem Kopf eine melancholische Mazurka von Frédéric Chopin, Op. 17, Nr. 4. Bella tippte mir auf die Schulter. Falls du Rajesh triffst, wenn du wieder in London bist, dann sag ihm, dass er mir sechs Monate unserer Hypothek schuldet.

Jetzt war Max dran: Hey, Elsa, ich weiß nicht, was passiert ist, aber alle wollen, dass du wieder spielst. Als hättest du dich selbst abgeschrieben. Ich rückte den Hut zurecht, schob ihn leicht nach vorn....


Levy, Deborah
DEBORAH LEVY glaubt nicht an Genregrenzen. Sie helfen ihr zwar, sich in Buchhandlungen zurechtzufinden, aber sie ist davon überzeugt, dass wirklich gute Bücher keine Schubladen brauchen. Und so ist auch ihr Schreiben ungeheuer vielschichtig, verbinden sich darin doch essayistische und lyrische Momente, autobiographisches und fiktionales Erzählen miteinander. Deborah Levy emigrierte im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie aus Südafrika nach Großbritannien. Ihre Romane Heim schwimmen (2011), Heiße Milch (2016) und Der Mann, der alles sah (2019) waren für den Booker Prize nominiert. Für ihr dreiteiliges autobiographisches Projekt wurde sie mit dem Prix Femina Étranger ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in London und Paris.

Shahbazi, Shirana
SHIRANA SHAHBAZI, geboren 1974 in Teheran, ist eine international renommierte Künstlerin und Fotografin. Das Cover von Schlaflose Nächte zeigt ihre Fotoarbeit. Ihr Werk verdeutlicht, dass Wahrnehmung ein aufwendiger Konstruktionsprozess ist, der die Wirklichkeit nie abbildet, sondern immer inszeniert. Shahbazi komponiert mit fotografischen Mitteln komplexe Bildräume, die sich durch leuchtende Farben und verschiedene Formen der Überlagerung auszeichnen. Shahbazi ist in den Sammlungen wichtiger Institutionen weltweit vertreten und wurde im Jahr 2019 mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet. Sie lebt in Zürich.

Hertle, Marion
MARION HERTLE, geboren 1977, studierte in Erlangen und Nordirland Deutsche und Englische Literaturwissenschaft. Sie hat u. a. Patricia Highsmith übersetzt, freut sich aber auch immer, in die Welten zeitgenössischer angelsächsischer Autor*innen wie Tice Cin oder Deborah Levy einzutauchen. Sie lebt mit ihrer Familie in München.



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